Denkanstoß zur rechten Zeit?

Jörg Schneider. Unterhaching.
Dem FSV Mainz 05 ist durch den Sieg im Elfmeterschießen beim Regionalligisten SpVgg Unterhaching die Schmach erspart geblieben, bereits in der ersten Runde des DFB-Pokals auszuscheiden. Die Art und Weise, wie sich der Bundesligist nach einer 3:1-Führung in der 88. Minute noch die Butter vom Brot hatte nehmen lassen, gab jedoch dem neuen 05-Spielführer Niko Bungert und dessen Vize Stefan Bell zu denken. „Das waren unfassbare individuelle Fehler, die wir uns einfach nicht erlauben dürfen“, waren sich die Kapitäne einig und setzen auf die heilsame Wirkung dieses schwachen Auftritts, der dem Team notwendige Denkanstöße geben sollte.

Niko Bungert, der neue 05-Kapitän und dessen Vize Stefan Bell beglückwünschen Torhüter Jonas Lössl, der mit dem gehaltenen Elfmeter das Weiterkommen sicherte. Die 05-Kapitäne setzen auf die heilsame Wirkung dieses schwachen Pokal-Auftritts. Foto: ImagoZwei Bundesligisten sind auf der Strecke geblieben in dieser ersten Runde des DFB-Pokals eine Woche vor dem Start in die Ligarunde. Dem FSV Mainz 05 ist das Schicksal von Werder Bremen und RB Leipzig gerade so erspart geblieben. Der Europaliga-Teilnehmer ist durch den glücklichen Sieg im Elfmeterschießen beim Regionalligisten SpVgg Unterhaching noch drin im Topf und erfährt nun am Freitag, wie sein Programm in diesem Herbst aussehen wird. Nach dem Bundesliga-Auftakt zwischen Bayern München und Bremen wird der zweite Pokal-Durchgang ausgelost. Bereits am Mittag erfolgt in Monaco die Auslosung der Gruppenphase der Euro League. Am Samstag startet das Team von Martin Schmidt in Dortmund dann in die Bundesliga.

Der Nachmittag im Unterhachinger Sportpark wird den Mainzern in Erinnerung bleiben und hoffentlich eine Lehre sein. Eine Erfahrung, die Erstligaprofis offenbar brauchen auf ihrem Weg zur Wettkampftauglichkeit. „Chemnitz reloaded“, lautete Stefan Bells erster Kommentar nach dem haarscharfen Weiterkommen. Der Innenverteidiger fühlte sich nach diesem Auftritt beim Regionalligisten zurückerinnert an die Partie vor zwei Jahren, als die Mainzer beim sächsischen Drittligisten Chemnitzer FC bereits 2:0 führten, sich danach gerade so mit 3:3 in die Verlängerung und mit 5:5 ins Elfmeterschießen retteten, in dem die Mannschaft dann scheiterte. Diesmal ging’s dank sicherer Schützen und Torhüter Jonas Lössl gerade nochmal gut, aber dass sich die Mainzer in ihrem ersten Pflichtspiel ein gutes Gefühl für den Bundesligastart, eine gewisse Sicherheit oder eine Vertrauensbasis für ihr Leistungsvermögen geholt hätten, kann wohl niemand behaupten.

Vor allen Dingen das absurde Defensiverhalten des gesamten Kollektivs wird in dieser Woche ein Thema am Bruchweg sein müssen. Die unübersehbaren Abstimmungsprobleme zwischen zentralem Mittelfeld und der Abwehrreihe, die nicht vorhandene Defensivorganisation, die Kontersicherung, aber auch das haarsträubende Verteidigungsverhalten in der letzten Linie vor dem eigenen Tor sind deutliche Warnsignale, die aufgegriffen werden müssen. Der Innenverteidiger nahm sich selbst nicht raus aus der Kritik. „Das waren unfassbare individuelle Fehler, die wir uns einfach nicht erlauben dürfen“, sagte Bell, der morgen seinen 25. Geburtstag feiert. „Zwei, drei Fehler und schon knallt es wieder. Daraus müssen wir viel lernen. Das war ein wichtiger Denkanstoß für uns alle.“

