Die Weiterentwicklung endlich beweisen

Christian Karn. Mainz.
Roman Grigortschuk ist nicht ganz unzufrieden mit der Situation. "Wir haben uns weiterentwickelt", sagte der Trainer des Qäbälä FK vor dem abschließenden Europa-League-Spiel in Mainz. "Man will das durch Punkte beweisen können", erklärte Grigortschuk aber auch, und das gelang seinem Team nicht: In allen drei Heimspielen (2:3 gegen den FSV Mainz 05, 0:1 gegen die AS Saint-Étienne, 1:3 gegen den RSC Anderlecht war mindestens ein Unentschieden drin. "Wir treten noch einmal gegen ein Topteam an", sagte Grigortschuk, "daraus können wir weitere Erfahrungen ziehen." Und darauf hoffen, es endlich auch beweisen zu können.

Sie sind tatsächlich da, die Aserbaidschaner. Nicht in so großer Zahl wie die Franzosen und die Belgier, die an zurückliegenden Donnerstagen den Markt bevölkert, die innenstädtischen Verkehrsachsen lahmgelegt und den Thai Express zu stürmen versucht hatten, aber mindestens zwei sind sogar aus dem Kaukasus-Staat nach Mainz mitgekommen, wo sie in fragmentarischem Englisch Sportschuhe einkaufen gegangen sind und nebenher verraten haben, wie man ihren Klub ausspricht: Eher Käbbela als Käbälä. Vorne betont, hinten mit dem längsten der drei Vokale. Sie sind mitgekommen in der Hoffnung, dass ihre Mannschaft beim anderen ausgeschiedenen Team der Europa-League-Gruppe C im letzten Versuch wenigstens den ersten internationalen Punkt der Saison gewinnt.

Den ersten Punkt, wohlgemerkt, nicht das erste Spiel. Nur in der Gruppenphase hat der Qäbälä FK nichts gerissen. In der Qualifikationsphase und der Playoffrunde hatten sie anfangs ordentliche, später sogar beachtliche Ergebnisse: Das 5:1 gegen den georgischen Vizemeister FC Samtredia kann man von hier aus sicher kaum seriös bewerten. 2:1/2:0 gegen den ungarischen Vierten MTK Budapest wäre vor 60 Jahren eine Sensation gewesen, aber der ungarische Vereinsfußball ist nicht mehr das, was er mal war. 1:1/1:0 gegen den Lille OSC? Respekt! Wer den Fünften der französischen Liga in zweimal 90 Minuten aus dem Wettbewerb wirft, wer in Unterzahl das halbstündige Powerplay des slowenischen Spitzenklubs NK Maribor übersteht, der seither in 17 Spielen ungeschlagen ist und 13 Mal gewonnen hat, der sollte ein Klub sein, der auch dem Vorjahres-Sechsten und jetzigen Zehnten der Bundesliga nicht einfach so die drei Punkte nachwirft. Die 05er werden heute abend (19 Uhr) noch einmal eine ernsthafte Aufgabe gestellt bekommen.

Natürlich keine völlig unlösbare. Es hat am Ende doch Gründe, dass Qäbälä in der Gruppenphase ohne Punkte da steht. Chancenlos waren sie in keinem Spiel, abgeschossen wurden sie nie, aber gereicht hat es auch nie. In Anderlecht - aber das ist keine Überraschung, wie gefährlich die Belgier zuhause sind, haben die 05er ja erfahren - sahen die Aserbaidschaner noch am Schlechtesten aus. Bagaliy Dabo, der französische Mittelstürmer, glich zwar das frühe Führungstor von Lukasz Teodorczyk schnell aus, ein Eigentor und ein Joker-Treffer eingangs der Schlussphase brachte dem belgischen Rekordmeister vor 11.638 Zuschauern den letztlich kaum gefährdeten 3:1-Heimsieg.

Im ersten Heimspiel der Gruppenphase brachte Qäbälä die 05er durchaus ins Wanken. Diese hatten ihre Mühe, bis Yoshinori Muto (der sich später im Spiel verletzte und heute sein Comeback haben könnte) kurz vor der Pause das 1:0 schoss. Die Flügelstürmer Ruslan Qurbanov und Sergei Zenjov drehten mit einem Doppelschlag nach einer Stunde das Spiel, die 05-Joker Levin Öztunali und Jhon Córdoba (letzterer nur Sekunden nach seiner Einwechslung) drehten es zurück.

