Der offensive Unbekannte

Christian Karn. Mainz.
Der Qäbälä FK ist der große Unbekannte in der Europa-League-Gruppe des FSV Mainz 05. In ihrer Liga sind die Aserbaidschaner als Tabellenführer, der seit Mai kein Gegentor mehr kassiert hat, das Maß aller Dinge. In Europa, wo die Herausforderung größer ist, kommt diese Qualität nicht so sehr zu tragen; auch international aber denkt Qäbälä offensiv. Der Torjäger Bagaliy Dabo hat auch beim 1:3 im ersten Gruppenspiel in Brüssel getroffen. Die Sperre des Zehners Theo Weeks dagegen dürfte den Aserbaidschanern wehtun.

Der Qäbälä FK hat einen Lauf. Seit 778 Spielminuten hat der zweite Gegner des FSV Mainz 05 in der Europa-League-Gruppe C kein Gegentor mehr kassiert - zuhause, in der aserbaidschanischen Premyer Liqasi. International ist der Dritte der Vorjahresmeisterschaft, einer von zwei Klubs, die durch alle Qualifikationsrunden mussten und in der Gruppenphase angekommen sind, nicht ganz so unverwundbar und dennoch erfolgreich - zwangsläufig, sonst wäre er ja nicht angekommen.

Bagaliy Dabo (links) ist in der aserbaidschanischen Liga mit sechs Treffern Toptorjäger und hat in der internationalen Saison auch schon dreimal getroffen. Foto: imagoDaniel Quintana Sosa, der Mittelfeldspieler aus Gran Canaria, der im vergangenen Jahr mit dem Exilklub Qarabag Agdam Meister und Torschützenkönig wurde, ist der letzte Spieler, der ein Ligator gegen Qäbälä geschossen hat. Das war am 11. Mai, beim 2:0-Heimsieg des Qarabag FK. Weiter ging's für den 05-Gegner noch in der vergangenen Saison mit einem 2:0 gegen den AZAL PFK Baku und einem 1:0 beim Käpäz PFK, im neuen Jahr mit einem 2:0 gegen Käpäz, einem 0:0 gegen Inter Baku, einem 8:0 bei Neftci Baku - zu Sowjetzeiten war der Ölarbeiterklub, in dessen Bakcell Arena die 05er am Donnerstag spielen, noch der Platzhirsch im aserbaidschanischen Fußball, heute ist er noch der populärste Verein, aber sportlich läuft's schlecht für Neftci. Die folgenden Ergebnisse Qäbäläs: 3:0 gegen den AZAL PFK, 2:0 gegen den Sumgayit FK, 2:0 beim Zira FK. In der kleinen, nur acht Klubs umfassenden aserbaidschanischen Liga hat der 05-Gegner nur gegen den Titelverteidiger und Tabellendritten Qarabag Agdam noch nicht gespielt; mit 16 Punkten aus sechs Spielen und 17:0 Toren sind sie Tabellenführer. Ihr französischer Mittelstürmer Bagaliy Dabo ist mit sechs Toren (drei beim 8:0) bester Torjäger, der neue Flügelstürmer Ruslan Qurbanov ist mit drei Treffern einer der fünf Verfolger. Dabo ist übrigens kein Bruder des Mittelfeldspielers Bryan Dabo von der AS Saint-Étienne; Bryan stammt aus Mali, Bagaliy hat senegalesische Wurzeln. Man kennt sich allerdings, der Qäbälä-Stürmer freut sich auf das Wiedersehen mit dem ASSE-Profi.

Vor kurzem hätte man die Aufstellung der Aserbaidschaner noch auswendig aufsagen können. Alles hätte dafür gesprochen, dass der 32-jährige Ukrainer Dmitro Besotosnij im Tor gestanden, dass der kleine Nationalspieler Magomed Mirzabekov (25) rechts und der 32-jährige Brasilianer Ricardinho, der lange in Schweden für Malmö FF spielte, links verteidigt hätte. In der Innenverteidigung hätten dann ein weiterer Brasilianer, der 31-jährige Rafael Santos und der einmal in der Nationalmannschaft eingesetzte Serbe Vojislav Stankovic gespielt, wahrscheinlich unterstützt vom 1,95 Meter großen Ukrainer Witalij Wernidub, der andernfalls als Sechser vor der Abwehr gestanden hätte. Auf den Flügeln griff Qäbälä in der Regel mit dem ehemaligen kroatischen Juniorennationalspieler Filip Ozobic (25) und dem estnischen Nationalspieler Sergei Zejnov (27) an, im zentralen Mittelfeld spielte normalerweise der etwas defensivere georgische Nationalspieler Nika Kwekweskiri (24) und der offensivere liberianische Nationalspieler Theo Weeks Lewis hinter dem französischen Mittelstürmer Dabo. Der wurde gerade erst aus der Ligue 2 von US Créteil verpflichtet, hatte dort nicht viel gerissen, in Aserbaidschan aber einen hervorragenden Einstand. Hätte dem ukrainischen Trainer Roman Grigortschuk der Spielstand gefallen, hätte er in der Schlussphase zwei weitere Aserbaidschaner eingewechselt, den Mittelfeldspieler Asif Mammadov und den Nationalstürmer Rashad Eyyubov.

