An der Taktiktafel erscheint vieles logisch

Jörg Schneider. Mainz.
Wenn der FSV Mainz 05 am Samstag 15.30 Uhr) zur ersten Runde im DFB-Pokal beim Lüneburger SK Hansa antritt, dann muss sich im ersten Pflichtspiel der neuen Saison zeigen, wie weit der Bundesligakader gereift ist, wie stark die 05-Profis die veränderte Spielweise unter dem neuen Trainer verinnerlicht haben. Sandro Schwarz hat der nullfünfMixedZone an der Taktiktafel elementare Dinge des künftigen 05-Spiels wie Vorwärtsverteidigung, eigener Ballbesitz sowie einige Begrifflichkeiten erklärt. „Es geht nicht darum, dass der Schwarz jetzt den Fußball hier auf den Kopf stellt. Es ist nichts Neues, was wir machen. Das ist kein Hexenwerk. Es ist das, was wir gelernt haben in der Trainer-Entwicklung“, betont der 38-Jährige.

Nachfrage beim Trainer nach dem richtigen Laufweg: Pablo De Blasis und Sandro Schwarz im Training. Foto: Jörg SchneiderNicht ganz sechs Wochen liegen nun zwischen dem Start in die Saisonvorbereitungen und dem ersten Pflichtspiel. Nach anderthalb Monaten intensiver Trainingsarbeit und sieben Testspielen steht der FSV Mainz 05 am Samstag (15.30 Uhr) beim Lüneburger SK Hansa, dem Tabellenführer der Regionalliga Nord, auf der Matte. Erste Runde im DFB-Pokal und für den Cheftrainer die erste richtige Bewährungsprobe seiner noch jungen Amtszeit. Der neue Trainer hat viel verändert. Sein Team hat mit den fünf durchweg hochkarätigen und vielversprechenden Neuzugängen ein neues Gesicht erhalten. Schwarz hat das 05-Spiel neu strukturiert, neue Schwerpunkte gesetzt, sich einen homogenen Kader zusammengestellt, in dem alle Profis ihre Einsatzambitionen in dieser Vorbereitung unterstrichen. Ein Kader, mit dem sich der neue Trainer gut aufgestellt fühlt für alle Anforderungen und Herausforderzungen, die nun kommen. Vor allem, wenn nächste Woche die Bundesligarunde mit dem Heimspiel gegen Hannover 96 beginnt.

Er wisse, wo die Mannschaft stehe, hat der 38-Jährige im Vorfeld dieser Pokalaufgabe gesagt. Die Mannschaft sei nun auf dem Level, dass sie Spiele gewinnen könne. Die Entwicklung reiche definitiv aus, um dieses Pokalspiel erfolgreich bestreiten zu können. Schwarz hat die Spielweise der 05er verändert. Weg vom reinen Umschaltfußball, wie ihn Martin Schmidt zuvor interpretierte und am Ende zu selten erfolgreich auf den Platz brachte. Hin zum variablen Spiel mit hochintensiver Arbeit gegen den Ball, genauso wie im Spiel aus eigenem Ballbesitz heraus mit vielfältigen Lösungsansätzen im Offensivspiel und Chancenerarbeitung im und um den gegnerischen Strafraum herum. Das sollen die Zuschauer im Stadion erkennen. „Wir wollen die Leute begeistern mit unserer Arbeit, unserer Bereitschaft und der Intensität, die wir an den Tag legen“, sagt der 38-Jährige. „Das ist kein Hexenwerk. Es geht nicht darum, dass der Schwarz jetzt den Fußball hier auf den Kopf stellt. Es ist nichts Neues, was wir machen. Es ist das, was wir gelernt haben in der Trainer-Entwicklung.“ Das seien zudem die Ideen, die man im eigenen Nachwuchsleistungszentrum niedergeschrieben und die der Coach auch mit der U23 umzusetzen versucht habe. „Wir versuchen, das Ganze immer weiter zu intensivieren und perfektionieren“, sagt der Trainer. Einiges davon habe die Mannschaft auch im letzten Jahr schon immer wieder so gemacht. „Wir wollen jeden Tag mehr Entwicklung sehen.“ Die Vorbereitung habe genau das abgebildet. Gegen Aachen fehlte noch über weite Strecken die Struktur. „Dann hatten wir Struktur, haben aber noch oft die falschen Entscheidungen getroffen.“ Nach und nach habe das Team dann immer häufiger die richtige Entscheidung in der richtigen Struktur gefunden.

