An der Grenze zwischen Profi- und Amateursport

Christian Karn. Mainz.
In diesen Tagen wird der FSV Mainz 05 110 Jahre alt. Zu diesem Anlass fasst die nullfünfMixedZone in einer fünfteiligen Serie - jeweils 2x11 Jahre - die Vereinsgeschichte chronologisch zusammen. Im vierten Teil geht es heute um die diversen Versuche der 05er, sich im Profifußball zu etablieren, um den ersten großen Titel, um zwei Aufstiege und zwei Pleiten und um den jungen Jürgen Klopp.

Erinnern wir uns zu Beginn der vierten 22 Jahre an Werner Höllein. "Die Vereinsführung ist klug genug, nicht mit unerfüllbaren Plänen zu spielen", hat dieser 1962 als Sportchef der Allgemeinen Zeitung geschrieben. "Wenn sich die Verhältnisse in und um Mainz nicht wesentlich ändern, wird es in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt niemals einen Verein in der Fußball-Bundesliga geben."

Im November 1970 verstarb Emil Enderle. Höllein wurde 1971 sein Nachfolger als Vorsitzender des FSV Mainz 05. Unter seiner Führung änderten sich die Verhältnisse.

Der Verein war in dieser Phase im Grunde pleite. Die Infrastruktur war schlecht, das Zuschauerinteresse mit einem Schnitt von unter 2.000 in den Jahren 1968/69 und 1969/70 unbefriedigend. Hilfe kam indirekt von der Stadt. Der Oberbürgermeister Jockel Fuchs akquirierte Blendax als ersten Großsponsor, so dass die 05er ganz groß einkaufen konnten. Diese Partnerschaft - eher Mäzenatentum als Sponsoring - ging fünf Jahre lang gut.

Als erstes tauschten die 05er den Trainer aus. Der Verein wollte einen hauptamtlichen Trainer, und Erich Gehbauer, der bei der Frankfurter Bundesbahndirektion arbeitete, konnte das nicht sein. Sein Nachfolger, der 32-jährige Bernd Hoss, brachte von seinem Ex-Klub ein Toptalent mit, den 19-jährigen Paul Göppl, der im Mittelfeld der Adjutant eines feinen Technikers wird, nämlich von Spielmacher Gerd Schmidt. Außerdem kamen aus Nürnberg der Vorstopper Willi Löhr und der Außenstürmer Herbert Renner und vom HSV der Rheingauer Torjäger Gerd Klier - überragende Einzelspieler, die nur noch zusammenfinden mussten. Es stellte sich heraus, dass ein weiterer Mittelfeldspieler der Mannschaft gut täte und für das klare Dreistürmersystem, das Hoss spielen wollte, neben Renner und Klier der passende dritte Mann fehlte, aber es reichte schon für den vierten Platz in der Regionalliga Südwest.

Der erste Anlauf zum Bundesliga-Aufstieg

05-Kapitän Willi Löhr (rechts) führt die 05er zum Aufstiegsrundenspiel gegen den Karlsruher SC (4:1) auf den Platz. Hinter ihm Torwart Wolfgang Kneib (verdeckt), Manfred Kipp, Jürgen Janz und Torben Nielsen.Bernd Hoss machte es nun ähnlich wie Heinz Baas zwölf Jahre vor ihm: Im ersten Jahr wurden Grundlagen geschaffen, im zweiten wurde Ernst gemacht. Ohne viele Neue zu brauchen, baute Hoss 1972 die Mannschaft gründlich um. Wolfgang Kneib, der sich vorher mit Wolfgang Orben abgewechselt hatte, wurde nach überstandenem Knöchelbruch Stammtorwart. Herbert Scheller war Libero, vor ihm standen die drei Manndecker Jürgen Richter, Willi Löhr und Jürgen Janz. Im Mittelfeld spielten außen Göppl und Schmidt, das Zentrum teilten sich Peter Scherer und der dänische Nationalspieler Torben Nielsen. Im Sturm fing der Weisenauer Jochen Dries neben Klier und Renner an, aber weil er nach einem Autounfall monatelang ausfiel, übernahm ein weiterer Neuzugang, der Ex-Braunschweiger Manfred Kipp. Jetzt hatten die 05er eine Zweitliga-Spitzenmannschaft, auf jeder Position herausragend besetzt, die außerdem das Glück hatte, außer Kneib und Dries kaum Ausfälle kompensieren zu müssen. Vor allem vorne ging es richtig rund. Die gleichwertigen Torjäger Klier, Kipp und Renner bildeten den legendären 54-Tore-Sturm: Klier schoss 19 Treffer, Renner 18, Kipp 17.

