Das nächste Schlüsselspiel

Jörg Schneider. Mainz.
Der VfL Wolfsburg kommt bekanntlich mit einem neuen Trainer am Samstag zum Auswärtsspiel in die Opel Arena. Andries Jonker hat Anfang der Woche Valérien Ismael abgelöst. Für Martin Schmidt und dessen Trainerstab beim FSV Mainz 05 verlangte diese Personalie einen Tag Mehrarbeit. Das angesammelte Analyse-Material über den kommenden Gegner musste angepasst werden. Insgesamt richten die 05er ihren Fokus vor diesem weiteren Schlüsselspiel jedoch eher auf ihre eigene Leistung. Der 2:0-Sieg in Leverkusen zeigte deutlich, wie das Team auftreten muss, um in der Bundesliga erfolgreich sein zu können. „So muss es gegen Wolfsburg wieder sein. Wir müssen es wieder mehr wollen als der Gegner“, fordert der 05-Coach.

Yoshinori Muto wartet weiterhin auf einen Torerfolg. Beim Sieg in Leverkusen überzeugte der japanische Stürmer jedoch mit der höchsten Laufleistung und vielen Balleroberungen. Foto: Imago Im Gegensatz zu seiner Mannschaft entsagte der Trainer des FSV Mainz 05 am Rosenmontag dem närrischen Treiben und stürzte sich stattdessen in seinem Büro am Bruchweg in die Arbeit. Er habe an der Straße gestanden und sich den Zug angeschaut bis der 05-Wagen, auf dem acht kostümierte Profis des Bundesligisten durch die Stadt gezogen waren, vorübergefahren sei, verriet Martin Schmidt nach dem Start in die neue Trainingswoche. Danach habe er mit seiner Trainercrew sieben Stunden gearbeitet. „Es gab genügend zu tun“, sagte der 49-Jährige. Der plötzliche Trainerwechsel beim kommenden Gegner verlangte eine neue Betrachtungsweise des umfangreichen Analyse-Materials, das die sportliche Leitung über den VfL zusammengestellt hatte. Die Wolfsburger haben sich bekanntlich nach der Heimniederlage gegen Werder Bremen von Valérien Ismael getrennt und kommen am Samstag zum Auswärtsspiel in der Opel Arena mit einem neuen Chefcoach. Andries Jonker, zuletzt Nachwuchsleiter beim FC Arsenal, hat das hochwertig besetzte Team übernommen, das inzwischen mit 22 Punkten auf Platz 14 der Tabelle gelandet ist und nur noch zwei Zähler Vorsprung vor dem Relegationsplatz hat. Der 54 Jahre alte Holländer war einst Co-Trainer von Louis van Gaal beim FC Barcelona und beim FC Bayern München. Und auch schon einmal Co-Trainer in Wolfsburg. Von 2012 bis 2014 unter Felix Magath und nach dessen Entlassung von Interimstrainer Lorenz-Günther Köstner.

Für Schmidt und dessen Trainerstab bedeutete dies, dass die Spielbeobachtungen der vergangenen Wochen überarbeitet werden mussten. Dreimal haben sich die 05er zuletzt den VfL Wolfsburg angeschaut. Im Wissen, dass die Partie am Samstag zu Hause ein weiteres Schlüsselspiel werden wird, das gewonnen werden sollte. Beim 1:2 gegen die Bremer war Bo Svensson vor Ort. „Unsere  Analyse musste angepasst werden, weil der neue Trainer sicherlich andere Ansätze hat“, sagte Schmidt. „Von Jonker haben wir aber ein sehr gutes Bild, weil er eine Philosophie vertritt, die man kennt.“ Dass Schmidt schon einmal gegen den Holländer gewonnen hat, 2011 in einem Testspiel mit seiner damaligen U23 gegen die zweite Mannschaft von Bayern München, die Jonker damals gerade übernommen hatte, spielt dabei sicher eine untergeordnete Rolle. Der 05-Coach forschte vielmehr in Videos vom Nachwuchsteam des FC Arsenal in der der Champions Youth League, das Jonker zuletzt trainierte, nach verwertbaren Ansätzen. „Da haben wir ganz aktuelle Bilder, in denen man ein bisschen einschätzten kann, was er mag, welche Ansätze er pflegt von der Systematik her. Ich glaube, dass er ein Trainer ist, der den Ballbesitz als Philosophie hat. Wir werden uns mit der neuen Situation auseinandersetzen und uns ihr stellen“, sagt Schmidt. Doch der Fokus liege hauptsächlich auf der Konzentration das eigene Spiel betreffend. „Dass die Wolfsburger in ihrem Kader und vor allem offensiv eine hohe Qualität haben, wissen wir sowieso. Wenn die den Ball haben, wird das immer noch so aussehen wie vor zwei Wochen. Wir schauen mehr auf die Individualität ihres Kaders und richten den Fokus auf unsere eigenen Inhalte und unser Spiel: Defensive, Arbeit gegen den Ball, Umschalten, Frische, Spritzigkeit, Tempo, Aggressivität.“ Dass ein solcher Trainerwechsel jedoch immer etwas bewirken kann, sei ohnehin klar. „Einen Impuls bringt es immer. Ich habe den 3:1-Sieg von Leicester City gegen Liverpool gesehen. Ich kann mir vorstellen, dass da der Ranieri zu Hause sicher gedacht hat: Wollen die mich eigentlich verarschen?“ Der in Abstiegsgefahr steckende Englische Meister hatte Claudio Ranieri gefeuert und durch Craig Shakespeare ersetzt. Der bisherige Assistent feierte gleich einem Erfolg über Jürgen Klopps Team.

