Die Probleme waren schon größer

Christian Karn/Jörg Schneider. Mainz.
Die Lage beim FSV Mainz 05 zu Beginn dieser Bundesligasaison 2014/15 ist nicht eben rosig. Der Start von Kasper Hjulmand als Nachfolger des erfolgreichen Thomas Tuchel verläuft schwierig. Umbau und Neuausrichtung einer Mannschaft nach dem Verlust von Leistungsträgern, Direkt-Ausstieg aus Europa- und DFB-Vereinspokal. Nun ein Unentschieden in Paderborn zum Ligaauftakt. Es gibt Parallelen, die zeigen, dass solche Schwierigkeiten nicht ungewöhnlich sind und auch schon in heftigeren Ausprägungen vorkamen. Vor allem dann, wenn die 05er – wenn auch nur kurzzeitig – international unterwegs waren. Die Qualifikation für den Europapokal hat den Mainzern stets problematische Spielzeiten beschert.

05-Präsident Harald Strutz: Nur nicht die Ruhe verlieren und sich an ähnliche Situatonen erinnern. Foto: Jörg SchneiderDer FSV Mainz 05 hat in diesem Jahr zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte an einem europäischen Wettbewerb teilgenommen. 2005 qualifizierten sich die 05er, damals unter Jürgen Klopp, in ihrer allerersten Bundesligasaison als Elfter der Tabelle über die Fairplay-Wertung. 2011 beendeten sie die Saison mit Trainer Thomas Tuchel als einziger Bundesligist, der vom ersten bis zum letzten Spieltag immer auf einem der ersten fünf Plätze stand - die Serie von sieben Auftaktsiegen, damals noch Ligarekord, brachte den 05ern einen Vorsprung auf die letzten 13 Klubs der Tabelle, der nie zusammenbrach. Im Jahr 2014 mussten die Mainzer wochenlang den FC Augsburg abwehren und profitierten davon, dass sich beide Finalisten des DFB-Pokals als Deutscher Meister und Vizemeister schon für die Champions League qualifiziert hatten; so rückten die 05er als Tabellensiebter nach in den europäischen Wettbewerb.

Vergleichbar mit der Lage 2011

Eine Geschichte, die sich immer nachteilig auf den Ligabetrieb auswirkte. Die Situation im Jahr 2011 ist dabei durchaus vergleichbar mit der aktuellen Lage. Damals lag die Schwierigkeit darin, dass dem Klub die halbe Erfolgsmannschaft der Vorsaison verloren ging. Vom überragenden Offensivtrio blieb gar nichts übrig: Lewis Holtby war von Schalke nur ausgeliehen und war nicht zu halten am Bruchweg. André Schürrle wechselte für sehr viel Geld nach Leverkusen. Adam Szalai kam erst ganz kurz vor dem ersten Ligaspiel ohne jede vernünftige Vorbereitung von der Verletztenliste zurück. Der Offensivverteidiger Christian Fuchs war nicht mehr in Mainz, Mittelfeldstratege Miroslav Karhan wieder bei seinem Heimatklub Spartak Trnava in der Slowakei. Binnen sieben Tagen musste die neue Mannschaft (mit den Zugängen Julian Baumgartlinger, Maxim Choupo-Moting, Nicolai Müller, Zdenek Pospech, Zoltan Stieber, Anthony Ujah, Fabian Schönheim und Yunus Malli, die größtenteils einige Eingewöhnungszeit brauchten) die drei Spiele im Europa- und DFB-Pokal austragen, für die Thomas Tuchel drei völlig verschiedene Mannschaften nominierte.
Gegen Gaz Metan Medias, den rumänischen Pokalsieger, gab es trotz 44:4 Torschüssen in beiden Partien nur zwei 1:1-Remis. Das Elfmeterschießen gewannen die Rumänen. Feierabend. Dazwischen hatten die 05er auf dem hohen Rasen des Homburger Waldstadions ihre Mühe mit dem Viertligisten SV Niederauerbach, kamen aber in der Verlängerung weiter.

Zehn Spiele ohne einen Sieg

Und in der Liga? Da begann es zunächst äußerst vielversprechend. Die 05er gewannen ihre ersten beiden Saisonspiele. Es folgte jedoch eine ganz bittere Phase, in der Tuchel damals viel ausprobierte, die neuen Spieler Eingewöhnungszeit benötigten, die Mannschaft nach einem Weg suchte. Die Folge war eine Serie von zehn Spielen ohne einen Sieg, mit lediglich zwei Auswärtspünktchen. So etwas wie eine Krise. In jedem Fall düstere Stimmung. Die 05er gewannen erst wieder am 13. Spieltag und fingen sich danach. Die Neuzugänge kamen nach und nach an im Mainzer Spiel. Tuchels Team rutschte zwar insgesamt viermal auf den 15. Tabellenplatz, aber nie auf den Relegationsrang oder tiefer. Am Ende reichte es für Platz 13.

