Der Reiz der zweiten Reihe

Christian Karn
Die AS Saint-Étienne ist nicht Inter Mailand, das Constant Vanden Stockstadion ist nicht Old Trafford und ob es den Qäbälä FK wirklich gibt, wissen nur die Dortmunder. Und hört man sich in Mainz und in der Opel Arena um, findet man zwischen denen, die sich auch auf das Pokalspiel gegen Erzgebirge Aue gefreut haben, viele, die die kommenden Europapokalspiele der 05er gar nicht so reizvoll finden. Die 05MixedZone widerspricht und sagt: Das Stade Geoffroy-Guichard, der belgische Rekordmeister und was auch immer es auf Abşeron am Kaspischen Meer zu erleben gibt (fahrt zum Yanar Dağ! Macht es!) - exakt das drückt die Attraktion der Europa League aus!

Vor knapp drei Wochen wurde in Monaco die Gruppenphase der Europa League ausgelost. In diesen knapp drei Wochen konnten sich die Vertreter und Fans der 48 beteiligten Klubs in aller Ruhe oder aller Hektik, je nachdem, wie sehr sie in die Organisation ihrer jeweiligen sechs Spiele eingebunden sind, ob sie ein Visum brauchen oder vor dem Fernseher bleiben, an ihre Gruppe gewöhnen. Wir halten fest: Viel besser als die Mainzer Gruppe C hätte man eine Europa-League-Gruppe nicht auslosen können!

Wir haben einen Verein, der in der starken Liga, die er vertritt, letztlich keine große Bedeutung hat. Der keine Stadien füllt, der keine Nationalspieler produziert, keine spektakulären Titel sammelt. Der seine Daseinsberechtigung in der Liga daraus ableitet, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten, die im Vergleich zu den Topteams arg begrenzt, im Vergleich zu den Kleinsten der Liga dennoch sehr gut sind, gute Arbeit macht. Hinreichend gute Arbeit, um sich im soliden Mittelfeld festgesetzt zu haben, immer mit der latenten Gefahr eines Absturzes, die ihn dazu zwingt, nie nachzulassen. Der ansonsten immerhin regelmäßige Einnahmen generiert, indem er immer wieder gut ausgebildete Spieler an die größeren Klubs weitergibt - und hin und wieder auch deren Ausbilder. Und den es ab und zu in den Europapokal (und in der Regel auf direktem Wege wieder hinaus) spült, weil die Konkurrenz sich die Schwächen leistet, die dieser Verein ausnutzen kann, und ihm dann aber seine Stärken wegkauft. Das ist der FSV Mainz 05, der in Monaco auf dem zehnten Platz des dritten Lostopfs stand.

Wir haben den Rekordmeister eines Landes, dessen Nationalmannschaft seit Jahren Geheimfavorit aller Turniere ist, aber bei genauerer Betrachtung diese Rolle noch nie so wie erhofft angenommen hat, deren einzige Finalteilnahme 36 Jahre zurückliegt, und für die zuletzt nur ein einziger Spieler aus der eigenen Liga nominiert war. Es ist ein Klub, der schon drei Europapokale gewonnen hat, aber das war 1976, 1978 und 1983. Und das lässt sich wegen der langen und vielfältigen Umformung der internationalen Wettbewerbe zugunsten der Reichen und Schönen wahrscheinlich erst wieder schaffen, wenn die UEFA einen Trostpreispokal erfindet – erste Überlegungen gibt es ja. Es ist schade für den RSC Anderlecht und verdient hat er einen derartigen Abgesang sicher nicht, aber es hilft ja nichts: In Belgien mag der Hauptstadtklub der König sein, aber im 21. Jahrhundert ist der aktuelle Vizemeister jenseits der engen Staatsgrenzen ein ähnlicher Niemand wie die 05er. Immerhin reichte es, um im ersten monegassischen Lostopf auf Platz elf zu stehen.

