Der Konzernklub ist volljährig

Christian Karn
Das traditionelle Abendland läge mal wieder in Trümmern, beschwören diejenigen hinauf, die Angst vor der Leipziger Marketingtruppe haben, die gerade die 2. Bundesliga anführt. Und wer weiß - am Ende haben sie vielleicht sogar Recht! Die Existenz von Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg und der TSG Hoffenheim haben die alten Bundesligaklubs bisher ganz gut wegstecken können, ohne dabei zu viele Titel abzugeben. Aber die Bundesliga besteht aus mehr als dem Deutschen Meister und dem, der es werden will. Die Mittelklasse, die hat sich an die Konzern- und Mäzenatenklubs mittlerweile gewöhnen müssen, unter anderem an den VfL, der am Samstag in Mainz spielt. Und hat das nicht gern getan.

Am Samstag spielt er in Mainz, der VfL Wolfsburg, als erster Konzernklub seit Bayer Leverkusen einst der durch den Kreis der Traditionalisten am meisten gehasste Verein der Bundesliga, bis die TSG Hoffenheim sich diese Rolle hat aufdrängen lassen. Und auch die könnte demnächst wieder in den Hintergrund rücken; erstens, weil der eigene Abstieg mal wieder ein bisschen mit dem Zeigefinger droht (aber die Saison ist noch lang) und zweitens, weil in Leipzig offenbar jemand Ernst macht. Und was der Bundesliga da bevorsteht, ist in den Augen des Alten Fußballdeutschlands schlimmer als Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen und Uerdingen zusammen.

1997 - vor 18 Jahren - begann die Bundesliga-Ära des VfL Wolfsburg. Ihr letzter Zweitliga-Gegner, der den Aufstieg der Niedersachsen hätte verhindern können und verhindern wollte, weil er in dem Fall selbst aufgestiegen wäre: Der FSV Mainz 05. Foto: imagoDabei haben sich die Traditionsklubs, die sogenannten, inzwischen gewöhnt an das Vorhandensein von Gegnern, bei denen das Geld keine so große Rolle spielt; über Geld redet man nicht, Geld hat man. Und sie haben deren Existenz bisher ganz gut wegstecken können, ohne dabei zu viele Titel abzugeben: Von 52 Bundesliga-Meisterschaften sind 22 an Gründungsmitglieder gegangen. 29 der restlichen 30 an die Bayern und die Gladbacher, die 1965 mit zwei Jahren Verspätung in die Bundesliga kamen. Nur vor sechs Jahren ist mal jemand dazwischengerutscht, der nicht schon vor der Erfindung des Einwechselspielers in die Bundesliga gekommen ist. Und das war der VfL Wolfsburg.

Der ist als Bundesligaklub inzwischen volljährig geworden. Seine 18. Saison hat er im Mai als Vizemeister und DFB-Pokalsieger beendet. Damit hat er seinen zweiten Titel gewonnen nach dieser Deutschen Meisterschaft von 2009, nach jener seltsamen Saison, in der die Bayern nie Tabellenführer waren, die Konkurrenten VfB Stuttgart und Hertha BSC hießen, der VfL sich im Frühjahr als Hinrunden-Neunter dachte: Wenn sonst wirklich keiner will, dann lasst uns doch einfach die Schale holen, auch ohne Rathausbalkon!

Aktuell ist - bedingt durch eine gewisse Auswärtsschwäche - die Vizetitelverteidigung weit weg. Nicht in Tabellenplätzen gerechnet, Wolfsburg ist Dritter, aber nach Punkten: Der BVB als Tabellenzweiter hat fünf Zähler mehr nach einem Drittel der Saison. Die freilich, siehe oben, noch lang ist. Nur die Bayern wird der VfL wohl wirklich nicht mehr einfangen, wenn nichts sehr Ungewöhnliches mehr passiert, wenn nicht beispielsweise Seehofer aus lauter Trotz aus Deutschland austritt und seinen Freistaat mitnimmt.

Die Großen haben sich mit dem VfL also arrangiert. Meister werden sowieso die Bayern und ob man als Zweiter oder Vierter in die Champions League geht... Den ganz Kleinen kann der VfL auch egal sein. Für die geht es ums Überleben und sonst nichts, egal, wer noch in der Liga ist. Die Mittelklasse, die ist unglücklich. Die Vereine, die mal groß waren, aber den Anschluss verloren haben. Werder Bremen, der VfB Stuttgart. Die, die als Besucher in die Bundesliga kamen, aber heute ein bisschen weiter sind, zum Inventar gehören, ohne unverwundbar zu sein. Mainz 05, der FC Augsburg. Und die, die beides sind, ex-Großer, ex-Kleiner, jetzt irgendwo dazwischen. Frankfurt oder Köln. Wolfsburg ist volljährig, die wird man nicht mehr los. Und die machen das Biotop der Mittleren um einen Rang kleiner.

Wirklich glücklich sahen die 05er in der vergangenen Saison nach dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg nicht aus - dabei gab's ein 1:1 gegen den späteren Vizemeister.

Auch vor diesem Hintergrund treffen sich also zwei Klubs am Samstag, die beide erst spät in die Bundesliga kamen, beide aus verschiedenen Richtungen immer noch ein bisschen belächelt werden als Klubs, die die traditionellen Kreise stören, die aber beide auf ihre Weise etabliert sind. Deren Ansprüche, Philosophien, Strategien bei allen Parallelen, die es gibt, trotzdem völlig unterschiedlich sind.

Aber was heißt "etabliert"? Den 05ern droht am Wochenende im Extremfall (aber unter anderem müsste dazu der VfB Stuttgart bei den Bayern gewinnen und Werder Bremen bei den aufmüpfigen Augsburgern) der erste Abstiegsplatz (Relegation mitgezählt) seit Mai 2007. Besser wäre es also, gegen den VfL mal wieder etwas zu holen und mit einem gewissen Polster die Nationalspieler in die Länderspielwoche zu schicken.

► Alle Artikel zu Einwurf und Abpfiff

► Zur Startseite

 

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.