2005 verlor Mainz 05 zwischen den Flugreisen an die äußeren Kanten Europas die ersten fünf Bundesligaspiele. Das 0:1 in Köln durch einen Elfmeter in der 87. Minute war noch unglücklich, das 0:2 gegen den damaligen Topklub Werder Bremen mit dem überragenden Sturmduo Ivan Klasnic/Miroslav Klose normal. Dann wurde es stressig: Über Rostock (DFB-Pokalspiel bei Hansa II) ging es weiter nach Island, wo die 05er IB Keflavík schlugen. Von dort reiste die Mannschaft ohne Zwischenstopp zuhause direkt zum Auswärtsspiel nach Bielefeld, wo sie durch zwei Elfmeter 0:2 verlor. Dann Länderspielpause - viele Nationalspieler gab es damals immerhin nicht in Mainz -, Heimniederlage gegen den HSV, Auswärtsspiel in Sevilla, keine 48 Stunden später Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart, wiederum nur vier Tage nach der Partie ein Bundesligaspiel auf dem Betzenberg und dort zum ersten Mal überhaupt ein Auswärtssieg beim 1. FC Kaiserslautern. Nach fünf Auftaktniederlagen der erste, zweite und dritte Bundesligapunkt.

Der Europapokal war bald passé für die 05er. Auch das Rückspiel gegen Sevilla hatte weniger als 48 Stunden Abstand zum folgenden Auswärtsspiel in Mönchengladbach, auch das ging 0:1 verloren. Hilfreich waren diese vielen Fernreisen sicherlich nicht für die Arbeit in der Liga. Und dass Hertha BSC zwei Wochen später maulte, Mainz 05 würde sich nicht wie ein Fairplay-Sieger verhalten, weil die 05er nicht auf den letzten Drücker die Partie in der Hauptstadt verlegen und damit alle Reisepläne über den Haufen werfen wollten, machte die Berliner nicht gerade beliebter in Mainz.

Strutz: "Da müssen wir durch"

Die Bundesligaergebnisse stabilisierten sich nach dem Ausscheiden aus dem Europapokal. Auswärts ging zwar nicht viel, aber am Bruchweg verloren die 05er bis zum Saisonende nur noch das Rückspiel gegen den FCK am Fastnachtswochenende, ansonsten gar nichts mehr. Und die Niederlagen in der Fünften Jahreszeit hatten Tradition in Mainz. In der Abschlusstabelle reichte es schließlich für Platz elf.

Jetzt sind die Mainzer inmitten der Startphase der neuen Runde. Die Pokalsaison verlief nur ein bisschen unglücklicher als drei Jahre zuvor; im Ergebnis freilich erfolgloser. Die Umstände sind wahrscheinlich noch etwas schwieriger: Mit Zdenek Pospech, Nicolai Müller und Eric Maxim Choupo-Moting sind wieder drei Stammspieler gegangen, der neuer Trainer vertritt eine neue Spielphilosophie, die sich das Team erarbeiten und die sich verfestigen muss. Mainz 05 gehörte zu den Bundesligavereinen, die ein großes Kontingent an Profis zur Weltmeisterschaft nach Brasilien schickten. Die verspätete Rückkehr der Nationalspieler zur Mannschaft und die damit verbundenen unterschiedlichen Fitnesslevels behinderten die Vorbereitung.
Kasper Hjulmand weiß, dass es keine einfache Vorrunde wird in seiner ersten Saison in Deutschland. Der Trainer hat mit seinem Team in der Bundesliga nun ein 2:2 in Paderborn vorgelegt. Die Verantwortlichen wehren sich gegen jegliches Krisengerede und appellieren an den Gemeinschaftssinn aller 05er, Vertrauen zu zeigen, Mannschaft und Trainer zu unterstützen. Und mit Optimismus das erste Heimspiel am Sonntag in der Coface Arena gegen Hannover 96 anzugehen. „Wir erleben gerade eine Phase nach den vielen Jahren, in denen bei uns das meiste gut lief, durch die wir jetzt durch müssen. Wir dürfen nicht die Ruhe verlieren“, sagt 05-Chef Harald Strutz. Die Erinnerung an die Zeiten, in denen dem Klub in der Bundesliga in vergleichbaren Situationen Ungemach drohte und in denen es gelang, größeren Schaden abzuwenden, mag dabei behilflich sein.

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