Effizienz schlägt Fahrlässigkeit

Christian Karn. Mainz.
Am Ende war's eins dieser klassischen Testspiele in Länderspielpausen, eine Beschäftigungsmaßnahme für die Übriggebliebenen, wenn die Nationalspieler sich in alle Winde verstreut haben, die man als Fußballfan am besten ignoriert. 1:3 verlor der Erstligist FSV Mainz 05 dieses Testspiel gegen den motivierten und effizienten Zweitligisten SV Sandhausen; die Mainzer Chancen hätten gereicht, um den Rückstand zu drehen, aber es fehlten die Inspiration, die Einsatzbereitschaft, die Ernsthaftigkeit.

FSV Mainz 05 - SV Sandhausen 1:3 (1:1)

Donnerstag, 1. September 2016, 305 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Fl. Müller - Brosinski (46. Donati), Bungert (62. Bell), Hack (84. Häusl), Bussmann (84. Neubauer) - Ramalho - de Blasis, Rodríguez, Serdar (84. Bohl), Holtmann - Onisiwo (46. Clemens).

SV Sandhausen: Knaller - Klingmann (62. Thiede), Gordon, Kister (46. Knipping), Roßbach (62. Gimber) - Linsmaier (62. Lukasik), Karl (46. Yalcin) - Pledl (46. Kuhn), Wooten (62. Sukuta-Pasu), Kosecki (62. Vunguidica) - Höler.

Schiedsrichter: Kempkes (Urmitz).

Tore: 0:1 Linsmayer (26.), 1:1 de Blasis (36., Brosinski), 1:2 Höler (52.), 1:3 Gordon (57.).

"Meine Schuld", sagte Martin Schmidt nach der 1:3-Testspielniederlage des FSV Mainz 05 gegen den SV Sandhausen. Der 05-Trainer hatte die Mannschaft nicht wie gewohnt auf das Spiel vorbereitet, den Gegner nicht vorgestellt, die Teamsitzung vor der Partie auf ein paar Minuten beschränkt. "Die Jungs haben das Spiel daraufhin nicht so angenommen, wie ich dachte", sagte Schmidt. "Es war fahrlässig von mir."

Die 05er hatten eine Startelf auf dem Platz, der nicht viel zu einem Bundesligaspiel fehlte. Im Tor stand der junge, unerfahrene Florian Müller (der seine Sache ordentlich machte), davor aber mit Daniel Brosinski, Niko Bungert, Alexander Hack und Gaetan Bussmann eine Abwehrkette, die im Ernstfall nicht allererste Wahl wäre, in der vergangenen Rückrunde aber genau so hätte spielen können - in Hoffenheim beispielsweise hatten die 05er mit Brosinski, Leon Balogun, Hack und Bussmann verteidigt. Davor spielte erstmals im 05-Trikot der Neuzugang André Ramalho. Nach vorne ging die Bundesliga-Erfahrung nach und nach verloren; in der Mittelfeldkette hatte Pablo de Blasis gegenüber José Rodríguez, Suat Serdar und Gerrit Holtmann großen Vorsprung, ganz vorne schließlich spielte Karim Onisiwo.

Der SV Sandhausen hatte zunächst die Mehrzahl an Torchancen; das lag auch daran, dass die 05er vor allem über die Flügel kamen, die Flanken und Querpässe aber nicht an den Mann brachten. Rodríguez hatte in der sechsten Minute die erste Mainzer Torchance, hinten hatte bereits Bungert vor dem Ex-05er Lucas Höler gerettet, danach hielt Müller den Kopfball von Markus Karl (13.), nach Fehler von Brosinski den Schuss von Thomas Pledl (19.) und Andrew Wootens Distanzschuss (24.).

Fürs Führungstor brauchte der Zweitligist einen Freistoß. Kurios: In entweder fahrlässiger oder gewollter Unkenntnis, was die Kreislinie vor dem Strafraum bedeutet, beschwerten sich die Gäste lange über die ihrer Ansicht nach zu nahe Mauer, die sie dann einfach mit einem kurzen Querpass aus dem Spiel nahmen. Denis Linsmayer knallte den für Müller wohl verdeckten Ball ins rechte Eck (26.).