Was die 05er allerdings vorne hatten, hatte Röchling Völklingen hinten: eine überragende Defensive, die in 30 Spielen fünfzehn Mal zu Null spielte. Meistens stand Völklingen in der Tabelle vorne. Erst in den letzten Spielen zogen die 05er vorbei. Am letzten Spieltag kamen die Völklinger nach Mainz. Peter Scherers Ausgleichstor in der 86. Minute machte Mainz 05 zum Südwestmeister.

In der Bundesliga-Aufstiegsrunde war Fortuna Köln Topfavorit, die Mainzer der zweite ernsthafte Kandidat für den Aufstieg. Sie fingen zuhause sehr gut an, schossen den FC St. Pauli 3:0 ab, schossen Blau-Weiß 90 Berlin 5:1 ab, schossen auch den Karlsruher SC 4:1 ab, verloren aber in Köln 0:3. Es war ein chaotisches Spiel mit einer unübersichtlichen Szene vier Minuten vor der Halbzeit, bei der es für beide Mannschaften einen Platzverweis gab - aber Herbert Scheller bekam das gar nicht mit, spielte bis zur Halbzeit weiter und wurde anschließend lange gesperrt. Am Ende wurden die 05er sogar nur Dritter, Fortuna Köln stieg in die Bundesliga auf - und sofort wieder ab.

Mainz 05 1973: Hinten Masseur Ott, Nielsen, Scheller, Girrbach, Janz, Aust, Scherer, Löhr, Richter, Hohenwarter, Renner, Rybarczyk, Trainer Hoss. Vorne Kipp, Göppl, Kneib, Orben, Schmidt, Klier.Auf dem Transfermarkt hatten die 05er noch einmal Glück: Der TSV München 1860 wollte zwei Jugoslawen holen und musste einen Ausländerplatz freiräumen. So bekamen die 05er für sehr kleines Geld den österreichischen Rechtsaußen Erwin Hohenwarter, einen glänzenden Techniker, Torjäger, aber vor allem exzellenten Vorbereiter. Von den Bayern kam außerdem der Offensivverteidiger Günther Rybarczyk. Den Titel verteidigten sie nicht. Die Mannschaft spielte zu offensiv. Libero Scheller stürmte konsequent mit und schoss 10 Saisontore, Klier sogar 28, aber das ging nicht immer gut. "Wenn wir führen, werden wir zu lässig", sagte Vorstopper Willi Löhr, am Ende waren die 05er nur Fünfter.

Der erste Zweitligakader der 05er: Hinten Löhr, Scheller, Schwickert, Zahn, Göppl, Richter, Koppenhöfer. In der Mitte Nickel, Rybarczyk, Hohenwarter, Renner, Köstler, März, Trainer Klimaschefski. Vorne Klier, Kneib, Orben und Schmidt.Das reichte aber, um 1974 in die neue zweigleisige Zweite Bundesliga aufgenommen zu werden. Worauf die Mainzer noch einmal ganz groß einkaufen gingen. Aber obwohl sie mit Verteidiger Herward Koppenhöfer, der mit 28 Jahren schon über 200 Bundesligaspiele absolviert hatte und mit Bayern München 1971 Pokalsieger und 1972 Deutscher Meister war, mit Libero Gerd Schwickert, mit Sigi Köstler und Werner Nickel auf der linken Seite und mit Spielmacher Franz-Peter März eine sehr gut besetzte Mannschaft beisammen hatten, kamen sie nie so richtig in die Gänge. Es gab nie Konstanz, weil auch ein bisschen der Plan fehlte. Schnellschüsse wurden gemacht, zum Beispiel beim neuen Trainer. Mit Uwe Klimaschefski kam die Mannschaft nie zurecht. Daher war man gar nicht so unglücklich, als schon im September das Gerücht ging, Klimaschefski habe am Tag nach der Niederlage in Pirmasens heimlich seine alte Liebe, den Liga-Konkurrenten FC Homburg, beim Spiel in Neunkirchen gecoacht. Der Vorstand stellte Klimaschefski zur Abwahl und die Profis stimmen mit 16:0 für einen Trainerwechsel.

