Ein Abstiegsplatz?

Christian Karn. Stuttgart.
Auf einem Abstiegsplatz steht der FSV Mainz 05 nicht. Es wäre das erste Mal seit 2007. Und es kann sich morgen ändern. Noch sind die 05er punkt- und torgleich mit Leipzig Fünfzehnter, punktet der Vizemeister aber gegen Freiburg, bedeutet das - immer noch keinen Abstiegs-, aber den Relegationsplatz. Schuld daran ist das 0:1 der 05er beim VfB Stuttgart, keine Kopie des Hannover-Spiels, aber eine Partie mit einigen Parallelen. Torchancen waren da, gute Torchancen, um das Ding einfach mal zu gewinnen. Die 05er nutzten sie nicht, der VfB (der später noch einen aus Köln bestellten Elfmeter verschoss) traf mit der ersten. Das reichte.

VfB Stuttgart - FSV Mainz 05 1:0 (0:0)

Samstag, 26. August 2017, 53.150 Zuschauer.

VfB Stuttgart: Zieler - Baumgartl, Badstuber, Kaminski - Pavard, Gentner, Mangala, Aogo (83. Zimmermann) - Akolo (72. Özcan), Brekalo (63. Asano) - Terodde.
Reserve: Langerak, Ofori, Burnic, Ailton. Trainer: Wolf.

FSV Mainz 05: Adler - Donati, Bell, Diallo, Brosinski - Frei (81. de Blasis), Latza - Öztunali (66. Fischer), Maxim (71. Kodro), Quaison - Muto.
Reserve: Zentner, Balogun, Onisiwo, Serdar. Trainer: Schwarz.

Schiedsrichter: Brand (Unterspielsheim).

Tore: 1:0 Badstuber (53., Aogo).

Gelbe Karten: Gentner, Mangala - Quaison.

Besonderes: 82. Minute: Terodde schießt Foulelfmeter (Donati an Terodde) an den Pfosten.

Wer zweimal prinzipiell vieles richtig macht, zweimal die bessere - oder zumindest nicht die schlechtere - Mannschaft ist, zweimal vielleicht nicht das Spiel, aber zumindest die eigene Hälfte, unbedingt den eigenen Strafraum ohne große Probleme kontrolliert, aber zweimal 0:1 verliert, dann hat man ein Problem. Die Niederlage des FSV Mainz 05 beim VfB Stuttgart war keine eindeutige Kopie des 0:1 zuhause gegen Hannover, aber eine Partie mit einigen Parallelen. Eine Partie, die die 05er nicht hätten verlieren müssen. Wenn sie auch zu keinem Zeitpunkt eindeutig feldüberlegen waren, wenn sie auch davon profitierten, dass der VfB erneut viel zu schlampig mit seinen Kontern umging, sie nicht mal abzuschließen verstand: Sie hatten mehr Torchancen, sie hatten, vom späten verschossenen Elfmeter der Stuttgarter abgesehen, auch die besseren Chancen. Sie nutzten sie halt nicht, kassierten statt dessen aus einem Standard das 0:1. Und da hilft's nichts, prinzipiell vieles richtig gemacht zu haben. Am Ende zählen halt doch die Ergebnisse und sonst gar nichts. Die sagen: 0:1, 0:1, Platz 15, morgen wahrscheinlich Platz 16. Das wäre die schlechteste Spieltagsplatzierung seit mehr als zehn Jahren. Die Saison ist natürlich noch lang, der Schaden alles andere als irreparabel - jetzt schon steht aber fest, dass die 05er so schlecht gestartet sind wie seit 2005 (fünf Auftaktniederlagen) nicht mehr.

Sandro Schwarz hatte gegen den VfB den gleichen Kader nominiert, der vor einer Woche so unglücklich gegen Hannover 96 verloren hat, allerdings nicht die gleiche Startelf: Die beiden offensiven Flügelspieler Viktor Fischer und Pablo de Blasis saßen erst einmal auf der Bank, auf ihren Positionen spielten Robin Quaison und Levin Öztunali. Überraschend kam das nicht; Schwarz hatte es bereits angedeutet. Die restlichen neun Mann waren die gleichen wie im Heimspiel.

Die Bedingungen waren fies im Stuttgarter Kessel. Es war heiß, es war drückend, es entwickelte sich erst einmal kein hochklassiges Spiel. Die 05er überließen dem VfB erst einmal den Ball, wollten ihn in Pressingsituationen verwickeln, wollten kontern. Das funktionierte- ansatzweise! - in der 7. Minute zum ersten Mal: Quaison sprintete mit dem Ball in den Strafraum, verhakte sich mit dem Verteidiger Marcin Kaminski, bekam den Elfmeter nicht. Der Videoassistent war offenbar beteiligt an der Entscheidungsfindung. Es war ein Grenzfall; nicht zu pfeifen ging in Ordnung. Den ersten Torschuss gab Daniel Brosinski daher erst in der 14. Minute ab - weit, platziert, aber nicht hart genug, kein Problem für Ron-Robert Zieler.

