Das 05-Kalender-Extrablatt

Christian Karn. Mainz.
Zwischen 1992 (2:3 gegen den VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga) und 2004 (1:3 im Test gegen den 1. FC Köln in Wiesbaden eine Woche vor dem Bundesliga-Debüt) wurde beim FSV Mainz 05 am 1. August kein Fußball gespielt. Das ist auch besser so, denn um die Jahrtausendwende herum hatte die halbe Mannschaft an diesem Termin schon etwas anderes vor: Fünf Mann aus dem Kader der Spielzeiten 2000/01 und 2001/02 haben heute Geburtstag.

Torsten Lieberknecht (zweiter von links) im ersten Zweitliga-Derby gegen den 1. FC Kaiserslautern am Bruchweg. Im Hintergrund: Adrian Spyrka. Foto: imagoTorsten Lieberknecht ist der erste dieser Generation. Der heutige Trainer von Eintracht Braunschweig kam schon 1995 nach Mainz, kurz vor seinem 22. Geburtstag. Der Defensivspieler war damals in so jungen Jahren schon ein sehr erfahrener Fußballer: 13 Bundesligaspiele für den 1. FC Kaiserslautern und 22 Zweitligaspiele für Waldhof Mannheim hatte er schon bestritten, außerdem 42 Länderspiele in der U15-, U16-, U18-, U19- und U21-Nationalmannschaft. Bei den 05ern war Lieberknecht zwei Jahre lang Stammspieler, zunächst als Libero, dann in Wolfgang Franks neuen 4-4-2 auf dem rechten Flügel, häufiger sogar offensiv als in der Viererkette. Eine Reihe schwerer Verletzungen machten Lieberknechts Profikarriere kaputt: In den folgenden beiden Jahren spielte er nur zehnmal in der 2. Bundesliga, 1999/00 immerhin elfmal; dabei machte er am 15. Mai 2000 in Bochum wohl sein größtes Spiel: Mit Dirk Karkuths gnadenloser Mauertaktik erarbeiteten sich die 05er im Abstiegskampf ein 1:0 gegen das Zweitliga-Spitzenteam. Das Siegtor schoss zwar Sven Demandt, die Schlüsselfigur aber war Lieberknecht, der zwischen den Viererketten als Manndecker den Bochumer Spielmacher Yildiray Bastürk aus dem Spiel nahm. Und noch lange stellte man in Mainz die Scherzfrage: "Warum war Lieberknecht danach nicht beim Training?" - "Er saß bei's Bastürks am Frühstückstisch und hat noch die Butter abgeschirmt!" Nach zwei weiteren Jahre mit nur elf weiteren Einsätzen wechselte Lieberknecht zum 1. FC Saarbrücken, wo er kaum eingesetzt wurde. Bei Eintracht Braunschweig wurde er hingegen zur Legende: Der Bad Dürkheimer geht nun in seine 13. Saison bei den Niedersachsen; nach vier Jahren als Spieler war er zunächst Jugendtrainer, bald aber Cheftrainer. Lieberknecht führte die Eintracht aus der dritten in die erste Liga und wurde auch nach dem sofortigen Wiederabstieg in die Zweitklassigkeit nicht in Frage gestellt. Heute wird Torsten Lieberknecht 43 Jahre alt.

Ein Jahr nach Lieberknecht verpflichteten die 05er einen deutlich älteren und noch viel erfahreneren Mann für die Defensive: Der gebürtige Pole Adrian Spyrka, einst ebenfalls deutscher U21-Nationalspieler, hatte schon weit über 150 Erst- und Zweitligaspiele für Borussia Dortmund, den 1. FC Saarbrücken, die Stuttgarter Kickers, den 1. FC Köln, Rot-Weiss Essen und Wattenscheid 09 absolviert. In Mainz musste Spyrka zunächst eine Kreuzbandverletzung auskurieren, dann seine Position finden: In den ersten beiden Jahren spielte der Routinier auf allen vier Mittelfeldpositionen sowie als Innenverteidiger. Ab 1998 etablierte sich Spyrka als Partner des Kapitäns Lars Schmidt im zentralen Mittelfeld. Bis 2001 spielte er 108 Mal in der 2. Bundesliga für die 05er; 2001/02 schaffte der inzwischen 34-Jährige nur noch ein paar Testspiele. Seit 2010 ist Adrian Spyrka unter verschiedenen Chefs (darunter seinem ehemaligen Mitspieler Sven Demandt) Co-Trainer der U23 von Borussia Mönchengladbach. Heute wird er 49 Jahre alt.

