Der Europapokal kam zwangsläufig

Christian Karn. Mainz.
Julian Baumgartlinger hat mit Mainz 05 schon zweimal im Europapokal gespielt: Einmal als Neuzugang ohne großen Stellenwert, einmal als Stammspieler. Die dritte internationale Saison steht nun an, diesmal als 05-Kapitän. Warum Baumgartlinger sich und den 05ern die Qualifikationsspiele beim dritten Versuch gern ersparen würde, was die 05er in seiner Sicht so stark macht und warum er schon bei der Vertragsverlängerung an ein erfolgreiches Jahr geglaubt hat, verriet der Österreicher vor dem letzten Bundesligaspieltag im Pressegespräch.

Julian Baumgartlinger zu unterstellen, er sei schon im vergangenen Sommer von der Europapokalqualifikation ausgegangen, ist übertrieben. Ein gewisser Glaube in ein gutes Jahr aber muss da gewesen sein beim damals noch künftigen Kapitän des FSV Mainz 05. Der Vertrag des Österreichers ist 2015 ausgelaufen. "Und ich hätte nicht verlängert, wenn ich kein Vertrauen in die Weiterentwicklung gehabt hätte", sagt Baumgartlinger heute. "Ich habe gefühlt, dass gute Typen, kommende Leistungsträger verpflichtet wurden. Ich kannte den Kader und wusste, dass wir eine gute Rolle spielen können, wenn wir mit Negativem gut umgehen."

Negatives gab es. Die frühe Verletzung von Fabian Frei, der monatelang fehlte und sich bis heute nicht als der Leistungsträger etablieren konnte, der er sein sollte. "Aber nach der Verletzung war Danny Latza sofort da", sagt Baumgartlinger. "Nach Yoshi Mutos Verletzung war Jhon Córdoba sofort da. Darum hatte ich nie den Eindruck, dass uns die Luft ausgeht."

Vor ein paar Tagen noch könnte der 05-Kapitän damit einer Minderheit angehört haben. Die Zweifel im Umfeld waren groß, deutlich zu spüren, Ende April: Nur ein Punkt in Wolfsburg - taktisch gesehen ein Punktgewinn, der den abtretenden Vizemeister auf Distanz hielt, aber in jenen 90 Minuten war mehr drin. Niederlage gegen den 1. FC Köln nach 2:0-Führung, Niederlage in Frankfurt nach 1:0-Führung, nur ein Punkt gegen den HSV in einem schwachen Spiel. Und Baumgartlinger sagt selbst: "Nach Köln war es schwierig, mental wieder zurückzukommen. Wir haben sechzig Minuten lang nicht überragend gespielt, aber das Spiel haben wir kontrolliert. In Frankfurt gab es ein unglückliches Gegentor am Ende, auch das Spiel hätte man gewinnen können. Und auch gegen den HSV war es schwer. Aber Stuttgart war ein Befreiungsschlag. Der Beweis, dass wir die Qualität haben." Die Qualität für einen Platz im Europapokal.

Den, so erklärt es der Kapitän, die Mannschaft gar nicht so konkret angepeilt hatte. "Als der Klassenerhalt so schnell geschafft war, haben wir uns überlegt, wie es weitergeht", verrät Baumgartlinger. "Wohin orientieren wir uns, wenn wir mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben? Nach 24 Punkten in der Vorrunde und der guten Phase früh im Jahr waren die 48 Punkte unser Ziel. Der Europapokal kommt dann zwangsläufig." 49 Punkte sind's bisher sogar geworden, 52 können es werden, was im Übrigen kein Vereinsrekord in der Bundesliga wäre; der stammt von 2011 und beträgt sogar 58 Zähler. Aber schon jetzt ist klar, dass 48 Punkte auch in der Abschlusstabelle für den siebten Rang gereicht hätten.

Aufräumer, Anführer, neuerdings sogar Torschütze, demnächst zum dritten Mal Europapokal-Teilnehmer: Julian Baumgartlinger (links) spielt längst eine Schlüsselrolle beim FSV Mainz 05. Foto: imagoWäre mehr drin gewesen? Borussia Mönchengladbach - vor einem Jahr angeblich an einer ablösefreien Verpflichtung Baumgartlingers interessiert - ist jetzt Vierter. Den Rückstand von drei Punkten und eher zwölf als elf Toren aufzuholen, dürfte utopisch sein. Aber ein Sieg mehr, ein Sieg gegen Köln, gegen Frankfurt, in Hoffenheim, eines dieser unnötig verlorenen Spiele doch gewonnen zu haben... die Champions League hätte ein Thema sein können... "aber das brauchen wir nicht zu besprechen", wehrt Baumgartlinger ab, "das ist ja relativ." Der Kapitän verweist auf die Serie von Ende Januar bis Anfang März, die Siege gegen Gladbach, Schalke, Leverkusen, bei den Bayern: "Wir haben in dieser Phase jeden aus der oberen Hälfte geschlagen, wir haben in Überform gespielt. Aber das die ganze Saison lang zu halten, das wäre ungewöhnlich. Dann hätte man 30, 40 Punkte pro Halbserie. Wir haben nach einer guten Hinrunde eine sehr gute Rückrunde gespielt, haben uns für Platz sieben, sechs oder fünf qualifiziert, das ist ein Erfolg. Das erste Saisonziel hatten wir schon in der Winterpause erreicht, jetzt haben wir uns die Situation erspielt, am Wochenende im Endspiel die Saison vergolden zu können."

