„Der Verdacht, dass ich immer nur nett bin, ist nicht richtig“

Jörg Schneider. Mainz.
Kasper Hjulmand hat vor seiner Abreise ins heimatliche Dänemark, wo der Trainer des FSV Mainz 05 mit der Familie die Weihnachtsferien verbringt, noch einmal am Bruchweg über die vergangenen sechs Monate gesprochen. Über die Vorrunde als Trainer eines Bunddesligateams, der ein schwieriges Erbe in einem in den vergangenen Jahren sehr erfolgreichen Klub angetreten hat. Über die Entwicklung einer Mannschaft, die in der Vorrunde, wie der 42-Jährige einräumt, fünf Punkte mehr hätte einfahren können.

Immer bei der Arbeit: Kasper Hjulmand vor dem Abschlussgespräch mit den Journalisten am Bruchweg. Foto: Jörg SchneiderManchmal, sagt Kasper Hjulmand, träume er von einem längeren Urlaub. Mal nach Thailand reisen oder so und für eine Weile alles hinter sich lassen. Dafür hat sich der 42-jährige Fußballlehrer dann doch den falschen Job ausgesucht. Seit zwei Jahren standen immer die Aufgaben und die Verantwortung als Profi-Trainer zwischen dem Dänen und einer entspannenden Ferienreise.

In diesem Sommer übernahm Hjulmand seinen ersten Posten als Cheftrainer außerhalb Dänemarks. „Für mich persönlich ein großer Schritt“, sagt er. Einfach war der Sprung in die Bundesliga für den ausgewiesenen Fachmann keineswegs. Und einfach wird die Geschichte für ihn im neuen Jahr wieder nicht werden. „Seit dem 10. Juni habe ich eigentlich 24 Stunden am Tag an Fußball gedacht“, sagt Hjulmand nach dem Ende der Vorrunde. Kein Wunder, dass die Familie nun verstärkt Ansprüche anmeldete. „Vor allem die Kinder wollten, dass wir Weihnachten alle zusammen zu Hause feiern.“ Also ging’s am Wochenende ab nach Dänemark. Dort soll das Thema Fußball und Mainz 05 nach Möglichkeit außen vor bleiben, wenn auch zu erwarten ist, dass dies nicht komplett gelingt. Christian Heidel, der 05-Manager, ist dabei, den Bundesligakader zu optimieren, und wird sich garantiert hin und wieder beim Trainer melden, um entsprechende Entwicklungen besprechen zu wollen.

Vor der Fahrt Richtung Norden hatte Kasper Hjulmand noch einmal einen Talk mit den Journalisten angesetzt, um einiges zu erklären und gerade zu rücken. 18 Punkte hat der 42-Jährige in dieser Halbserie mit seiner Mannschaft erreicht. „Es hätten fünf Zähler mehr sein müssen“, betont er. Über die Gründe dafür, dass dies nicht gelang, ist in den vergangenen Wochen viel geschrieben und diskutiert worden. „Ich habe nach jedem Spiel meine Entscheidungen überprüft, mich immer gefragt, waren die Entscheidungen richtig? Hätte ich es anders, besser machen können?“, erklärt Hjulmand. „Die Analysen haben immer ergeben, dass man es besser machen kann. Ich habe immer Ideen, vielleicht manchmal zu viele.“

"Kasper ist zu nett und Ballbesitz ist Scheiße"

Doch manche Einschätzungen mag der Däne einfach nicht teilen. „In den vergangenen Wochen hatte ich den Eindruck es geht um zwei Dinge: Kasper ist zu nett und Ballbesitz ist Scheiße.“ Er selbst habe Reaktionen in dieser Art erwartet und Christian Heidel schon vor dem Antritt in Mainz darauf hingewiesen. Denn ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass die Entwicklung bei Mainz 05 in der Ära nach Thomas Tuchel schwierig und zeitraubend werde, viel Geduld erfordere.

Kasper Hjulmand mit Co-Trainer Keld Bordinggaard auf dem Trainingsplatz. Foto: Jörg SchneiderIm 05-Kader habe es im Sommer große Veränderungen gegeben. 13 Spieler, die den Verein verließen, 13 neue Profis, die integriert werden mussten. „Aus einer alten Mannschaft ist innerhalb von kurzer Zeit eine junge Mannschaft geworden. Ein neuer Trainerstab. Eine neue Spielwiese. Neue Ideen und andere Herangehensweisen. Und trotzdem ein Gesamtpaket, das mit Mainz-05-Inhalten gefüllt sein sollte. „Das alles habe ich vorher aufgeschrieben.“ Den 05- Verantwortlichen sei dies bewusst gewesen, sie hätten die Entwicklungszeit einkalkuliert.

