Das Gegenteil vom Überfall

Christian Karn. Mainz.
Mit dem alten, aus Mainz bekannten Überfall-Ansatz Thomas Tuchels ist Borussia Dortmund beim FSV Mainz 05 sehr früh in Führung gegangen. Für den Sieg hat's nicht gereicht, weil die 05er mit dem Gegenteil des Überfalls zurückschlugen: Danny Latza, der unerwartete Torjäger dieses Winters, glich in der 83. Minute aus. In der Nachspielzeit hätten die 05er gar gewinnen können. Die beiden Spiele ohne die Hinrunden-Offensive Yunus Malli/Jhon Córdoba haben die 05er sieglos, aber auch ungeschlagen überstanden. Nächste Woche ist der Mittelstürmer wieder dabei, außerdem dürfte der neue Zehner debütieren.

FSV Mainz 05 - Borussia Dortmund 1:1 (0:1)

Sonntag, 29. Januar 2017, 34.000 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Bungert, Brosinski - Latza, Gbamin (62. Ramalho) - Öztunali, Frei (69. Seydel), Jairo - Muto (74. de Blasis).
Reserve: Huth, Bussmann, Holtmann, Hack. Trainer: Schmidt.

Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer - Weigl - Castro (87. Pulisic), Guerreiro (66. Götze) - Schürrle, Aubameyang (72. Dembélé), Reus.
Reserve: Weidenfeller, Bartra, Kagawa, Durm.

Schiedsrichter: Zwayer (Berlin).

Tore: 0:1 Reus (3., Schürrle), 1:1 Latza (83., Öztunali).

Gelbe Karten: Gbamin, Jairo - Schürrle.

Der Ansatz von Thomas Tuchel ist bekannt: Überfall in den ersten Minuten, den Gegner überrumpeln, früh in Führung gehen. Und dann aus der Führung etwas machen. Der BVB überfiel den FSV Mainz 05 am Sonntagabend, ging früh in Führung. Aber machte nichts daraus. Weil die 05er hinten nur kurz konfus waren, dem BVB die Konterräume nicht zugestanden, und ihrerseits in den letzten Minuten noch einmal aufdrehten. Spät ausglichen, in der Nachspielzeit noch zwei gute Chancen zum möglichen Siegtreffer vergaben.

Das Drama begann nach kaum mehr als 120 Sekunden. Da verlor Jean-Philippe Gbamin an der Mittellinie den Ball an André Schürrle, der nach einem mehr oder weniger absichtlichen Doppelpass mit Lukasz Piszczek den Platz für den Lauf an den Strafraum und den Querpass auf Marco Reus hatte. Dieser hatte keine Verteidiger in der Nähe - Niko Bungert musste den Laufweg zum Tor zustellen, Stefan Bell war bei Pierre-Emerick Aubameyang, Giulio Donati war beim Ballverlust zu weit vorne, stürmte nicht mit Höchstgeschwindigkeit zurück, wäre sowieso nicht mehr rechtzeitig gekommen. Jonas Lössl lief dem Nationalspieler noch entgegen, hatte aber gegen den Schuss ins kurze Eck gar keine Chance. 1:0 für den BVB in der dritten Minute.

Was taten die 05er, um der Niederlage zu entgehen? Sie schossen zunächst mal ein Tor. Donati spielte nach einem abgewehrten Eckball den schnellen Pass ins Zentrum, Yoshinori Muto entwischte dem Gegenspieler - traf nicht zum Ausgleich. Der Ball war zwar drin im Tor, aber die Abseitsfahne war früh oben und wäre besser unten geblieben. Knapp genug war's, ein Skandal war's wirklich nicht. Falsch war die Entscheidung in der 15. Minute trotzdem.

Viel mehr gelang den 05ern vorne nicht. Danny Latza hatte in der 19. Minute nach ein paar Querschlägern eine Schusschance im Strafraum, sein Ball wurde geblockt. Das war's in der ersten Hälfte. Muto war viel unterwegs, bekam aber wenige Bälle, weil die in der Regel lang auf Jairo Samperio kamen, der gegen zwei Verteidiger nichts damit anfangen konnte - einer sicherte ab, der andere (in der Regel Sokratis) köpfte den Ball weg, ein Backup hinter Jairo gab es nicht.

