Der kleine Latino übertrifft den großen

Christian Karn. Mainz.
Lange sah Jhon Córdoba wie der Schlüsselspieler bei einem 2:1-Heimsieg des FSV Mainz 05 aus. Der Mittelstürmer überforderte die Abwehr von Bayer Leverkusen in der ersten Hälfte völlig, war zwar erneut kein Torschütze, aber an jeder gefährlichen Szene beteiligt. In der zweiten Hälfte aber zermürbten die Leverkusener den Mainzer mit allen erlaubten und verbotenen Mitteln, wurde bei den 05ern die Müdigkeit deutlich, verlor Córdoba die Matchwinner-Rolle an Javier Hernández. Der Mexikaner schoss alle drei Leverkusener Tore beim 3:2-Auswärtssieg; das letzte erst in der Nachspielzeit.

FSV Mainz 05 - Bayer Leverkusen 2:3 (2:1)

Donnerstag, 15. September 2016, 25.274 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Balogun (9. Hack), Bussmann - Brosinski, Frei - Öztunali (82. Serdar), Malli, de Blasis (75. Holtmann) - Córdoba.
Reserve: Huth, Muto, Clemens, Halimi. Trainer: M. Schmidt.

Bayer Leverkusen: Leno - Henrichs, Dragovic (46. Tah), Toprak, Wendell - Kampl - Brandt, Aránguiz, Mehmedi (65. Kießling) - Hernández, Pohjanpalo (60. Volland).
Reserve: Özcan, Baumgartlinger, da Costa, Kruse. Trainer: R. Schmidt.

Schiedsrichter: Perl (Pullach).

Tore: 1:0 Malli (30., Öztunali), 1:1 Hernández (32., Kampl), 2:1 Bell (35., Malli), 2:2 Hernández (66., Kießling), 2:3 Hernández (90+1., Tah).

Gelbe Karten: Brosinski, Bell, Córdoba - Dragovic, Aránguiz.

Diesmal hat sie offenbar zugeschlagen, die internationale Müdigkeit. Schon in Bremen, im vierten Spiel der Serie, wirkten die 05er nicht ganz frisch, auch die Schwäche des Gegners wird beim Auswärtssieg eine Rolle gespielt haben. Gegen ernsthaftes Bundesliganiveau hätte es die späte Wende wohl nicht mehr gegeben. Gegen Bayer Leverkusen gab es sie erneut, aber diesmal zu Ungunsten der 05er. Diese hatten sehr kurz 1:0 geführt, nach dem umgehenden Ausgleich ebenso schnell das zweite Führungstor geschossen, in der Nachspielzeit aber auch den letzten Punkt verloren.

Jhon Córdoba wäre der Schlüsselspieler gewesen, wäre für die 05er etwas übrig geblieben. Der Kolumbianer schoss zwar keine Tore, war aber mit seiner Zweikampfstärke gegen die in der ersten Hälfte oft heillos überforderte Leverkusener Verteidigung der Dosenöffner für einige Torchancen. Der 2:1-Halbzeitstand war in hohem Maße Córdobas Verdienst.

Dabei hatte das Spiel direkt mit einer schlechten Nachricht begonnen: In seiner ersten Aktion holte sich Leon Balogun eine Adduktorenzerrung. In der neunten Minute musste der Innenverteidiger schon vom Platz, Alex Hack ersetzte ihn. Damit war von der Innenverteidigung des Bremen-Spiels nichts mehr übrig: Niko Bungert fiel mit der gleichen Verletzung aus, Stefan Bell kam wieder ins Team, außerdem Pablo de Blasis, der Siegtorschütze aus Bremen, für Christian Clemens. Und es gehört zur Tragik dieser Partie, dass Bell und Hack an allen drei Gegentoren ihren Anteil hatten. Das Wort "verschulden" wäre in der Summe der drei Treffer zu hart, zu brutal. Zum 1:1 passt es noch am ehesten; Bell verschätzte sich bei Kevin Kampls Flanke. Das 2:2 fiel wohl nur, weil Hack beim Klärungsversuch den Torschuss kapital abfälschte. Und beim 2:3 hatte Bell zwei Gegenspieler, entschied sich für Stefan Kießling, konnte wohl nicht wissen, dass dieser in diesem Moment keinen Gegenspieler brauchte. Jedesmal war Javier Hernández der Nutznießer, alle drei Tore der Leverkusener schoss der kleine Mexikaner.

