„Diesmal waren wir die Anderen“

Jörg Schneider. Mainz.
Abstiegskampf-Szenario statt ruhigem Mittelfeld-Fahrwasser: Der FSV Mainz 05 hat sich mit der 0:2-Heimniederlage gegen Werder Bremen erneut in eine unangenehme Drucksituation gebracht. Der Vorwurf, dass sich der abstiegsbedrohte Gegner dabei mehr angestrengt hat als die 05er beim Wahrnehmen der Chance auf eine gute Ausgangsposition, macht den Verantwortlichen zu schaffen. Denn deren Credo lautet: Nur mit vollem Einsatz, hundertprozentiger Bereitschaft sind Erfolge und damit eine beruhigende Platzierung möglich. Da sind in dieser Woche Ursachenforschung und Redebedarf angesagt.

Zwei Heimspiele unter ähnlichen Voraussetzungen. Die Gegner vom Ansatz her relativ gleich eingestellt: Disziplinierte Defensivstrategie, gut organisierte Raumaufteilung. Beide darauf ausgerichtet, dem umschaltstarken Heimteam die Tiefe zum schnellen Konter zu nehmen. Beide ansonsten mit einem Aufwand, einer spielerischen Qualität und taktischen Finesse, die überschaubar und in der Bundesliga keine unlösbare Herausforderung darstellt. Die erste Partie endet mit einem überzeugenden 2:0-Sieg. Das zweite Duell geht sang- und klanglos mit 0:2 verloren. Zwei Spiele, zwei Gesichter einer Mannschaft. Am Ende dieses Doppelpacks ist die Chance auf einen soliden Mittelfeldplatz vertan. Stattdessen ist eine neue, unangenehme Drucksituation entstanden. Die Tendenz heißt erst einmal wieder Abstiegskampf.

Der FSV Mainz 05 hat an diesem 21. Spieltag mit der 0:2-Pleite gegen den Drittletzten Werder Bremen eine fette Gelegenheit vergeben, für sich selbst mehr Sicherheit im Konkurrenzbetrieb zu erlangen, Ordnung in dieses extrem dicht gepackte Tabellensegment zu bringen. Zwölf Punkte hätte der Vorsprung auf die Bremer betragen können, wenn die Leistung der Mannschaft eine Qualität erreicht hätte wie eine Woche zuvor beim 2:0 gegen die Augsburger. Mit dem schwachen Auftritt am Samstag hat das Team die Bremer näher herangeholt an die eigene Tabellenregion und hat den Abstand auf den Relegationsplatz gerade mal halbiert. So was kann passieren und geschieht auch anderen in dieser ausgeglichenen Liga, doch dass nach einem solchen Auftritt über mangelnde Einstellung geredet werden muss, darüber, dass sich die 05-Profis nicht nur nicht gut angestellt haben, sondern sich zumindest eine Halbzeit lang nicht so angestrengt haben, wie es nötig gewesen wäre und wie sie es normalerweise tun, ist ein Vorwurf, der schwer wiegt und den Verantwortlichen zu schaffen macht. Denn deren Credo lautet: Nur mit vollem Einsatz, hundertprozentiger Bereitschaft sind Erfolge und damit eine beruhigende Platzierung möglich.

Redebedarf: André Ramalho und Stefan Bell diskutierten nach der 0:2-Pleite über die Ursachen. Das dürfte nicht das letzte Gespräch gewesen sein, das die 05er in dieser Woche über ihre Leistung führen. Foto: Imago„Bremen war von Anfang an bereit. Wir waren von Anfang an nicht so bereit, wie wir es wollten und uns vorgenommen hatten. Sie wollten den Sieg mehr. Unsere Leistung war zu wenig gegen ein Team, das im Abstiegskampf drin ist und diesen Kampf angenommen hat. Warum das so war, werden wir erörtern müssen“, musste Martin Schmidt nachher konstatieren. Natürlich gab es Erklärungsansätze. Dass der Gegner tief stand, mit seiner Organisation dem eigenen Aufbauspiel die Tiefe genommen hatte. Und auch, dass die Mainzer nach wie vor ihre Probleme damit haben, im eigenen Ballbesitz einen solchen Gegner mit sauberem, druckvollen Passspiel zu bearbeiten. Doch das war zuvor gegen die Augsburger nicht viel anders, gegen Köln, Hamburg, Freiburg, Ingolstadt oder Darmstadt ebensowenig. Doch in diesen erfolgreicheren Heimauftritten machten die 05er diese Defizite mit Leidenschaft, Zweikampfstärke, Laufleistung, Tempo, Energie und Dynamik wett. Das alles fehlte diesmal in der ersten Hälfte. Dass es der Mannschaft ohnehin schwer fällt, Rückstände gegen solch verdichtete Defensivstrukturen aufzuholen, kam erschwerend hinzu. Die Bremer benötigten letztlich zwei Standardsituationen, in denen die 05er einmal kräftig Hilfestellung leisteten, um drei Punkte aus Mainz zu entführen.

