Eine andere Welt

Christian Karn. Mainz.
Die Profis des FSV Mainz 05 befinden sich im kurzen Winterurlaub. Ehe in wenigen Tagen die Vorbereitung wieder beginnt, blickt die nullfünfMixedZone auf die Hinrunde zurück, wie sie für die 05er verlaufen ist - aber auch, wie sie für die 05er hätte verlaufen können. Es geht los mit einem Gedankenexperiment, mit einer Fiktion. Wir stellen uns vor, in jedem Spiel sei irgendein Schlüsselmoment - ein Torschuss, eine Schiedsrichterentscheidung, ein Zweikampf - anders ausgegangen. Und wir stellen fest: Alles verändert sich. Aber das Endergebnis kommt uns bekannt vor bei unserem Blick in eine andere Welt.

Die Tage zwischen den Jahren sind Tage für die Retrospektive: Die Welt hat nichts zu tun und blickt zurück auf das, was sie bis Weihnachten erlebt und vollbracht hat. Überall sprießen die Nacherzählungen: Wer ist gestorben? Wer wurde gewählt? Wer gewann die Goldmedaillen? Was wurde eröffnet, veröffentlicht, prämiert? Und was war in der Bundesliga los?

Die nullfünfMixedZone verweigert sich heute dem Trend. Wir erzählen nicht die 24 Hinrundenspiele des FSV Mainz 05 nach. Statt dessen haben wir mit unserem Fernglas in ein Paralleluniversum geblickt, das im Groben identisch ist mit unserer Welt, sich im Detail aber doch immer wieder unterscheidet. Heute verraten wir, wie es den 05ern dort erging, wie es ihnen auch hier hätte ergehen können, wenn sich in jedem einzelnen Spiel irgendeine kleine Schlüsselszene anders ereignet und dem Spiel eine ganz neue Richtung gegeben hätte - oder am Ende doch die gleiche.

Was unsere Kollegen aus dem anderen Universum über unsere hiesige Hinrunde schreiben, können wir leider nicht mit unserem Publikum teilen, die Technik ist nicht kompatibel. Die 24 Spielberichte aus unserer Welt haben wir im Folgenden verlinkt.

Im Paralleluniversum begann die Saison ähnlich anspruchsvoll für den FSV Mainz 05 wie in unserer Welt: Nach dem wie erwartet mühevollen, wie erhofft erfolgreichen Pokalspiel beim Regionalliga-Spitzenteam SpVgg Unterhaching (3:2, Torschützen: Jhon Córdoba, Fabian Frei, Yunus Malli in der 88. Minute, Gegentore in der 33. und 89. Minute) ging es zu Borussia Dortmund, wo die 05er früh einem klaren Rückstand nachlaufen mussten: Nach einem zu hohen Bein von Stefan Bell im Zweikampf mit Marc Bartra verwandelte Pierre-Emerick Aubameyang schon in der 9. Minute einen Foulelfmeter, in der 17. erhöhte der Torjäger nach einem Fehler von Jean-Philippe Gbamin auf 2:0. Der gerade erst eingewechselte Yoshinori Muto verkürzte in der 92. Minute noch auf 1:2.

Schon wieder ein Hattrick gegen Hoffenheim! Diesmal traf Pablo de Blasis dreimal. Foto: Veyhelmann.Die zuhause gebliebenen 05-Fans hatten da schon längst die Geduld verloren. Sie wollten nach der elend langen Sommerpause, die die Olympischen Spiele bis Ende August gedehnt hatte, endlich Fußball sehen! Den beiden Auswärtsspielen im Pokal und in der Liga folgte aber erst noch eine Länderspielpause, ehe die TSG Hoffenheim am 11. September zum ersten 05-Heimspiel antrat und zum ersten torreichen Höhepunkt einer an Spektakel nicht armen Hinrunde: Pablo de Blasis (3., 23.), Córdoba (26.) und der Neuzugang Levin Öztunali (43.) trafen in einer unfassbaren ersten Hälfte zur 4:1-Führung. Nach der Pause erhöhte Gaetan Bussmann auf 5:1 (60.), de Blasis konterte Mark Uths Doppelschlag zum 5:3 (71., 72.) in der 84. Minute mit dem 6:3 und wurde so nach Ádám Szalai (2012/13) und Malli (2015/16) bereits der dritte 05-Hattrickschütze gegen die TSG. Der Tribünengast Christophe Galtier, der Trainer des Mainzer Europapokal-Gegners AS Saint-Étienne, der sich zunächst am Bruchweg gewundert hatte, wo das Publikum bleibt, dann erst herausbekommen hatte, dass er am falschen Stadion wartete, war schwer beeindruckt von der Offensivstärke der 05er, ließ die ASSE vier Tage darauf extrem defensiv auflaufen. Daher begann die Europa-League-Gruppenphase mit einem 0:0.

