„Ein Drecksgefühl pro Woche reicht“

Jörg Schneider. Rotherham.
Der FSV Mainz 05 hat den letzten Härtetest seiner Saisonvorbereitung verloren. Die Mannschaft von Martin Schmidt vermasselte ihre Generalprobe vor dem DFB-Pokal mit einer unnötigen 1:2-Niederlage beim englischen Zweitligisten Rotherham United. Die Mainzer brachten sich nach guter Leistung und harter Arbeit mit zwei Konzentrationsfehlern um den Lohn. Dennoch war der Trainer mit diesem lehrreichen Abschlusstest zufrieden. „Das Team hat sich selbst betraft. Ich glaube, da muss ich in der kommenden Woche vor dem Pokalspiel nicht mehr viel erzählen.“

Als die Chartermaschine am Samstagabend kurz vor 22 Uhr nach 80-minütigem Flug auf dem Hahn landete und der Mannschaftsbus direkt neben der Parkposition des Fliegers auf die Spieler wartete, war ein großer Teil des Ärgers dann doch auf der Strecke geblieben, die Stimmung beim FSV Mainz 05 schon wieder etwas gelöster. Es war nicht so sehr das Ergebnis als solches, als vielmehr die Art und Weise, wie sich der Bundesligist am Ende selbst um einen völlig zufriedenstellenden Abschluss des England-Abenteuers gebracht hatte, die den Beteiligten den Heimflug vom Robin Hood Airport im Yorkshire-Städtchen Doncaster vermieste.

„Da ist jetzt keine positive Stimmung in der Kabine“, sagte Martin Schmidt schon im Pressegespräch nach der 1:2-Niederlage seiner Mannschaft vor 3746 Zuschauern im schicken New York Stadium gegen den englischen Zweitligisten Rotherham United. Der 05-Trainer, begehrtes Objekt englischer Autogrammjäger, wusste vielmehr von einem Team zu berichten, das „momentan selbst total unzufrieden mit sich ist.“ Das war lange spürbar. Julian Baumgartlinger, dessen gute Leistung dieser unnötige Fehlpass trübte, der zum Ausgleich geführt hatte, sprach bis zur Ankunft in Deutschland kaum noch ein Wort. Ähnlich still und in sich gekehrt verbrachten die meisten seiner Kollegen die Heimreise.

Florian Niederlechner dürfte mit seinem guten Mittelstürmer-Auftritt in England seinen Startelf-Platz für Cottbus gebucht haben. Foto: René VigneronBeim Trainer allerdings überwog die Zufriedenheit. Der Plan des Schweizers war aufgegangen. Dass die Mannschaft in der Schlussphase einen sicheren Sieg verschenkte, war zwar so nicht vorgesehen, ansonsten jedoch verlief dieser als letzter Härtetest eingestufte Auftritt recht genau nach dem Drehbuch. „Das Team hat sich selbst bestraft. Ich glaube, da muss ich in der kommenden Woche vor dem Pokalspiel nicht mehr viel erzählen“, sagte der 48-Jährige. „Da braucht es keine Brandrede, da ist jetzt eher ein Trainer gefragt, der Inhalte reinbringt und mit ein paar Korrekturen aufbaut.“

Die Partie in Rotherham dürfte, wie von Schmidt erwartet, den 05ern eine Menge an Dingen aufgetischt haben, die den Bundesligisten auch am nächsten Sonntag im Erstrundenspiel des DFB-Pokals beim Drittliga-Tabellenführer Energie Cottbus erwarten. Mit Ausnahme der äußerst freundlichen Atmosphäre, die das Gastspiel der 05er in England begleitete. Szenenapplaus für gute Aktionen, mit denen das fachkundige Publikum in Rotherham nicht sparte, können die Mainzer in Cottbus nicht erwarten.

Dafür jedoch einen Gegner, der ähnlich auftreten wird wie die kampfstarken Briten. Der RUFC erwies sich 90 Minuten lang als harter Brocken, der im klassischen 4-4-2 tief verteidigte, die Räume mit enormem Laufaufwand einengte, der mit gut organisiertem Anlaufverhalten und aggressivem Pressing den Mainzer Spielaufbau eine Halbzeit lang massiv einschränkte. Und der aus dieser Defensivstruktur heraus auf Möglichkeiten lauerte, um mit schnörkellosem Umschaltspiel nach Ballgewinnen meist schnell über die Flügel den Erfolg zu suchen. Das war knallharte Grundlagenarbeit für die 05-Profis gegen ein technisch zwar limitiertes, dafür aber sehr körperlich präsentes Team bester britischer Prägung, das bis zum Abpfiff um jeden Ball intensiv kämpfte, nie aufgab und sich am Ende über die Konzentrationsfehler der 05er freute. Für den Klub, vor einem Jahr in die Zweite Liga aufgestiegen, war dieser Erfolg ein absolutes Highlight eine Woche vor dem Start in die Meisterschaft.

