Der ehrliche Treter tritt ab

Christian Karn. Mainz.
Vor zehn Jahren verpflichtete der FSV Mainz 05 für seine zweite Bundesligasaison einen bereits fast 28-jährigen Mittelfeldspieler von einem Zweitliga-Absteiger und zunächst wusste keiner so recht, was das werden sollte. Zehn Jahre später beendet dieser Mann nun seine Profikarriere als einer der angesehensten Spieler in der jüngeren Vergangenheit zweier 05er - der des FSV aus Mainz und des SV Eintracht aus Trier: Der große Milorad Pekovic wird im August 38 Jahre alt und hört nun auf mit dem professionellen Fußball.

Aus der Distanz gesehen bleibt Pekovic aus zwei Gründen in Erinnerung: Erstens: Viele Gelbe Karten. In Mainz 48 in 138 Spielen in den beiden Bundesligen, im DFB- und im Europapokal, das ist (Ein- und Auswechslungen einkalkuliert) eine alle 214 Minuten. Allerdings: Nie ein Platzverweis. Jedenfalls kein berechtigter. Dominic Peitz, damals noch beim VfL Osnabrück, hat Pekovic einst eine Rote Karte angehängt, anschließend in der Mixedzone des Stadions am Bruchweg große Geschichten erzählt, wie hart ihm der böse Mainzer ins Gesicht geschlagen hat, und er sei ja kein Lügner - im Fernsehen sah es ein bisschen anders aus und der Fußballgott muss die Zeitlupen gekannt haben, denn im Rückspiel sah Peitz selbst eine wesentlich eindeutigere Rote Karte für eine grundsätzlich schon sehr starke Parade im Tor, die er sich im Feldspielertrikot halt besser verkniffen hätte.

Milorad Pekovic war kein Edeltechniker. Ihn als Mann fürs Grobe zu bezeichnen, wäre jedoch zu oberflächlich. Pekovic war ein harter Kämpfer im Mittelfeld, ein Zweikämpfer, einer, der keine Angst hatte vor Fouls. Aber einer, von dem man nie Gemeinheiten sah. Pekovic war der ehrliche Treter. Er kam von vorne, er kam mit Voranmeldung. Er holte sich die Gelbe Karte ohne Widerworte und er kannte die Grenze. Mike Büskens wusste das nicht: Beim Debüt für die SpVgg Greuther Fürth nach seinem Abschied von den 05ern sah Pekovic am Bornheimer Hang schon nach 5:10 Minuten Gelb. Büskens wurde nervös, wechselte seinen Neuzugang nach nicht mal 30 Minuten sicherheitshalber aus. Das Häuflein Mainzer auf der Tribüne hätte dem Fürther Trainer sagen können: Bleib ruhig, lass ihn weiterspielen. Der kann das dosieren, der hält durch bis zum Abpfiff.

In der Qualifikation zur WM 2010 stellte Pekovic einen Rekord auf. Zehn Spiele hatte Montenegro in dieser Ausscheidungsrunde. Sieben davon mit Pekovic. In den anderen war der Abräumer gesperrt. Das ging so: Gelb, gelb, Sperre. Gelb, gelb, Sperre. Gelb, gelb, Sperre. Und noch einmal gelb. Das Problem sei bekannt, erzählte er der Delegation des 05-Fanzines "Die TORToUR" in einem Fünf-Sterne-Wintergarten vor den Toren Dublins, wenige Stunden vor der letzten dieser sieben Verwarnungen: "Pekovic, heute ohne Gelbe Karte", würde der Nationaltrainer inzwischen vor Anpfiff fordern. "Versuch' es wenigstens!" Zwecklos - Damian Duff musste in der 47. Minute nahe der Mittellinie aufgehalten werden, das war halt notwendig.

Der zweite Grund, warum man sich an Pekovic erinnert, war sein Torjubel. Nicht nach eigenen Toren. Die gab es nicht. Nicht oft jedenfalls. Fasziniert denkt man zurück an ein Testspiel in Bischofsheim vor acht Jahren, als der Mittelfeldmann beim Stand von ungefähr 12:0 beschloss: Heute treffe ich! Und Pekovic zog los, erreichte den Strafraum und verlief sich. Es sah ein bisschen aus wie das berühmte Tor von Jay Jay Okocha gegen Oliver Kahn und diverse Verteidiger, jedoch ohne Abschluss: Pekovic spielte Kringel kreuz und quer durch den Sechzehner, wusste am Ende nicht mehr, wo der Kasten überhaupt steht, und lief mitsamt dem Ball im Toraus. Zweimal. Beim dritten Versuch klappte es: Pekovic schoss das 18:0, das erste seiner vier Tore für die 05er.