Oberste Prämisse im Spiel der 05er ist die so genannte Vorwärtsverteidigung. Das Attackieren des Gegners immer und überall. Angefangen vom Stürmer ganz vorne bis in die eigene Abwehr hinein. Mit dem Ziel, möglichst viele Balleroberungen, am besten tief in der gegnerischen Hälfte, zu haben und nach eigenen Ballverlusten mit aggressivem Gegenpressing die Kugel zurückzuerobern. „Wir wissen aber auch, dass es Phasen geben wird, in denen wir den gegnerischen Druck aushalten und im tieferen Block dann vorwärtsverteidigen müssen.“

D ie nullfünfMixedZone hatte im Trainingslager in Grassau kürzlich die Möglichkeit, sich vom 05-Trainer eingehend die taktischen Dinge, die Prinzipien, die Lauf- und Passwege, das Positionsspiel erklären zu lassen. Sandro Schwarz brachte zu dieser fast einstündigen Sitzung extra die Taktik-Tafel mit zur Veranschaulichung. Unser kurzes Video am Ende vermittelt einen Eindruck, wie akribisch der Coach an diese Dinge herangeht, wie intensiv er sich damit beschäftigt, wie Schwarz selbst aufgeht darin. Mit permanenten Übungen im Training und ständigem Anschauungsunterricht in Form von Videos hat der Trainer dies alles seinen Spielern eingepaukt. In individuellen Sitzungen, in Kleingruppen und im Gesamten.

Das Wichtigste in diesem Prinzip der Vorwärtsverteidigung sei immer die aktive Arbeit gegen den Ball. Und zwar auf allen Positionen. Hinten wie vorne. „Wir müssen uns komplett davon lösen, nur zu verschieben, vor allem quer zu verschieben“, sagt Schwarz. „Oberstes Gebot ist Pässe zu erschweren. Schon der erste Stürmer muss Druck ausüben auf den ballführenden Gegenspieler, ihn nicht nur begleiten.“

Vorwärtsverteidigen bedeute jedoch nicht, „dass wir nur Angriffspressing spielen, sondern wir wollen auch in den Halbräumen nicht nur stehen, sondern aktiv rangehen, um auch eine tiefe Balleroberung zu haben. Aktiv sein, statt begleiten. Und zwar unabhängig von der Grundordnung. Je nach Verhalten kann aus der 4-2-3-1-Grundordnung fließend ein 4-4-2 werden, aber auch ein 4-3-3. Im eigenen Ballbesitz wird es noch mal eine andere Grundordnung geben. Wir haben die Aufgabe das alles so zu schulen, dass wir immer Druck auf den Kessel kriegen, egal, wie der Gegner spielt. Passwege schließen, damit der Gegner in dein Sichtfeld passen muss. Wenn einer durchkommt, ist der nächste hinten dran. Das ist kein Hexenwerk, nichts Weltbewegendes. Du musst es nur ständig mit 100 Prozent abfordern. Und du brauchst Selbstvertrauen, hochintensive Sprints, das richtige Timing. Es gibt Spiele, in denen du die reine, klare Vorwärtsverteidigung haben wirst, aber auch Spiele, in denen du tiefer stehst und trotzdem vorwärtsverteidigst. Vorwärtsverteidigung hat nichts mit der Höhe des Angriffspressings, des Mittelfeldpressings, des Abwehrpressings zu tun. Du musst überall vorwärtsverteidigen.“

Im Verlauf der Vorbereitung ist aufgefallen, dass der 05-Trainer dabei immer wieder bestimmte Begrifflichkeiten verwendet. Schwarz spricht oft von „Deckungsschatten“. Das bedeutet nichts anderes, als in Unterzahl so zu verteidigen, dass einer attackiert und ein Zweiter so anläuft, dass der Überzahlspieler beim Gegner nicht den einfachen Pass zum nächsten Mitspieler spielen kann, weil der im Schatten des Anläufers steht und quasi dadurch gedeckt ist. Das erfordert viel Laufbereitschaft und klares Positionsspiel. Wenn Schwarz dies auf der Taktiktafel demonstriert, sieht’s einfach und logisch aus. Der Trainer spricht zudem häufig von „Schrittwechsel“. Er selbst sei als Spieler eher der Dauerläufer gewesen. Als Trainer will Schwarz, dass seine Profis beim Attackieren auf den letzten Metern den Sprint erhöhen und im Volltempo zustechen am Mann. „Da muss immer einer richtig den Stecken reinhalten.“

