Das 05-Kalenderblatt: 19. bis 22. Dezember

Christian Karn. Mainz.
Die nullfünfMixedZone hat wieder in der Vereinschronik gekramt, in den Annalen geblättert und nachgeschaut, welche Jubiläen in diesen Tagen anstehen, was es an Besonderheiten und Ergebnissen gegeben hat, was um diese Jahreszeit so alles bei den 05ern passiert ist. In der zweiten Hälfte dieser Woche geht es um einen Lattenschuss und einen Panenka-Elfer, einen Ersatzschiedsrichter, einen Trainerfuchs, eine Korruptionsaffäre in der uralten Oberliga und um den ersten großen Ausflug des FSV Mainz 05.

19. Dezember  

Der legendäre Südwest-Trainer Robert Jung hat heute Geburtstag.Ein legendärer Trainer hat heute Geburtstag: Robert Jung wird 72 Jahre alt. Der gebürtige Kaiserslauterer war als aktiver Spieler ein knallharter Manndecker, allerdings nicht beim FCK, bei dem er nur in der Jugend spielte, sondern zunächst beim VfR auf dem Erbsenberg, vor allem aber beim FK Pirmasens, für den er in zehn Jahren genau 250 Mal in der Regionalliga und 2. Bundesliga spielte.

Drei Jahrzehnte lang war Jung nebenberuflich Amateur-, aber auch Profitrainer. In Pirmasens unterrichtete er Mathematik und Sport, dann ging's auf die Autobahn und zum Training. Fünfmal stieg Jung auf; den FSV Salmrohr (1986), die Offenbacher Kickers (1987) und Mainz 05 (1990) brachte er in die 2. Bundesliga, den FK Pirmasens 1997 in die Ober- und 2006 in die Regionalliga. Vor allem sein Durchmarsch mit den 05ern wurde legendär; Jung sprach in dieser Saison mit 62-6 Punkten und 93-20 Toren gern von seinem Husarenritt. Taktisch waren die 05er in jenem Jahr der restlichen Liga haushoch überlegen.

Nennt man ihn einen Defensivtrainer, wird Jung böse. Tatsächlich war eine stabile Defensive zwar immer Grundlage seines Fußballs, aber immer nur zum Zwecke des Ballgewinns - heute würde man das "Pressing" und "Umschaltspiel" nennen: das gegnerische Spiel zerstören und dann mit dem Ball etwas machen. Kein reines Konterspiel aufziehen, sondern mit dem Ball konstruktiv spielen. Das konnten die 05er richtig gut, daher stiegen sie nicht nur auf, sondern blieben sofort als bester Neuling in der Liga, etablierten sich.

Allerdings bald ohne Jung, der die 05er 1992 nach dreieinhalb Jahren verließ. Bei Rot-Weiß Frankfurt - wo er als 05-Trainer Jürgen Klopp entdeckt hatte - funktionierte sein den Mannschaftsgeist und die Atmosphäre fördernder Stil nicht gut. Aber noch 2006 warf Jung mit dem FK Pirmasens Werder Bremen aus dem DFB-Pokal.

Ernst-Ludwig Karsch wird heute 60 Jahre alt.60 Jahre alt wird heute Ernst-Ludwig Karsch. Der offensivstarke Rechtsverteidiger war in den 1980ern durchaus eine Nummer im Südwesten als giftiges Zweikampfmonster; gegen ihn zu spielen machte keinen Spaß. In seiner langen Karriere bei Eintracht Bad Kreuznach (1975-81) und Hassia Bingen (1981-87) lebte Karsch vor allem von seiner Laufstärke und Robustheit. 1987/88 spielte der Routinier bei den 05ern, wurde aber eigentlich gar nicht gebraucht und nur zweimal in der Oberliga eingewechselt - sowie dreimal in der Zweitliga-Aufstiegsrunde eingesetzt.

