Die vergessene Erfolgsmannschaft

Christian Karn. Mainz.
Zwei Mannschaften, die den FSV Mainz 05 in den 1960ern und 1970ern in der Regionalliga vertraten, haben ihren festen Platz in den Geschichtsbüchern: Die Pokalhelden von 1965 und die Südwestmeister von 1973. Die Generation dazwischen wird häufig vergessen. Schuld daran ist eine Heimniederlage gegen Röchling Völklingen im April 1968 in einem Spiel, das aus einer sehr guten Saison eine herausragende Saison hätte machen können - wenn die 05er gewonnen hätten.

21. April 1968. Es ist ungewöhnlich heiß für diese Jahreszeit. Am Bruchweg läuft das Spitzenspiel der Regionalliga Südwest: FSV Mainz 05 gegen Röchling Völklingen. Es geht letztlich um den Aufstieg in die Bundesliga. Der SV Alsenborn steht längst fest als Südwestmeister, aber es gibt noch einen zweiten Platz in der Aufstiegsrunde für die Südwestklubs. Um den streiten sich drei punktgleiche Mannschaften: TuS Neuendorf, der FK Pirmasens und die 05er. Drei Spiele sind's noch.

Und es ist ein Spiel auf ein Tor am Bruchweg. Auf das der Saarländer. Wenn der Ball nur endlich im Netz landen würde!

Die 05-Mannschaft der Saison 1967/68 - allerdings nicht vor dem Spiel gegen Völklingen. Horst Hülß, Kurt Planitzer, Georg Tripp, Carlo Stock, Gerhard Bopp, Helmut Müllges, Horst Klinkhammer, Heinz Wassermann und Richard Klauss (1., 2., 4., 5., 6. v.l., 5., 3., 2. und 1. v.r.) waren dabei, aber für Charly Tripp (3. v.l.) spielte Kurt Sauer und für Manfred Zimmer (4. v.r.) spielte Klaus Hammanns.

Ende einer Ära

Zwei Jahre zuvor ist bei den 05ern eine Ära zu Ende gegangen. Nach sieben Jahren trennten sich die 05er von ihrem Trainer Heinz Baas, der die Mannschaft und den Mainzer Fußball modernisiert hatte. Als Baas gehen musste, waren die 05er in der Regionalliga - eine Stufe unter der Bundesliga - Dritter. Mit einer nominell ungeheuer stabilen Mannschaft, in der fünf Spieler alle 30 Partien absolvierten, vier weitere 25 oder mehr. Zehn von elf Positionen waren klar vergeben: Im Tor spielte Kurt Planitzer. Libero war in der Rückrunde Carlo Storck, der die Hinrunde wegen einer Verletzung verpasst hatte; die Manndecker hießen Gerhard Görlach (der Storck zuvor als Libero vertreten hatte), Helmut Müllges, Heinz Wassermann (sowie in der Hinrunde Horst Schuch). Im Mittelfeld spielten Günther Dutiné und Kurt Sauer hinter Spielmacher Horst Hülß. Und vorne rechts Manfred Nehren, als Mittelstürmer Charly Tripp, der 24 Mal traf. Nur vorne links fehlte ein Nachfolger für Vincenz Fuchs, der zum Meiderichen SV in die Bundesliga gewechselt war.

Wie so oft, wenn eine Ära zu Ende geht, hatte die Mannschaft jedoch Schwierigkeiten, mit dem neuen Trainer zurechtzukommen. Der ehemalige Italien-Profi Kurt Zaro, der nach Baas abgelöst hatte, stellte zu hohe Ansprüche. "Die Chemie hat nicht gestimmt", erinnert sich sein Spielmacher Horst Hülß. "Er hat nicht alle Spieler erreicht." Der Trainer musste allerdings auf viele Verletzte verzichten: Abwehrchef Müllges fiel mit Muskelriss lange aus, auch der Verteidiger Horst Schuch und der Neuzugang Georg Tripp, der als Rechtsaußen eingeplant war, fehlten.