Saison Liga Platz Punkte
1971/72 Regionalliga Südwest (II) 4/16 37-23
1972/73 Regionalliga Südwest (II) 1/16 44-16
1973/74 Regionalliga Südwest (II) 5/16 38-22
1974/75 2. Bundesliga Süd (II) 11/20 38-38
1975/76 2. Bundesliga Süd (II) 12/20 36-40
1976/77 Amateurliga Südwest (III) 6/19 46-26
1977/78 Amateurliga Südwest (III) 1/20 65-11
1978/79 Amateur-Oberliga Südwest (III) 3/18 47-21
1979/80 Amateur-Oberliga Südwest (III) 5/18 39-29
1980/81 Amateur-Oberliga Südwest (III) 1/18 49-19
1981/82 Amateur-Oberliga Südwest (III) 2/21 57-23
1982/83 Amateur-Oberliga Südwest (III) 8/20 41-35
1983/84 Amateur-Oberliga Südwest (III) 8/18 38-30
1984/85 Amateur-Oberliga Südwest (III) 2/18 49-19
1985/86 Amateur-Oberliga Südwest (III) 5/18 41-27
1986/87 Amateur-Oberliga Südwest (III) 5/18 42-26
1987/88 Amateur-Oberliga Südwest (III) 1/18 54-14
1988/89 2. Bundesliga (II) 19/20 29-47
1989/90 Amateur-Oberliga Südwest (III) 1/18 62-6
1990/91 2. Bundesliga (II) 8/20 41-35
1991/92 2. Bundesliga Süd (II) 7/12 21-23
  Abstiegsrunde Süd 3/6 30-34
1992/93 2. Bundesliga 12/24 46-46

Aber auch sein Nachfolger Gerd Menne bekam die verwöhnte Mannschaft nicht in den Griff. 1975 wurden die 05er Elfter, 1976 Zwölfter mit gewaltigen 81:92 Toren den meisten Toren und den zweitmeisten Gegentoren der Liga. Seriös war das längst nicht mehr. Die Spieler waren offiziell irgendwo angestellt, viele bei Blendax, waren aber eigentlich Profis mit viel zu hohen Gehältern. Am 25. März - Trainer war mittlerweile der ehemalige 05-Spielmacher Horst Hülß, weil Menne im Winter hingeschmissen hatte und nach Augsburg gewechselt war - fand eine außerordentliche Generalversammlung statt, bei der herauskam, dass die 05er 600.000 Mark Schulden hatten - damals eine Menge Geld. Viele Verträge wären zum Saisonende ausgelaufen, insgesamt forderten die betreffenden Spieler für die Verlängerungen über 600.000 Mark Handgeld - weit mehr als das Doppelte der Zuschauereinnahmen, denn die meisten Spiele hatten weniger als 3.000 Fans gesehen. Kein Wunder - trotz des überragenden Kaders, mit dem man normalerweise um den Aufstieg hätte mitspielen müssen, kamen die 05er nicht aus dem unteren Mittelfeld heraus. Klar war: Die nächste Saison wäre kaum zu finanzieren. Der Lizenzantrag wurde immer wieder vertagt. Im Juni entschied der Verwaltungsrat, dass das Maß überschritten war. Weitere Schulden würden die Existenz des Vereins gefährden. Blendax bot an, die Schulden zum Teil zu übernehmen, unter der Bedingung, dass der Verein auf die Zweitligalizenz verzichte. Hölleins Strategie von 1971 war gescheitert. 05 zog sich zurück in die Amateurliga. Der Verein war kaputt, aber noch am Leben.

Ein paar Stammspieler gingen mit in die dritte Liga: Torwart Hermann Lutz, Koppenhöfer, der jetzt Libero war, die jungen Verteidiger Helmut Zahn und Gerhard Bold, März, Bimbo Bopp, der zur Zweitliga-Rückrunde 1976 zurückgeholt wurde, und der Nachkriegs-Rekordtorjäger Gerd Klier - der aber im Winter unter einem Vorwand rausgeekelt wurde, wahrscheinlich, weil er zu teuer war. Alle anderen waren weg. Herbert Scheller wurde als Bundesligadebütant im recht hohen Alter von 28 Jahren sogar Bundesliga-Stammspieler beim FCK. Was von der Mannschaft übrig war, füllten die 05er gezwungenermaßen mit jungen Amateuren und den Zweitliga-Reservisten auf, um wieder auf die Beine zu kommen, was natürlich leicht war in einer Liga, die man mit der heutigen Verbandsliga vergleichen muss: Rheinhessen und die Pfalz, sonst nichts. Kein Saarland, kein Rheinland. Die 05er spielen gegen den FK Clausen, den FC Rodalben, den 1. FC Haßloch, den TuS Landstuhl, den 1. FC Sobernheim und den SV Guntersblum und wurden Sechster. Viermal - gegen Sobernheim, Hassia Bingen, den SV Weisenau und Wormatia Worms - waren über 1000 Zuschauer am Bruchweg. Der Rest war beleidigt nach dem Lizenzverzicht.