Heute vor 15 Jahren wäre am Bruchweg beinahe ein Zweitligaspiel abgebrochen worden. Den Vierten Offiziellen gab es damals nicht und als Christof Babatz nach einer Viertelstunde beim Stand von 0:0 gegen Alemannia Aachen den Schiedsrichter Kai Voss umschoss, musste Stadionsprecher Klaus Hafner die Frage durchsagen: "Ist zufällig ein Schiedsrichter anwesend?" Denn Voss wurde vom Mainzer Mannschaftsarzt Klaus Gerlach aus dem Verkehr gezogen. Die Frage nach dem Spielstand hatte er mit "1:0, Tor von Sandro Schwarz" beantwortet - Diagnose: Schwere Gehirnerschütterung. Ein Schiedsrichter aus dem Amateurfußball ließ sich schließlich auftreiben, der an der Seitenlinie die Fahne von Holger Grabanowski übernahm, der wiederum anstelle von Voss das Spiel als Schiedsrichter fortsetzte. Die 75 Minuten als Ersatz-Schiri blieben der einzige Zweitliga-Einsatz an der Pfeife für den niedersächsischen Linienrichter, der gut 16 Monate später tödlich verunglückte.

Weitere Ergebnisse am 19. Dezember:

1926: FSV Mainz 05 - Borussia Neunkirchen 5:1  
1965: Südwest Ludwigshafen - FSV Mainz 05 2:1  
1971: FSV Mainz 05 - Gummi Mayer Landau 1:1  
1982: FSV Mainz 05 - FC Ensdorf 4:0  
2014: FSV Mainz 05 - Bayern München 1:2  

20. Dezember  

Frank Kinkel wird am Dienstag 43 Jahre alt.Am Dienstag wird Frank Kinkel 43 Jahre alt. Der Linksverteidiger, der 2000 mit einer gewissen Bundesliga-Erfahrung vom SSV Ulm 1846 zu den 05ern wechselte, war ein physisch präsenter Linksfuß, aber technisch hat es nicht gereicht. Kinkel spielte nur acht Mal für die 05er und schloss sich dann dem SV Babelsberg 03 an.

Genau elf Jahre ist es am Dienstag her, dass Ferydoon Zandi einen Elfmeter an die Latte schoss und einen mächtigen Sturm im Wasserglas entfachte. Dienstag Abend war's auf dem Betzenberg, mit 1:1 und Mainzer Überzahl war das DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem FSV Mainz 05 ins Elfmeterschießen gegangen. Und das hatte für die Mainzer gar nicht gut angefangen: Stefan Blank und Ingo Hertzsch hatten für den FCK getroffen, Christof Babatz über das Tor geschossen, FCK-Torwart Jürgen Macho den Schuss von Christian Demirtas gehalten. Zandi hätte die 05er mit dem fünften Elfmeter in extremsten Zugzwang bringen können und verpatzte es: Sein Versuch prallte von der Latte auf die Torlinie und sprang nach vorne weg - jedenfalls sahen es so die Schiedsrichter. Auch die genauesten Zeitlupen, Standbilder und Perspektiven lösten nicht zweifelsfrei auf, ob diese auf Tor hätten entscheiden können und selbstverständlich interpretierten die Klubs unterschiedliche Tendenzen hinein. Denn Toni da Silva verkürzte auf 2:1, Dimo Wache hielt gegen Halil Altintop, Fabian Gerber glich aus, Marco Engelhardt und Mohamed Zidan trafen zum 3:3, Daniel Halfar verfehlte das Tor. Und Petr Ruman brachte die 05er mit einem eleganten Heber ins Viertelfinale.