Das war in der ersten Hälfte noch nicht zu sehen, vielleicht angesichts des Programms zu befürchten. Von den sieben Spielen in 22 Tagen war es das fünfte Kapitel. Defensiv fehlten ohnehin Danny Latza, André Ramalho, José Rodríguez, Jean-Philippe Gbamin, Niko Bungert, bald auch Balogun, auch das ließ Probleme zumindest erahnen. Dennoch hatten die 05er schon fünf Sekunden nach dem Leverkusener Anstoß ihre erste Balleroberung, die Gäste hatten freilich schon vom ersten Kontakt an die Offensive gesucht. Und sie suchten sie weiter. Admir Mehmedi, der beim ersten Angriff noch weit im Abseits gestanden hatte, hatte in der vierten Minute nach einem Eckball seinen ersten legalen Abschluss - in Jonas Lössls Arme. Der Torwart war vier Minuten später der Ausgangspunkt des ersten Mainzer Angriffs. De Blasis legte nach Lössls Abschlag einen tückischen Ball in den Strafraum, Öztunali lief gut hinein, doch war Torwart Bernd Leno schon zu nahe für einen gefährlichen Abschluss. Und dann mussten die Mainzer auch schon wechseln.

Hack, der neue Innenverteidiger, leitete immerhin die zweite Chance ein; nach seinem gewonnenen Kopfballduell in der eigenen Hälfte wanderte der Ball über etliche Stationen zu Bussmann, der links im Strafraum hart abzog, Leno hielt (10.).

Leverkusen wirkte hinten angreifbar, verwundbar, wenn die 05er lang auf ihren Zielspieler Jhon Córdoba spielten und der auf die nachrückenden Kollegen ablegte. Aber auch ohne den Kolumbianer hätte es gehen können; Fabian Frei hatte in der 14. Minute kurz einen wunderbaren Passweg auf Levin Öztunali offen stehen und sah es nicht rechtzeitig. Mit einfachen Mitteln sammelten die 05er immer wieder Bälle ein. Den Gästen fehlte die Präzision im Passspiel, vieles ließ sich einfach abfangen. Lediglich Fabian Frei gelang das in der 23. Minute gerade so nicht, so kam Benjamin Henrichs zu einem Torschuss, der 20 Meter unterwegs war und das obere kurze Eck verfehlte. Insgesamt aber schienen die 05er bis dahin ihr Spiel in Bremen besser verkraftet zu haben als Bayer Leverkusen das 0:0 in Augsburg unter der Woche. Auch vom langen Flugball von Giulio Donati auf Jhon Córdoba ließen sich die Gäste in der 28. Minute überrumpeln; statt zu schießen, hätte der Stürmer vielleicht besser quer auf de Blasis gespielt.

Es ging offensiv weiter, nach einem schlechten Abwehrball aus dem Bayer-Strafraum hätte Frei wohl das lagne Eck getroffen; ein Verteidiger brachte den Kopf dazwischen, fabrizierte einen gefährlichen Querschläger, der drüber ging. Und im nächsten Angriff gingen die 05er in Führung: Wieder so ein langer Ball auf den Flügel, diesmal rannte Öztunali seinem ehemaligen Kollegen Wendell einfach weg, spielte quer in den Fünfmeterraum, Malli bekam den Ball zwei Meter vor dem leeren Tor. Das war einfach (30.), einfacher als der schnelle Ausgleich: Kampl flankte, Bell stand schlecht, Lössl kam noch raus, um den Winkel vor Hernández zu schließen, schaffte es aber nicht mehr. Der Mexikaner wickelte sich um den Torwart und traf (32.).

Aber vorne gab es Jhon Córdoba, dessen Preisschild in der ersten Hälfte immer größer wurde. Der Stürmer erzwang einen Eckball und der von Malli hineingeschlagene und von Charles Aránguiz womöglich noch abgefälschte Ball fiel im Fünfer wunderbar Stefan Bell vor die Füße. Auch das 2:1 war einfach (35.), einfacher als die Chance für de Blasis, der in der 40. Minute übers Tor schoss; der besser stehende Fabian Frei hatte gezwungenermaßen, bedrängt den Querpass von Öztunali durchlassen müssen.

Leverkusen, nun ebenfalls in der Innenverteidigung mit einem neuen Mann, kam mit Schwung in die zweite Halbzeit. Henrichs wollte in der 48. Minute einen Elfmeter, aber es war zu offensichtlich; ein Handelfmeter gegen den eingewechselten Suat Serdar wäre später eher berechtigt gewesen. Hernández flankte in der 49. auf Joel Pohjanpalo, das lange Eck war offen, der Kopfball des Finnen gut, das lange Eck, wie sich herausstellte, doch nicht offen - Lössl flog hinüber an den langen Pfosten und hielt den Ball sogar fest.

