Der Überflieger und die Realität

Christian Karn. Mainz.
Der rasante Aufstieg des SV Darmstadt 98 vom drittletzten Platz der 3. Liga zum Klassenverbleib in der Bundesliga kam selbst für die Hessen selbst ohne Vorwarnung. In ihrem zweiten neuzeitlichen Bundesligajahr stellen die "Lilien" nun fest: Es ging ein bisschen zu schnell. Zeit und Geld reichten nicht, um die Mannschaft längerfristig auf Bundesliganiveau zu bringen, um dem Abstieg im letzten Saisondrittel noch zu entgehen, braucht der Verein das nächste Fußballwunder. Das 2:1 gegen Borussia Dortmund zeigt jedoch als Warnung für den FSV Mainz 05, der heute in Darmstadt antritt: Kurzfristig ist dort weiterhin alles möglich.

Aus der Meisterschaft ist dann doch nichts geworden, auch der Champions-League-Sieg ist in diesem Jahr nicht mehr möglich. Abzusehen war es natürlich, dass die Höhenflieger irgendwann an ihre Grenzen stoßen würden. Darmstadt 98, fassen wir's noch einmal zusammen, ist immerhin 2013 sportlich aus der 3. Liga abgestiegen und nur durch den Lizenzverlust eines Konkurrenten drittklassig geblieben, ist 2014 in die 2. Liga aufgestiegen, ist 2015 in die Bundesliga aufgestiegen, ist 2016 mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit Vierzehnter geworden, was unter diesen Umständen schon eine Art Meisterschaft ist, zumindest eine Verbesserung binnen drei Jahren um 40 Tabellenplätze. Spielt daher 2017 immer noch in der Bundesliga. Aber vieles spricht dafür, dass die heutige Partie gegen den FSV Mainz 05 das für unbestimmte Zeit letzte Bundesligaderby der "Lilien" ist. Auch ein Heimsieg würde den Rückstand auf den Relegationsplatz lediglich auf acht Punkte verringern.

Darmstadt 98 hat es nicht geschafft, mit dem eigenen Erfolg mitzuhalten. Die Hessen sind keiner von denjenigen Aufsteigern, die mal eben ein paar Dutzend Millionen in Neuzugänge investieren können. Aus der sportlich abgestiegenen Drittliga-Mannschaft von 2013 (in der übrigens auch der heutige 05er Danny Latza zu den Leistungsträgern zählte) ist zwar nur noch der Kapitän übrig, der tatsächlich zum formidablen Bundesliga-Innenverteidiger gereifte Aytac Sulu, einige Spieler mit teils gewaltiger Erstliga-Erfahrung sind zwischendrin ans Böllenfalltor gewechselt. Im zweiten Jahr nach dem Aufstieg aber, in dem mit dem spektakulär eingeschlagenen Torjäger Sandro Wagner, mit dem jungen, aber schnell gereiften Torwart Christian Mathenia, der aus dem Mainzer Nachwuchs zum Zweitliga-Aufsteiger gewechselt war, mit dem Linksverteidiger Konstantin Rausch, mit dem Innenverteidiger Luca Caldirola vier wichtige Leistungsträger nicht mehr dabei sind, stellt sich heraus: Es reicht nicht.

Natürlich sind die "Lilien" in ihre eigene Falle gerannt. Natürlich sehenden Auges, weil die Alternative auch nicht besser gewesen wäre. Mit ihrer Drittliga-, mit ihrer Zweitligatruppe hätten sie gar nicht erst in der Bundesliga anzutreten brauchen, sie hatten auch nicht die Zeit, um die Mannschaft schrittweise auf ein höheres Niveau zu bringen. Sie mussten schnell und mit wenig Geld Entwicklungsschritte überspringen. Das funktioniert nicht.

Auch das gehört zur Realität des Tabellenletzten: Jan Rosenthal freut sich mit Antonio Colak über dessen Siegtor gegen Borussia Dortmund. Foto: imagoAls Tabellenletzter mit gerade mal drei Siegen und drei Unentschieden (alle zuhause) in 23 Saisonspielen brauchen die Darmstädter daher noch ein weiteres Wunder, um in der Bundesliga zu bleiben. Elf Punkte Rückstand sind ja für sich gesehen schon ein gewaltiges Handicap, aber auch die Tendenz spricht nicht für die Lilien: Acht ihrer zwölf Punkte gewannen sie in den ersten vier Heimspielen, die nächsten vier verloren sie zu Null, die verbleibenden vier waren ein 0:0 gegen Gladbach, ein 1:6 gegen Köln, zuletzt ein 1:2 gegen Augsburg. Und dazwischen ein völlig überraschendes, aber auch völlig verdientes 2:1 gegen Borussia Dortmund. Das inmitten der vielen Niederlagen halt auch nicht so viel wert ist, aber zumindest kommende Darmstädter Gäste ein bisschen nervös machen müsste: Grundsätzlich, das weiß man jetzt wieder, ist es nämlich durchaus möglich, am Böllenfalltor auf die Nase zu fliegen!

Der neue Trainer Torsten Frings, der in der Winterpause die "Lilien" übernahm, hat weiterhin einige Routine in seiner Mannschaft. Peter Niemeyer mit seinen 145 Bundesligaspielen (mehrheitlich für Hertha BSC) übertrifft jeden aktuellen 05er außer Niko Bungert, Hamit Altintop (181, u.a. für Schalke und die Bayern) selbst diesen, der ehemalige A-Nationalspieler Sidney Sam (115) wäre auch weit vorne dabei. Bis auf Stammtorwart Michael Esser sind alle wichtigen Spieler bereit fürs Derby. Im letzten Jahr hatte der Aufsteiger die Qualität, ein 0:2 auszugleichen, das Glück, nach dem erneuten Rückstand in der Nachspielzeit einen absurden Elfmeter zu bekommen, das Pech, dass Torjäger Wagner den Ball mit Schmackes übers Tor und gegen ein Kameragerüst in der Fankurve schoss. In der 96. Minute erst wussten die 05er, dass sie 3:2 gewonnen hatten. Gegen die in den letzten Wochen tatsächlich verbesserten Darmstädter wäre das (je nach Spielverlauf) auch in diesem Jahr wahrscheinlich ein Ergebnis, mit dem sich der etablierte Nachbar schnell arrangieren könnte.

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