Wirklich gut funktionierte das Mainzer Pressing nicht. Der VfB kam immer wieder gut durchs Mittelfeld, erst am Strafraum machten die 05er dicht. Darum hatten auch die Stuttgarter, deren Zentrum besser aussah, keinerlei Torchancen. Erst in der 29. Minute wurde es vor den Toren interessant: Stefan Bell köpfte einen Freistoß des Ex-Stuttgarters Alexandru Maxim auf den linken Winkel, Zieler parierte. Und in der 35. Minute fehlte Öztunali im Konter der entscheidende kleine Schnelligkeitsvorteil. Chadrac Akolo und Simon Terodde hatten kaum später die bessere Konterchance, vergaben sie leichtfertig. Und kurz vor der Halbzeit verstolperte Akolo im Konter den Ball selbst, sauber bedrängt von Stefan Bell und Abdou Diallo, dessen leichter Stellungsfehler dem Angreifer nur vermeintlich freie Bahn gegeben hatte. 0:0 stand's daher zur Halbzeit. Es hätte auch 1:1 stehen können, 1:0, 0:1.

Gleiches Bild wie letzte Woche, nur die Ebenen sind vertauscht: Diesmal freut sich vorne der Gegner und ärgert sich hinten Daniel Brosinski über das einzige Tor des Spiels. Foto: imagoKeine Wirkung hatte bis dahin Yoshinori Muto. Der Japaner hing zu sehr in der Luft; einerseits erledigten die Hinterleute vieles selbst, andererseits wurde er auch hart bearbeitet von den Verteidigern, nicht immer fair. In der 50. Minute fehlte Muto nicht viel zur größten Torchance des Spiels; Timo Baumgartls missglückter Rückpass war gerade lang genug für den aus dem Strafraum sprintenden Torwart, gerade zu lang für den Stürmer. Im Gegenangriff ging der VfB in Führung: Bell blockte einen Torversuch zur Ecke, die Holger Badstuber mit einem wuchtigen Flugkopfball ins Tor donnerte. Fabian Frei war eng dran, hätte aber wohl den Elfmeter riskieren müssen, um den Ex-Nationalspieler aufzuhalten (53.).

Und damit war der Faden erst einmal völlig verloren. Den Strafraum hatten die 05er weiterhin unter Kontrolle, wenn auch nicht mehr ganz so souverän wie zuvor, auch wegen einer großen, bisweilen geradezu jämmerlichen Schlampigkeit in den VfB-Kontern. Und nach vorne gelang längere Zeit gar nichts mehr. Das Tempo war völlig draußen, die Offensive wirkte mutlos, Spielaufbau war unter diesen Umständen unmöglich. Schwarz reagierte darauf eine knappe Viertelstunde nach dem Tor mit den ersten Wechseln - Fischer für Öztunali, bald auch Kenan Kodro für den in der ersten Hälfte auffälligen, in der zweiten weniger sichtbaren Maxim. Der Däne hörte sofort einen Stuttgarter Torjubel - ein Irrtum. Der Ball war von hinten gegen das Netz geflogen, von den Tribünen schwer zu erkennen, aber eine klare Sache. Der Bosnier hatte keine Szene. Trotz allem lag aber auch hinten kein (weiteres) Tor in der Luft, der VfB machte irgendwelche Dinge, mehr als die 05er, aber gefährlich waren auch die nicht.

Und dann kam er, der Video-Assistent. Giulio Donati, René Adler, Simon Terodde gingen in den gleichen Ball, purzelten übereinander. Schiedsrichter Benjamin Brand entschied: "War nix." Verhandelte dann lange mit dem Kollegen Tobias Stieler in Köln. Gab dann den Elfmeter - Adler hatte gar nichts gemacht, Donatis Angriff auch dem Ball gegolten, diesen aber nicht erreicht. Der Kontakt mit dem Stürmer war vorhanden, war nicht so wild, war ausreichend. Terodde schoss. Adler sprang nach rechts. Der Ball flog nach links. An den Pfosten. Glück gehabt in der 82. Minute.

Wo Fischers Schuss in der 85. Minute herkam, wird keiner so genau wissen. Aus dem Hinterhalt. Zu unplatziert, hoch auf die Tormitte. Zieler sah den Ball rechtzeitig, hielt zur Ecke. Die ergab noch eine. Die ergab einen Einwurf. Der ergab einen harmlosen Distanzschuss von Danny Latza, kurz drauf gab es einen zweiten kaum besseren. Die 05er probierten es, aber nicht mit tauglichen Mitteln. In der 89. Minute ging Stefan Bell in den Sturm. Die Antwort des VfB: Ein Torschuss aus 70 Metern, der selbst dann ungefährlich gewesen wäre, wenn auch René Adler vorne gewesen wäre.

Muto hätte zum Ausgleich treffen können. Müssen? Der Schuss des Japaners war technisch fein, hart, nicht perfekt, aber gut platziert - Zieler hielt (90+2.). Die Nachspielzeit war zu kurz, drei Minuten waren angezeigt, 3:02 liefen ab, deutlich weniger als zwei wurden tatsächlich gespielt - hilft aber nichts. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Ausgleich gefallen wäre.

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