Ein Lehrstück über Fußballkulturen

Christian Karn. Mainz.
Gonzalo Jaras Ruf ist ziemlich ruiniert, seit der chilenische Verteidiger des FSV Mainz 05 bei der Copa América mit Edinson Cavani (Uruguay) aneinandergeriet, diesen unsittlich berührte, dessen Platzverweis provozierte, selbst fürs restliche Turnier gesperrt wurde. Zurück in Mainz will Jara seine Karriere wieder aufs Gleis zurückbringen. Der Chilene glaubt an seine Chance. Die mag bei den 05ern nicht überragend groß sein; von einem Rauswurf, der nach dem Cavani-Zwischenfall weltweit gemeldet wurde, ist jedoch tatsächlich keine Rede. Umso mehr von fußballkulturellen Unterschieden zwischen Südamerika und Europa.

Angekündigt war ein Pressegespräch mit Gonzalo Jara, um die Situation des Verteidigers des FSV Mainz 05 mal zu klären, auch hinsichtlich des Zwischenfalls mit Edinson Cavani bei der Copa América, die dem Chilenen eine Sperre für das restliche Turnier einbrachte. Es wurde darüber hinaus ein Lehrstück über moderne Mediengewohnheiten, über fußballkulturelle Unterschiede, über verschiedene Ansichten, was Selbstverständlichkeiten betrifft, über Missverständnisse.

Um diese zumindest auf sprachlicher Ebene gar nicht zustande kommen zu lassen, hatte Jara seinen eigenen Übersetzer dabei, einen Freund und Landsmann; selbst spricht der Verteidiger noch nicht deutsch, jedenfalls nicht auf dem Niveau, das er für heikle Themen braucht. Dass Jara schon eine Menge versteht, wurde zwischen den Zeilen oft deutlich.

Der erste Akt des Cavani-Zwischenfalls. Der Uruguayer sah im weiteren Verlauf Gelb-Rot und Gonzalo Jara ruinierte seinen Ruf - zumindest in Europa. In Südamerika sei so etwas nicht ungewöhnlich. Foto: imagoDie Vorgeschichte: Als Neuzugang spielte Gonzalo Jara in der vergangenen Saison keine Hauptrolle beim FSV Mainz 05. Bis zum 21. Spieltag stand er zumindest immer im Kader, später nur noch unregelmäßig. In exakt 17 Spielen wurde er eingesetzt, achtmal als Einwechselspieler. In der Selección war Jara als einer der Rekordnationalspieler Chiles - nur der inzwischen 79-jährige Leonel Sánchez sowie die aktuellen Nationalspieler Claudio Bravo und Alexis Sánchez spielten häufiger im Trikot der "Roja" - eine wichtige Figur in der Copa América, bis er im Viertelfinale gegen Uruguay mit dem gegnerischen Stürmer Cavani aneinandergeriet, in einem Wortgefecht die Hand erst in dessen Gesicht hatte, diesen, nachdem der Schiedsrichter die Streithähne getrennt hatte, noch einmal unsittlich berührte. Cavani revanchierte sich mit einer Backpfeife, sah dafür Gelb-Rot. Jara kam zunächst ungestraft davon, wurde aber wenig später für zwei Länderspiele gesperrt. 

Die wütenden Nullfünfer musterten den Verteidiger daraufhin aus - so wurde es jedenfalls schnell überregional und international berichtet. Das war zwar Unsinn, wie der Verein sofort klarstellte; zwar habe den 05ern die Aktion überhaupt nicht gefallen, Jara sei aber ganz unabhängig davon ein Vereinswechsel lediglich deswegen nahegelegt worden, weil er in der Hierarchie der 05-Verteidiger relativ weit hinten stehe und daher keine großen Einsatzchancen mehr habe. Diese Variante fand außerhalb der lokalen Medien kaum Verbreitung. De facto steht Jara weiterhin im Kader, trainiert normal mit, wurde in den Testspielen allerdings unregelmäßiger eingesetzt als die meisten Kollegen.

"Ich bin ein Teil der Mannschaft"

Seine eigene Sicht der Dinge stellte Jara am Donnerstag klar: "Ich bin ein Teil der Mannschaft, daran hat sich auch durch die Verpflichtung von Henrique Sereno nichts geändert. Schließlich gibt es für mich zwei Positionen - Innenverteidigung und Rechtsverteidiger." Und: "Ich will eine Chance und glaube daran, sie zu bekommen. Ich weiß aber auch, dass es schwer wird, in die Mannschaft zu kommen." Daran will Jara in den kommenden Wochen arbeiten - auf mehreren Ebenen. Die deutsche Sprache zu lernen sei ein Aspekt dabei. "In England", sagte der Chilene, "habe ich im ersten Jahr auch nicht oft gespielt und mich dann doch durchgesetzt." Eine eindeutige Ansage.

