Das wiederkehrende Glück der Aufsteiger

Christian Karn. Mainz.
Aufsteiger zum Saisonauftakt sind kein gutes Zeichen für die 05er. Zum dritten Mal in Folge gab's eine nicht unbedingt verdiente, aber auch nicht unbedingt unverschuldete 0:1-Niederlage; nach Fürth und Ingolstadt, für die es jeweils die ersten Bundesligapunkte überhaupt waren, holte sich diesmal Hannover 96 durch das klassische Tor eingangs der Schlussphase den ersten Saisonsieg. Die 05er hätten das Spiel in der ersten Hälfte entscheiden können, hatten in der zweiten Hälfte gegen die konsequent destruktiven Gäste kaum noch echte Torchancen. Und müssen nun beim zweiten Aufsteiger versuchen, den verpatzten Start zu kompensieren.

 

FSV Mainz 05 - Hannover 96 0:1 (0:0)

Samstag, 19. August 2017, 28.279 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Adler - Donati (81. Kodro), Bell, Diallo, Brosinski - Latza, Frei - de Blasis, Maxim (66. Quaison), Fischer (66. Öztunali) - Muto.
Reserve: Zentner, Balogun, Onisiwo, Serdar. Trainer: Schwarz.

Hannover 96: Tschauner - Korb, Hübner, Felipe, Ostrzolek - Klaus, Schwegler (90+3. Schmiedebach), Anton, Karaman - Harnik (86. Benschop), Füllkrug (74. Bakalorz).
Reserve: Esser, Maier, Sorg, Bähre. Trainer: Breitenreiter.

Schiedsrichter: Dr. Brych (München).

Tore: 0:1 Harnik (73., Ostrzolek).

Gelbe Karten: Frei, Latza, Bell - Korb, Klaus, Schwegler, Ostrzolek, Bakalorz.

Vielleicht sollte Johannes Kaluza mal bei der DFL anrufen und ein Gnadengesuch einreichen, darum bitten, dass Mainz 05 nie wieder im ersten Heimspiel einen Aufsteiger bekommen sollte. Geht's los gegen Leverkusen (oder, vor dessen Abstieg, gegen den VfB Stuttgart), geht's los mit einem schönen Heimsieg. Geht's los gegen einen Aufsteiger, gegen Fürth, gegen Ingolstadt, gegen Hannover 96, geht's los mit einem 0:1, das zwar völlig überflüssig ist, bisweilen auch unerklärlich, das oft zusammenhängt mit einer durchaus schönen ersten Hälfte, einem Leistungsabfall in der zweiten und einem einzigen Konter nach 60-70 Minuten, und weg sind sie, die Punkte. Gegen Fürth war's damals Felix Klaus (der heute im 96er-Team spielte) in der 67. Minute, für Ingolstadt traf Lukas Hinterseer (66.), für die 96er Martin Harnik in der 73. - und das Spiel war verloren, der Auftakt verpatzt. Denn viel kam von den 05ern danach nicht mehr. Sie versuchten es, aber kamen nicht entscheidend durch gegen eine stur defensive Mannschaft, die nur eine weitere Torchance hatte.

Sandro Schwarz ließ in seinem ersten Bundesligaspiel die gleiche Startelf spielen, die schon im Pokal in Lüneburg gewonnen hatte: Alle Neuzugänge bis auf Kenan Kodro waren dabei, Levin Öztunali zwar wieder gesund, aber nur auf der Bank. Philipp Klement fehlte im Kader, das war der einzige Unterschied. Und die 05er begannen offensiv, begannen druckvoll. Viktor Fischer hatte schon in den ersten Minuten seine Szenen, spielte einen Steilpass auf Pablo de Blasis zu steil (2.), holte im Dribbling im Strafraum eine erste Ecke heraus (5.). Die wurde abgewehrt zur zweiten, nach dieser verpasste Stefan Bell den kurzen Pfosten und das 1:0 nur knapp. Der Aufsteiger kam erst einmal gar nicht ins Spiel, verlor leichtfertig Bälle, provozierte die erste Eskalation, als nach einem mittelfiesen Foul an Danny Latza ihr Angreifer Felix Klaus offenbar irgendetwas Bodenloses zu Danile Brosinski gesagt haben muss. Der regte sich fürchterlich auf, die Stimmung auf dem Platz war erst einmal vergiftet.

