Der Werkzeugkasten ist leer

Jörg Schneider
Der FSV Mainz 05 entwickelt sich zu einem der heißesten Anwärter auf die Teilnahme an den beiden Spielen um die Abstiegs-Relegation. Mit der 1:2-Niederlage beim FC Ingolstadt ist der einst so komfortable Punkte-Vorsprung komplett aufgebraucht, nur die um sieben Treffer bessere Torbilanz gegenüber dem in einer ähnlich dramatischen Abwärtsspirale befindlichen FC Augsburg hält die Mainzer auf Platz 15. Die Signale, die das Team aktuell aussendet, taugen wenig dazu, Zuversicht auf baldige Besserung zu schüren. In seinem Blog beleuchtet Jörg Schneider die aktuelle Lage nach dem 26. Spieltag.

25. Mai und 29. Mai. Das sind die vom Verband festgelegten Termine für die beiden Entscheidungsspiele zwischen dem Drittletzten der Ersten und dem Dritten der Zweiten Liga um den letzten freien Bundesligaplatz für die neue Saison. Der FSV Mainz 05 ist einer der heißesten Anwärter auf die Teilnahme an diesen beiden Relegationsspielen geworden. Die Mannschaft von Martin Schmidt steht zwar immer noch über dem Strich, lässt aber im Moment nichts aus, um sich für diese zwei Begegnungen zu bewerben. Mit der 1:2-Niederlage beim FC Ingolstadt ist der einst so komfortable Punkte-Vorsprung komplett aufgebraucht, nur die um sieben Treffer bessere Torbilanz gegenüber dem in einer ähnlich dramatischen Abwärtsspirale befindlichen FC Augsburg hält die Mainzer auf Platz 15. Am Mittwochabend empfangen die 05er zu Hause den Tabellenzweiten aus Leipzig, die Augsburger den FC Ingolstadt. Danach könnte auch das letzte Polster verschwunden und die Situation eingetreten sein, die sich zu Beginn der Rückrunde noch niemand vorstellen konnte. Noch sind 24 Punkte zu vergeben, acht Spiele, um die Lage zu entschärfen, es braucht allerdings schon ein Höchstmaß an Optimismus, um daran zu glauben, dass die 05er am Mittwoch gegen den Tabellenzweiten damit anfangen, den frappierenden Abwärtstrend zu stoppen. Denn die Signale, die das Team aktuell aussendet, taugen wenig dazu, Zuversicht zu schüren.

Es sind nicht alleine die Ergebnisse, die das Ganze prekär machen. Niederlagen können in der Bundesliga auch nach guten Leistungen passieren. Es ist die Art und Weise, wie die 05er in solche Niederlagen schlittern, die bedenklich stimmt. Die Mannschaft tappte wenige Wochen nach der heftigen Lektion von Darmstadt nun in Ingolstadt wieder genau in dieselbe Falle, präsentierte sich beim Tabellenvorletzten über weite Strecken fußballerisch noch schlechter und hilfloser als beim Schlusslicht und führte alle im Vorfeld von den Verantwortlichen geäußerten Vertrauenskundgebungen hinsichtlich eigener Qualität und Widerstandskraft ad absurdum. Wie in Darmstadt traten die Mainzer nervös, planlos und ohne Überzeugung in ihrem Tun auf, ließen sich von den leidenschaftlich kämpfenden, aber fußballerisch mit einfachstem Mitteln arbeitenden Ingolstädtern auf ein Niveau herabziehen, das sie selbst dann sogar noch unterschritten. Die 05er bettelten in der Anfangsphase mit ihrem nervösen, fehlerhaften und im Zweikampf unterlegenen Auftreten förmlich um den Gegentreffer, der sich früh ankündigte und dann auch prompt fiel. Bezeichnenderweise erneut nach einem Abstimmungsfehler in der Zuordnung bei einer Standardsituation. Inzwischen Normalität und diesmal mit Verständigungsproblemen begründet. Er habe sich mit Jean-Philippe Gbamin vorher abgestimmt, die Zuordnung beim Eckball zu wechseln, erklärte Stefan Bell nach dem Kopfballtor von Romain Brégerie in der 10. Minute. Gbamin interpretierte die Absprache anders, der  FCI-Verteidiger kam mit Anlauf relativ ungehindert von Gbamin oder Bell zum Kopfballabschluss.

Der Auftakt zur Niederlage: Eigentlich hätte Jean-Philippe Gbamin (ganz rechts) seinen Landsmann Romain Brégerie beim Eckball übernehmen sollen. Der Franzose interpretierte die Ansage falsch, blieb weg, ließ dem Ingolstädter Verteidiger den Freiraum zum Führungstor. Foto: imagoDanach war der Matchplan, die Angriffe des Gegners einzudämmen, Balleroberungen zu schaffen, nach und nach in die Offensivumschaltung zu gelangen, komplett am Ende. Dass die 05-Profis in die Spielmacherrolle gedrängt damit wenig anzufangen wissen, ist nicht neu. Dass ihre Bemühungen jedoch bereits zum großen Teil im eigenen Mittelfeld endeten, weil ihre Bolzeinlagen selten den Mitspieler erreichten, sie die vom Gegner abgewehrten zweiten Bälle nicht eroberten, sie plan- und ideenlos bis zur Pause keinen einzigen auch nur halbwegs gefährlichen Torschuss, von Aktionen am gegnerischen Strafraum mal ganz abgesehen, produzierten, hatte allerdings noch einmal eine neue Qualität. Die leichte und nötige Leistungssteigerung führte in der zweiten Halbzeit immerhin dazu, dass sich die Gäste besser anstellten, mehr Druck aufbauten, durch den Freistoß von Levin Öztunali, an dem Pablo De Blasis möglicherweise noch mit den Haarspitzen dran war, immerhin den Ausgleich schafften und kurzfristig den Eindruck vermittelten, sie könnten die Partie eventuell noch drehen. Doch die ganz großen Chancen brachte die verbesserte Spielweise nicht ein, auch nicht mehr nach der verunglückten Flanke von Florent Hadergjonaj von der Außenlinie, die sich ins lange Eck zum 2:1 senkte und endgültig die Niederlage besiegelte.