Ein Punkt gegen Hertha BSC würde schon reichen, um Platz sechs zu sichern, auch ein knapper Sieg würde den fünften Rang nahezu garantieren - und ob man am Ende Fünfter oder Sechster wird, ist hinsichtlich der europäischen Ambitionen ohne große Bedeutung. "Wir haben es selbst in der Hand", sagt Baumgartlinger. "Wir müssen nicht hoffen, irgendwie reinzurutschen, sondern können es mit Leistung selbst regeln."

Was aber steckt hinter diesem Erfolg, abgesehen von den bereits genannten guten Verstärkungen eines ohnehin schon auf vielen Positionen gar nicht schlecht besetzten Kaders, abgesehen von der vielzitierten Laufleistung? "Wir haben einen Plan", sagt Baumgartlinger. "Egal ob wir ein Spiel gewinnen oder verlieren: Wir wissen schon, wie wir am nächsten Wochenende spielen wollen. Wo wir unsere Stärken haben, an welchen Schwächen wir arbeiten müssen." Vor dem Spiel gegen den VfB sei es um bessere Zweikampfwerte und größere Effizienz im Angriff gegangen. "Das mit der Effizienz hat nicht geklappt", findet der 05-Kapitän. "Wir haben immer noch viele Möglichkeiten vergeben. Aber wir waren wieder torgefährlich." Es hat gereicht, einen hinten arg löchrigen Gegner nach zwanzig schlechten Minuten deutlich zu schlagen. "Es hängt auch mit der Kaderbreite zusammen", erklärt Baumgartlinger. "Wir haben viele gute Flügelspieler, auch mit Ausfällen sind wir eine sehr gute Mannschaft."

Seine in der Selbsteinschätzung nicht nur dank seiner ersten beiden Bundesligatore bislang beste Saison ("es geht mit Erfolg einher. Mit der Austria gab es auch schon gute Jahre, aber das war in Österreich") will Baumgartlinger mit nun nicht als Siebter abschließen: "Ich habe zweimal die Europapokal-Qualifikation miterlebt", begründet das der Mittelfeldmann. "Ich weiß, wie unangenehm das sein kann, wie es einem die Saisonvorbereitung zerreißt. Da sieht man, wie wertvoll es ist, Fünfter oder Sechster zu werden." 2011, als Baumgartlinger selbst neu dazugekommen war, im Hinspiel gegen Gaz Metan Medias nur zugesehen, im Rückspiel 120 Minuten gespielt hatte und am Ende trotz riesiger Überlegenheit wegen Abschlusspech, auch ein paar unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen und einem schon vorher überragenden gegnerischen Torwart, der im Elfmeterschießen zwei Schüsse parierte, habe der Kaderumbruch die Mission nicht leichter gemacht. Neun weitere Neue nach den schwerwiegenden Abgängen von Christian Fuchs, André Schürrle, Lewis Holtby so schnell mit dem Restkader zusammenfügen zu müssen, sei ein Grund für das Aus gegen die international völlig unbekannten Rumänen gewesen. 2014, beim 1:0/1:3 gegen Asteras Tripolis war Baumgartlinger schon Stammspieler, "aber es gab einen neuen Trainer, ein neues Trainerteam, wieder neue Spieler..." - so dass die 05er gern in diesem Jahr so frühe K.o.-Spiele verhindern würden.

Baumgartlinger dabei, Onisiwo nicht

ÖFB-Teamchef Marcel Koller gab am Donnerstag den vorläufigen EM-Kader Österreichs bekannt. Julian Baumgartlinger steht im 24-Mann-Aufgebot, das bis zum 31. Mai noch um einen Spieler reduziert werden muss. Baumgartlingers 05-Kollege Karim Onisiwo steht - ebenso wie der Ex-Mainzer Andreas Ivanschitz - in einer zusätzlichen Liste von 16 potenziellen Nachrückern.

Dafür ist gegen Hertha BSC eine letzte gute Leistung nötig. Die traut der Kapitän seinem Team zu: "Wir haben eine große Feinfühligkeit in der Mannschaft. Wir können gut auf Situationen reagieren." Auch sich selbst sieht Baumgartlinger in guter Form: "Körperlich geht es mir sehr gut. Nur die Pollenallergie macht mir zu schaffen, aber die haben andere auch." Die Gelbsperre, die ihm das HSV-Spiel genommen hatte, sei sogar hilfreich gewesen: "Klar habe ich mich darüber geärgert, aber es hat gut getan, mal runterzufahren, um für die restlichen Spiele fit zu sein. Jetzt kommt mit der Hertha noch ein Höhepunkt, dann freue ich mich auf die Europameisterschaft, und dann sehen wir mal weiter, wie es in Europa weitergeht." Nach dem Spiel gegen die Berliner geht's für Baumgartlinger erst einmal für ein paar Tage mit seiner Frau in die Berge, ein bisschen entspannen. Und was der 05-Kapitän über die weiteren Pläne, Ziele und Hoffnungen im Nationalteam gesagt hat, darüber berichten wir an dieser Stelle, wenn die Bundesligasaison vorbei und Baumgartlinger im Urlaub ist.

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