Nach einer Viertelstunde normalisierte sich die Geschichte, Hannover war drin, die Mainzer waren hinten stärker gefordert - und hätten dennoch in Führung gehen können. Yoshinori Muto presste Florian Hübner den Ball weg, hatte allerdings keine freie Bahn zum Tor, hätte vielleicht früher den Pass auf de Blasis versuchen sollen. Felipe blockte (18.). Und nach einem Fischer-Pass stand der Japaner auf einmal völlig frei vor dem Tor, brachte den Ball aber nicht an Philipp Tschauner vorbei (23.), ebensowenig nach de Blasis' Zuspiel in der 32. Minute. Und der Zweitliga-Routinier im Tor der 96er machte seine Sache beim Bundesligacomeback nach zwölf Jahren sehr gut; beim ersten Schuss wurde Muto allerdings gezogen und gehalten - der Videoassistent funktionierte nicht in dieser Szene.

Es wurde doch recht schnell ein Geduldsspiel, mit klaren Vorteilen für die 05er, nahezu keiner ernsthaften Offensivaktion der Gäste, die nicht mal oft über die Mittellinie kamen, vielen 05-Aktionen am Strafraum, vielen harmlosen Ecken (eine davon holte Giulio Donati an der Mittellinie heraus, aber auch die taugte nichts), vielen taktischen Fouls und viel Zeitspiel. Kein in dem Sinne schönes Spiel, aber eins von denen, die man gewinnen kann. Die 05er spielten weitgehend souverän, sehr seriös, ließen sich nicht zur Hektik verführen, Abdou Diallo spielte ein paar technisch ganz feine Bälle - das Tor fiel nicht. Nicht in der ersten Hälfte - und nicht in der 49. Minute, in der Kenan Karaman den ersten Torschuss der 96er abgab: weit drüber. Die wirklich dicke Chance aber hatte Felix Klaus, der sich nach einem verlorenen Einwurf und einem aus dem Zufall geborenen Konter den 40-Meter-Heber über den weit vorne stehenden René Adler aber nicht zutraute, viel zu spät schoss, am neuen 05-Torwart scheiterte (58.).

Die 73. bis 75. Minute: Hannover 96 freut sich über das Führungstor, Daniel Brosinski fragt sich, was das schon wieder war. Foto: imagoDie 05er hatten die Ruhe, die Abgeklärtheit der ersten Hälfte nicht in die zweite mitgenommen. Trotz der beiden Chancen der 96er waren sie weiter die aktivere, die bessere, die planvollere Mannschaft, aber sie verzettelten sich bereits in sinnlose Scharmützel. Sandro Schwarz wechselte in der 66. Minute zwei Mann, brachte für Alexandru Maxim und Viktor Fischer Robin Quaison (der sofort eine feine Flanke schlug) und Levin Öztunali (der den Ball dem Torwart überbrannte). Nach Sieg sah's trotzdem nicht aus, dazu war die Zielstrebigkeit doch zu sehr verlorengegangen. Und das 0:1 im dritten Angriff der 96er damit keine so große Überraschung. Martin Harnik war der Torschütze in der 73. Minute nach einem Querpass von Matthias Ostrzolek. Verdient, angesichts der Spielanteile, angesichts des Aufwands, angesichts dessen, was die Mannschaften für mögliche Punkte taten? Auf keinen Fall. Angesichts des Verlaufs dieser Spielphase? Schon - die Fahrlässigkeit der 05er ließ die 96er in ein Spiel, in dem diese eigentlich nichts verloren hatten.

Robin Quaison gab das erste Lebenszeichen ab, einen möglicherweise abgefälschten Schuss, der in der 79. Minute am Tor vorbei hoppelte. Danny Latza das zweite, einen Volleyschuss, der weit drüber ging (82.). Auch deshalb so weit auseinander, so weit nach dem 0:1, weil sich die 96er größte Mühe gaben, Zeit verstreichen zu lassen. Aufgeben mochten die Mainzer sich nicht, auch wenn kein rechter Plan mehr zu sehen war, das Spiel ruhte halt immer wieder sehr, sehr lange. Die Nachspielzeit würde lang werden; Felix Brych deutete das früh an. Drei Minuten gab's dann doch nur. In denen schoss de Blasis aus Abseitsposition knapp vorbei, schoss Quaison nach einem Querschläger genau auf den Verteidiger. Der Rest war gar nicht so sehr Unterbrechung, wie er hätte sein können, aber es reichte nicht.

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