Das verflixte zweite Jahr

Christian Karn. Mainz.
Mit aggressiver Verteidigungsarbeit und vielen Elfmetertoren hat der FC Ingolstadt 04 seine erste Bundesligasaison souverän gemeistert; der Elfte der Abschlusstabelle hatte im Frühjahr sogar die Europapokalplätze in Reichweite. Vor dem zweiten Jahr aber haben die heutigen Gäste des FSV Mainz 05 fast die komplette Stamm-Defensive und ihren Trainer verloren. Mit deren Nachfolgern steht der FCI weit unten in der Tabelle, wo er immer noch auf den ersten Saisonsieg wartet; verloren hat er allerdings fast nur gegen Topteams. Und gegen die Mainzer hat Ingolstadt im vergangenen Jahr alle sechs Punkte geholt.

Der FC Ingolstadt 04 - der nicht ein Jahr älter, sondern 99 Jahre jünger ist als der FSV Mainz 05; der nicht 1904, sondern erst 2004 gegründet wurde durch Fusion des MTV Ingolstadt, der fast auf den Tag genau das gleiche Alter hat wie die 05er, mit dem ESV - der FC Ingolstadt 04 also war in der vergangenen Saison einer der unangenehmsten Gegner der Bundesliga. Im Spiel mit dem Ball nur mäßig talentiert, im Spiel gegen den Ball aber ungeheuer aggressiv schossen die Bayern zwar kaum Tore, weniger als eines pro Spiel, aber ein paar Wochen vor Saisonende hätten sie beinahe von der Europa League träumen dürfen. Ingolstadt gewann Spiele, war auswärts immer gefährlich, und die ersten, die das erfahren mussten, waren die Mainzer.

Allerdings machten die es dem Aufsteiger in seinem allerersten Bundesligaspiel einfach; ohne Präsenz im Mittelfeld hatten die 05er nur zwei Möglichkeiten, den Ball von der hinteren in die vordere Linie zu bringen: Lange Schläge - die gingen verloren. Alleingänge vom fleißigen Julian Baumgartlinger - der blieb mangels Anspielstationen früher oder später stecken. Staffelung gab's nicht, jeder Ballverlust führte unmittelbar zu einer Aktion des Gegners, der mit dem Ball aber auch nichts anzufangen musste. Mit der zweiten ihrer Torchancen gewannen die Ingolstädter ein Spiel, das kein anderes Ergebnis als ein 0:0 verdient gehabt hätte, 1:0. Mit etwas mehr Glück hätten die 05er das gleiche Spiel ebenfalls 1:0 gewinnen können, es wäre ebenso schmeichelhaft gewesen.

Gaetan Bussmann gab vor einem Dreivierteljahr gegen den FC Ingolstadt ein kompromissloses, resolutes Bundesliga-Debüt - und verlor 0:1. Daher geht es für die Mainzer heute wieder um die ersten Bundesliga-Punkte gegen Ingolstadt. Foto: imagoIngolstadt blieb gefährlich, verlor zwar das zweite Spiel 0:4 gegen Borussia Dortmund, gewann aber ebenfalls 1:0 in Augsburg, in Bremen, 2:0 gegen die Eintracht, 3:1 gegen Darmstadt, klammerte sich im Mittelfeld der Tabelle fest. Hatte dabei ein gefürchtetes Stilmittel, einen ungewöhnlichen Torjäger: Moritz Hartmann, zwölf Saisontore, die Mainzer hatten so jemanden nicht, hatten als besten Torschützen Yunus Malli mit elf Treffern. Der Grund: Während die 05er in der ganzen Saison nur einen einzigen Elfmeter bekamen (ein paar mehr hätten es sein dürfen, viel mehr nicht sein müssen) traf Hartmann nicht weniger als achtmal vom Punkt - zwei weitere Strafstöße verschossen die Ingolstädter. Zehn Elfmeter in einem Jahr sind kein Bundesliga-Rekord, Hoffenheim hatte erst 2013/14 sogar 14, aber es ist weit über Durchschnitt.

Und es war notwendig für den Erfolg der Ingolstädter - mehrheitlich immerhin gingen die Entscheidungen in Ordnung. Zum Siegtor im Rückspiel gegen Augsburg hätte der Schiedsrichter Hartmann freilich besser nicht den Ball hingelegt, und dem Elfmeter, durch den der FCI das Rückspiel gegen die Mainzer ebenfalls 1:0 gewann, war eines jener klassischen unabsichtlichen Handspiele vorausgegangen. Schiedsrichter Florian Meyer entschied im Januar nicht alleine, fiel offenbar zum zweiten Mal in jener Saison auf das falsche Stichwort seines Assistenten Christoph Bornhorst herein. Bis dahin hatten die Ingolstädter hoch verteidigt, die 05er es aber nicht geschafft, in die großen Räume hinter der Abwehr zu kommen. Ab dem Führungstor in der 40. Minute setzte der Aufsteiger seinen Spitznamen "die Schanzer" wieder um, zog sich weit zurück, machte nichts Konstruktives mehr, verteidigte giftig und mal mehr, mal weniger fair den Vorsprung bis zum Schluss.