Für den 05-Trainer war die Partie ein Abbild des Augsburg-Spiels, „nur, dass wir diesmal die Anderen waren. Die Augsburger hatten vorher gewonnen, hatten das Gefühl, sie sind sicher im Mittelfeld drin und haben gegen uns nicht mehr wie vorher alles abgerufen. So ging es uns diesmal“, sagte der 49-Jährige. Warum das so war, woher diese Einstellung kam, die ganze Geschichte anscheinend lockerer angehen zu wollen, darüber müsse intensiv gesprochen und geforscht werden. „Es hat schon mit der Einstellung vor dem Spiel zu tun. Aber es gibt kein Messgerät, um das festzustellen. Die Einstellung im Kopf kommt in der Woche, bei jedem individuell für sich. Wenn die Meinung im Kopf drin ist, kriegst du die auch mit der richtigen Teamansprache nicht mehr komplett raus. Wir haben konzentriert gearbeitet diese Woche, seriös und zielgerichtet“, sagte Schmidt. Anzeichen dafür habe es in der Vorbereitung nicht gegeben. Dass die Mannschaft so auftreten würde sei nicht absehbar gewesen. „Wir sind aber offenbar nicht soweit, dass wir mehrere Male hintereinander ein Top-Spiel hinkriegen.“

„Vieles probiert, viel brotlose Kunst“

Von Anfang an Abspielfehler, Ungenauigkeiten, Ballgeschiebe ohne Tempo und Druck. Immer die Lösung hinten herum gesucht, anstelle des Passes nach vorne. Unsaubere Diagonalverlagerungen, hektisch geschlagene lange Bälle hinten raus und beim Kampf um die zweiten Bälle meist hinten dran. Das baute den Gegner auf. Da muss nicht über eine andere Taktik oder andere Spielsysteme diskutiert werden, wenn solch elementare Defizite auftreten und jegliche Umsetzung massiv erschweren. Zwar erfolgte nach der Pause eine Reaktion, eine deutliche Steigerung zumindest vom Einsatz her. Die Genauigkeit der Aktionen blieb bei allen Bemühungen jedoch weiterhin auf der Strecke. „Mit einem frühen Anschlusstreffer wäre noch etwas möglich gewesen. Wenn du kein Tor machst, fehlt dann irgendwann ein wenig die Hoffnung. Das ergibt dann so eine Gemengelage, wo dann die Präzision fehlt, die letzte Lösung. Auch wenn du außen durch bist, kommt der Ball nicht an. Oder es wird auf der Linie gerettet. Um größer zu werden, um die Partie wieder offener zu halten, hätten wir unbedingt einen Treffer gebraucht. Das haben wir nicht geschafft“, konstatierte Schmidt. Am Ende blieb ein ernüchterndes Fazit: „Vieles probiert, viel brotlose Kunst.“

Wenn man es positiv sehen will, dann haben die Mainzer mit diesem Auftritt sich selbst und ihren Anhängern die Aussicht auf ein spannendes Frühjahr beschert. Woche für Woche neue Drucksituationen, Schlüsselspiele, die automatisch eine schärfere Herangehensweise, bedingungslosen Einsatz und Mentalität erfordern. Abstiegskampf. Könnte höchst interessant, aber auch gefährlich werden. „Anscheinend brauchen wir mehr Druck in der Gesamtsituation, um immer alles abzurufen. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt wieder mehr gegen den Abstieg rennen müssen und wir dann wieder etwas mehr sehen vom Team“, sagte der 05-Trainer. „Das nächste Spiel baut sich jetzt nach einer solchen Niederlage wieder größer auf. So hatte sich Augsburg vor uns aufgebaut nach der Hoffenheim-Niederlage. Jetzt bauen sich Leverkusen und dann Wolfsburg vor uns auf. Jetzt sind wir doppelt gefordert. Das haben wir uns selber zuzuschreiben.“ Am Fastnachtssamstag stehen die 05er bei Bayer Leverkusen auf der Matte. Eine Woche später kommt der im Moment auf Platz 14 stehende VfL Wolfsburg nach Mainz.

 

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