Der Höhepunkt: Holtmanns Sprint

Christian Karn. Alzey.
Wer am Dienstag nach Alzey fuhr, um sich im Testspiel die Neuzugänge des FSV Mainz 05 anzusehen, wurde erst einmal enttäuscht: José Rodríguez und Besar Halimi waren wegen kleiner Blessuren nicht dabei. Vergessen war das aber in der 76. Minute durch das Tor, das Gerrit Holtmann nach einem sehenswerten Sprint außen herum um die Abwehr seinen Linksverteidiger schießen ließ. Die 05er gewannen durch die mühselige erste und die den Gegner erdrückende zweite Hälfte 5:0 beim Landesligisten RWO Alzey.

RWO Alzey - FSV Mainz 05 0:5 (0:1)

Dienstag, 5. Juli, 1.150 Zuschauer.

FSV Mainz 05, 1. Hälfte: Lössl - Donati, Bell, Hack - Häusl - Brosinski, Clemens, Klement, Bengtsson - de Blasis, Onisiwo.

2. Hälfte: Huth - Balogun, Bungert, Ihrig - Breitenbach, Bohl, Pflücke, Bussmann - Parker, Seydel (68. Córdoba), Holtmann.

Nicht dabei: Latza (Adduktorenprobleme), Halimi, Rodríguez (beide muskuläre Probleme), Jairo (Magen-Darm-Krankheit), Muto, Berggreen (beide im Aufbautraining).

Tore: 0:1 de Blasis (18., Foulelfmeter, Schumann an de Blasis), 0:2 Bussmann (52., Bohl), 0:3 Bohl (53., Holtmann), 0:4 Seydel (58., Abstauber), 0:5 Bussmann (76., Holtmann).

Der Hauptgrund, sich das erste Testspiel eines Bundesligisten gegen ein Amateurteam anzusehen, sind oft die Neuzugänge; wie gut die tatsächlich sind, kann man gegen einen Landesligisten eher nicht ablesen, aber man kann oft schon ihre Gewohnheiten, ihren Spielstil einschätzen. Vor diesem Hintergrund ging das Auftaktspiel des FSV Mainz 05 bei RWO Alzey gleich mal mit schlechten Nachrichten los: Neben verschiedenen anderen leicht angeschlagenen Profis fehlten jeweils mit muskulären Problemen im Oberschenkel die Mittelfeldspieler José Rodríguez und Besar Halimi. "Eine Vorsichtsmaßnahme" nannte das Pressesprecher Tobias Sparwasser; in einem Testkick wie diesem nach gerade mal einer Trainingswoche muss man keine unnötigen Risiken eingehen.

So blieben am Dienstag nur zwei Neuzugänge übrig. Im Tor stand in der ersten Hälfte Jonas Lössl, der mehr zu tun hatte, als er möglicherweise erwartet hatte, der aufmerksam spielte, der mit seiner Abwehr auf englisch kommunizierte, der das 0:1 nicht verhindern musste, weil der guten Angriff des ehemaligen 05-Juniorenspielers Manuel Helmlinger nicht mit einem Torschuss endete, sondern mit einer Flanke ins Leere (10.), der das 1:1 verhinderte, als Vllaznim Dautaj, der ehemalige Regionalligaspieler (FCK, Waldhof) nach einem Diagonalsolo von rechts schoss. Lössl hielt den Ball (38.).

Es ging also mit 1:0 für die 05er in die Halbzeit. Dafür hatten die Bundesligaspieler einen umstrittenen Elfmeter gebraucht. Pablo de Blasis hatte sich mehr in seinem Gegenspieler verheddert, als dass der ihn klar gefoult hätte, und den Strafstoß selbst ins rechte Eck getreten (18.). Es war nicht die einzige gefährliche Szene in einem vor der Pause allerdings eher schlampigen, wegen einigen Fouls, auch absichtlichen Fouls, oft unterbrochenen  Spiel. Die erste Mannschaft der 05er hatte den Siebtliga-Sechsten nicht so hundertprozentig unter Kontrolle wie die zweite Elf nach der Pause, ließ den einen oder anderen Entlastungskonter zu, war aber natürlich trotzdem ganz klar dominant, aber zu leichtfertig ungenau im Abspiel, im Torschuss. Karim Onisiwo hatte im bisweilen holprigen Zusammenspiel mit Pierre Bengtsson als Linksaußen viele Szenen, viele Ballkontakte, auch einige Aktionen, bei denen ihm ein Mittelstürmer als Anspielstation gut getan hätte, aber den gab es nicht. Es gab vorne nur noch de Blasis, der aber oft aus dem Hintergrund kam, sich festrannte, es gab die nachrückenden Mittelfeldspieler. Es gab weitere Torchancen, vor allem für Christian Clemens, aber es gab zu wenige gute Abschlüsse.