Robert Nikolic in seinem natürlichen Lebensraum - flach über dem Rasen. Foto: imagoDie nächsten beiden Geburtstagskinder holten die 05er 1999. Beide waren (zunächst) keine Verstärkung: Mark Schierenberg, ein aus dem Schalker Nachwuchs stammender, aber bereits fast 27-jähriger Innenverteidiger, der immerhin 17 Mal in der Bundesliga gespielt hatte, verletzte sich nach 15 Zweitliga-Einsätzen in gut einem Jahr so schwer, dass er seine Karriere aufgeben musste. Schierenberg wird heute 44 Jahre alt.

Robert Nikolic, ein Manndecker alter Schule, der gerade mit dem KFC Uerdingen 05 aus der 2. Liga abgestiegen war, schaffte es fast nie in den Spieltagskader. Nach einem halben Jahr und nur einem Einsatz beim 0:3 in Cottbus gaben die 05er den Verteidiger leihweise an den SV Darmstadt 98 ab. Nach seiner Rückkehr startete Nikolic recht unerwartet durch: Als Nachfolger von Jürgen Klopp war der Routinier fünf Jahre lang ein Leistungsträger auf der rechten Abwehrseite. Offensiv war er völlig wirkungslos, defensiv aber als knochenharter, willensstarker, taktisch sehr disziplinierter, auch im hohen Fußballalter noch extrem schneller Mannschaftsspieler ungeheuer wertvoll für die 05er. Berüchtigt war Nikolic für seine präzise Fluggrätsche: Der Verteidiger hob gern schon mehrere Meter vor dem Gegenspieler ab, traf aber präzise nicht das Bein, sondern den Ball. Und war über alle Berge, ehe der Gegner kapierte, was gerade passiert war. 2004 stieg Nikolic mit den 05ern in die Bundesliga auf; in der Hinrunde wurde er 13 Jahre nach seinem letzten Bundesligaspiel für Borussia Dortmund noch regelmäßig eingesetzt, in der Rückrunde nicht mehr oft. Am letzten Spieltag bekam der vom Gästeblock vehement geforderte Rechtsverteidiger im Alter von fast 37 Jahren seinen letzten Einsatz; insgesamt kam Nikolic in seiner langen Karriere auf 289 Spiele in den ersten drei Ligen (108 davon für die 05er) und kein einziges Tor. Robert Nikolic wird heute 48 Jahre alt. Als einziges der heutigen Geburtstagskinder war er beim oben erwähnten 1:3 gegen Köln dabei.

Mark Schierenberg (links) und Markus Schuler.Denn der Fünfte kam zwar erst ein Jahr nach Nikolic nach Mainz, war aber nach zwei Jahren schon nicht mehr zu halten: Markus Schuler, im Schwarzwald geboren und bei Fortuna Köln zum Fußballprofi gereift, war 2000/01 noch Linksaußen ohne Stammplatz bei den 05ern, 2001/02 als Nachfolger von Vjekoslav Skrinjar Stammspieler auf der linken Abwehrseite. Schuler sorgte für ein derart aggressives Flügelspiel, dass er bald den Ruf hatte, impertinente Balljungen auch mal unzerkaut zu verschlingen. Nach dem verpassten Aufstieg wechselte Schuler 2002 zu Hannover 96. Von 2004 bis 2012 war er Stammspieler bei Arminia Bielefeld - und auf den Spuren seines ehemaligen Kollegen Nikolic: Für die Fortuna und die 05er hatte Schuler noch dreimal getroffen, für die 96er und die Arminia in 182 Erst-, 40 Zweit- und 20 Drittligaspielen: Nie. Kein anderer Feldspieler blieb in so vielen Bundesligapartien ohne Tor. Markus Schuler wird heute 39 Jahre alt.

Ein weiteres Geburtstagskind hat mit diesem Quintett wenig zu tun. Radomir Dubovina wird heute bereits 63 Jahre alt. Der jugoslawische Dribbler, Zweitliga-Kicker bei OLI Bürstadt, der SpVgg Fürth, den Offenbacher Kickers, Viktoria Aschaffenburg und Union Solingen, war 1984/85 ein Torjäger im Mainzer Mittelfeld. Der junge Spyrka und der alte Dubovina begegneten sich immerhin noch als Gegenspieler. Der Abschied des Jugoslawen war ein Problem für die 05er: Die Aschaffenburger verpflichteten ihn erst kurz vor ihrem Saisonbeginn - und weil in der Oberliga eine kürzere Transferfrist galt als in der 2. Bundesliga, durften die 05er keinen Ersatz mehr verpflichten. 

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