Jhon Córdoba hatte in der zweiten Hälfte viel Ärger mit der Leverkusener Verteidigung, die ihn mit allen Mitteln bekämpfte und oft damit durchkam. Foto: imagoGünter Perl verlor in dieser Phase die Übersicht. In der ersten Hälfte hatte es der Schiedsrichter mit Gelben Karten übertrieben, in der zweiten pfiff er gar nichts mehr. Córdoba, den die umgestellte Leverkusener Abwehr nicht nur mit legalen Mitteln bekämpfte, war genervt, so wie das Publikum. Ein bisschen benachteiligt fühlten sie sich schon, zumal der Spielstand knapp war, der Gegner Tempo und Druck machte. Für Pohjanpalo mit Kevin Volland noch einen weiteren erstklassigen Angreifer brachte (60.), kurz darauf auch noch den alten Torjäger Stefan Kießling für Admir Mehmedi (65.). Der gewann gleich ein entscheidendes Kopfballduell, Hernández schoss sein glückliches, weil von Hack kapital abgefälschtes zweites Tor (66.).

Das Leverkusener Pressing war in dieser Phase zuviel für die 05er, ihr eigenes war nicht gut. Die Mainzer kamen nur in Nuancen aus der eigenen Hälfte, schafften selten Entlastung, was nicht nur an Perl lag. Sie setzten sich erst um die 73. Minute wieder ein bisschen vorne fest, hatten Einwürfe und einen Eckball, kassierten nicht den Konter, weil Giulio Donati Julian Brandt ins Aus drängte. Martin Schmidt reagierte mutig, brachte den Debütanten vom Mittwoch ins Spiel, den unerfahrenen, aber schnellen Gerrit Holtmann. Die Wiederholung des Bremer Siegtors war trotzdem sofort ausgeschlossen; de Blasis ging für den Neuzugang aus Braunschweig vom Platz.

So sehr, wie die großen Namen es versprachen, kam die Leverkusener Offensive lange nicht in Schwung. In der 83. Minute war's knapp, Hernández traf den Ball nicht gut, Aránguiz flankte gleich darauf einen Freistoß hinters Tor. Vorm Strafraum, am Strafraum sammelten die Mainzer immer noch vieles ein, vom Strafraum weg fehlte die Präzision, fehlte das Glück. Gelegenheiten fürs Konterspiel gab es, offene Gassen gab es, die 05er trafen sie nicht. Vielleicht schlug die Müdigkeit jetzt doch zu, die die Mainzer in Bremen noch bezwungen hatten. Vielleicht ging einfach die Kraft verloren, auch die Konzentration.

Die Hoffnung der 05er: Das Spiel war ja fast vorbei. Es war inzwischen eine reine Abwehrschlacht, aber viel fehlte nicht mehr, vieles machten die 05er hinten immer noch richtig. Frei verlängerte eine Flanke, die Lössl gefährlich geworden wäre, ins Nichts. Kießling erwischte die nächste Hereingabe nicht (beides 89.). Aber doch gab's wieder ein Siegtor in der Nachspielzeit, wieder für die Gäste; am Mittwoch waren das noch die 05er selbst, nun war es Bayer Leverkusen. Deren Angriff bekamen die 05er einfach nicht tot. Sie hielten ihn vom Strafraum weg, aber nicht weit weg, sie waren unter schwerem Druck. Und in der 91. Minute hob Jonathan Tah einen letzten Ball in den Strafraum. Hernández lief zu früh hinein, wäre bei Kießlings Kopfballverlängerung meilenweit im Abseits gewesen und Kießling sprang zum Ball. Erreichte ihn aber nicht, nur dadurch wurde die Szene gefährlich. Nur dadurch wurde sie tödlich, denn beim Mexikaner war keiner mehr, Bell war bei Kießling, bei dem, rückblickend gesehen, keiner hätte sein müssen, und Hernández ist nun mal einer der besten Torjäger der Liga, es gibt nun mal nicht viele Spieler mit besserem Abschluss. Lössl hatte keine Chance, der Kopfball des Mexikaners war nicht in seiner Reichweite. Und dass Leverkusen die restliche Nachspielzeit bis auf wenige Sekunden an der Eckfahne verbrachte, während die Mainzer darauf warten, vielleicht irgendwann nochmal anstoßen zu dürfen, dass diese dafür nicht kompensiert wurden - geschenkt. Wahrscheinlich hätte es sowieso nicht mehr gereicht.

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