Mainz 05 1977: Hinten Co-Trainer Friedrich, Weise, Hauschild, Kiss, Oehrlein, Reichert, Eifinger, Orf, K. Schäfer, Krönung, Trainer Hülß. Vorne Sambale, Collet, Rodekurth, März, Hand, Martin, Krämer, Koppenhöfer, Nimführ, Reinhard.Immerhin kam jetzt endlich die Jugendarbeit in Gang. 1977 standen die A- und B-Junioren im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft, wovon bald die erste Mannschaft profitierte. Ali Oehrlein war der erste Leistungsträger aus der Jugendmannschaft, Siggi Iser und Charly Mähn folgten 1978. Prompt wurden die 05er zwei Jahre nach dem Abstieg erstmals Südwestmeister - verloren aber in der Aufstiegsrunde alle vier Spiele. Und die Fans kamen zurück. "Ich habe viele Fans gesehen und gesprochen, die erstmals seit Zweitligazeiten wieder das Stadion besuchten", sagte Horst Hülß im Winter. Vierstellige Zuschauerzahlen waren in der Rückrunde 1977/78 keine Ausnahme mehr. Die Spitzenspiele gegen Bingen und Kreuznach besuchten sogar fast viertausend bzw. fast fünftausend Fans.

Die Konkurrenz wurde jetzt stärker. Die drei Südwest-Amateurligen wurden 1978 zur Amateur-Oberliga zusammengelegt, das Rheinland und das Saarland kamen also dazu. Im Prinzip war also die alte Regionalliga wieder beisammen, nur um ein paar Spitzenmannschaften reduziert. Die 05er fielen in der Tabelle wieder etwas zurück, hatten 1980 12 Punkte Rückstand auf den Südwestmeister Borussia Neunkirchen.

Die Jughard-Jahre

Aber 1980 stieg Jürgen Jughard ein. Jughard war Generalbevollmächtigter des größten Leasingunternehmens Europas und hatte gerade erst mit viel Geld die SG Harxheim bis in die vierte Liga gehievt. Er versprach, auch die 05er wieder groß zu machen, wenn sie ihn zum Vereinschef beförderten. Im ersten Jughard-Jahr wurden die 05er erneut Meister, aber just in dieser Saison war das wertlos: Die Zweite Liga wurde 1981 auf eine Staffel reduziert, Aufsteiger aus der dritten Liga gab es nicht. Im zweiten Jahr legte Jughard richtig los. Aus Pirmasens kamen die torgefährlichen Techniker Karl-Heinz Halter und Helmut Wagner. Aus Kastel kam mal wieder die 05-Legende Bimbo Bopp zurück. Aus Eisbachtal kam der aktuelle Südwest-Torschützenkönig Erich Klasen, der in Mainz allerdings meistens verletzt war. Und von 1860 kam sogar ein Bundesliga-Stammspieler zurück, der große Herbert Scheller. Die 05er hatten nun die überragende Abwehr der Oberliga und einen Sturm, der jeden Gegner wegfegte - bis auf den FC Homburg. Hinter diesem wurden sie Vizemeister. Homburg spielte um den Zweitliga-Aufstieg und scheiterte. Die 05er waren bei der Amateurmeisterschaft dabei. Weil gleichzeitig der Südwestpokal lief, musste die Mannschaft teilweise im 48-Stunden-Takt auf den Platz. Die 05er mussten beide Wettbewerbe ernst nehmen: Die Amateurmeisterschaft wäre ein großer Titel, aber die Einnahmen, die ein Pokal-Erstrundenspiel gegen einen Bundesligisten bringen würde, waren auch wichtig. 

Bei der Amateurmeisterschaft war im Viertelfinale die prominente, aber lustlose Truppe von Viktoria Köln kein Problem - zweimal gewannen die 05er 4:1. Hertha Zehlendorf war schon anspruchsvoller, aber auch gegen die Berliner setzten sich die 05er mit 1:0 und 3:2 durch. Im Finale hatten sie ein Heimspiel gegen die Amateure von Werder Bremen. Und schlagen diese vor 7.000 Zuschauern durch Tore von Charly Mähn (2) und Ludwig Scherhag 3:0.