„Mit einigen Themen in unserem Spiel bin ich sehr zufrieden“, sagt der 42-Jährige. Die Entwicklung sei insgesamt gut. „Wir sind im Bereich der hochintensiven Laufwege die Nummer vier in der Bundesliga. In Sachen Ballbesitz die Nummer fünf. Wir haben gesehen, dass die Spiele immer auf der Kippe stehen. Wenige Prozente in die eine oder andere Richtung entscheiden über die Punkte. Wir müssen immer alles optimieren, um Punkte zu holen.“

Der Profi-Fußball verändere sich stetig. Jeder Trainer habe seine eigene Art der Führung. „Ich weiß genau, was ich tue. Ich versuche meine Art und Weise von Fußball und Führung zu vermitteln. Der Verdacht, dass ich immer nur nett bin, ist nicht richtig“, erklärt Hjulmand. „Menschen brauchen Zeit, um einander kennenzulernen. Das dauert eine Weile. Ich bin als Trainer nie zufrieden. Ich versuche, die Spieler zu überzeugen und sie zu verbessern, aber nicht mit Lautstärke. Da gibt es andere Möglichkeiten.“

Vertrauen in den gewieften Taktiker

Die Veränderungen im Mainzer Spiel in den engen Phasen seien von etlichen Journalisten mit Passivität und fehlender  Aggressivität beschrieben worden. „Aber das ist nicht richtig.“  Aktives Spiel, Aggressivität, Zweikampfstärke, Laufwege seien auch für ihn wichtige Grundvoraussetzungen. „Doch wir wollen mehr Kontrolle haben, wir wollen so schnell wie möglich vertikale Bälle spielen, wir suchen nach konstruktiven Ideen, damit wir in diesen Situationen Überzahl herstellen können.“ Besonders wenn es darum gehe, tiefstehende Gegner zu bearbeiten.

Fachleute unter sich: Kasper Hjulmand mit dem Freiburger Kollegen Christian Streich. Foto: ImagoDas habe nicht immer funktioniert. Auch deshalb, weil wichtige Spieler in allen Bereichen teilweise über lange Strecken nicht zur Verfügung standen, weil es teilweise Probleme mit der individuellen und kollektiven  Qualität gegeben habe. „Wir sind schon ein gutes Stück auf unserem Weg vorangekommen“, sagt Hjulmand, „wir werden daran weiterarbeiten mit aller Kraft. Meine Aufgabe ist es, alles zusammenzuführen. Jeder Spieler kann jeden Tag noch etwas dazulernen. Egal, wie alt er ist.“

Dass Hjulmand ein gewiefter Taktiker ist, hat nicht erst die hervorragende Vorstellung seiner Mannschaft im Spiel gegen den FC Bayern München bewiesen. Der Däne genießt das vorbehaltlose Vertrauen im Klub, seine Vorstellungen umzusetzen. Das Bayern-Spiel hat ihm dabei trotz der Niederlage noch einmal ein gutes Gefühl gegeben, dass die Mannschaft auf einem guten Weg sei, ihr Spiel weiterzuentwickeln. „Uns fehlt noch die Durchschlagskraft, dass wir vorne besser werden. Das ist das große Thema“, sagt der Däne. „Wir brauchen da Kreativität, aber auch Systematik.“

Die 05-Profis erholen sich derzeit von den Bundesliga-Strapazen im wohlverdienten Urlaub. Jeder hat ein Hausaufgabenpaket mit auf die Reise genommen. Am 5. Januar geht es am Bruchweg weiter. Mit voller Kraft, mit hoher Intensität und aller Energie. Dann kann Kasper Hjulmand nach Lage der Dinge, wieder mit den zuletzt wegen Verletzung fehlenden Profis arbeiten, muss aber auf Shinji Okazaki und die beiden Koreaner Ja-Cheol Koo und Joo-Ho Park verzichten, die mit ihren Nationalmannschaften am Asien-Cup teilnehmen. Mit Pierre Bengtsson kommt ein neuer Linksverteidiger aus Schweden hinzu. Möglicherweise gibt es weitere Veränderungen im  Kader. Möglicherweise im Angriff.

Am 13. Januar fliegen die 05er nach Spanien, beziehen ihr Trainingslager in Marbella. „Unser Ziel ist es, zum Rückrundenstart eine starkes Team aufzubieten, das Punkte holt, um den Abstand zu den Abstiegsrängen so schnell wie möglich zu vergrößern“, sagt der 05-Trainer. „Wir haben viel Vertrauen in unsere Arbeit. Wir werden den Kader justieren. Dann sind wir bereit.“  

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