Zandi schießt, Wache fliegt, das Tor wackelt, die Schiedsrichter sagen: Kein Treffer. Foto: imagoDie Pfalz tobte. Der offizielle Einspruch des FCK wurde in zwei Instanzen zweimal abgewiesen; selbst wenn ihm der Nachweis gelungen wäre, dass der Ball hinter der Linie gewesen sei, wäre die Tatsachenentscheidung nicht gekippt worden. Die Grundsatzdiskussion dagegen wurden die 05er lange nicht los. Der FCK legte die Schattenseite der Fairplay-Wertung offen, die die 05er ein halbes Jahr zuvor in den Europapokal gebracht hatte. Um der Auszeichnung gerecht zu werden, argumentierten die Pfälzer, hätten die 05er von sich aus ein Wiederholungsspiel anbieten müssen. Letztlich mussten sie sich aber damit abfinden, binnen weniger Monate zwei Heimspiele gegen den Nachbarn aus der Landeshauptstadt verloren zu haben. Der ganze Quatsch wäre allen natürlich erspart geblieben, hätte Zandi den Elfmeter einfach ins Tor geschossen.

Weitere Ergebnisse am 20. Dezember:

1931: FSV Mainz 05 - Eintracht Frankfurt 1:4  
1936: TuRa Kastel - FSV Mainz 05 3:1  
1964: FSV Mainz 05 - FK Pirmasens 3:1  
1970: 1. FC Saarbrücken - FSV Mainz 05 3:1  
1981: FSV Mainz 05 - 1. FC Saarbrücken 0:0  
1987: FSV Mainz 05 - Hassia Bingen 0:0  
2015: Hertha BSC - FSV Mainz 05 2:0
 

21. Dezember  

Am Mittwoch vor 64 Jahren gewannen die 05er 7:0 gegen Hassia Bingen. Dass die Binger überhaupt am Bruchweg antraten, lag an der Disqualifikation des VfR Frankenthal, dem ein Bestechungsversuch in der Vorsaison nachgewiesen wurde. Auch der 1. FC Kaiserslautern soll in der Affäre eine Rolle gespielt haben: Der Vorwurf, der Sieg in Kaiserslautern am letzten Spieltag, durch den der VfR in der Liga blieb und der FCK die Meisterschafts-Endrunde verpasste, sei ebenfalls gekauft gewesen, blieb jedoch unbewiesen. Der VfR wurde erst nach dem zweiten Spieltag der Saison 1952/53 aus der Liga ausgeschlossen. Die Binger rückten kurzfristig nach, waren aber auf Oberligafußball überhaupt nicht vorbereitet und völlig überfordert.

Der Mainzer 7:0-Sieg kurz vor Weihnachten durch Tore von Bernd Christ, Karl-Heinz Wettig, Horst Schulz (2), Hermann Ronde und Seppel Meinhardt (2) fand unter kaum regulären Bedingungen statt. Knöcheltiefe Pfützen standen auf dem Spielfeld, dreimal verhungerte der Ball auf der Binger Torlinie im Matsch. Das glich das Binger Verletzungspech aus: Mittelstürmer Gunter Leyk (26.), Torwart Heinz Zell (50.) und Rechtsaußen Friedrich Beilmann (60.) verletzten sich und konnten nicht weiterspielen. Weil Einwechslungen noch lange nicht erlaubt waren, spielten die 05er in der letzten halben Stunde zu elft gegen acht Binger.

Geburtstagskinder am Mittwoch: Waldemar Kischka und Christopher IhmWaldemar Kischka wird am Mittwoch 50 Jahre alt. Der Mittelfeldspieler aus Gliwice, der beim damaligen polnischen Dauermeister Górnik Zabrze ausgebildet worden war, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kurzzeitig in Egelsbach spielte und 1991 zu den 05ern wechselte, war im damaligen Mainzer Kader möglicherweise der beste Fußballer, ein ganz exzellenter Techniker mit feiner Ballbehandlung, wunderbarem Passspiel und der Aura eines Spielmachers. Trotzdem spielte Kischka in zwei Jahren nur neun Mal für die 05er: Dem feinsinnigen, intelligenten Fußballer fehlte das Abgezockte, die Durchsetzungsfähigkeit. Am Ende war er wohl einfach zu nett, zu lieb für den Profifußball. Kischka blieb in Deutschland, allerdings nur in der Oberliga.