Das Schmidt-Team dokumentierte in dieser Partie einmal mehr, dass die Mannschaft die oft herausgestellten Prinzipien verloren hat. Im Moment, so scheint es, ist da nichts, auf das sich die Mainzer in ihrem Spiel verlassen können. Der teameigene Werkzeugkasten ist entweder leer, oder die Spieler greifen bei ihren Reparaturarbeiten zu den falschen Werkzeugen. In dieser Gemengelage des dramatischen Formabfalls der Mannschaft im Laufe der Rückrunde kann auch der Trainer nicht außen vor bleiben. Martin Schmidts taktische Entscheidungen und personelle Maßnahmen wirken inzwischen seltsam verkopft und zu stark auf den Gegner projiziert. Von der Devise, nur auf die eigenen Stärken zu achten oder mit einem mutigen Plan wie beim Auswärtssieg in Leverkusen, mit beherzter Aktion statt Reaktion den Gegner selbst vor Probleme zu stellen, ist der 49-Jährige derzeit weit entfernt. In Ingolstadt reagierte der Coach schon in seiner Aufstellung auf die zu erwartenden Umstände, verzichtete in der ersten Hälfte auf den impulsiven Fighter Giulio Donati mit dem Argument, in dieser Auseinandersetzung mit dem aggressiven, auf Foulprovokation getrimmten Gegner sei der heißblütige Italiener der falsche Mann. Schmidt schickte stattdessen Leon Balogun ins Rennen, der in diesem Jahr noch kein Bundesligaspiel bestritt und auch genauso wacklig spielte. Der 05-Trainer musste Donati nach der Pause dann doch bringen und der Italiener war Profi genug, um mit dem hitzigen Geschehen zurechtzukommen und von Anfang an mehr Druck und Gegenwehr ins eigene Spiel zu bringen. Damit war aber schon mal eine Wechseloption vertan. Und ein halbes Spiel.

Auch der Plan, Danny Latza als vorderen Mittelfeldspieler mit offensiverer Ausrichtung zu positionieren, passte nicht. Latza kann seine Stärken als kilometerfressender Sechser und Balleroberer ausspielen, der daraus Aktionen nach vorne einleitet. Die Rolle als Quasi-Spielmacher liegt dem 27-Jährigen nicht sonderlich. Da bietet der Kader vom Profil her sicher besser geeignete Kandidaten. Schmidt versuchte das Ganze mit der überraschenden Hereinnahme von Suat Serdar zu korrigieren, der die Position übernahm. Latza ging zurück auf die Doppelsechs. Gbamin, bis dahin einer der wenigen 05er, der mit Raumüberwindung und Aktionen aus dem Mittelfeld wenigstens zeitweise um Angriffsdruck und Offensiv-Lösungen bemüht war, ersetzte Niko Bungert als Innenverteidiger. Serdar bemühte sich auf der Position, aber die Bürde für den 20-Jährigen, der ebenfalls seit Monaten kein Bundesligaspiel bestritten hat, das Offensivspiel anzukurbeln und die Kohlen aus dem Feuer zu holen, war zu groß. Yoshinori Muto, Bojan Krkic oder Jairo blieben auf der Bank. Robin Quaison kam schließlich als einziger Einwechselspieler aus der Offensivreihe wenige Minuten vor dem Ende, ohne noch einmal Wirkung zu erzwingen.

Auf die Trainerdiskussion, die im Umfeld längst massiv geführt wird, will sich der Klub nicht einlassen. „Auf keinen Fall“, wie Sportdirektor Rouven Schröder in Ingolstadt bekräftigte. Vor der Partie gab Vorstandsprecher Jürgen Doetz in Ingolstadt dem Coach vor laufender Fernsehkamera sogar eine Arbeitsplatz-Garantie. Schmidt muss seine Herangehensweise nach dieser Niederlage jedoch ebenfalls neu bewerten und weiß, dass er als Trainer letztlich Ergebnisse braucht, um die üblichen Mechanismen der Branche nicht auszulösen. Bei aller Kritik an seinen Maßnahmen dürfen die Profis jedoch nicht aus der kritischen Beleuchtung herausgenommen werden. Die 05-Spieler geben derzeit durch die Bank ein extrem schlechtes Bild ab und vermitteln nicht den Eindruck, dass sie mit der Situation, in die sie sich hinein manövriert haben, wirklich umgehen können.

Sie werden beim FSV Mainz 05 in diesen Tagen über die Bücher gehen und jeden einzelnen Stein umdrehen müssen. Noch ist Zeit und Gelegenheit, das Schlimmste zu verhindern. Doch die Gelegenheiten werden weniger. Am Mittwochabend gegen die Leipziger muss die Mannschaft zumindest ein Zeichen setzen, ein neues Signal geben. Mental, taktisch, in Sachen Widerstandskraft und Behauptungswillen. Und es wäre auch mal ganz gut, dabei wenigstens ansatzweise Fußball zu spielen. Das kann ihnen letztlich kein Trainer abnehmen.

Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.