Für die 05er war die Begegnung eine echte Generalprobe und eine lehrreiche dazu. Die Gefahr, dass sich das Team nach einem guten Spiel noch einmal derart leichtfertig um den Lohn der schweren Arbeit bringen wird, dürfte die Rotherham-Erfahrung minimiert haben. Eine Halbzeit lang tat sich der Bundesligist sehr schwer gegen diese Engländer. Zwar hatten Schmidts Profis dank guter Abwehrarbeit und guter Struktur im defensiven Mittelfeld kaum Probleme, den Gegner vom Tor wegzuhalten. Doch dem eigenen Spiel nach vorne fehlten lange die Präzision und die Idee, um Torgefahr zu erzwingen. Nur wenn’s mal gelang, über die Flügel hinter die Abwehr zu kommen, entstanden gefährliche Aktionen.

Das Manko: Yoshi Muto stand im Angriffszentrum gegen die massiven und robusten RUFC-Verteidiger auf verlorenem Posten. Yunus Malli fand nicht in die Rolle des Zehners, der Bälle forderte und verteilte, der Möglichkeiten kreierte, den dichten Block mit Pässen durch die Linien zu überwinden. Als der Japaner vor der Pause einen harten Schlag in die Kniekehle kassierte und etwas angeschlagen war, reagierte der Trainer, nahm Muto runter und brachte Florian Niederlechner. „Ich musste was tun und wollte die Mannschaft wachrütteln“, sagte der Schweizer, „da hat sich dieser Wechsel angeboten.“

Überzeugendes Bungert-Comeback

Und fortan war das Mainzer Spiel ein anderes. Niederlechner hatte sofort Szenen, behauptete die Bälle in der Spitze, versuchte vieles an und im Strafraum, legte die Bälle ab oder fand vielversprechende Abschlüsse. „Wenn wir so viel eigenen Ballbesitz haben, brauchen wir einen größeren Stürmer im Zentrum, der mit dem Rücken zum Tor arbeitet“, sagte Schmidt und deutete damit an, dass der Ex-Heidenheimer mit dieser Leistung den Platz in der Startelf für Cottbus gebucht haben sollte.

Mit dem anspielbaren und Löcher reißenden Mittelstürmer kam auch Malli besser ins Spiel. Die Mainzer dominierten fortan, fanden ausgehend von Fabian Freis variablen Aufbauspiels immer häufiger den Weg zum Torabschluss. Sowohl über die Flügel als auch durchs Zentrum. Das sah gut aus und brachte die verdiente Führung durch Leon Balogun. Der Ex-Darmstädter rückte in der zweiten Hälfte auf die Position des rechten Außenverteidigers, machte Platz für Niko Bungert, der im ersten Spiel nach seiner Verletzung eine genauso überzeugende Leistung als Innenverteidiger bot. Balogun schloss eine Standardsituation nach Danny Latzas Freistoß und Bungerts Kopfballvorlage mit dem 1:0 ab und machte nicht nur deshalb einmal mehr deutlich, dass der Trainer an ihm wohl nicht vorbeikommen wird.

Doch statt die Überlegenheit in ein folgerichtiges 2:0 umzusetzen und einen sicheren, verdienten und stetig erarbeiteten Erfolg einzufahren, kam die eiskalte Dusche. Baumgartlingers Fehlpass in Unterzahl (Balogun wurde an der Seitenlinie behandelt), Konter, Ausgleich. „Wir haben den Ball und sind nicht in Bedrängnis. Ich rufe noch rein, dass sie den Ball halten sollen, doch dann kommt dieser Risikopass“, schilderte Schmidt die Situation zum Ausgleich aus seiner Sicht. Dasselbe in Grün beim 1:2. Jairo, insgesamt ohnehin mit einem eher bescheidenen Auftritt, wagte ohne Not das Dribbling. Konter. Tor. Feierabend. „Wir nehmen einiges mit aus dieser Partie“, sagte der 05-Trainer. „Wie man mit einer eigenen Führung umgeht. Wie man damit umgeht, wenn man ein gutes Resultat haben will. Das war ein gutes Regulativ fürs Team. An diesem 1:2 hat jeder zu knabbern.“ In Cottbus soll so etwas nicht noch einmal passieren. „Ein Drecksgefühl pro Woche reicht“, sagte Schmidt treffend.

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