Ruslan Qurbanov verfolgt Gaetan Bussmann - im Rückspiel würden es sich die Aserbaidschaner andersherum wünschen. Ohne den verletzten Torjäger Bagaliy Dabo hängen sie noch mehr vom National-Flügelstürmer ab. Foto: imagoIn Saint-Étienne verlor Qäbälä 0:1, wieder durch ein Eigentor. Im Heimspiel gegen die Franzosen gab es nach 1:0-Führung ein 1:2 - in einem Spiel, in dem Qäbälä überlegen war, (knapp) mehr Ballbesitz hatte, (knapp) mehr Torschüsse als der Gegner. Und im Heimspiel gegen Anderlecht standen die Aserbaidschaner ganz knapp vor der großen Überraschung: Ein Heimsieg gegen die Belgier war drin, er hätte die Gruppe am fünften Spieltag nochmal richtig aufgemischt. 1:1 stand es nach 15 Minuten, immer noch 1:1, als Qäbäläs Torschütze Ricardinho in der 74. Minute den zweiten Elfmeter verschoss. Erst in der 89. Minute sah der Sechser Rashad Eyyubov Gelb-Rot, in der 90. und 94. Minute trafen in einem ähnlichen Schlussspurt wie gegen die 05er Massimo Bruno und Teodorczyk mit einem Abstauber und einem Konter zum 3:1-Auswärtssieg des großen Favoriten. Der war angesichts nicht nur der theoretischen Kräfteverhältnisse, sondern auch angesichts dessen, was in der Tat auf dem Platz passierte, natürlich verdient. Aber es hätte fürchterlich schief gehen können.

Selbstbewusstsein könnte sich Qäbälä prinzipiell in der Liga geholt haben. Dort sind die Gäste der 05er Zweiter, nicht weit hinter dem Tabellenführer und Titelverteidiger Qarabag Agdam. Gegen den Serienmeister (drei Titel seit 2014), der seinerseits schon einen direkten Vergleich gegen Anderlecht gewonnen hat und nun gegen den AC Florenz um den Einzug in die K.o.-Runde der Europa League spielt (wird wahrscheinlich schief gehen), der zwar noch den Namen seiner alten Heimatstadt trägt, aber längst ein Hauptstadtklub aus Baku ist, seit die Armenier im Krieg um Berg-Karabach vor über 20 Jahren Agdam besetzt und abgerissen haben, gab es am vorletzten Wochenende die erste Saisonniederlage in der aserbaidschanischen Liga, und wieder auf dramatischste Weise: Der kroatische Techniker Filip Ozobic hatte Qäbälä mit einem spektakulären Tor in Führung gebracht, die erst in der 86. Minute durch einen fragwürdigen Handelfmeter verloren ging. Der Elfmeterschütze sah in der 94. Minute Gelb-Rot, in Unterzahl gewann Agdam durch einen Treffer in der 98. Minute das Spiel und die Tabellenführung.

"Wir sind mit unserer Leistung trotzdem zufrieden", sagte Qäbälä-Coach Roman Grigortschuk gestern in der Pressekonferenz vor dem letzten Europapokalspiel. "Es war eine tolle Erfahrung, zum zweiten Mal hintereinander im internationalen Wettbewerb zu spielen. Morgen" - also heute - "werden wir noch einmal gegen ein Topteam antreten. Daraus können wir weitere Erfahrungen ziehen. Wir wissen, dass wir in der Gruppenphase gescheitert sind, weil wir in den bisherigen fünf Spielen nichts geholt haben. Aber wir trauern dem nicht nach, wir haben gelernt, was uns fehlt. Mainz, Anderlecht und Saint-Étienne befinden sich in einem ganz anderen Wettbewerb als wir. Wir haben uns in der Rückrunde schon weiterentwickelt, darum tut es uns schon weh, in den beiden Heimspielen keinen Punkt geholt zu haben. Über Entwicklung kann man schnell reden, aber man will es durch Punkte beweisen können."

Die letzte Chance in diesem Jahr haben die Aserbaidschaner, wenn heute abend um 19 Uhr der walisische Schiedsrichter Simon Lee Evans das Spiel in Mainz anpfeift. Leicht wird das nicht, zumal neben dem gesperten Eyyubov auch der verletzte Torjäger Dabo fehlt. Zenjov dürfte in die Spitze rücken, der im Hinspiel gesperrte liberianische Nationalspieler Theo Weeks Lewis auf dem Flügel übernehmen. Für den brasilianischen Verteidiger Rafael Santos wird wohl der ukrainische Riese Witalij Wernidub nach hinten und der georgische Nationalspieler Nika Kwekweskiri ins Mittelfeld rücken, ansonsten dürften die Aserbaidschaner in der Hinspiel-Aufstellung antreten.

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