Auch den Südwestpokal holten die 05er. In der ersten Runde bekamen sie zwar ein Auswärtsspiel gegen andere Amateure, die des 1. FC Köln, aber in der zweiten Runde kam Schalke, und wir lockte 9.000 Zuschauer an. In der Verlängerung führten die 05er sogar 3:2 - verloren aber 3:6. 

Jughard war da schon nicht mehr am Leben. Im August, wenige Wochen nach den luxuriösen Feierlichkeiten zur Amateurmeisterschaft, verstarb der 05-Präsident bei einem Autounfall bei Koblenz. Oder war es Selbstmord? Oder ein Anschlag? Es gab Gerüchte und bis heute ist nicht hundertprozentig geklärt, was eigentlich passiert ist. Nach und nach kam aber heraus: Jughard wäre eine Schlüsselfigur im bis dato größten deutschen Wirtschaftsskandal geworden. Er hatte offenbar in ganz großem Stil Gelder veruntreut - unter anderem zugunsten seines Fußballklubs. Der brach in der Folge zusammen. Die 05er hatten den Fehler gemacht, ihrem Chef blind zu vertrauen. "Eine normale Buchführung hatten wir nicht", sagte sein Vorgänger Dr. Wolfgang Enders. "Jughard hat gesagt, er würde alles regeln. Mit der Zeit haben wir uns abgewöhnt, nachzufragen." Wieder dauerte es Jahre, bis sich der Verein von diesem plötzlichen Schuldenberg erholte.

Mainz 05 1982. Hinten Grauel, Ott, Scheller, Janz, Petz, Martin, Orf, Scherhag, Reichert, Menger. Trainer Dörenberg, Co-Trainer Ziehmer, Keller, Mähn, Klasen, Wagner, Otto, Bopp, Wocker, Maier, Göppl, Abteilungsleiter Höfels, Vorsitzender Jughard, der wenige Tage später verunglückte, Spielausschußvorsitzender Schenk. Immerhin blieb die Mannschaft einigermaßen zusammen. Jughards letzte Verpflichtungen traten in Mainz an, darunter der Ex-05er Werner Orf, der zwischenzeitlich in Fürth in der Zweiten Liga gespielt hatte, und der Torjäger Norbert Otto von den Eintracht-Amateuren. Und aus der eigenen Jugend der 18-jährige Guido Schäfer.

Nach dem anstregenden Sommer war die Mannschaft allerdings in keinem guten körperlichen Zustand, durch die Krise auch psychisch am Boden. "Praktisch untrainierbar", sagte Trainer Herbert Dörenberg, der im Frühjahr nach einem Streit mit Manager Helmut Höfels zurücktrat. Sein Nachfolger wäre beinahe einmal Weltmeister gewesen: Der große Lothar Emmerich übernahm - und übernahm sich. Mit ihm erlebten die 05er den sportlichen Tiefpunkt ihrer Nachkriegsgeschichte: zweimal Platz 8 in der dritten Liga. So tief unten im Niemandsland des unterklassigen Fußballs sind sie vorher und nachher nie gelandet.

Das war natürlich nicht allein Emmerichs Schuld. Einerseits überforderte er die Mannschaft taktisch, andererseits hatte er unter anderem die beiden Topstürmer verloren. Die Mannschaft war vor allem in der Hinrunde dramatisch unterbesetzt. Über die Hälfte der Tore schossen die Jugendspieler Markus Ott, Armin Maier und Guido Schäfer. Erst 1984 bekamen die Zuschauer vom neuen Trainer Horst-Dieter Strich, dem 05-Torwart der Saison 1962/63, wieder etwas geboten. Strich ließ auf der Bases eines innovativen Abwehrsystems, bei dem der Vorstopper ins Mittelfeld rückte und der 18-jährige Libero Dirk Scherrer auf einer Linie mit den Manndeckern weit vorne die Abseitsfalle aufbaute, intelligenten und aggressiven Offensivfußball spielen. Die Folge: nur 29 Gegentore und Platz zwei, obwohl es für Armin Maier (23 Tore) keinen Sturmpartner gab, bis im Winter Radomir Dubovina aus Offenbach dazu kam.