Wie gegen Leverkusen

Ein ähnliches Erfolgserlebnis soll dem neuen Wolfsburger Coach in Mainz nicht gelingen. Der Auswärtssieg der 05er in Leverkusen eine Woche nach der bitteren und unnötigen Heimniederlage gegen Werder Bremen hat gezeigt, wie das Team auftreten muss, um in der Bundesliga erfolgreich sein zu können. Mit einer konzentrierten Leistung, mit einer entsprechenden Einstellung, hundertprozentiger Bereitschaft von der ersten Minute an. „So muss es gegen Wolfsburg wieder sein. Wir müssen es wieder mehr wollen als der Gegner.“ In der BayArena demonstrierten die Mainzer diesen Willen von der ersten Sekunde  an, setzten den Gegner mit ihrer Überfall-Taktik sofort unter Druck, erzielten ähnlich wie die Bremer acht Tage vorher in Mainz zwei frühe Tore, von denen sich die Leverkusener nicht mehr erholten. Schmidts Team spielte den Auswärtssieg aufgrund einer vor allen Dingen in der Defensive äußerst souveränen Vorstellung am Ende ungefährdet nach Hause. „Wir haben zwar mit den Standardsituationen unsere Tore gemacht, aber ihre Verunsicherung kam von Anfang durch die Art und Weise, wie wir da ran gegangen sind. Man hat direkt unseren Hunger gesehen“, sagte Schmidt. Schon der erste Konter nach dem Fehlpass von Lars Bender brachte die erste Top-Chance durch Jhon Cordoba.

Dann sofort das 1:0 durch Stefan Bells Kopfball nach Eckball von Levin Öztunali. Zwei weitere Ecken, dann der Konter mit der Flanke von Pablo De Blasis auf den Kopf des blank stehenden Öztunali, der das Tor nur um Zentimeter verfehlte. Und kurze Zeit später das 2:0 durch den direkt vollstreckten Freistoß von Öztunali. „So etwas verunsichert den Gegner. Durch diese Konter und diese Gier schüchterst du den Gegner ein und dich selbst baust du auf. Der Gegner weiß sowieso, dass wir kontern können. Aber vielleicht hat er unsere Standards unterschätzt. Doch wir haben in dieser Saison schon etliche Tore nach Ecken und Freistößen erzielt. Wenn wir mit Standards so stark sind wie im Moment, kann das ein guter Dosenöffner sein, um so reinzukommen in unser Spiel. Und diese Standards musst du dir ja auch erst erarbeiten“, erklärte Schmidt. „Wir haben den Gegner mit unseren Konteransätzen nie in Ruhe gelassen, auch wenn wir sie schlussendlich nicht finalisiert haben. Damit kannst du beim Gegner schon was bewirken, auch wenn sie nur permanent in der Absicherung bleiben müssen. Was wir in Leverkusen gezeigt haben, ist unser Fußball: aggressiv sein, vorwärtsverteidigen, Bälle drüber spielen, Tempo. Ich habe Szenen vor Augen von Pablo, wenn der Ball zweimal höher und besser gespielt wird, geht Cordoba jedesmal frei aufs Tor. Das sind Riesenchancen.“

Für das 05-Spiel gilt grundsätzlich: Wenn die Mannschaft stark ist in der Zweikampfquote, wenn die Laufleistung im Kollektiv stimmt, dann steigen ihre Siegchancen extrem. In Leverkusen stimmten diese Werte wieder. „Prinzipiell ist es so, dass wir uns leichter tun, wenn der Gegner konstruktiv etwas anstellen will und wir den Ball erobern, ihnen im Rücken abhauen können“, sagte der 05-Trainer. „In Leverkusen hatte unsere vordere Angriffsreihe mit vier Stürmern die höchste Zweikampfquote, die höchste Balleroberungsquote. Jeder von denen kam auf 12 Kilometer Laufleistung.“ Das galt ebenso für die Doppelsechs mit Danny Latza und Fabian Frei, die das ganze Konstrukt in der Arbeit gegen den Ball organisierten. Verbunden mit einer diesmal fehlerfreien Defensive ergab dies den dritten Auswärtssieg der Saison.

Nun stehen die 05er erneut vor der Situation wie vor zwei Wochen: Sechs Punkte Vorsprung auf den Gegner. Heimspiel. Mit einem Sieg würde sich die Mannschaft mit 31 Zählern in ein ruhigeres Fahrwasser manövrieren, die Distanz zu den Wolfsburgern und der Gefahrenzone in der Tabelle ausbauen. Das muss der nächste Schritt sein für das 05-Team, mehr Konstanz in ihre Auftritte zu bringen. Stefan Bell brachte es nach dem Erfolg in Leverkusen auf den Punkt. „Wir können uns nicht erlauben, dass wir nur jedes zweite Spiel gut spielen.“

 

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