Der Vater der Kompanie

Christian Karn. Mainz.
Einer der bedeutendsten Spieler aus den Zweitligajahren des FSV Mainz 05 hat heute seinen runden Geburtstag: Peter Neustädter, jahrelang der Fixpunkt in der 05-Abwehr, geachtet für seine Zuverlässigkeit, gefürchtet für seine knallharten Freistöße, die die Mauer umschossen, wird 50 Jahre alt. Eine Würdigung einer Fußballlegende, die in Mainz große Spuren hinterlassen hat und dessen Denkmal doch am Ende vom Sockel gestürzt werden musste.

"A Kasach?", soll Didi Constantini, der glücklose Österreicher, der 1997/98 zwischen Wolfgang Frank und Wolfgang Frank die mal wieder nahezu untrainierbaren 05er am Hals hatte, gefragt haben, als man ihm Peter Neustädters Herkunft verriet. "Dös san die Ärgsten!" Für die Gegenspieler war es in der Tat eine undankbare Aufgabe, gegen den Mainzer Routinier zu spielen. Es war oft einfach nicht möglich, an diesem unfassbar zuverlässigen Manndecker vorbeizukommen.

In der Sowjetunion war Neustädter einst ein Pendler zwischen der ersten und zweiten Liga, kein Star. Für Kasachstan absolvierte er später mal drei Länderspiele. Mainz 05 war die dritte Station in Deutschland für den harten, aber fairen, robusten, zweikampf- und kopfballstarken, stellungssicheren Verteidiger, nach glücklosen Zeiten in Karlsruhe und Chemnitz. 28 Jahre war Neustädter schon alt, als Christian Heidel ihn 1994 an den Bruchweg holte. Schon im ersten Jahr sprach er davon, seine Karriere irgendwann in Mainz beenden zu wollen. Dass das noch mehr als zehn Jahre dauern würde, auf die Idee wäre damals keiner gekommen.

In 239 Zweitligaspielen unumstößlicher Fixpunkt in der Mainzer Abwehr: Peter Neustädter, der heute 50 Jahre alt wird. Foto: imagoAber bis 2001 war Neustädter, der Stumme, der Asket, einfach nicht wegzudenken aus der Mainzer Abwehr. Um ihn herum mochte die Defensive bröckeln, nach dem Karriereende seines Partners, des großen Jugoslawen Miroslav Tanjga, mochte ein Manndecker nach dem anderen scheitern, Tony Sekulic, Mark Schierenberg, Bernard Schuiteman - halblinks in der Viererkette wusste immer einer, was er tat, wie man Stürmer aufhält. Anders als sein ebenso legendärer indirekter Nachfolger Nikolce Noveski wagte sich Peter Neustädter nie nach vorne, auch nicht bei Eckbällen, aber wenn es einen Freistoß gab, ein paar Meter vor dem Strafraum, dann war das ein Job für die Nummer 5. Und wer dabei war, der wird nie die Sprachlosigkeit am Bruchweg vergessen, als Neustädter Ende August 1998 gegen Köln einen herrlichen Ball über die Mauer zum 2:1 ins Eck schnickte. Denn normalerweise ging das anders. Humorlos, brachial, knallhart, flach unter der Mauer durch, und wenn der Torwart mit der Hand dran war, war die halt ab. Selber schuld. So schoss Neustädter sechs seiner neun Tore in den 239 Zweitligaspielen für die 05er (nur Dimo Wache und Jürgen Klopp haben mehr), darunter beide beim 2:0 gegen die Stuttgarter Kickers, das die Mainzer 1999/00 wohl vor dem Abstieg rettete.

Bemerkenswert dabei: Einen Profivertrag hatte Neustädter in seiner langen Karriere in Mainz nie. Grund dafür waren sowjetische Altlasten: Ein Vertragskonstrukt versprach einem Ex-Verein eine gewaltige Ablöse, sollte Neustädter mal Auslandsprofi werden. Regelmäßig - so geht zumindest die Legende - sei eine Delegation aus Russland in Mainz aufgetaucht, vor der Neustädter eine Heidenangst gehabt habe. Man habe festgestellt, dass der alte Mann immer noch als Amateur geführt wurde, habe mit Christian Heidel eine Flasche Wodka geleert und sei wieder abgereist. Heidels immerwährende Dankbarkeit war Neustädter gewiss.

Ab 2001 baute der Verteidiger langsam ab. Eine ewige Fußverletzung war der Grund. "Voltaren, wird schon gehn", murmelte Neustädter dann und hielt durch. Erst 2003 gab es eine letzte Einwechslung bei den Profis, da war Peter Neustädter bereits 37 Jahre alt. Und spielte noch - soweit die Fitness es zuließ - drei Jahre lang als Abwehrchef bei den 05-Amateuren. Das letzte Spiel machte der Routinier zwei Monate vor seinem 40. Geburtstag, dann wurde er zum Trainer befördert. Und nur zwei Spieltage später debütierte Peters Sohn Roman Neustädter, später kurzzeitig A-Nationalspieler und jetzt auf dem Weg zur russischen Sbornaja, im Team des Vaters.

Während seiner langen Leidenszeit war Peter Neustädter noch in ganz anderer Funktion wichtig für seinen Klub. 2000 nämlich verpflichtete Heidel gegen den Widerstand seines neuen Trainers René Vandereycken ein hochbegabtes, aber faules und undiszipliniertes Talent aus Mönchengladbach. Andrey Voronin. Musterprofi Neustädter, so etwas Ähnliches wie ein Landsmann für den Ukrainer, wurde eine Vaterfigur für den Jungen, trieb ihm die Flausen aus, machte ihn zum einigermaßen seriösen Berufsfußballer. Dieser blickte am Ende seiner Karriere vor einem Jahr zurück auf 382 Profispiele und 114 Tore in Deutschland, England und Russland, auf 74 A-Länderspiele, auf die Torjägerkanone der 2. Liga - alles auch dank Papa Neustädter.

Grund 66

Basierend auf: "Weil Vater und Sohn bei uns in einer Mannschaft spielen". In: Christian Karn/Mara Braun: "111 Gründe, Mainz 05 zu lieben". Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin, 2013.

Dessen Zeit in Mainz endete traurig. Nach vier Jahren als Trainer der zweiten Mannschaft musste er 2010 wenige Spiele vor Saisonende gehen, weil man es ihm nicht zutraute, den drohenden Absturz in die fünfte Liga zu verhindern. Als Verteidiger war Neustädter eine Legende, eine Führungsfigur, ein Idol der Fans. Als Trainer - noch ohne Ausbildung zum Fußballlehrer - war er einfach nicht gut genug für das, was man von ihm forderte. Es fiel dem Vorstand schwer, einen so verdienten Mann nach 16 Jahren herauswerfen zu müssen, aber viele Argumente für eine Weiterbeschäftigung gab es nicht. Neustädter reagierte zutiefst gekränkt, der Kontakt riss abrupt ab.

Heute wird Peter Neustädter, der inzwischen im aserbaidschanischen Jugendfußball arbeitet, 50 Jahre alt.

Ergebnisse am 16. Februar:

1936: SV Wiesbaden - FSV Mainz 05 2:2  
1958: FV Speyer - FSV Mainz 05 0:0  
1964: FSV Mainz 05 - Phönix Ludwigshafen 1:1  
2002: FSV Mainz 05 - Rot-Weiß Oberhausen 3:3  
2003: FSV Mainz 05 - Rot-Weiß Oberhausen 2:1  
2004: 1. FC Nürnberg - FSV Mainz 05 2:2  
2013: FSV Mainz 05 - FC Schalke 04 2:2  

 

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