Das zweite, wenige Wochen später im Pokal in Worms, war Zufall. Ein brachialer und kapital abgefälschter Freistoß. Das dritte im Zweitligaspiel gegen Augsburg schon etwas geplanter, wieder ein gewaltiger Freistoß, der irgendwo im Hartenbergpark losflog und vor dem Q-Block im Tor landete. Das vierte und letzte Tor, das wird auch keiner vergessen, der es gesehen hat, erst recht nicht angesichts Pekovics Vorgeschichte: Pokalspiel gegen den 1. FC Köln. Pekovic lief vor dem Strafraum quer von rechts nach links, zog auf einmal aus der Drehung mit seinem linken Fuß ab. Und zack. Ein Traumtor zum 3:1-Endstand.

2009 machten die 05er in Fürth den Aufstieg nahezu klar - und Milorad Pekovic hatte bei jenem 2:0 derart gut gespielt, dass ihn die SpVgg, als er in Mainz keine Hauptrolle mehr hatte, an den Ronhof zurückholten, um fortan am anderen Ende des Stadions zu feiern. Foto: imagoAber zurück zum Thema: Torjubel. Pekovic war - wie etwas später der Kurzzeit-05er Anthony Ujah - immer der größte Fan seiner eigenen Mannschaft. Nahezu jeder Mainzer Torschütze in jenen 138 Spielen hatte augenblicklich einen euphorischen Montenegriner auf dem Buckel. Das gefiel Pekovic, der einmal sagte, wie wichtig ihm die emotionale Bindung sei: "Ich spiele nicht nur für mein Gehalt. Wenn man ein Mensch ist und wenn man in einer guten Umgebung ist, dann entwickelt man einfach Gefühle für seinen Verein. Ich wechsle nicht einfach so die Umgebung, die Leute. Das mache ich nicht gerne."

Und dennoch musste Pekovic Ende Januar 2010, nach viereinhalb Jahren in Mainz, die 05er verlassen - aber was heißt "musste"? Thomas Tuchels Vorstellungen und Pekovics Fähigkeiten passten nicht zusammen, viel mehr als gelegentliche Einwechslungen waren nicht mehr drin. Christian Heidel hätte die wichtige Integrationsfigur liebend gerne gehalten, aber Pekovic wollte spielen. Und konnte das in Fürth, wo man sich an das vorentscheidende Aufstiegsspiel ein gutes halbes Jahr zuvor nur zu gut erinnerte; am Ronhof hatte der Montenegriner möglicherweise sein größtes Spiel im 05-Trikot gemacht. Für Thomas Tuchels Akzeptanz war das zunächst nicht hilfreich; die 05-Fans fremdelten ohnehin mit dem immer etwas unnahbar wirkenden neuen Trainer und viele nahmen es ihm übel, den populären Pekovic nicht gebraucht zu haben.

Denn da gibt es noch einen dritten Aspekt bei Milorad Pekovic. Einen weniger offensichtlichen, den man nur aus der Nähe sah, nicht im Fernsehen und auch nicht von der Tribüne aus. Das war der sanftmütige Peko, ein hochanständiger, freundlicher, großzügiger Mensch, jederzeit ansprechbar, einer, der nicht groß hofiert werden musste, der seinen Fans, siehe oben, nicht nur Länderspielkarten besorgte, wenn sie ihn danach fragten, sondern sie bei der Gelegenheit direkt ins Mannschaftshotel zum Kaffee mit der ganzen Nationalmannschaft einlud, der sich Zeit für Plaudereien auf Augenhöhe nahm. Der sich ansonsten mehr für Pferde interessierte als für schnelle Autos. Und der Ende Januar 2010, drei Tage nach seinem Wechsel von Mainz nach Fürth, am Bornheimer Hang versprach: "Ich komme oft nach Mainz. Wir sehen uns wieder."

Einmal noch kam Pekovic als Fußballprofi nach Mainz. Fürth gewann 1:0. Und Pekovic sah Gelb. Nun hat der Montenegriner nach 480 Ligaspielen für OFK und Partizan Belgrad, für Trier, Mainz, Fürth, Hansa Rostock und noch einmal Trier seine 21 Jahre dauernde Profikarriere beendet. Ob er sich auch als Zuschauer Fußballspiele im Stadion ansehen könnte, das wüsste er nicht, hat er ebenfalls vor einigen Jahren mal gesagt. Wenn ja, dann wäre er sicherlich bei vielen willkommen.

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