Mit der Doppelbelastung - den DFB-Pokal hatten die 05er ja erst einmal aus den Füßen -, mit den vielen englischen Wochen kam die Mannschaft in dieser ersten Stressphase der Saison gut zurecht. Fünf Spiele ohne Niederlage folgten bis zur nächsten Atempause: 3:1 in Augsburg durch Tore von Córdoba (7.), Malli (75.) und Muto (81.). 1:1 bei Werder Bremen, das die 05er mit einem neuen Trainer und einer beeindruckenden Startoffensive überrumpelte, schnell 1:0 führte, ehe Malli das lange Anrennen der 05er mit dem Ausgleichstor abschloss (87.). 2:2 gegen Leverkusen nach zweimaliger Führung durch Malli (30.) und Stefan Bell (35.), der jedoch bei beiden Gegentoren (32., 66.) nicht gut aussah. In beiden Spielen wäre ein 05-Sieg drin gewesen.

Sieben Spiele, 15 Punkte - das 1:0 in Wolfsburg rundete dank einer starken Defensivleistung die erste Stressphase wunderbar ab. Foto: imagoDen gab es in Baku beim Qäbälä FK - so klar, wie das 4:2 andeutet, war die Sache jedoch nicht. Die 05er mussten gegen die unbequemen Aserbaidschaner lange aufs 1:0 warten; Muto traf schließlich in der 41. Minute. Aber mit einem Doppelschlag - wieder waren es Stellungsfehler in der Abwehr, die Jonas Lössl zum unvermeidlichen Elfmeterfoul zwangen und im Konter keine Chance ließen - drehte Qäbälä das Spiel (57., 62.). Letztlich verhinderte ein Dreierwechsel (67.) den Punktverlust: Die Joker Córdoba und Öztunali trafen zum 2:2 und 3:2 (68., 78.), in der Nachspielzeit legte der Pflichtspiel-Debütant Gerrit Holtmann de Blasis sogar das entscheidende 4:2 auf. Auch in Wolfsburg gab es einen sportlichen Erfolg, einen 1:0-Auswärtssieg, Muto traf in der 45. Minute. Im Vordergrund stand aber Yunus Mallis frühe Verletzung: Der türkische Nationalspieler verpasste die restliche Hinrunde, wurde zwar von Muto sehr ordentlich vertreten, aber es gab die Partien, in denen Mallis Steckpässe von der halbrechten Seite, vor allen aber seine Qualität bei Standards, einfach fehlten. Immerhin: Mit elf Punkten aus sechs Spielen gingen die 05er in der anderen Welt als Sechster in die Länderspielpause, auch in der Europa League sah es nach einem Drittel der Gruppenphase gut aus.