Rückblick: 1955 hatten die 05er im Jubiläumsspiel Manchester City mit dem legendären Bert Trautmann geschlagen. Die 05er wurden angeführt von Karl-Heinz Wettig, später als Trainer der Nachfolger des Nachfolgers von Walter Sonnenberger, der gegen City zweimal getroffen hatte.Nach zwölf Spielen trennten sich die 05er wieder von Zaro. Sein Nachfolger kam aus den eigenen Reihen: Walter Sonnenberger, 05-Vertragsspieler von 1953 bis 1957, war zuvor für die Mainzer A-Junioren zuständig. Rein nach Punkten ist Sonnenberger bis heute der erfolgreichste 05-Trainer aller Zeiten. "Er war das Gegenteil von Zaro", sagt Hülß. "Er hatte eine angenehme Art, kameradschaftlich mit der Mannschaft umzugehen. Vielleicht war das der entscheidende Punkt." Unter Sonnenberger gab es in 18 Spielen nur drei Niederlagen. "Er war schon als Spieler anerkannt", erklärt Hülß. "Man wusste von seinen beiden Toren gegen Bert Trautmann im Jubiläumsspiel" - 1955 hatten die 05er überraschend Manchester City 2:1 geschlagen - "also haben wir Spieler uns besonders reingekniet. Wir wollten ihn nicht enttäuschen." 35 Jahre später erlebten die 05er nach der Beförderung von Jürgen Klopp einen ähnlichen Effekt.

Nur die Nummer 2 in der Stadt

Als Sonnenberger das Training übernahm, waren die 05er Zehnter. Nach dem Trainerwechsel ging es mit fünf Siegen hintereinander weiter. Direkten Kontakt zur Tabellenspitze stellten die 05 er nicht mehr her. Aber obwohl es bis Mitte April geringe Aufstiegschancen gab, entstand völlig unerwartet eine ungewöhnliche Situation für die 05er: Abgesehen von ihren Gründerjahren und von der chaotischen Zeit im Dritten Reich ist die Saison 1966/67 eines von nur zwei Jahren in der Vereinsgeschichte, in denen die 05er nicht die sportliche Nummer eins in der Stadt waren. War es zwei Jahre zuvor noch eigene Schwäche, die die Mannschaft vier Punkte hinter dem SV Weisenau im Tabellenmittelfeld stranden ließ, war es nun die Stärke des SVW, der noch vor den viertplatzierten Mainzern landete, dreimal Tabellenführer war und am vorletzten Spieltag nur einen Punkt hinter dem zweiten Aufstiegsrundenplatz stand.

Über die Saison hinaus im Amt bleiben konnte Sonnenberger nicht. Wie vielen anderen Not-Trainern, die mitten in der Saison eingestellt werden, fehlte ihm die nötige Lizenz. Sein Nachfolger war wiederum ein alter Bekannter am Bruchweg: Erich Bäumler, der ehemalige Nationalspieler, der 1960 von Eintracht Frankfurt nach Mainz gewechselt war und in 56 Spielen 25 Tore für die 05er geschossen hatte.

Die große Pokalmannschaft von 1965, die Werder Bremen und den TSV München 1860 aus dem Wettbewerb geworfen hatte, hatte sich längst aufzulösen begonnen. Linksaußen Fuchs und Kapitän Norbert Liebeck hatten die 05er noch im gleichen Jahr verlassen. 1966 hatte sich Rechtsaußen Ulrich Meyer, der Siegtorschütze gegen Werder, nach Reutlingen verabschiedet. Nun gingen auch Dutiné, Nehren und Görlach. Und Charly Tripp unterschrieb bei den Bayern, der Transfer kam jedoch nicht zustande.

Neu ins Team gekommen waren bedeutende Spieler wie der Mittelfeldmann Richard Klauss aus Zweibrücken, der Offensivmann Horst Klinkhammer, der schon 1965 vom STV Horst-Emscher verpflichtet worden war, "Schorsch" Tripp und natürlich Hülß. Mit den verbliebenen Spielern bildeten sie eine starke Mannschaft, die jahrelang zur Spitzengruppe der Liga zählte, regelmäßig nahe an der Aufstiegsrunde dran war, aber mangels großer Erfolge regelmäßig in den Rückblicken übergangenen wird. Wahrscheinlich wäre es anders gekommen, hätten die 05er nicht Ende April gegen Völklingen gepatzt.

