Das Ende als Anfang

Jörg Schneider. Mainz.
Der FSV Mainz 05 hat sich mit einem souveränen und etwas zu niedrig ausgefallenen 2:0-Sieg in der Opel Arena gegen Qäbälä FK aus der Europaliga verabschiedet. Beim Bundesligisten überwog nachher die Wehmut darüber, dass dieses Ausscheiden nicht nötig gewesen wäre, wenn das Team in den Heimspielen zuvor wenigstens einen durchaus möglichen Heimsieg eingefahren hätte. Martin Schmidt blickte unterdessen schon nach vorne. „Wir haben vorher gesagt, das soll nicht unser letztes Eurospiel sein“, berichtete der Trainer. „Das muss der Anfang sein, sich international zu zeigen. Denn diese Runde hat Lust auf mehr gemacht. Deshalb denke ich schon, dass dieses Ergebnis für uns ein großer Ansporn ist.“

Die allgemeine Stimmung nachher war so diffus wie die Licht- und Sichtverhältnisse in den vorangegangenen 94 Minuten an diesem Donnerstagabend in der Opel Arena. Neblig-trüb, ein wenig trostlos und insgesamt etwas verschwommen. Als alles vorbei, das Abenteuer Europa ultimativ abgepfiffen war, drangen nach und nach leichte Anzeichen von Enttäuschung und Wehmut durch, dämmerte es den Beteiligten, dass etwas zu Ende gegangen war, das nicht zu Ende hätte gehen müssen, das in der bitteren Konsequenz letztlich auch nicht erst an diesem Abend vorbei gegangen war. An diesem nass-kalten Dezember-Abend hat der FSV Mainz 05 vieles richtig gemacht, hat sich mit einem pflicht- und erwartungsgemäßen 2:0-Erfolg im abschließenden Heimspiel gegen Qäbälä FK aus der Gruppenphase der Europaliga verabschiedet. Erhobenen Hauptes, als Tabellendritter der Gruppe C hinter der AS Saint-Etienne und dem RSC Anderlecht. Mit insgesamt neun Punkten. So viele hat kein anderer Tabellendritter in den übrigen elf Gruppen der Europa League eingefahren. Ein Ergebnis, das die Beteiligten einerseits zufrieden registrierten, gleichzeitig aber auch frustriert darüber nachdenken ließ, was möglich gewesen wäre, wenn die Mannschaft von Martin Schmidt nicht erst in ihrem letzten Auftritt im eigenen Stadion dreifach gepunktet hätte.

Jhon Cordoba und die 05-Angreifer müssen sich nach dem 2:0-Sieg gegen Qäbälä zum Abschluss der Gruppenphase nur den Vorwurf gefallen lassen zu viele gute Möglichkeiten für einen höheren Sieg vergeben zu haben. Foto: Imago„Es war ein ordentlicher Abschluss“, sagte Rouven Schröder nach dem Heimsieg durch die Tore von Alexander Hack und Pablo De Blasis in der ersten Halbzeit. „Wir haben jetzt eine klare Situation in der Tabelle. Zwischenzeitlich sah es ja so aus, als wenn Anderlecht mit 14 Punkten vorne sein und Saint-Etienne bei neun Zählern bleiben würde.“ Diese Konstellation hätte den Frust über das Ausscheiden sicherlich noch vergrößert, doch am Ende gewannen die Franzosen in Belgien und holten sich den Gruppensieg. „Mit neun Punkten Dritter zu werden ist gut. Wenn man sich die anderen Gruppen anschaut, wer da Dritter ist, ob die alle neun Punkte haben, weiß ich nicht. Es ist aber auf jeden Fall viel Wehmut dabei“, sagte der 05-Sportdirektor. „Wir hätten  gerne in diesem Wettbewerb überwintert. Es ist immer schade, wenn du ausscheidest. Jetzt ist es endgültig, und wir ziehen das Positive heraus, dass wir in der Rückrunde deutlich weniger Spiele haben werden, mehr Luft haben und mit einem konkurrenzfähigen Kader angreifen können.“

Man habe von Anfang an gewusst, dass es eine schwere Gruppe sein werde. „Aber eine machbare“, sagte Schröder. „Es war ja auch knapp. Wir hätten es schaffen können und waren nicht chancenlos. Die Heimspiele gegen Saint-Etienne und Anderlecht waren sicher der Schlüssel. Insgesamt sind das alles Erfahrungswerte, die Lust auf mehr gemacht haben.“ Die beiden Unentschieden gegen Saint-Etienne und Anderlecht vor eigenem Publikum, darüber sind sich alle einig, waren der Knackpunkt. „Heute haben wir uns belohnt und uns erhobenen Hauptes aus der Europaliga verabschiedet“, sagte Martin Schmidt. „Neun Punkte haben wir geholt. Das soll uns nicht peinlich sein. Im Gegenteil. Ich denke, das ist eine gute Ausbeute. Leider müssen wir uns jetzt an der eigenen Nase fassen und sagen, dass eines der Unentschieden hier daheim zu viel war. Das sind Lehren, die wir mitnehmen müssen, wenn die Chance noch mal da ist, wenn wir nochmal in diesem Wettbewerb antreten dürfen“, erklärte der Trainer, der ebenfalls einräumte, mit Wehmut aus dem Wettbewerb zu scheiden. „Weil wir eigentlich sehr nah dran waren. Jetzt haben wir den ersten Heimspielsieg in der Europaliga, das ist auch sicher was Spezielles. Hier daheim sind wir ungeschlagen geblieben. Wir haben ein einziges Spiel in der Gruppe verloren. Das hätte nicht so hoch sein müssen. Ich denke aber, mit einem Heimsieg mehr hätte sich vieles ganz anders entwickelt.“