Vor allen Dingen, was sich die 05-Profis zwischen der 88. Minute und der dritten Minute der Nachspielzeit leisteten, hatte wenig mit den üblichen Problemen einer Mannschaft zu tun, die in ihrem ersten Pflichtspieleinsatz noch nicht eingespielt ist und gegen einen motivierten und guten Gegner ihre Form sucht. Dass ein Bundesligist zwei Minuten vor Spielende gegen einen Regionalligisten mit 3:1 in Führung geht und dann noch zwei Gegentore kassiert, ist ein Unding. „Das stört mich am allermeisten an diesem Spiel, dass wir das nicht über die Zeit bringen“, sagte Bell. „Diesen Vorwurf müssen wir uns gefallen lassen. Das darf uns nicht passieren. Das müssen wir souverän nach Hause bringen“, fügte Niko Bungert selbstkritisch hinzu.

Doch die Mainzer schalteten nach dem Treffer von Yunus Malli zum 3:1 kollektiv ab, fuhren die Konzentration schlagartig hinunter und erhielten prompt die Quittung. „Ein wichtiger Denkanstoß für alle, dass es immer und jederzeit nötig ist, die Konzentration bis zum Schlusspfiff hochzuhalten“, sagte Bell. „Das war vielleicht noch einmal eine gute Erinnerung zur richtigen Zeit.“

Da spielte es auch keine Rolle, dass der Eckball, der zum 3:3-Ausgleich führte, keiner war. „Das ist unerheblich“, erklärte der Innenverteidiger. „Die Ecke muss ja nicht reingehen. Das kann man ja auch verteidigen. Wir haben da am Ende einfach zweimal gepennt. Das muss man so sehen.“ Das glückliche Weiterkommen könne jedoch auch etwas Gutes haben, wenn man die richtigen Schlüsse daraus ziehe, meinte Niko Bungert. „Vielleicht bringt uns gerade das weiter in der Entwicklung.“

Bungert führte das Team als neuer Kapitän ins erste Pflichtspiel. Der 05-Trainer hatte zuvor den Routinier zum Spielführer ernannt und den von vielen erwartenden Stefan Bell zum Vize-Kapitän gemacht. Die Entscheidung sei schon länger in seinem Kopf gereift, betonte Schmidt. Bungert, im vergangenen Jahr Vize, rücke auf als Spielführer und Nachfolger des nach Leverkusen abgewanderten Julian Baumgartlinger, Bell sei sein Stellvertreter. Ein ganz normaler Vorgang. „Ich weiß damit, dass das Team in zwei sehr guten Händen ist. Mit einem sehr erfahrenen Niko Bungert und mit einem weiteren Leistungsträger als Co-Kapitän“, sagte Schmidt, „Niko war einfach an der Reihe.“ Bungert, der Dauerbrenner beim FSV Mainz 05, der seit 2008 für den Bruchwegklub spielt, der sich in all den Jahren zu einem zuverlässigen Leistungsträger entwickelt hat, zu einer Führungsfigur im Team, die nicht zuletzt wegen seiner Bodenständigkeit, seiner geerdeten Art und seinem klaren Bekenntnis zum Klub und der Stadt hoch geschätzt ist, empfand die Nominierung als Ehre. „Ich freue mich, dass der Trainer mir das Vertrauen als Kapitän gibt“, sagte der 29-Jährige. „Ich bin in dem Alter und auch bereit, die Verantwortung zu übernehmen, aber im Alltag ändert sich durch das Tragen der Binde für mich nichts.“ Bell bezeichnete die Entscheidung des Trainers als „folgerichtig.“ Er halte diese Konstellation für die ideale Rollenverteilung. „Niko war letztes Jahr nah dran an der Binde. Er ist so lange im Verein. Das ist alles gut so.“

► Alle Artikel zum Spiel in Unterhaching

► Zur Startseite