Die Komplexität von Kondition, Prinzipien und Taktik

Christian Karn. Mainz.
Den ersten, den kurzfristigen Teil seiner Mission hat Martin Schmidt erfüllt: Die Spiele des FSV Mainz 05 sehen anders aus als zuvor. Zwar hat der neue Trainer der 05er von neun möglichen Punkten nur vier geholt, aber damit erfüllt er exakt das selbst definierte Soll. Und auch bei der Niederlage in Hoffenheim konnte man der Mannschaft über weite Strecken zutrauen, auf die gezeigte Weise Punkte holen zu können. Da nun das erste Feuer gelöscht und von Wasserschäden nichts zu sehen ist, kümmert sich Schmidt nun darum, auch längerfristige eigene Prinzipien und Routinen einzuführen.

Genau drei Wochen ist es nun her, dass Martin Schmidt der Öffentlichkeit als neuer Cheftrainer des FSV Mainz 05 vorgestellt wurde. Die erste Aufregung hat sich nach diesen drei Wochen gelegt. Alle kennen jetzt die Freundin, den Vater und die Ausgehgewohnheiten des Schweizers und interessieren sich langsam wieder für das Tagesgeschäft. In diesem hat Schmidt drei Spiele bestritten - erfolgreich nach seiner Rechnung: "Es gibt eine mathematische Regel", sagt der 05-Trainer. "Vier Punkte aus drei Spielen, 1,33 pro Spiel, das ist das Minimum, das rausschauen müsste." Vier Punkte aus drei Spielen sind Schmidts Bilanz, die freilich erst langfristig bewertbar wird: "Man kann mal zwei Spiele verlieren, dann braucht man irgendwann zwei Siege hintereinander." Die Erfahrung lehrt jedenfalls eins: Hochgerechnet auf eine Saison wären diese 44 bis 47 Punkte die Basis eines ordentlichen Mittelfeldplatzes in der Bundesligatabelle.

Nach dem 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach überwog das positive Gefühl: "Wir haben etwas geschafft, das nicht so schlecht ist", erklärt Schmidt. "Aber dann kamen die Sonntagsresultate. Jetzt haben wir einen Punkt fürs Selbstbewusstsein, aber eben nur einen Punkt. Und im Laufe der Trainingswoche prägt sich das Gefühl heraus, das man Drei-Punkte-Spiele braucht, um sich von hinten wegzuarbeiten."

Was Schmidt tatsächlich noch fehlt in seiner Bundesligabilanz, das ist eine 1:0-Führung. In allen Spielen, beim 3:1 gegen Eintracht Frankfurt, beim 0:2 in Hoffenheim sowieso, auch beim 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach, sind erst die Gegentore gefallen und dann die eigenen. "Gewollt ist das sicher nicht", sagt Schmidt. "aber wenn man mutig spielt, viel nach vorne investiert, dann fängt man mal einen." Gegen die Borussia hat Schmidt schon vor dem Rückstand gute und schlechte Phasen seiner Mannschaft gesehen. "Ich wollte das Tor nicht kassieren", erklärt er, "aber ich wollte aktiv offensiv sein. Den Spielern ist bewusst, dass man nach einem Rückstand auch zurückkommen kann. Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie sie auf einen Vorsprung reagieren."

Normalität, Tagesgeschäft, das bedeutet auch, dass Schmidt seine Ideen und seinen Stil nicht mehr kurzfristig anlegen muss, um aus dem scheinbaren Nichts Punkte zu holen, sondern langfristigere Routinen einführen kann. Wie den neuen Trainingsplan. Bislang wollten die 05er donnerstags unter sich sein, mittwochs dagegen haben sie vor Publikum trainiert. Künftig ist das umgekehrt. "Ich habe drei Ansätze im Training", erklärt der Trainer. "Kondition. Prinzipien wie Pressing und Gegenpressing. Und Taktik. Das geht natürlich nur in Kombination. Ich versuche, immer alles in der ganzen Komplexität auf den Platz zu bringen. Es geht immer nur um den Weg zum Spiel, um Fußball. Aber wir setzen Prioritäten." Die machen den Mittwoch zum Taktiktag. Am Dienstag trainierten die 05er Prinzipien. "Die kennen alle", sagt Schmidt. "Die darf auch jeder sehen. Aber letzten Mittwoch haben wir schon zuviel gezeigt. Wenn da Gladbach jemanden am Platz hatte... Der Donnerstag wird eher der Tag mit Flanken, Torschuss und so weiter. Ich glaube, Flanken trainiert auch jeder."