Der Rückweg in den Profifußball

Dubovina war nach einem halben Jahr wieder weg, ganz kurzfristig zum Zweitliga-Aufsteiger Aschaffenburg. Weil die Oberliga eine kürzere Transferperiode hatte als die Zweite Liga, dorften die 05er nicht einmal Ersatz holen. Dennoch war 1985 ein ganz wichtiges Transferjahr für die 05er: Ohne den allergrößten Aufwand holten sie auf einen Schlag einige langjährige Leistungsträger. Michael Schuhmacher war schon seit einem Jahr da, jetzt folgten der Rückkehrer Charly Mähn, die Mittelfeldspieler Micky Becker und Hendrik Weiß und die Verteidiger Michael Schmitt und "Schorsch" Müller. Das funktionierte nicht auf Anhieb. Die 05er hatten einige Verletzte in den nächsten beiden Jahren, auch ein Torwartproblem. Außerdem fehlte ein letzter herausragender Mittelfeldmann und ein Sturmpartner für Charly Mähn. Drei Lücken, die 1987 geschlossen wurden: Von Wormatia Worms kam der beste Südwest-Torwart, Stephan Kuhnert. Vom FCK kam das große Mittelfeldtalent Frank Haun. 

Nur die Lücke im Sturm zu besetzen, stellte sich als schwierig heraus. An sich hatten die 05er ihren Topmann an der Angel: Norbert Hönnscheidt, einen ganz erfahrenen Mann vom 1. FC Saarbrücken. Das Problem: Die Vereine einigten sich nicht über die Ablöse. Saarbrücken erteilte keine Freigabe, Hönnscheidt musste erst eine sechsmonatige Reamateurisierungssperre absitzen und anschließend eine sechsmonatige Wechselsperre. Die ersparten die 05er ihm und sich, indem sie ihn im Winter doch noch von Saarbrücken freikauften - für mehr Geld, als sie sich leisten konnten. Finanziell war der Verein damit schon wieder ruiniert. Monatelang flossen keine Gehälter. Einzelne Spieler meldeten sich beim Trainer ab, er solle ohne sie planen. Strich musste sie immer wieder überreden, keine Dummheiten zu machen. Sie würden schon Meister werden, und dann auch das Geld bekommen. 

Mainz 05 vor dem bedeutungslosen letzten Aufstiegsrundenspiel bei der ebenfalls schon aufgestiegenen Viktoria Aschaffenburg. Hinten Trainer Strich, Betreuer Meyer, Häuser, Hönnscheidt, Kunz, Münch, Wilhelm, Mohr, Haun, Schuhmacher, Teamchef Gabriel, Präsident Hertlein. Vorne Masseur Hess, Schmitt, Weiß, Becker, Mähn, Petz, Özdemir, Kuhnert, Karsch, Bell, Müller.Tatsächlich führte Eintracht Trier lange mit einem komfortablen Vorsprung die Liga an. 05-Präsident Bodo Hertlein schoss im April schon gegen den Trainer: "Aufgrund des hervorragenden Spielermaterials wären wir mit einem anderen Trainer Meister geworden." Aber Trier kam ins Stolpern und die 05er gewinnen gleichzeitig dank Hönnscheidt, der endlich spielen durfte und regelmäßig traf, ein Spiel nach dem anderen. Am vorletzten Spieltag kam Trier zum Showdown nach Mainz und verlor die Tabellenführung. Dreimal führten die 05er. Zweimal glich Trier aus, aber auf Charly Mähns 3:2 kam keine Antwort mehr. In der sehr gut besuchten Aufstiegsrunde, in der bei jedem Heimspiel weit über 10.000 Zuschauer im Stadion waren, schoss der teure Hönnscheidt die 05er 1988 in die Zweite Liga zurück.

Die war für die 05er allerdings zu groß. Es gab dramatische Verletzungsprobleme: Hönnscheidt fiel mit dreifachem Bänderriss bis Oktober aus und schoss nur sechs Saisontore. Petar Kurdow, der nachverpflichtete bulgarische Starstürmer, wurde auch wegen einer Knie-OP nie der erhoffte Torjäger. "Schorsch" Müller verpasste wegen Adduktorenproblemen die Rückrunde, Patrick Mohr fehlte monatelang nach einem Knöchelbruch, Micky Becker musste die Saison mit einem angerissenen Kreuzband vorzeitig beenden und Michael Schmitt erwischte es besonders schlimm: Kreuzband-, Innenband- und Meniskusriss, Karriereende.