Verletzungen, Neuzugänge, eine Sperre haben das Bild seitdem ein bisschen durcheinandergebracht. Auf keinen Fall wird Theo Weeks gegen die 05er spielen. Der Liberianer hat beim 1:0 in Maribor nach einem schlecht dosierten Tackling nicht nur zur eigenen Überraschung die Rote Karte gezeigt bekommen, erst am dritten Spieltag der Europa League darf Weeks wieder mitspielen. Beim 1:3 in Anderlecht fehlte auch der verletzte Kwekweskiri, dafür waren erstmals in der Europa League zwei weitere aserbaidschanische Nationalspieler dabei: der offensive Neuzugang Qurbanov und der 32-jährige Kapitän Raschad Sadiqov (nicht identisch mit dem Nationalmannschaftskapitän Raschad Sadigov), der seinen Stammplatz zwischenzeitlich verloren hatte, prinzipiell bis auf einen Größenunterschied von 14 Zentimetern das gleiche Profil hat wie Wernidub. Unklar ist außerdem die Rolle des kroatischen Neuzugangs Petar Franjic, der erst am 31. August vom RNK Split kam. Beim Debüt gegen Neftci sowie in Anderlecht wurde Franjic eingewechselt, gegen Sumqayit spielte er von Anfang an anstelle von Zenjov.

Mit der Mannschaft, die im vergangenen Herbst gegen Borussia Dortmund 1:3 und 0:4 verlor, hat das heutige Team nicht mehr allzu viel zu tun. Stankovic, Wernidub, Ricardinho, Zenjov waren in beiden Partien dabei, Besotosnij im Hin-, Rafael Santos im Rückspiel. Nicht mehr dabei ist unter anderem der Brasilianer Dodô. Der Rekordspieler und zweitbeste Torjäger in der Vereinsgeschichte des QFK wechselte im Sommer nach Brasilien zurück und wenige Wochen später nach Zypern.

Aber auch die neu aufgestellte Mannschaft hat bisher eine beeindruckende internationale Saison gespielt. In der ersten und der zweiten Qualifikationsrunde galt Qäbälä durchaus als Favorit und gewann in der Tat 5:1/1:2 gegen den georgischen Vizemeister FC Samtredia und 2:1/2:0 gegen den ungarischen Vierten MTK Budapest. Die große Überraschung schaffte Qäbälä gegen den Lille OSC. Der Vorjahresfünfte Frankreichs schaffte zuhause nach frühem Rückstand immerhin ein 1:1, verlor das Rückspiel in Aserbaidschan trotz deutlicher Überlegenheit 0:1 und war weg. Auch in den Playoffs gegen den slowenischen Pokalsieger NK Maribor war Qäbälä Außenseiter; Zenjov und mit einem Doppelschlag Bagaliy Dabo drehten im Heimspiel den 0:1-Rückstand, zuhause schafften die Slowenen trotz der fast halbstündigen Überzahl und der langen Nachspielzeit und 24 Torabschlüssen nur ein 1:0. Ein 2:0 hätte ihnen genügt. Bereits im Vorjahr hatte Qäbälä einen großen Namen aus dem Wettbewerb geworfen; zwei Tore von Dodô reichten zum 0:0/2:2 gegen Panathinaikos in den Playoffs. In der Gruppenphase gab es neben den beiden Niederlagen gegen Borussia Dortmund sowie einem 0:3 und einem 1:2 gegen den FK Krasnodar aus Russland zwei 0:0 gegen PAOK Thessaloniki.

Die 05er haben den Qäbälä FK im ersten Gruppenspiel in Brüssel beobachtet. Der RSC Anderlecht hatte durchaus anfangs seine Mühe gegen die Aserbaidschaner, führte zwar nach einer Viertelstunde 1:0, kassierte aber schnell den Ausgleich durch Dabo. Ein Eigentor von Rafael Santos brachte die Belgier kurz vor der Pause wieder in Führung, in der 77. Minute schließlich erhöhte Anderlecht auf 3:1. Qäbälä spielte mit, zeigte eine offensive Grundphilosophie. Kam jedoch schlecht in die Defensivumschaltung, war über die Flügel verwundbar - die große Defensivqualität aus der aserbaidschanischen Liga kam international, wo andere Bedingungen herrschen, nicht zum Tragen. Darin könnte ein Schlüssel für einen 05-Erfolg liegen.

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