"Man hat gesehen, was wir mit ihm beabsichtigen", sagte 05-Trainer Martin Schmidt über seinen Neuzugang Gerrit Holtmann. Der 21-Jährige traf zwar nicht selbst, bereitete aber zwei Tore vor. Foto: Mainz 05Außerdem aber gab es den zweiten Neuzugang, der in der zweiten Hälfte Onisiwos Rolle übernahm: Gerrit Holtmann, der diese eine entscheidende Szene hatte, das Traumtor, dass er, genau genommen, nicht schoss, die Aktion, in der er zeigte, warum die Braunschweiger so beleidigt sind, dass er zu Mainz 05 gewechselt ist. Es war die 76. Minute, es stand inzwischen 4:0 für die 05er. Holtmann bekam den Ball auf dem linken Flügel, noch etliche Meter entfernt von der Grundlinie. Und rannte los. Überlief den Außenverteidiger. Rannte weiter. Wurde immer schneller. Näherte sich der Eckfahne, kam um die Kurve, rannte im Prinzip außen herum um die ganze RWO-Abwehr, die Grundlinie entlang, bis nahe ans Tor. Erst an der seitlichen Fünf-Meter-Linie, Auge in Auge mit dem starken Alzeyer Torwart, nahm der 21-Jährige auch diesen mit einem den kurzen Pass vors Tor auf Gaetan Bussmann aus dem Spiel. Der Linksverteidiger traf mühelos zum 5:0-Endstand, ist nach jeder denkbaren Definition des Begriffs der Torschütze. Aber eigentlich gehörte der Treffer seinem Vordermann auf der linken Seite.

"Man hat gesehen, was wir mit ihm beabsichtigten", sagte 05-Trainer Martin Schmidt. "Er nimmt Tempo auf, führt den Ball eng. Wir müssen an seiner Robustheit und an seiner Defensive arbeiten, aber das ist normal bei Spielern, die aus den unteren Ligen kommen." Schon das 3:0 in der 53. Minute hatte Holtmann vorbereitet, wenn auch nicht ganz so spektakulär. Es war eine profane Flanke von links auf den Kopf des Mainzer Drittligaspielers Daniel Bohl, der nur eine Minute vor seinem Treffer ebenfalls mit einem Kopfball - nach Ecke von Devante Parker - Bussmanns erstes Tor, das 2:0, vorbereitet hatte. Wie so oft in diesen frühen Testspielen war es die zweite Garnitur mit sieben Spielern, die noch gar nicht oder so gut wie gar nicht in der Bundesliga gespielt haben, war es vor allem das neue Mittelfeld mit Parker, Bohl, Patrick Pflücke, das sich ums einigermaßen standesgemäße Ergebnis kümmerte. Die U23 ist schon länger im Training und hat schon die ersten Testspiele absolviert, das sah man. "Sie bringen Qualität rein", sagte Martin Schmidt. Auch das 4:0 hatte ein Drittligaspieler geschossen, Mittelstürmer Aaron Seydel war's in der 58. Minute. Torchancen für RWO gab es überhaupt nicht mehr, Jannik Huth hatte kaum einen Ballkontakt.

Der Trainer war am Ende zufrieden. "Die Flügelzange mit Parker und Holtmann hat den Gegner müde gemacht", sagte Martin Schmidt. "So haben wir ein gutes Resultat bekommen, obwohl unser ganzes Zentrum gefehlt hat." Einige Ausfälle hatten Schmidt dazu gezwungen, sein Team in der ersten Hälfte im 3-5-2, in der zweiten sogar eher in einem 3-4-3 auf den Platz zu schicken. Es war keine völlige Innovation. "Auch bei den Bayern haben wir so gespielt", sagte der Trainer. Nun ist RWO Alzey nicht gerade deutscher Rekordmeister, "aber es ging auch darum, gegen einen tiefstehenden Gegner vorne mehr Anspielstationen zu haben. Auch in der Saison werden wir das ab und zu spielen." Allerdings wurde Schmidt dazu ohnehin gezwungen. Die 05er hatten zu wenige Spieler zur Verfügung, um zwei Teams mit der gewohnten Doppelsechs aufzustellen. Der Trainer, ebenso wie die medizinische Abteilung der 05er, hat also noch ein bisschen Arbeit vor sich, aber die 05er haben ja auch noch über einen Monat Zeit.