Jetzt aber haben wir eine neue Saison und in dieser Saison hat der FCI gerade erst seinen zweiten Punkt geholt. Oder vielleicht den dritten und vierten verloren: Ganz ohne Elfmeter hatten sie gegen Borussia Dortmund nach einer Stunde 3:1 geführt, in der 90. Minute aber das 3:3 kassiert. Es reichte gerade so, um vom letzten Tabellenplatz loszukommen; den hat nun der HSV, gegen den der FCI am ersten Spieltag seinen anderen Punkt holte, auch ohne Elfmeter.

Die dazwischenliegenden Wochen waren trist und trübe für den FC Ingolstadt, der allerdings fast nur gegen die Spitzenteams spielte: 0:2 gegen Hertha BSC, 1:3 bei den Bayern, 0:2 gegen die Eintracht, 0:2 in Gladbach, 1:2 gegen Hoffenheim, 1:2 in Köln (jeweils mit einem Elfmeter-Anschlusstor in der 90. Minute, wenigstens die Strafstöße kommen also weiterhin) - bis auf Leipzig finden wir unter den acht bisherigen Gegnern des FCI die komplette Top 7 der aktuellen Bundesligatabelle.

Markus Kauczinski, der neue Trainer, Nachfolger des nach Leipzig gewechselten Ralph Hasenhüttl, steht bereits unter Druck. Sportdirektor Thomas Linke, Kapitän Marvin Matip, Geschäftsführer Harald Gärtner und Präsident Peter Jackwerth sprachen dem Trainer allerdings in den letzten Tagen ihr Vertrauen aus. Kauczinski selbst sprach vor dem Spiel gegen den BVB von den "Wochen der Wahrheit. In der Englischen Woche haben wir die Gelegenheit, viele Dinge ins rechte Licht zu rücken." Im Ansatz hat's funktioniert, jedoch ging der Sieg gegen den BVB verloren, ebenso das Pokalspiel in Frankfurt - 1:4 im Elfmeterschießen.

Auch Linke, der ehemalige Nationalspieler und Vize-Weltmeister, steht inzwischen im Gegenwind. Viel Geld für Mitläufer habe der Sportdirektor ausgegeben, warf ihm die Lokalpresse schon vor, tatsächlich spielen die neun Zugänge des Sommers so gut wie gar keine Rolle: Florent Hadergjonaj, junger Rechtsverteidiger von Young Boys Bern und mit angeblich zwei Millionen Euro Ablöse wohl der zweitteuerste Einkauf, debütierte erst gegen Dortmund und soll seine Sache ordentlich gemacht haben; sein Vorgänger Tobias Levels hatte keine Argumente geliefert, um den Stammplatz zu behalten. Linksverteidiger Anthony Jung, in Wiesbaden aufgewachsen, aber ebenso wie José Rodríguez an der spanischen Mittelmeerküste in Villajoyosa geboren, nun aus Leipzig geholt, war nur beim 1:2 gegen Hoffenheim dabei. Der Zweitligatorjäger Robert Leipertz, den Schalke im Sommer aus Heidenheim zurückholte und direkt nach Ingolstadt verkaufte, wurde lediglich zweimal für insgesamt 14 Minuten eingewechselt. Die Torhüter Fabian Buntic und Martin Hansen (über den im Sommer laut dänischen Medienberichten auch die 05er nachgedacht haben sollen), der Paderborner Verteidiger Hauke Wahl, das Frankfurter Talent Nico Rinderknecht und der junge, aber erfahrene Frankfurter Offensivspieler Sonny Kittel, der allerdings jetzt erst nach einem Kreuzbandriss wieder auf die Beine kommt, haben noch überhaupt nicht gespielt; zumindest der Donaukurier ist darüber nicht glücklich.

Der teuerste Einkauf immerhin, der ist Stammspieler. Der kongolesische Innenverteidiger Marcel Tisserand, der für angeblich drei Millionen von AS Monaco kam, aber die große Mehrheit seiner französischen Erstligaspiele als Leihspieler für den Toulouse FC bestritten hat, ist Nachfolger von Benjamin Hübner, der neuerdings in Hoffenheim Stammspieler ist. Die anderen drei Abgänge aus der Stammelf - Torwart Ramazan Özcan und Rechtsverteidiger Danny da Costa gingen nach Leverkusen, Linksverteidiger Robert Bauer nach Bremen - ersetzte Kauczinski bislang mit Spielern aus dem Bestand, wobei der neue Stammtorwart Örjan Nyland bereits keines seiner sechs Spiele in der vergangenen Saison gewonnen hat und keinen großen Vorsprung mehr auf Hansen haben soll, wobei Levels möglicherweise nur Platzhalter war zwischen da Costa und Hadergjonaj. Linksverteidiger Markus Suttner dagegen war schon in der vergangenen Hinrunde Stammspieler, verlor den Platz an Bauer wegen einer Fußverletzung, kennt die Position und den Klub.

In Mainz wird Kauczinski möglicherweise auch noch der letzte Verteidiger aus der Rückrunden-Stammelf fehlen: Kapitän Matip ist angeschlagen, wahrscheinlich wird's reichen, sicher ist das nicht. Auf jeden Fall fehlt Darío Lezcano, der Mittelstürmer aus Paraguay, der vor einem halben Jahr der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte war. Auch Alfredo Morales, der US-Nationalspieler im rechten Mittelfeld, steht nicht zur Verfügung.

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