Fast ohne zweitligataugliche Stürmer (nur Mähn schoss elf Tore), ohne diese Stammspieler und in der Rückrunde mit einer erschreckenden Auswärtsschwäche - die Pirmasenser Legende Robert Jung, Trainer ab der Rückrunde, verlor bis auf sein Debüt (2:2) und das letzte Spiel (0:7) alle Auswärtspartien mit drei Toren Unterschied - stiegen die 05er ab. Jungs Vorgänger Hülß musste zugeben: "Der Feierabendprofi war ein totgeborenes Kind." Vollprofitum hatten sich die 05er in der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht leisten können. "Im Grunde hatte der Verein in der Zweiten Liga nichts zu suchen", sagte Stephan Kuhnert.

Dennoch ereignete sich in dieser Saison 1988/89 ein wichtiger Umbruch im Verein: Auf der Jahreshauptversammluing im Oktober stolperte Präsident Hertlein über seine Privatfehde mit dem Meistertrainer Strich, der nach dem Aufstieg wegen Hertlein gegangen war. Weil dieser den Trainer in seiner Laudatio nicht erwähnte, wurde er von einer Koalition aus Gerechtigkeitsgefühl, Machtstreben und Aufsässigkeit, die weder Gegenkonzept noch Gegenkandidaten hatte, kurzerhand abgewählt. Sein Nachfolger wurde der spontan zur Wahl gestellte Jurist Harald Strutz (damals 37 Jahre alt), der Sohn des Ex-05-Präsidenten Walter Strutz. Der damals gewählte Vorstand ist mit wenigen Veränderungen heute noch im Amt.

Robert Jungs Husarenritt

Mit der Oberliga hielten sich die 05er keine Sekunde länger auf als nötig. "Husarenritt" nannte Robert Jung den Rückkehr in den Profifußball. Mit seinem gefürchteten aggressiven Konzeptfußball - tief im Raum stehen, den Gegner kommen lassen, auf eine kaum zu durchdringende Abwehr laufen lassen und dann explosiv kontern - war der FSV Mainz 05 unschlagbar. Häufig gewann die Mannschaft mit drei, vier, fünf Toren Unterschied. Ganz selten - am 1., 9., 16. und 32. Spieltag - unterbrach mal ein Unentschieden die Siegesserie. Niederlagen gab es nicht. Der Höhepunkt: Stephan Kuhnerts Tor des Monats beim 3:0 gegen Borussia Neunkirchen, ein Abschlag aus der Hand. Das Problem: Der FSV Salmrohr mit dem Torjäger Paul Linz war auch unschlagbar. Im Spitzenspiel der Hinrunde trennten sich die beiden Topteams der Oberliga 0:0. Alle anderen Verfolger waren längst weit weg, aber die Mannschaft von der Mosel blieb immer eng hinter den 05ern. Am Saisonende drohte ein Endspiel in Salmrohr. Beide Mannschaften gehörten durch ihre überragende Saison in die Aufstiegsrunde, aber es gab nur einen Platz für den Südwesten. Den sicherten sich schließlich die Mainzer trotz einer Niederlage in Salmrohr, der einzigen in der Saison. Denn der Verfolger hatte am vorletzten Spieltag den Anschluss verloren und die 05er konnten sich den Luxus leisten, mit einer B-Elf zum Spitzenspiel aufzulaufen. Aber auch 62:6 Punkte mit 93:20 Toren waren ein staffelübergreifender Rekord in der drittklassigen Oberliga.

In der Aufstiegsrunde waren die 05er fast unter sich: Neben den Mainzern (gegründet im März 1905) waren auch die Schweinfurter (5.5.1905) und die Reutlinger (9.5.1905) in der Gruppe. Nur Rot-Weiß Frankfurt war dreieinhalb Jahre älter. Die Mainzer 05er standen schon nach vier Spielen und vier Siegen als Aufsteiger fest. In der dritten Partie, dem 2:1 in Frankfurt, begegneten sie erstmals einem ihrer größten Helden: Dem 22-jährigen Rot-Weiß-Stürmer Jürgen Klopp.