Die 05er glichen nach zehn Minuten aus. Ihr Angriff begann mit einem mutigen Rückpass von Ramalho, ging über Müller und Holtmanns Doppelpass mit Rodríguez auf den rechten Flügel zu Brosinski, dessen Hereingabe de Blasis dem Torwart zum 1:1 am Kopf vorbei schoss. Noch vor der Pause hätten die Mainzer in Führung gehen können: Erst fiel Tim Kister am eigenen Strafraum um, de Blasis übernahm den Ball vom SVS-Verteidiger, Serdar aber trat an Onisiwos Querpass vorbei (39.). Zwei Minuten darauf hielt Torwart Marco Knaller einen guten Kopfball von Serdar.

André Ramalho zeigte beim Einstand, dass er seine neue Mannschaft schon kennengelernt hat, aber noch nicht ihr Spiel. Foto: imagoNeuzugang Ramalho zeigte, dass er die Mannschaft schnell kennengelernt hat. Der Ex-Leverkusener präsentierte sich als dominanter Mittelfeldspieler, kommandierte, sortierte, sprach die Kollegen mit Vor- und Spitznamen an, verwechselte auch niemanden. Und doch wurde deutlich, wie frisch der Brasilianer in Mainz ist. Bei an sich guten Ideen war die Abstimmung nicht da, die Mitspieler wussten nicht, womit sie rechnen sollten, der Neue kannte deren Laufwege nicht. "Aber das ist normal", sagte Ramalho, "ich habe ja erst einmal mit der Mannschaft trainiert. Das kommt noch."

Von der Anlage her waren die 05er in der zweiten Hälfte das bessere Team. Sie hatten die Mehrzahl an Chancen. Sie waren aber auch das lässigere, fahrlässigere Team, im Gegensatz zum SVS, der selten vorn auftauchte, aber binnen fünf Minuten aus dem 1:1 ein 3:1 machte. Erst wehrte Müller eine Flanke zur Seite ab, wo nur ein Angreifer stand, dessen Flanke Lucas Höler zum 2:1 einköpfte. Kein Mensch war in der Nähe des Mittelstürmers, es wäre wohl Hacks Aufgabe gewesen, seinen ehemaligen Mitspieler beim Kopfball zu stören (52.). Die 05er antworteten mit einem im Ansatz feinen Konter, de Blasis kam rechtzeitig für den Pass des eingewechselten Christian Clemens aus dem Abseits, bekam den Querpass zu Serdar aber nicht am Verteidiger Daniel Gordon vorbei (54.). Und jener Gordon erhöhte drei Minuten darauf auf 3:1. Wieder war's eine Flanke, die ganze 05-Abwehr konzentrierte sich auf Wooten und Philipp Klingmann, Gordon blieb übrig, hatte keinen Gegenspieler, hatte Platz fürs nächste Kopfballtor.

Weiterhin hatten die 05er ihre Ansätze, aber die Präzision war nicht da und kam nicht mehr. Serdars Pass und Clemens' Laufweg in den Strafraum passten gerade so nicht zusammen (59.), de Blasis' Schuss nach Serdars Ballbehauptung und Vorlage war zu schwach (67.), de Blasis' Pass auf Clemens ein kleines Stück zu lang (69.). Nach langem Leerlauf raste Giulio Donati einem Ball nach, den keiner mehr für erreichbar gehalten hatte, legte ab auf Serdar, dessen Schuss hoch unter die Latte für den Torwart gerade erreichbar war (79.), schließlich nahm Clemens den letzten Ball, von Holtmann vors Tor geflankt, volley mit dem Schienbein - weit übers Tor (89.).

"Wir hatten Großchancen", bestätigte Schmidt, "aber wir waren nicht genau genug. Wir haben Lücken gelassen, die Abstände waren zu groß, dann gibt es ein 1:3. Aber es ist gut so, jetzt wissen alle, wo sie sind und wie weit der Weg ins Team ist."

 

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