Der BVB ließ die 05er unterdessen leben. Die Gäste waren oft damit zufrieden, den Ball in den hinteren Reihen zu kontrollieren, auf die Räume zu lauern, um die Sprinter vors Tor zu bringen. Und die 05er fielen nicht darauf hinein, öffneten dem BVB mit ihrer abwartenden, ruhigen, geduldigen Spielweise die Räume nur selten. Wenn doch, dann lag es an den gelegentlichen Ballverlusten von Gbamin, der wirklich nicht seinen besten Tag hatte und nach einer Stunde gelbverwarnt ausgewechselt wurde, und wenn doch, dann war's wieder der aufmerksame Torwart, der das regelte: In der 11. Minute hielt Jonas Lössl zusammen mit Niko Bungert im Strafraum Gonzalo Castro auf. In der 43. Minute hatte Lössl die nur scheinbar unlösbare Aufgabe, im Niemandsland links vor dem 16er Aubameyang zu stoppen; der Däne schnickte im Laufduell mit dem Mittelstürmer tatsächlich mit der Hacke sauber den Ball weg - nicht weit genug weg, um die Szene zu beenden, aber so weit, dass Aubameyang den großen Umweg gehen musste und Stefan Bell die Zeit hatte, weit außen den Ball zur Ecke wegzugrätschen. Nach dieser flog Sokratis' Schuss von Gbamin kapital abgefälscht am Tor vorbei, die nächste Ecke war harmlos.

Und in der zweiten Hälfte gab der BVB die Kontrolle übers Spiel zunehmend frei. Die 05er hatten früh kleine Möglichkeiten, die Kopfbälle von Niko Bungert (56., nach Ecke) und Gbamin (57., nach Einwurf) waren jedoch nicht gefährlich. Der BVB hatte in der 61. Minute noch einen letzten Torversuch, einen Schürrle-Schuss, der wohl auch vorbei gegangen wäre, wenn Danny Latza ihn nicht abgefälscht hatte. Trotz aller Mühe, aller Versuche kamen die Mainzer aber gegen den immer genügsameren BVB einfach nicht durch. Aaron Seydel und Pablo de Blasis waren schließlich vorne anstelle von Fabian Frei und Yoshinori Muto; die beiden Angreifer hatten aber nicht nur die Dortmunder Verteidiger gegen sich, sondern in dieser Phase auch den Schiedsrichter. Felix Zwayer pfiff in der Gästehälfte abwehrfreundlicher als auf der anderen Seite. Zusammenhänge fehlten, zu sehr mussten sich die 05er aufs Glück verlassen, das hatten sie nicht.

Der neue Torjäger schlägt zu: Danny Latza köpft das vierte 05-Tor in Serie. Foto: imagoUnd doch brachten sie das Spiel in den letzten zehn Minuten gewaltig ins Wackeln. Und in der 83. Minute entwickelte sich aus einem harmlosen Freistoß von Marcel Schmelzer der Ausgleich: Lössl fing den Ball auf, eröffnete den Gegenangriff mit einem kurzen Abwurf auf Daniel Brosinski. De Blasis leitete den Ball auf den für Gbamin eingewechselten André Ramalho weiter, der spielte einen langen Diagonalball auf Levin Öztunali. Der Rechtsaußen hätte noch Giulio Donati in den Angriff einbauen können, flankte lieber selbst von etwas weiter innen hoch und nah an den langen Pfosten. BVB-Torwart Roman Bürki hätte die Flanke nie im Leben erreichen können, musste darauf spekulieren, wie ein Handballtorwart das kurze Eck gegen den erwarteten Kopfball zu schützen. Und schaffte das nicht: Danny Latza kam aus vollem Lauf zum Ball, drückte ihn mit dem Kopf an Bürki vorbei ins Tor - hat damit die letzten vier Mainzer Bundesligatore geschossen.

Und das Stadion geweckt, die Mannschaft geweckt. In der 85. Minute probierten die 05er nach Öztunalis Balleroberung an der eigenen Eckfahne den gleichen Konter noch einmal. Ramalho spielte einen traumhaften Chipball auf Donati, der die gleiche Flanke schlug wie gerade noch sein Kollege - aber der Ball war diesmal nicht zu gebrauchen, der Empfänger nicht parat.

Der BVB suchte sich noch einmal aufzuraffen, fand nicht mehr ins Spiel zurück. Hätte es verlieren können: In der 91. Minute hatte Seydel nach einem abgefälschten Steilpassversuch von Jairo auf einmal die Schussbahn, links vor dem Strafraum, schoss nicht alleine drüber, hätte - aber die Schiedsrichter waren wirklich nicht die Freunde der 05er - einen Eckball bekommen sollen, bekam ihn nicht. Und in der 92. Minute schlug Seydel einen Hail-Mary-Ball an den Strafraum, den entgegen aller Wahrscheinlichkeiten Öztunali gegen zwei Verteidiger unter Kontrolle bekam und unter Kontrolle hielt; der Rechtsaußen wartete auf de Blasis, legte dem Argentinier den Ball auf den Fuß, sah zu, wie dieser das lange Eck haarscharf verfehlte. Und Schlusspfiff.

In den beiden Spielen ohne Yunus Malli und Jhon Córdoba haben die 05er zwei Punkte geholt. Nächste Woche kommt der Mittelstürmer zurück, nächste Woche könnte der prominente Neuzugang Bojan Krkic debütieren. Das wird interessant.

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