Die zweite Stressphase der Saison - erneut sieben Spiele in 22 Tagen - lief sicher nicht nur wegen Mallis Fehlen deutlich schlechter als die erste. Schon im ersten Spiel verpassten die 05er gegen Darmstadt 98 den erwarteten und sicher auch verdienten Heimsieg; das 2:2 erreichten die "Lilien" aber nicht aus eigener Kraft: De Blasis (5.) und Daniel Brosinski (56., Foulelfmeter) brachten die 05er zweimal in Führung, der Ausgleich fiel jeweils in der Nachspielzeit der ersten und zweiten Hälfte durch zwei geschenkte Elfmeter. Ein 1:1 gegen den RSC Anderlecht, dessen Hooligans vor der Partie ein Restaurant in der Innenstadt verwüsteten, schloss die Vorrunde der Europa League ab; auch im zweiten Wettbewerb also: kein Heimsieg. Und auf Schalke gingen die 05er böse unter: Die 05er verteidigten erneut nicht gut, zwei Tore des überragenden, immer wieder aus dem Rückraum an den Strafraum stoßenden Nabil Bentaleb und eines von Max Meyer brachten die Schalker bis zur 62. Minute 3:0 in Führung. Aber die Mainzer kamen zurück in die Partie. Bei Pablo de Blasis' Treffer (73.) reklamierten die Gastgeber erfolglos ein Stürmerfoul von Bell. Karim Onisiwos Anschlusstor (90.) kam zu spät, um eine Niederlage noch zu verhindern, mit der die 05er besser leben konnten als mit der folgenden: Das Pokalspiel in Fürth war sicherlich der Tiefpunkt der Hinrunde. Nach Córdobas spätem 1:0 (68.) glaubten die 05er, das Spiel in der Tasche zu haben, nach dem unnötigen Ausgleich (78.) aber mussten sie sogar froh sein, durch eine wagemutige Grätsche von Giulio Donati in der 89. Minute wenigstens die Verlängerung zu bekommen. In der gewann der Zweitligist 3:1.

Exemplarisch für ein wiederkehrendes Problem in der Hinrunde: Jonas Lössl hielt bei Grasballsport Leipzig, was zu halten war, aber hätte etwas mehr Unterstützung seiner Feldspieler brauchen können. Foto: imagoDie hohe Belastung war den 05ern jetzt doch anzusehen. Gegen den Tabellenletzten aus Ingolstadt schafften sie trotzdem noch einmal den Kraftakt: Brosinskis Foulelfmeter (35.) glich Lukas Hinterseers überraschendes Führungstor aus der 20. Minute aus, Öztunali düpierte die Abwehr des FCI fast aus Versehen durch einen ins Tor hoppelnden Querschläger zum 2:1 (85.). Es war der letzte Erfolg dieser Phase: Beim angeschlagenen RSC Anderlecht gab es trotz der 3:1-Halbzeitführung durch Kara Mbodjis Eigentor (8.), Nicolae Stancius spektakulären Weitschuss (9.) und die weiteren Treffer von de Blasis (15.) und Córdoba (40.) eine schmerzhafte Niederlage; das 3:3 und 3:4 fielen erst in der Nachspielzeit. Immerhin rettete Lössl die positive Tordifferenz; der Däne hielt in der 94. Minute einen Elfmeter. Doch in der ersten Hälfte bei Grasballsport Leipzig gab es ebenfalls drei Gegentore; Bells später Kopfballtreffer gegen die nur in der ersten Phase angriffslustigen "Grünen Bullen" zeigte wenigstens, dass die 05er nicht einfach kapitulieren wollten. Die Bilanz in der dritten Länderspielpause: Im Europapokal waren die anderen 05er mangels Heimsieg in Zugzwang, in der Liga als Neunter zwar etwas zurückgefallen, aber weit weg vom Abstiegskampf.

Dank der guten Startphase. Denn nach der dritten Länderspielpause mussten die Mainzer lange auf den nächsten Sieg warten. Offensiv waren sie weiterhin gefährlich, in der Defensive stimmte aber einiges nicht. Gegen Freiburg bekamen die Verteidiger Maximilian Philipp nicht in den Griff; der Toptorschütze des SCF brachte die Gäste nach dem Mainzer 1:0 durch Niko Bungert (15.) und nach de Blasis' im zweiten Versuch verschossenen Elfmeter (20.) mit einem Doppelschlag in Führung. Bell glich aus (82.), Philipp schoss auch das 3:2 (85.), erst in der 95. Minute rettete Onisiwo den Punkt. Wieder Bungert schaffte immerhin beim 1:1 in AS Saint-Étienne ein weiteres spätes Ausgleichstor, durch das die Mainzer in der 88. Minute den direkten Vergleich gegen die Franzosen gewannen. Und in Überzahl holten die 05er auch in Berlin einen Punkt. Das Führungstor des überraschend für die Startelf nominierten Aaron Seydel (25.) hatte Vedad Ibisevic kurz vor seinem Platzverweis ausgeglichen, einen Mainzer Siegtreffer ließen die restlichen zehn Berliner nicht mehr zu.

