Das Loch ohne Boden

Christian Karn. Mainz.
Einer der reichsten und einer der ärmsten Bundesligisten spielen heute nachmittag in der Opel Arena - aber nicht gegeneinander: Der Hamburger SV ist beides. Einerseits werden die Hamburger demnächst das sechste Millionen-Minus in Folge melden, nach dem Rekordfehlbetrag von 17 Millionen im vergangenen Jahr ist ein neuer Rekord nicht ausgeschlossen. Andererseits gab der HSV im Sommer über 30 Millionen für Neuzugänge aus, angeblich soll er im Winter für weitere 20 Millionen einkaufen dürfen. Das ermöglicht der Milliardär Klaus-Michael Kühne, der gerade erst einen seiner lautesten Kritiker auf seine Seite geholt hat, den neuen Vorstandschef Heribert Bruchhagen.

Wenn der HSV heute in Mainz antritt, dürfte es ein Wiedersehen mit zwei alten Bekannten geben: Nicolai Müller, der Außenstürmer, kommt zurück ins Stadion, in dem er drei Jahre gespielt hat, und bringt Christian Mathenia mit, der immerhin zweimal mit der Rückennummer 1 als Ersatztorwart für Loris Karius in der damaligen Coface Arena auf der Ersatzbank gesessen hat. Vor seiner Ziffer 1 hat Mathenia mittlerweile eine zusätzliche 3 stehen, aber weil die tatsächliche Nummer 1, René Adler, sich noch von einer Verletzung erholen muss, wird der gebürtige Mainzer, der in Darmstadt zum Bundesligatorwart aufgestiegen ist, heute spielen - und womöglich nicht als Einziger in seiner Geburtsstadt: Mit Aaron Seydel haben die 05er ja inzwischen auch wieder einen Einheimischen im Bundesligateam.

Die anderen beiden Ex-05er beim Hamburger SV werden heute hingegen nicht dabei sein: Törles Knöll, bis zur vergangenen Saison drei Jahre lang Juniorenstürmer bei den 05ern und nur im letzten Jahr ein Torjäger, traute man am Bruchweg die 3. Liga nicht zu; im Regionalligateam des HSV spielt Knöll eine gute Rolle. Und Lewis Holtby, Frontmann der Mainzer Fußballband beim Startrekord von 2010, ist zwar Stammspieler im Hamburger Bundesliga-Mittelfeld, aber er ist nach einer Roten Karte gesperrt, ebenso wie nach fünf Gelben Karten der gerade erst als Kapitän abgesetzte Innenverteidiger Johan Djourou.

Von jenen drei Ausfällen abgesehen, kann der HSV heute offenbar in seiner besten Besetzung antreten. Für Djourou kommt sicherlich der 36-jährige bosnische Raubautz Emir Spahic zurück in die Innenverteidigung, an die Seite des gelernten Mittelfeldspielers Gideon Jung, zwischen die Außenverteidiger Douglas Santos (links) und Dennis Diekmeier. Auf der Doppelsechs dürften zwei weitere Außenverteidiger spielen, Matthias Ostrzolek, der als Augsburger mal eine merkwürdige Auseinandersetzung mit dem damaligen Mainzer Mohamed Zidan hatte, und der neue Kapitän Gotoku Sakai (nicht der stürmische Rechtsverteidiger der japanischen Nationalmannschaft; das ist Hiroki Sakai, einst Hannover 96, jetzt Olympique Marseille). Der interessanteste Mannschaftsteil des HSV aber dürfte die offensive Dreierreihe sein, die hinter Mittelstürmer Bobby Wood spielt: Das sind Nicolai Müller, der österreichische Stürmer und Freistoßkünstler Michael Gregoritsch und der Rekordeinkauf des HSV.