In Eriwan gab's für Mainz 05 eine Militärparade im Stadion und armenische Kinder mit Luftballons. Wer dabei war, will wieder hin. Und ist jetzt gespannt, womit die verfeindete Nachbarhauptstadt Baku kontert. Foto: Mainz 05Wir haben außerdem den großen Unbekannten, den obligatorischen Klub, der außerhalb der hiesigen Wahrnehmung aus einem Splitter vom Rand der im Sport einst so geachteten, aber auch so auf wenige Zentren ausgerichteten Sowjetunion stammt. Er hätte 2016 auch FK Astana heißen können oder Sorja Luhansk oder Qarabag Agdam, in einer früheren Saison vielleicht auch Metalist Charkiw, Olimpik Bariyor, Schachtjor Qaraghandy oder Sheriff Tiraspol. Er heißt in diesem Jahr Qäbälä FK - oder vielleicht auch FK Gabala, Gabala SC, das weiß keiner so genau, zumal sein einziger Vokal, das aserbaidschanische ə, in keinem westeuropäischen Alphabet existiert. Borussia Dortmund hat den Klub aus dem offenbar landwirtschaftlich geprägten Städtchen im Norden des Kaukasuslands vor einem Jahr kennengelernt und kann den 05ern immerhin bestätigen, dass es ihn wirklich gibt. Bis dahin hätte der nach Klubkoeffizient drittkleinste Verein im Wettbewerb aus unserer abgehobenen, großspurigen Bundesliga-Perspektive heraus auch Fiktion sein können, eine Erfindung wie das gerade erwähnte Olimpik Bariyor. Das klingt ein bisschen armenisch und wir haben es uns ausgedacht. Hat's jemand gemerkt?

Und als Vierten der Gruppe haben wir den Klub, der nun zum Auftakt der Gruppenphase in Mainz eingetroffen ist. Die Association Sportive de Saint-Étienne, kurz AS Saint-Étienne oder ASSE, passt ins Quartett als das Bindeglied zwischen dem lokal ungeheuer erfolgreichen, international abgestürzten RSCA und dem hiesigen Emporkömmling Mainz 05. Wie die Mainzer sind die "Verts" 2004 in die erste Liga aufgestiegen - mit dem Unterschied, dass sie vor ihrem 2001er-Abstieg schon fünfzig Erstligasaisons gespielt hatten. Die Platzierungen seit jenem Aufstieg waren zunächst im Großen und Ganzen ähnlich. In den vergangenen drei, vier Jahren erst etablierte sich die ASSE in oberen Tabellenbereichen und während die 05er seit 2004 im Schnitt die Nummer 12 im deutschen Fußball waren, war ihr Gegner in Frankreich die Nummer 9. Tendenz zwar steigend, aber trotz all der Meriten, die sich die ASSE in ihrer großen Zeit mit acht Meisterschaften von 1964 bis 1976 und dem zweiten Platz im Europapokal der Landesmeister 1976 (0:1 gegen die Bayern) verdient hat, ist es heute weit weg von der nationalen und erst recht von der internationalen Spitze. Der Favorit auf den Gruppensieg könnte die ASSE sein, im zweiten Lostopf war sie Neunter von zwölf Vereinen.

RSC Anderlecht, AS Saint-Étienne, FSV Mainz 05, Qäbälä FK. Ein Klub, der nur noch lokal groß ist. Einer, der wieder groß werden will. Einer, der in einer Liga spielt, die auch ohne ihn groß wäre. Und einer, der wirklich keine Fiktion ist (sagen die Dortmunder). Das, genau das, und eben nicht Manchester United und der Dundalk FC, ist die Europa League, das definiert und beschreibt ihre Identität. Und das ist ihre Herausforderung, vielleicht nicht für den harten Kern der 05-Fans, aber für die Einwohner der Sportstadt Mainz und ihrer Umgebung: Die Realität zu akzeptieren, in der Real Madrid, Juventus Turin, Arsenal, Barça und die Bayern höchstens mal aus Versehen im gleichen Wettbewerb auftauchen. Nicht traurig zu sein, dass United und Inter Mailand, die zumindest behaupten, nur aus Versehen im gleichen Wettbewerb zu sein, andere Gegner zugelost bekamen. Die Mentalität und Identität, die Geschichten und das Leben des RSC Anderlecht, der AS Saint-Étienne und des Qäbälä FK zu erkunden und zu entdecken, am Ende selbst Geschichten zu erzählen haben. Denn am Ende liegt der tatsächliche Reiz ganz schön oft weniger bei den Champions-League-gestählten Topclubs, sondern im Abenteuer der zweiten Reihe. Wir sind gespannt, ob Mainz das Abenteuer annimmt, oder ob am Donnerstag doch wieder nur die üblichen fünfzehn- bis achtzehntausend Zuschauer im Stadion sein werden.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.