Ein perfekter Start in ein Spiel mit enttäuschendem Ende: Jhon Córdoba trifft in der vierten Minute gegen die Bayern, die mal wieder in der 91. Minute ein Siegtor schießen. Foto: VeyhelmannBeinahe hätten die 05er anschließend auch gegen die Bayern gepunktet. Schon nach vier Minuten rannte Córdoba nach einem herrlichen Muto-Pass der Innenverteidigung davon und schoss das 1:0, nach weiteren vier Minuten glich Robert Lewandowski aus. In Überzahl - Javi Martínez hatte Gelb-Rot gesehen - gelang Muto das 2:2 - aber Lewandowski trifft in Mainz ja immer doppelt. Und schnickte in der 91. Minute einen feinen Freistoß zum Auswärtssieg ins Tor.

Den Frust schossen sich die 05er im Heimspiel gegen Qäbälä von der Seele. Fabian Frei (5.), Alex Hack (29.) und Pablo de Blasis (40.) machten schon vor der Halbzeit den 3:0-Sieg klar - und Anderlecht führte gegen Saint-Étienne 2:0. Bei einem Sieg der Belgier wären die 05er in der K.o.-Phase; das Endergebnis kennen wir jedoch nicht, weil im entscheidenden Moment eine Rauchwolke den Blick durch unser Fernglas trübte.

In der Liga aber lief es immer noch nicht rund. In Gladbach verschoss José Rodríguez einen Handelfmeter (30.), kassierten die 05er mit dem einzigen Torschuss der völlig verunsicherten Borussia das 0:1 (76.), rettete de Blasis mit einem Abstauber nach Seydels Schuss immerhin einen Punkt (89.). Gegen den HSV gab es die nächste Heimniederlage: Bobby Wood (21., 26.) brachte die Hamburger 2:0 in Führung. Die 05er gaben auch in Unterzahl - für das Elfmeterfoul zum zweiten Tor hatte Hack Rot gesehen - nicht auf, vor allem der lange vermisste Latza schoss beim Startelf-Comeback aus allen Lagen, sein Traumtor zum 1:2 (67.) reichte aber nicht, um das Spiel noch einmal umzukippen.

Auswärts dagegen setzten die 05er ihre ordentliche Serie mit einem spektakulären Schlusspunkt fort: Im letzten Spiel vor Weihnachten schlugen sie Eintracht Frankfurt durch einen nie erwarteten Hattrick 3:2. Jean-Philippe Gbamin war's, der nach seiner Gelb-Rot-Sperre aus dem Gladbach-Spiel mit einem Kopfball (24.), einem Flatterball (46.) und per Abstauber nach de Blasis' Elfmeterschuss an die Latte (56.) den Rückstand durch Branimir Hrgotas Kontertor (18.) drehte. Die Eintracht schaffte erst in der 85. Minute das Anschlusstor, die 05er brachten den Sieg in die Winterpause.

Neunter sind sie im Paralleluniversum mit 21 Punkten, sie haben bemerkenswerte 32 Tore geschossen, aber auch 30 kassiert, haben trotz Mallis Fehlen den viertbesten Angriff der Liga, aber auch die zweitschwächste Defensive. Ob sie im Europapokal überwintern, wissen wir nicht. Im DFB-Pokal überwintern sie nicht. Und als Fazit können wir festhalten: Im Detail mag alles anders sein als in dieser Welt, in der Summe kommt es doch wieder aufs Gleiche heraus und da, wo er steht, steht der FSV Mainz 05 offenbar zu Recht.

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