Und Christopher Ihm wird 34 Jahre alt. Der gebürtige Wiesbadener spielte von 2001 bis 2008 151 Mal in der Innenverteidigung der 05-Amateure, mit denen er 2003 in die alte Regionalliga auf-, 2005 wieder abstieg und sich 2008 für die neue Regionalliga qualifizierte. Am 15. August 2003 schoss er beim 1:1 in Offenbach das erste Tor der zweiten Mannschaft in der damals höchstmöglichen Liga. Ihm war immer mal wieder nah dran am Profikader, absolvierte mit der ersten Mannschaft eine Reihe von Testspielen und saß 2004/05 beim 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach und beim 0:2 in Hannover auf der Bundesliga-Bank, wurde aber letztlich nie in einem Profi-Pflichtspiel eingesetzt.

Ergebnisse am 21. Dezember:

1975: FSV Mainz 05 - FC 08 Homburg/Saar 2:2  
1980: FSV Mainz 05 - Viktoria Herxheim 5:0  
1985: FSV Mainz 05 - Wormatia Worms 0:1  
1986: FK Clausen - FSV Mainz 05 0:0  
2011: Holstein Kiel - FSV Mainz 05 2:0 (DFB-Pokal)
2013: Hamburger SV - FSV Mainz 05 2:3  

22. Dezember  

Am Donnerstag wird Alexander Göhring 39 Jahre alt. Der gebürtige Moldawier, der bei etlichen nordbadischen Vereinen, darunter dem KSC und dem SV Waldhof, ausgebildet und von den Mannheimern achtmal in der 2. Bundesliga eingesetzt wurde, spielte 2004/05 bei den 05-Amateuren.

Takashi Yamashita wird 32 Jahre alt. Der Japaner spielte 2005/06 viermal für die 05-Amateure in der Oberliga, anschließend jahrelang für den SV Gonsenheim. Heute betreibt Yamashita eine Agentur für junge Japaner, die im Südwesten Deutsch lernen wollen und genug Fußballtalent haben, um von ihm an Amateurklubs der Region vermittelt zu werden; einer hat es von dort bis zur zweiten Mannschaft von Hannover 96 geschafft.

Nur unzureichend unterstreicht eins der seltenen Bilddokumente eines kaum beachteten Pokalspiels, wie kalt es kurz vor Weihnachten 1999 in München war. Foto: imagoAm Donnerstag vor 17 Jahren war es bitterkalt in München. Dennoch machten sich rund 8.000 Mainzer auf die lange Reise mit einer gewaltigen Bus- und Sonderzugflotte ins Olympiastadion, wo die 05er zum ersten Mal in einem Pflichtspiel auf Bayern München trafen. Qualifiziert dafür hatten sich die Mainzer mit Heimsiegen im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV und Hertha BSC; als sie spät abends im Viertelfinale zu den Bayern gelost wurden, soll 05-Kapitän Dimo Wache nur kurz "Das war's dann" ins Kissen gemurmelt und weitergeschlafen haben. Bei 15 Grad unter Null war's das tatsächlich. Die Bayern gewannen 3:0. Vor insgesamt 11.200 Zuschauern - die 05er gehören zu den wenigen Mannschaften, die mal ein Heimspiel im Olympiastadion hatten.

Bereits 1956 verloren die 05er beim damals kaum schlagbaren 1. FC Saarbrücken 1:7 - dabei verschoss Gerhard Bergner einen Handelfmeter, der das Spiel beim Stand von 1:3 vielleicht noch einmal zum Kippen hätte bringen können. Elfmeter waren in jener Saison allerdings keine Stärke der Mainzer: Schon Franz Mattes und Richard Schiffmann hatten im Laufe der Saison ihre Strafstöße vergeben. Ebenfalls beim 1:7 verschoss auch Wolfgang Elze, bis zum Saisonende auch noch einmal Schiffmann und Elze sowie Werner Sommer. Das einzige Mainzer Elfmetertor der Saison 1956/57 war Bergners Schuss zum 1:1 beim 2:1 gegen den FV Speyer am Martinstag.

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