Der heißt Filip Kostic, Serbe, 24 Jahre alt. Kostic kam 2014 vom FC Groningen zum VfB Stuttgart, war dort einer der überdurchschnittlichen Linksaußen der Liga, stieg sicher vor allem mangels bundesligatauglicher Abwehr mit dem VfB dennoch ab. Das gewaltige Preisschild, das der VfB dem Außenstürmer anhängte, dürfte an den durchgedrehten englischen Markt gerichtet gewesen sein, aber der HSV wollte Kostic unbedingt haben, handelte den VfB von öffentlich geforderten 17 Millionen auf offenbar 14 Millionen Euro hinunter und ist nun Hamburger. Für einen Klub, der nur ein halbes Jahr zuvor einen Fehlbetrag von 17 Millionen Euro verkünden musste, das Geschäftsjahr 2015 mit einem Rekordminus abgeschlossen hatte, ist das ein Riesenhaufen Geld, der noch größer wird, wenn man die Ablöse für Alen Halilovic (5,5 Millionen an den FC Barcelona), Douglas Santos (7,5 Millionen an Atlético Mineiro) und Wood (4 Millionen an Union Berlin) sowie die drei Millionen für die übrigen Neuzugänge dazu wirft. Die Transfereinnahmen des Sommers addieren sich auf wenig mehr als zwei Millionen, die Transferbilanz, gemessen an Ablösezahlen, liegt also schon wieder bei minus 30 Millionen; im Vorjahr waren es immerhin nur etwa minus neun Millionen, davor minus zwölf.

Dass der HSV immer noch in der Bundesliga spielt, liegt an Klaus-Michael Kühne. Der Spediteur und Milliardär hat inzwischen eine hohe achtstellige Summe in den hochverschuldeten Klub gesteckt. Foto: imagoGeld spielt beim HSV offenbar einfach keine Rolle, die hohen Schulden sind kein Hindernis, was sicherlich nicht nur an Klaus-Michael Kühne liegt, der es weiterhin mit beiden Händen ins Loch ohne Boden wirft - und warum nicht? Er hat's ja, Der Mann ist Milliardär, und für irgendwas muss das ja gut sein. Die Konkurrenz sieht das anders. Max Eberl, der Sportchef von Borussia Mönchengladbach, regte sich im September über die Konkurrenten aus Leipzig und Hamburg auf. In Leipzig sei bekannt, wo das Geld herkommt, und man würde eine Strategie erkennen, "ob man die gut findet oder nicht. Beim HSV ist es eine Einzelperson", schimpfte Eberl in der "Welt", "die scheinbar willkürlich große Transfers trotz fehlender Einnahmen möglich macht. Das widerspricht einem fairen Wettbewerb." Und das Hamburger Abendblatt rechnete hoch, dass es auch in dieser Saison ein Minus in achtstelliger Höhe geben müsste, das sechste Millionenminus in Folge. Zwar habe der HSV für 2017/18 einen Überschuss von 8,4 Millionen prognostiziert, das war allerdings vor der jüngsten Einkaufstour von Dietmar Beiersdorfer. Dessen Vorstandskollege Frank Wettstein hatte verkündet, der HSV würde Kühne das Geld selbstverständlich zurückzahlen, sollte er das vereinbarte Ziel "Europapokal" erreichen. "Verfehlen wir die Ziele, erlöschen die Forderungen", sagte der Finanzchef allerdings - und das ist ein geschickter Trick. Oberflächlich würde der HSV damit eine Kollision mit den strengen Wettbewerbsregeln der UEFA verhindern. Tatsächlich ist der Europapokal jetzt schon 15 Punkte entfernt - oder aber vier Pokalspiele. Vielleicht wäre das eine Option für die Kritiker, angefangen mit dem Achtelfinalgegner 1. FC Köln, einfach einen Schritt zur Seite zu gehen, den HSV in die Europa League zu lassen und zu sehen, was als nächstes passiert...

Ein Kritiker hat jedenfalls die Seiten gewechselt. Heribert Bruchhagen, der Nachfolger des gerade erst entmachteten Beiersdorfer, war zu seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt (2003-16) einer der großen Gegner des Hamburger Wirtschaftens. "Als Interessenvertreter der Eintracht", sagt der neue HSV-Chef (der von 1992-94 bereits HSV-Manager war) nun. Er habe immer gesagt, dass der Glücksfall Kühne Großartiges für den HSV tue. Aber klar, im Raum stehen schon wieder 20 weitere Millionen für Wintertransfers, was in etwa dem entsprechen könnte - genaue Zahlen weiß man nicht - was Mainz 05 im Sommer für Jhon Córdoba, Levin Öztunali, Jean-Philippe Gbamin, Gerrit Holtmann, Jonas Lössl, José Rodríguez und Christian Clemens zusammen ausgegeben hat. Und wer wollte so eine Zuwendung ablehnen?

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