Das 05-Kalenderblatt

Christian Karn. Mainz.
Auch in dieser Woche hat die nullfünfMixedZone wieder tief in die Vereinschronik gegriffen, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche weiteren Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. Viel war das nicht; Ende Mai war die Saison häufig vorbei. Aber in jedem Monat werden künftige Fußballspieler geboren, daher gratulieren wir in dieser Woche unter anderem dem erfolgreichsten 05-Torjäger im Profifußball, einem Kunstschützen und dem Matchwinner im Jubiläumsspiel - alle drei Beschreibungen treffen auf Michael Thurk zu und dennoch sind drei verschiedene Spieler gemeint!

 28. Mai  

Am heutigen Donnerstag wird eine der umstrittensten Figuren des FSV Mainz 05 39 Jahre alt: Michael Thurk ist für die einen ein Held, für die anderen ein Verräter, für manche beides. Ein Denkmal mag sich der Frankfurter verdient haben durch die zwei Tore gegen sich selbst und für seinen Verein beim ersten Aufstieg in die Bundesliga, aber vielleicht eins mit Scharnier am Sockel, damit man es leichter umwerfen und wieder aufrichten kann. Fragt man sich ein bisschen quer durch die Welt der 05er, kann man zum Ergebnis kommen, Michael Thurk habe beides verdient.

Sechseinhalb Jahre lang spielte der "Killermichel" für die 05er, unterbrochen von einem halben Jahr in Cottbus. Thurk kam als bereits 23-jähriger Amateurkicker vom SV Jügesheim und ging mit 30 Jahren zu seinem Herzensklub - so sagte er -, zum Erstligaverein seiner Heimatstadt, zu Eintracht Frankfurt. Eine lebende Legende im 05-Team war er damals schon, und die Legendenbildung ging los mit seinem ersten Tor: 1999/00, in seiner ersten Saison in Mainz, wurde er nur sporadisch eingewechselt, traf in der Liga noch überhaupt nicht, dafür aber im DFB-Pokal gegen Hertha BSC. Der erste Treffer des kleinen schmalen Renners war der Ausgleich und machte die dramatische Verlängerung, in der neun Mainzer elf Berliner aus dem Pokal warfen, erst möglich. 

Im zweiten Jahr war Thurk schon Stammspieler, zeigte aber schon eine Eigenschaft, die er erst im letzten Jahr als Mainzer ablegte: Er schoss viele Tore, aber nicht gleichmäßig über die Saison verteilt; es gab Phasen mit vielen Treffern, aber auch lange Serien ohne Treffer. In denen Thurk als Renner, als Pressingmaschine, als ekliger Gegenspieler, auch als Provokateur trotzdem seinen Wert hatte. Fünf Tore in vier Wochen waren mitentscheidend für den Nichtabstieg 2001, nur ein Tor in den letzten fünf Spielen nicht der entscheidende Faktor, aber sicherlich ein Faktor für den Nichtaufstieg 2002. 

Noch schwer lädiert im Gesicht, aber endlich wieder glücklich: Michael Thurk nach seinem verspäteten ersten Bundesligator gegen den SC Freiburg. Foto: imago

Die Saison 2003/04 war das erfolgreichste Mainzer Jahr des Torjägers Thurk. 13 Treffer schoss der Stürmer - aber zehn davon in der Hinrunde. In der Rückrunde lange nichts. Worauf die 05er kurz vor Saisonende verkündeten, seinen Vertrag nicht zu verlängern, Thurk bei Energie Cottbus unterschrieb, als die 05er den Aufstieg abgehakt hatten, und auf einmal ein ganz persönliches Problem bekam: Die 05er waren plötzlich wieder ein Aufstiegskandidat, Cottbus aber auch, nur einer konnte es schaffen. Thurk löste das Dilemma mit drei entscheidenden Toren. Eins gegen Unterhaching, zwei im Endspiel gegen Eintracht Trier, alle drei für seinen alten Verein, gegen seinen neuen, im Grunde gegen sich selbst. Nach dem letzten Abpfiff war Thurk als einziger 05er inmitten der Aufstiegsjubler todunglücklich, wollte nicht nach Cottbus, musste aber.

Und wurde dort nicht glücklich. Auch wegen einer fürchterlichen Verletzung - nach einem Allerweltsfoul fiel Thurk mit dem Gesicht aufs Knie des unbeteiligten Gegenspielers Claus Grzeskowiak, biss diesem eine Sehne durch (Karriereende); zwei seiner Zähne blieben in Grzeskowiaks Knie stecken. Im Winter holten die 05er den unter Heimweh und allem Möglichen leidenden Thurk zurück. Einen Teil der Ablöse hätte er selbst zahlen sollen, aber nach sechs Rückrundentoren und dem Nichtabstieg übernahmen die 05er seinen Anteil. Thurk entwickelte sich zum Bundesliga-Torjäger, wurde von Jürgen Klopp nach zwei Treffern gegen Borussia Mönchengladbach flapsig für die WM ins Gespräch gebracht, und vielleicht war das nicht geschickt. Vielleicht war das der Auslöser zum Streit zwischen den beiden Hälften der einstigen Fahrgemeinschaft, die täglich zusammen aus Frankfurt nach Mainz pendelte. Der Frankfurter Gassenbub, der auch in allerbesten Zeiten nie so ganz pflegeleicht war, fühlte sich von Klopp nicht hinreichend wertgeschätzt, sah außerdem die Chance, noch einmal für die gerade wieder aufgestiegene Eintracht zu spielen, und mobbte sich im Trainingslager aus seinem Vertrag. 