Mainz 05 1990 nach dem Comeback im Profifußball. Hinten Schäfer, Klein, Janz, Weiß, Traupel, Möller. In der Mitte Präsident Strutz, Trainer Jung, Vizepräsident Arens, Herzberger, Hönnscheidt, Kirn, Münch, Klopp, Schuhmacher, Puntheller, Betreuer Straub, Masseur Hendrich. Vorne Ruof, Mohr, Biagioli, Helferich, Kuhnert, Petz, Mähn, Müller, Hayer, Becker.Nach dem Aufstieg vermieden die 05er den Fehler, den sie beim vorigen Zweitliga-Anlauf gemacht hatten. Sie achteten darauf, die Halbprofi-Mannschaft mit dem wenigen vorhandenen Geld durch Berufsspieler zu stabilisieren. Diesmal klappte es: Mit vier Neuen mit Zweitliga-Erfahrung (Stürmer Gernot Ruof aus Kassel, Verteidiger Victor Lopes aus Ulm und die Offensivspieler Aaron Biagioli und Fabrizio Hayer aus Essen), vor allem aber mit den beiden Riesen Klopp und Steffen Herzberger wurden die 05er als Achter bester Aufsteiger der Saison, obwohl Charly Mähn wegen chronischen Wadenproblemen kein einziges Tor schoss (und nach einem bösen Foul im Derby in Darmstadt seine Karriere ganz aufgeben musste). 

Trotzdem wären die 05er um ein Haar wieder in der Oberliga gelandet. Wegen einer gewissen Naivität - nicht alle Sponsorenvereinbarungen waren in der nötigen Form schriftlich fixiert - bekamen sie keine Zweitligalizenz für die Saison 1991/92. Erst in zweiter Instanz wurden sie begnadigt.

Den folgenden Abstiegskampf hätten die 05er fast frühzeitig vermieden. Um ein knappes Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung die Ostvereine in den gesamtdeutschen Fußball einzugliedern - heute weiß man, wie sehr das schiefgegangen ist -, musste der DFB experimentieren. Es gab zum ersten und letzten Mal eine zweigleisige und zweistufige 2. Bundesliga: Im Norden wie im Süden wurden zwölf Vereine wurden nach 22 Spieltagen auf jeweils eine Auf- und eine Abstiegsrunde aufgeteilt. Die 05er kamen gut in die Saison, verloren in der Hinrunde der ersten Phase nur eins von elf Spielen (gewannen aber auch nur zweimal, darunter 5:0 in Erfurt mit vier Toren von Klopp), verpassten aber schließlich die Aufstiegsrunde um drei Punkte. In der Spitzengruppe hätten die 05er wohl keine ernsthafte Chance gehabt, aber ein weiteres Jahr in der 2. Bundesliga wäre schon im Dezember sicher gewesen. Statt dessen mussten sie in einen knallharten Abstiegskampf. Ohne große Verstärkungen - Manndecker Holger Greilich, Rechtsaußen Thomas Zampach und Stürmer David Wagner waren schon da, setzten sich aber erst in der folgenden Saison durch - und ohne guten Stürmer verloren die 05er vier der ersten fünf Spiele, stellten aber durch Fabrizio Hayers Freistoßtor im leeren "Stadion der Hunderttausend" in Leipzig zum 1:0 in der letzten Minute den Anschluss wieder her, holten nach dem Punkt beim TSV München 1860 vor 15.000 Zuschauern Siege gegen Erfurt und Halle, so dass es am Ende nicht mal mehr eng wurde. Weil zwangsläufig alle Abstiegskandidaten gegeneinander spielten, hätten sich die 05er am letzten Spieltag in Darmstadt eine Niederlage mit zwei Toren Unterschied leisten können. Dank Micky Beckers frühes 1:0, das bis in die 80. Minute hielt, war die Gefahr schnell gebannt.

Es folgte die intensivste Saison der deutschen Fußballgeschichte. Die beiden Zwölferligen wurden wieder zusammengelegt, aber noch nicht reduziert. 24 Vereine spielten an 46 Spieltagen gegeneinander. Es gab fünf Englische Wochen in den ersten zwei Monaten, 25 Spiele bis zur Winterpause. Und sieben Abstiegsplätze.

Die Mainzer hatten einen neuen Trainer, den Kroaten Josip Kuze, der gemeinsam mit dem erfahrenen Mittelfeldspieler Zeljko Buvac aus Erfurt gekommen war und einen Landsmann bekam, den schillernden Libero Vlado Kasalo, der 1991 als Nürnberger zwei angeblich absichtliche Eigentore geschossen hatte, der zwischenzeitlich im jugoslawischen Bürgerkrieg verschwunden war. Ein großartiger Fußballer, immer begleitet von Legenden und Undurchsichtigkeiten. 

"Durchschnitt macht depressiv", sagte Kuze. Sein Saisonziel: Platz 8. Den verfehlten die 05er schließlich um vier Punkte. In der langen Zweitligazeit der 05er sollte die Saison 1992/93 eins der wenigen Jahre bleiben, in denen die 05er vom ersten bis zum letzten Spieltag nie etwas mit dem einen oder anderen Tabellenende zu tun hatten.

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