"Wenn man mich in Mainz nicht mehr will, komme ich mit dem Berater und löse den Vertrag auf" - dieses Zitat wurde aus Chile nach Europa übermittelt. Die Authentizität der Aussage wurde am Donnerstag von allen Seiten bestritten. Ob es seinerzeit ein Übersetzungsfehler war, ist unklar; als Gerücht kam der Satz aus Südamerika in die deutschen Agenturen und in die Medien. "Ich bin aber Profi", sagte Jara, "ich muss mit so etwas leben." Der Eindruck in solchen Momenten: Jara ist ein sperriger Charakter, weit weg vom modernen Profi, dem genormten Leistungszentrumsschüler.

Noch deutlicher wurde das, wenn der Verteidiger vom Cavani-Zwischenfall sprach. Ja, der Griff ans Hinterteil des Gegenspielers - in Chile entstand der Begriff "el dedo de Dios", "der Finger Gottes" - sei ein Fehler gewesen. Was exakt aber "Fehler" in diesem Zusammenhang bedeutet, das ließ Jara lange offen. "Was passiert ist, ist schwer zu beschreiben", erzählte der Verteidiger. "In Südamerika reden die Spieler viel miteinander, beleidigen sich, das ist absolut normal." Was Cavani zu ihm gesagt habe, verriet Jara nicht. "Weil ich das nicht korrekt fände." Höflich wird es nicht gewesen sein, aber Luis Suárez, dessen Faust Jara bei einem Qualifikationsspiel im März 2013 mal im Gesicht hatte, habe sich mit ihm einmal darauf verständigt: Was auf dem Platz passiert, bleibt auf dem Platz. Mit dem Topstar Uruguays habe es einige Zeit nach dem Zwischenfall eine Aussprache gegeben, mit Cavani noch nicht. Im November begegnen sich jedoch Chile und Uruguay wieder; sofern beide Spieler nominiert werden, wird es Kontakt geben.

"Die Reaktion war ein Fehler" - an dieser Stelle verwendete Jara dieses Wort zum ersten Mal. "Man hat durch die vielen Kameras gesehen, was ich gemacht habe. Was er gesagt hat, werden Sie nie erfahren." An Ort und Stelle habe er gar nicht realisiert, was er angerichtet habe. "Das kam erst durch die Sperre. Es hätte auch schiefgehen können. Es hätte auch direkt im Spiel Rot geben können." Jara hörte aufmerksam zu, was sein Landsmann übersetzte, mischte sich immer wieder in die Antworten ein, um zu präzisieren, zu erläutern. Hin und wieder redeten beide gleichzeitig, der Eine auf Spanisch, der Andere auf Deutsch. Ihm war wichtig, dass genau das in den Blöcken der Journalisten ankam, was er ausdrücken wollte.

Manchmal täuschen die Bilder sogar: Lars Stindl war's, der in der Schlussphase des 05-Spiels in Hannover Gonzalo Jara an den Kragen wollte, aber den kümmerte das nicht weiter. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer konnte ohne Karten für Ruhe sorgen. Foto: imagoDass nach dem Spiel in der Kabine der Zwischenfall gar kein Thema gewesen sei. "Wir haben den Sieg gefeiert", berichtete Jara. "Erst als die Sperre kam, waren wir nicht mehr so glücklich. Für mich war es schon schmerzhaft, im Halbfinale gegen Peru nicht spielen zu dürfen." Jara war bis dahin ein wichtiger Teil einer starken Mannschaft. "Die Copa zu gewinnen, aber nicht gespielt zu haben, das tut weh", sagte der Verteidiger. "Ich hatte die Hoffnung auf eine kurze Sperre." Aber nachdem Neymar für seine Rabaukereien nach dem Gruppenspiel Brasiliens gegen Kolumbien sogar für vier Spiele gesperrt worden war, sei klar gewesen, dass auch für Jara das Turnier zu Ende sei. "Aber nicht nur deshalb waren wir unglücklich", sagte der Abwehrspieler am Donnerstag. Sondern auch weil auch einige Spieler Uruguays in jenem Spiel ordentlich getreten haben. "Aber dort wurde keiner gesperrt" - bis auf Cavani und Jorge Fucile, jeweils wegen Gelb-Roter Karten.

Zumindest klingt das so, als würden sich auch diese beiden Kontrahenten wieder vertragen können. Scharmützel, die deutsche Sportgerichte Nachtschichten schieben lassen würden, scheinen im lateinamerikanischen Fußball in der Tat normal und meist nicht weiter der Rede wert zu sein; den Eindruck hinterließen etliche Teams bei der Copa América, einem Turnier, das wie bereits einige Partien zwischen südamerikanischen Teams bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr aus neunzigminütigen, hin und wieder durch schöne Tore aufgelockerten Raufereien zu bestehen schien. Im Vereinstrikot scheint sich Jara an die hiesigen Sitten eher angepasst zu haben; in besagten 17 Bundesligaspielen gab es vier Gelbe Karten und wenig Anlass zu weiterführenden Sanktionen. Welche Zukunft der Chilene in Mainz hat, ob er die Chance, an die er glaubt, tatsächlich bekommt, ob er in der Lage ist, sie zu nutzen, das wird sich zeigen.

► Alle Artikel zur Kaderplanung

► Zur Startseite