Nah dran

Im weißen Trikot - auf diesem Bild noch als Spieler von Viktoria Köln: 05-Spielmacher Horst Hülß."Wir waren eine erstklassige Mannschaft", erinnert sich der damalige Spielmacher Hülß. "Mit den heutigen Möglichkeiten wäre die Aufstiegsrunde ein Leichtes gewesen. Die Pokalmannschaft von 1965 war die Grundlage für diesen Erfolg, der sich leider nicht in Titeln ausgedrückt hat." In der Tat war Bäumlers Mannschaft stärker als im Vorjahr. Die Stammspieler waren bis auf Görlach geblieben, "Schorsch" Tripp konnte endlich durchspielen und war stärker als je zuvor. Und von den eigenen Junioren rückte ein Juwel auf: der 18-jährige Linksaußen Gerhard Bopp, der auf dem Kasernenhof am heutigen Valenciaplatz, wo nach der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg viele Ausgebombte untergebracht waren, das Kicken gelernt hatte.

Diese Mannschaft spielte eine sehr gute Saison, war Zweiter, zunächst hinter dem Aufsteiger SC Friedrichsthal, der nach einem hervorragendem Saisonbeginn mit 9:3 Punkten und 18:5 Toren, den kein Mensch erwartet hatte, völlig abstürzte, dann hinter dem übermächtigen SV Alsenborn. Nach der Derbyniederlage in Weisenau im Februar fielen die 05er auf den sechsten Platz zurück, kämpften sich aber wieder heran und schlossen am 26. Spieltag durch ein 1:0 im direkten Vergleich zum Tabellenzweiten TuS Neuendorf auf. 

Bäumler war da schon nicht mehr dabei. Im März, nach der Niederlage in Frankenthal, durch die die 05er auf den fünften Platz zurückfielen, wurde der Trainer unter merkwürdigen Umständen beurlaubt. "Erich Bäumler war ein erstklassiger Spieler", sagt Hülß. "Er wusste, wie man Fußball spielt und hat uns als Mannschaft so vorangebracht. Damit hatte er einigen Kollegen etwas voraus." Die genauen Umstände von Bäumlers Entlassung blieben im Verborgenen. Sein Nachfolger ist die Mainzer Stürmerlegende Karl-Heinz Wettig, zu dieser Zeit noch der zweiterfolgreichste 05-Torjäger nach Paul Lipponer, der vor dem Sieg gegen Neuendorf schon 3:1 Punkte geholt hat.

Ein 4:0 in Friedrichsthal folgte, dann das entscheidende Spiel gegen Völklingen. Das ist inzwischen über eine Stunde alt und es steht immer noch 0:0. Absurd eigentlich. Und dann gibt es Freistoß für die Gäste. Winfried Habermann, der Rekordtorjäger Völklingens in dieser Liga, trifft. Es bleibt das einzige Tor in diesem Spiel und bedeutet die einzige Heimniederlage der Saison für die 05er. Und für die Neuendorfer, die keine Schwäche mehr zeigen, den zweiten Platz in der Aufstiegsrunde.

"Im Nachhinein habe ich mir Vorwürfe gemacht, dass ich in dieser Saison nicht stärker aufgetreten bin", sagt der damalige Mannschaftskapitän Hülß. "Das Unternehmen hatte ja einen sehr guten Anfang genommen." Wettig brachte zunächst einen Aufschwung, hielt die Platzierung aber am Ende nicht. "Das ist schade", sagt Hülß, "denn die Teilnahme an der Aufstiegsrunde hätte uns gut zu Gesicht gestanden. Solche Erfolge sind auf ewige Zeiten festgeschrieben." So bleiben ein unspektakulärer vierter Platz und eine große Mannschaft, die zwischen der Pokalelf von 1965 und den Südwestmeister von 1973 in Vergessenheit gerät.

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