Immer wieder haben Sandro Schwarz und sein Co-Trainer Jan-Moritz Lichte Spielformen ausgetüftelt, um den 05-Profis die Spiel-Prinzipien beizubringen. Foto: Jörg SchneiderErheblich verbessert haben sich die 05er in diesen Wochen im Spielaufbau und im eigenen Ballbesitz. Dabei müsse sich seine Mannschaft danach ausrichten, was der Gegner anbiete. „Steht er tiefer, brauchen wir ein sauberes Positionsspiel, steht er höher und hat selbst gerne den Ball, gehen wir ins Umschaltspiel.“ Die einzelnen Herangehensweisen können sich je nach Gegner von Woche zu Woche verändern. „Wir wissen, dass der eigene Ballbesitz gegen einen sehr defensiv eingestellten Gegner das schwierigste Thema überhaupt ist“, sagt er. Die Balance zu finden, auf der einen Seite Chancen herauszuspielen, gleichzeitig aber im Offensivdrang hinten nichts zuzulassen. In einigen Testspielen richteten sich die 05er hin und wieder gerne in ihrem Ballbesitz ein, schoben sich die Kugel zu oft und zu lange einfach nur zu, ohne Ideen zu entwickeln. Das ist nicht zielführend.

„Oberstes Gebot im Ballbesitz, egal in welchem System, ist es, eine Raute herzustellen“, erklärt der 05-Trainer. „Dass der Ballführende zwei diagonale Anspielstationen hat, plus in der nächsten Linie den Pass nach vorne spielen kann und dabei sofort zwei Absicherungen hat, um nach Ballverlust im Gegenpressing den Ball wieder zurückzuholen.“ Das klingt erst einmal kompliziert, erscheint aber auf der Taktiktafel völlig logisch. „Wir wollen da immer das klare Muster. Es geht immer darum, Überzahlsituationen herzustellen: drei gegen zwei, vier gegen drei, zwei gegen eins.“ Die beiden Tore gegen Aachen sind genauso gefallen. Gegen Tokio die Treffer in der zweiten Hälfte ebenfalls. „Es ist auch erlaubt, mal einfach den langen Ball zu spielen und auf den zweiten Ball zu gehen. Das heißt nicht, sich wund zu spielen mit langen Bällen, aber den Gegner mal bedrohen in die Tiefe und mit der Raute ins Gegenpressing gehen“, betont Schwarz. „Das alles spielst du nicht gegen die Bayern, sondern wenn du weiß, du hast viel Ballbesitz. Wenn du weißt, du stehst von Anfang an tiefer, dann bist du mehr im Umschaltmodus.“

Fundamental wichtig für alles sei das Positionsspiel. „Wir wollen die Räume immer besetzen, immer diese Raute herstellen. Und wir brauchen viele Linien im Ballbesitz. Mindestens vier. Deshalb haben wir das Spielfeld in Bahnen aufgeteilt. Eine Bahn für den Außenverteidiger, eine Halbspur, eine Mittelspur, eine andere Außenspur. Wenn einer die Kugel hat, beispielsweise unser Zehner, gibt’s immer drei Laufwege, um reinzusprinten. Diese Laufwege haben wir intensiv trainiert.“

Wie weit diese Entwicklung fortgeschritten ist, wie sehr die 05er das alles verinnerlicht haben und in der Lage sind, die Dinge umzusetzen, muss sich nun zeigen. Der 05-Trainer weiß selbst, dass es nicht so sein wird, dass er vor dem ersten Pflichtspiel auf den Knopf drückt, und die Mannschaft funktioniert genau nach diesem Plan. Das Ganze muss sich im harten Wettbewerb einschleifen und verfestigen. „Da gibt es kein Datum, wann das perfekt laufen wird“, sagt Schwarz. „Es ist ein ständiger Prozess: trainieren, spielen, trainieren spielen.“ Die Partie am Samstag in Lüneburg ist der erste Schritt.   

 

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