Glücklich wurde Thurk in Frankfurt nicht. Als Stürmer des FC Augsburg wurde er hingegen noch einmal ein Volksheld, Zweitliga-Torschützenkönig und Bundesliga-Aufsteiger. Mit dem 1. FC Heidenheim stieg Thurk im vergangenen Jahr als 38-Jähriger in die 2. Bundesliga auf. Seither ist Thurk vereinslos, aber so ganz beendet hat einer der interessantesten Stürmer dieses jungen Jahrhunderts seine Karriere noch nicht. Mit 64 Toren in 202 Spielen in den beiden Bundesligen, im DFB- und im Europapokal ist Thurk heute noch der größte Mainzer Torjäger im Profifußball. 

Sami Allaguis Spezialität: Tore im ersten Spiel für den neuen Klub. Das klappte auch dieses Jahr in Berlin. Foto: imagoExakt zehn Jahre jünger ist Sami Allagui, der ebenfalls zur Legende hätte werden können. Der in Belgien zum Profi ausgebildete Deutsch-Tunesier aus Düsseldorf kam 2010 über Carl Zeiss Jena und die SpVgg Greuther Fürth zu den 05ern. Im ersten Jahr schoss er schon zehn Tore, größtenteils spektakuläre, elegante Kunstwerke: Allagui zog im Zweifel den Heber dem Schuss gegen die Laufrichtung vor und hatte die nötige Technik, um das auch zu schaffen. Sein Tor des Monats beim Auswärtssieg gegen die Bayern schoss er mit der Hacke und in Gladbach schickte er nach einer sagenhaften 70-Meter-Flanke von Christian Fuchs den Ball erst senkrecht in die Luft, um den Torwart darunter durchlaufen zu lassen, ehe er ihn mit dem Kopf, bedrängt von zwei Verteidigern, ins Herz der ins Tornetz eingearbeiteten Borussia-Raute bugsierte. In der Rückrunde seines zweiten Jahres in Mainz spielte Allagui aber schon keine große Rolle mehr. Mit Hertha BSC stieg er darauf in die Bundesliga auf; im vergangenen Sommer holten die 05er den Angreifer noch einmal als Leihspieler zurück. Noch einmal durchgesetzt hat er sich nicht.

Weitere Ergebnisse am 28. Mai:

1950: SpVgg Andernach - FSV Mainz 05 5:4  
1978: FSV Mainz 05 - Borussia Neunkirchen 0:1  
1981: FSV Mainz 05 - FC St. Pauli 0:1  
1982: Südwest Ludwigshafen - FSV Mainz 05 2:4  
1999: FSV Mainz 05 - KFC Uerdingen 05 3:0  

29. Mai  

41 Jahre alt wird am Freitag Serjik Teymourian. Der iranische Mittelfeldspieler bestritt von 1998 bis 2000 sechs Zweitligaspiele für die 05er. Sein Bruder Andranik hat die größere Karriere mit bislang 81 Länderspielen. 

Weitere Ergebnisse am 29. Mai:

1976: Stuttgarter Kickers - FSV Mainz 05 5:2  
1988: FV 09 Weinheim - FSV Mainz 05 4:3  
1994: FC Hansa Rostock - FSV Mainz 05 2:3  

30. Mai  

Ein in Mainz nicht mehr allzu beliebter Spieler wird am Samstag 37 Jahre alt. Heinz Müller kam 2009 aus der zweiten englischen Liga als Herausforderer für Dimo Wache nach Mainz (Wache konterte Müllers Spruch, in Norwegen, wo er einst gespielt hatte, hätte man ihn den "Mann mit vier Armen" genannt, recht unbeeindruckt mit einem trockenen "Und ich bin die Krake aus Brake") und wurde sofort sein Nachfolger - Wache hatte sich schwer verletzt. Müller verursachte mit seinem spektakulären Stil in den ersten beiden Einsätzen zwei Elfmeter (und hielt einen davon), spielte auch insgesamt eine bemerkenswert starke Saison, ließ aber ab dem zweiten Jahr deutlich nach. Der ewige 05er Christian Wetklo verdrängte Müller immer wieder aus der Startelf. Thomas Tuchel strich den immer schnell beleidigten und körperlich nicht mehr stabilen Torhüter schließlich aus dem Bundesligakader, was einen Rechtsstreit nach sich zog. Ursprünglich ging es um entgangene Prämien, inzwischen lautet die noch nicht letztinstantlich geklärte Frage: Sind befristete Verträge im Profifußball überhaupt zulässig?