Das Ergebnis der taktischen Einheit haben die Gladbacher jedenfalls zu spüren bekommen, in doppelter Hinsicht. Zum Einen war das die Grundordnung im Mittelfeld, die über kurz oder lang auch zum ersten Bundesligator Julian Baumgartlingers führen soll. "Gegen Frankfurt war es knapp, als der Trapp den Ball unten geholt hat", stellt Schmidt fest. "Gegen Gladbach war es noch knapper, den hätte er fast oben reingenagelt. Bei mir rückt die Doppelsechs mit dem Ball mit." Nicht immer der gleiche Sechser, situationsbedingt wechseln sie sich ab, "aber beide kommen in Offensivsituationen und Abschlusssituationen. Wichtig ist natürlich erst einmal der Defensivverbund, aber wenn der Sechser offensiv rankommt, soll er ruhig ein Tor machen." Auch die Umstellung zur Halbzeit, als Schmidt die Sechser Baumgartlinger und Geis weiter nach außen stellte, um das defensive Mittelfeld der Gladbacher auseinanderzuziehen und Yunus Malli Räume zu öffnen, spielte eine Rolle bei der Wende im Spiel - trotz des 0:2, das erst später fiel, trotz des Pfostenschusses von Max Kruse.

Beim Führungstor der Gladbacher griff die neue Defensivstrategie der 05er nicht gut; eine Alleinschuld des Linksverteidigers Joo-Ho Park, der die Flanke nicht verhinderte, sieht 05-Trainer Martin Schmidt aber nicht. Die Schattenseite: Beispielsweise das 1:0 der Borussia, bei dem Joo-Ho Park die Flanke von Ibrahima Traoré nicht verhinderte. "Die Umstellung vom Sechser zum Linksverteidiger hat er gut gemacht", nahm Schmidt den Koreaner in Schutz. "Klar hätte er pressen können. Er hätte Druck auf Traoré ausüben können, so dass der einen Kontakt mehr braucht und wir in der Mitte bereit sind. Aber es war ein Folgefehler, weil wir im Mittelfeld schon nicht gut reagiert haben. Darum picke ich niemanden raus. Wir verteidigen auch einen Tick anders. Vorher haben wir im Block gestanden und verschoben, jetzt verteidigen wir mehr nach vorne. Und wir dürfen die Qualität des Gegners nicht vergessen. Das war ein Auftritt, wie wir ihn selten gesehen haben. Gladbach war dominanter als die Bayern. Robust, selbstbewusst. Das Ein-Kontakt-Spiel von Kruse, Raffael, Traoré, das kann man nicht über 90 Minuten verteidigen. Das war keine dahergelaufene Truppe, das muss man akzeptieren. Die Tore waren kein Zufall, aber es ist nicht einfach, uns so auszuspielen."

Aber dann waren da ja noch die beiden Mainzer Tore. Zunächst das 1:2, ein direkter Freistoß, unter Schmidt schon das dritte Standardtor, obwohl die 05er Standards noch nicht in aller Konsequenz trainiert hatten. "Wir haben Prioritäten gesetzt", sagt der Trainer. "Erstmal ging es darum, Standards zu verhindern. Das klappt seit drei Spielen." In denen es fünf Gegentore gab, alle aus dem Spiel heraus. Kreativität bei eigenen Standards sei der nächste Schritt. "Drei laufen drüber, einer stolpert, wir verlieren das erste Spiel, da kann ich ja nicht sagen: Aber wir haben Standards trainiert", erklärt Schmidt. Immerhin: "Den Einwurf zum 2:2, den haben wir geübt. Und was ist Kreativität? Wenn Geis in jedem Spiel einen reinpflanzt, braucht man nicht mehr viel Kreativität. Der nimmt die Dinger und haut sie rein, das ist doch auch eine Lösung, oder?"