"Zwischenrunde, da hätten wir sein können"

Der Schweizer hatte sein Team mit einer emotionalen, vorausschauenden und Mut machenden Ansprache auf dieses letzte Spiel eingestellt. „Wir haben vorher gesagt, das soll nicht unser letztes Eurospiel sein“, berichtete der 49-Jährige nach dem Abpfiff. „Das muss der Anfang sein, sich international zu zeigen. Denn diese Runde hat Lust auf mehr gemacht. Das sagen alle Spieler. Es noch besser machen zu können, daraus zu lernen. Deshalb denke ich schon, dass dieses Ergebnis für uns ein großer Ansporn ist. Wir wissen, wo wir nicht gut waren. Das ist eine gute Lehre für jeden Spieler, für den Verein und für mich als Trainer. Ich bin überzeugt, das Tor hier im ersten Spiel in der 91. Minute von Saint-Etienne war mit eine Entscheidung. Das Spiel in Etienne hat sich dadurch verändert, vieles hat sich dadurch verändert. Auch in Anderlecht darfst du niemals verlieren, da muss es Minimum unentschieden sein. Dann hätte sich alles gedreht. Deshalb muss sich jeder an die eigene Nase fassen. Am  Montag in der Auslosung und in der Weihnachtspause wird das jedem ganz klar werden. Spätestens wenn die Zwischenrunde beginnt, denkt jeder, da hätten wir sein können.“

Sind sie nicht, doch die 05er nehmen trotzdem einiges mit aus diesem letzten Heimsieg und einem Spiel gegen Qäbälä FK, in dem sich die Mannschaft lediglich den Vorwurf gefallen lassen muss, sich bei dieser drückenden Überlegenheit nicht mit einem wesentlich höheren Ergebnis verabschiedet und in Stimmung für die Bundesligapartie am Sonntag in Mönchengladbach geschossen zu haben. „Es war trotzdem kein einfaches Spiel für uns“, merkte der Coach an. „Kein einfaches Spiel, um es beim Team anzumoderieren. Weil vorher klar ist, dass man machen kann, was man will und doch nicht weiterkommt. Ein Spiel gegen den Letzten, der null Punkte hat. Das ist eigentlich ein Spiel, in dem man nur verlieren kann. Anders gesagt, das muss man gewinnen, sonst macht man komplett was falsch.“ Deshalb könne er sagen, dass seine Profis das Ganze sehr konzentriert angegangen seien und in 90 Minuten mit das konzentrierteste Spiel überhaupt abgeliefert hätten. „Die erste Halbzeit war spielerisch ordentlich mit zwei schönen Toren. Die zweite Halbzeit war spielerisch das, was wir wollten: Dominanz im Ballbesitz zeigen, den Gegner hin und her bewegen, gute Wechsel, übers Zentrum in die Box kommen“, sagte Schmidt, der allerdings auch gleich auf den größten Makel an diesem Abend hinwies. „Dass wir da halt nicht mehr draus gemacht haben. Wir haben wunderbare Chancen herausgespielt. Fabian Frei zweimal, Jairo zweimal, Cordoba und so weiter. Da haben wir zu viel vergeben. Wenn wir ein paar mehr Tore geschossen hätten, könnten wir von einem perfekten Spiel reden. So sprechen wir von einem ordentlichen, guten Spiel“, betonte Schmidt, bei dem dennoch die Zufriedenheit über die Mentalität und die Herangehensweise seiner Mannschaft überwog. „Wenn man unsere Vergangenheit anguckt, war nie unser Problem, dass wir keine Tore schießen, sondern die Fehler, die wir hinten machen. Abstimmungsfehler, dem Gegner Chancen zulassen, obwohl wir das Spiel, im Griff haben. Das ist uns in dieser Saison einige Male passiert. Heute hatte der Gegner einen Torschuss, der nicht mal aufs Tor ging. Im Vorwärtsspiel hatten wir die eine oder andere Panne, wenn die nicht gewesen wären, hätten wir über 90 Minuten ein komplett gut organisiertes, gut strukturiertes zu Null hingelegt. Wir haben diesem Gegner gar nichts zugelassen, nicht mal den Gedanken daran, hier könnte für ihn noch etwas gehen. Das war sehr wichtig. Heute mache ich dem Team ein Kompliment für die Charakterleistung.“

► Alle Artikel zum Spiel gegen Qäbälä FK

► Zur Startseite