Weitere Ergebnisse am 30. Mai:

1993: FSV Mainz 05 - Eintracht Braunschweig 0:2  

31. Mai und 1. Juni

An diesen beiden Terminen passierte bei Mainz 05 bislang wenig, nichts spektakuläres. Daher nur die Auflistung: 

Ergebnisse am 31. Mai:

1973: Karlsruher SC - FSV Mainz 05 1:1  
1975: FSV Mainz 05 - FC Augsburg 3:2  
1981: FC St. Pauli - FSV Mainz 05 3:1  

Ergebnisse am 1. Juni:

1991: Stuttgarter Kickers - FSV Mainz 05 1:1  
1997: FSV Mainz 05 - Fortuna Köln 2:0  

2. Juni  

Die Geburtstagskinder vom 2. Juni: Oben von links Walter Sonnenberger, Werner Müller und Manfred Nehren, darunter Vjekoslav Skrinjar, Thorsten Schaaf und Norman Marzuga.Der 2. Juni erhält bei den 05ern seine Bedeutung vor allem durch etliche Geburtstage von mehr oder weniger bedeutenden Spielern. Den Anfang dieser Auflistung macht Walter Sonnenberger, am 2. Juni 1925, also vor 90 Jahren, im oberschlesischen Beuthen geboren und nach dem 2. Weltkrieg über Munster und Lüneburg nach Mainz gekommen. Von 1953 bis 1957 war der Mittelfeldspieler, der bereits an einem Nationalmannschaftslehrgang teilgenommen hatte, eine der wichtigsten Figuren im 05-Team; seine zwei Tore gegen Bert Trautmann im Jubiläumsspiel gegen Manchester City verschafften ihm ein hohes Ansehen. Nachdem 1966 der ehemalige Italien-Profi Kurt Zaro als Nachfolger des langjährigen 05-Trainers Heinz Baas gescheitert war, beförderten die 05er den damaligen Juniorentrainer Sonnenberger zum Chefcoach. In 18 Spielen gab es unter Sonnenberger nur drei Niederlagen; nach Punkten ist er bis heute der erfolgreichste 05-Trainer aller Zeiten. Weil ihm die nötige Lizenz fehlte, konnte Sonnenberger aber nicht über die Saison hinaus Cheftrainer bleiben.

Ein Jahr jünger ist Werner Müller, der von 1946 bis 1950 22 Spiele für die 05er bestritt, anschließend für Preußen Krefeld, die Stuttgarter Kickers, Eintracht Braunschweig und den SSV Reutlingen 05 spielte.

Manfred Nehren wird am 2. Juni 73 Jahre alt. 1959 spielte der Rechtsaußen bereits als 17-Jähriger für die 05er; ein Torjäger wurde er aber erst ab 1963 in der Regionalliga. In 143 Spielen für die 05er schoss Nehren 39 Tore. 1967 wechselte der Angreifer zum FSV Frankfurt.

46 Jahre alt wird Vjekoslav Skrinjar. Der Kroate, ein feiner Techniker, kam im Winter 1999/00 zu den 05ern, vermochte die Mannschaft aber nicht dauerhaft zu prägen. Als Linksverteidiger war der durchaus populäre Skrinjar möglicherweise letztlich verschenkt, auch wegen gesundheitlicher Probleme spielte er in zweieinhalb Jahren nur 40 Mal in der 2. Bundesliga. 

Zwei 05-Nachwuchsspieler haben schließlich ebenfalls am 2. Juni Geburtstag: Thorsten Schaaff (49 Oberligaspiele/9 Tore von 1999 bis 2002) wird 34 Jahre alt, Norman Marzuga (31 Spiele für die A-Junioren von 2003 bis 2006) 28 Jahre.

Weitere Ergebnisse am 2. Juni:

1985: FSV Mainz 05 - Werder Bremen (A) 1:3  
1996: MSV Duisburg - FSV Mainz 05 0:3  

3. Juni  

Am Mittwoch wird Fabian Götze 25 Jahre alt. Der Linksverteidiger kam erstmals 2009 im Endspiel um die Deutsche U19-Meisterschaft mit den 05ern in Berührung. Mit Borussia Dortmund unterlag Götze dem 05-Team von Thomas Tuchel am Bruchweg 1:2. Ein halbes Jahr später wechselte Götze vom BVB zu den 05ern, für die er in der Regionalliga 38 Mal spielte. 2011 schloss sich der Verteidiger dem Regionalligateam des VfL Bochum an, 2013 der SpVgg Unterhaching. Sein exakt zwei Jahre jüngerer Bruder Mario war Torschütze im U19-Endspiel gegen die 05er und fünf Jahre später im WM-Finale gegen Argentinien.

Weitere Ergebnisse am 3. Juni:

1973: FSV Mainz 05 - Blau-Weiß 90 Berlin 5:1  
1998: FSV Mainz 05 - KFC Uerdingen 05 2:1    

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