Dampf unterm Dach

Jörg Schneider. Mainz.
Die Länderspielpause geht in ihre zweite Woche, an deren Ende der FSV Mainz 05 den FC Augsburg zum Heimspiel erwartet. Jene Mannschaft, die dieser Tage ein 1:7-Debakel im Freundschaftsspiel beim Zweitligisten VfR Aalen erlebte. Das Team von Kasper Hjulmand absolvierte dagegen einen gelungenen Test beim SV Darmstadt 98. Trotz der unterschiedlichen Erkenntnisse, die diese beiden Begegnungen lieferten, Rückschlüsse auf den Ausgang der bevorstehenden Partie in der Coface Arena lassen sich aus diesen Auftritten wohl kaum ziehen. Oder vielleicht doch?

Bereit für weitere Einsätze: Die 05-Neuzugänge Jairo (links) und Pablo De Blasis. Foto: Jörg SchneiderTestspiele sind, wie der Name verrät, dazu da, unter Wettbewerbsbedingungen gewisse Dinge zu testen. Spieler auf für sie ungewohnten Positionen. Mannschaftsteile in veränderten Konstellationen. Die Form von Ersatzspielern in der Praxis. Den Leistungsstand von Akteuren, die länger verletzt waren. Verhaltensweisen und Fortschritte von Nachwuchskräften im Zusammenspiel mit etablierten Profis, aber auch taktische Varianten, veränderte Grundordnungen. Solche Test-Begegnungen geben im Allgemeinen wenige Rückschlüsse auf den tatsächlichen Leistungsstand einer Bundesliga-Mannschaft, Erkenntnisse liefern diese Auftritte den Trainern schon.

Der FSV Mainz 05 hat dieser Tage ein Testspiel beim SV Darmstadt 98 absolviert. Mit einer Mannschaft, in der sämtliche National- und Stammspieler fehlten. Das aus A-Jugendlichen, Drittliga-Akteuren der U23 und Reservisten aus dem Profikader zusammengestellte Team von Kasper Hjulmand gewann 2:0 gegen einen starken, gut organisierten und motivierten Zweitligisten, löste dabei die Prüfungsaufgaben des Trainers zur Zufriedenheit und zeigte in der flotten Partie, dass viele der Themen, die am Bruchweg täglich im Training bearbeitet werden, auch in einer bunt zusammengestellten Formation sichtbar auf den Platz gebracht werden können. Wenn die Spieler eine solche Partie als wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit auffassen, konzentriert an diese Aufgabe herangehen und dabei Spaß am Wettkampf entwickeln.

Der kommende Heimspielgegner der 05er in der Bundesliga manövrierte sich unterdessen mit einem solchen Testspiel in eine tiefe Sinnkrise. Der FC Augsburg, am Samstag zu Gast in der Coface Arena, unterlag in einem Freundschaftsspiel beim VfR Aalen mit 1:7. Der Mannschaft von  Markus Weinzierl  fehlten gegen den 14. in der Zweitliga-Tabelle zwar sieben Nationalspieler, doch der Trainer setzte im Laufe der 90 Minuten doch eine Reihe gestandener Bundesliga-Profis ein: Alexander Manninger  im Tor, Jeong-Ho Hong, Jan-Ingwer Callsen-Bracker, Francisco Caiuby, Daniel Baier, Markus Feulner, Alexander Esswein, den früheren 05er Shawn Parker, Halil Altintop, Nikola Djurdjic, Raul Bobadilla und Tobias Werner standen mehr oder weniger lange auf dem Platz und waren nicht in der Lage, das Debakel zu verhindern.

Souveräner Auftritt im Testspiel: Elkin Soto bietet sich als Option an. Foto: Jörg Schneider„So etwas darf uns nicht passieren“, wurde Weinzierl später in der lokalen Presse zitiert. „Der FC Augsburg ist nur bundesligatauglich, wenn wir als Kollektiv auftreten. Sonst haben wir auch gegen einen Zweitligisten keine Chance." Die heftige Klatsche der Profis hat sich in Augsburg zum vorherrschenden Thema der Länderspielpause entwickelt. In der Öffentlichkeit wird heftig über einen Imageschaden diskutiert, über die grundsätzliche Einstellung der FCA-Spieler. Das 1:7 ist immerhin die höchste Niederlage des Vereins seit der Fusion mit dem TSV Schwaben im Jahr 1969. Und plötzlich ist beim Zehnten der Bundesliga, der mit neun Punkten einen ordentlichen Start hingelegt und dabei drei Siege (einen mehr als die 05er) eingefahren hat, jede Menge Dampf unter dem Dach.

Nun wird niemand auf die Idee kommen, dass sich diese Augsburger am Samstag in Mainz in ähnlicher Verfassung vorstellen und mal eben so aus dem Stadion zu schießen sind. Kasper Hjulmand wird sich ohnehin wie bisher mehr mit seinem eigenem Team beschäftigen und mit den Anforderungen, die diese Bundesliga-Partie an seine Mannschaft stellt. Doch der Däne kann die Erkenntnisse aus der Vorstellung in Darmstadt einfließen lassen.

Es war schon auffällig, wie die 05er auch in dieser Zusammenstellung die Prinzipien und Spielvorstellungen des Trainers auf den Platz brachten. Hjulmands Handschrift war deutlich erkennbar: Klarer, ruhiger Spielaufbau mit flüssigen Kombinationen, Tempowechsel, Verlagerungen, Passspiel durch die Linien, Geschwindigkeit auf den Flügeln. Sicherer Ballbesitz mit zügigen Umschaltaktionen. Das alles führte zu einer dominanten fußballerischen Überlegenheit gegen eine überwiegend tiefstehende, gut organisierte Mannschaft, die versuchte die Räume zu verdichten, Bälle zu erobern und zu kontern. Da gab es lediglich ein paar Abstimmungsprobleme in der Organisation des 05-Defensivblocks, der  in ungewohnter Zusammenstellung auftrat.

Für Hjulmand hat diese Partie ihren Zweck erfüllt. Der 05-Trainer nahm etliche Erkenntnisse mit nach Hause. Die jungen Spieler fanden sich gut zurecht auf diesem Niveau. Einige der Nachwuchsspieler, wie Malte Moos, der Rechtsverteidiger aus der A-Jugend, machten nachhaltig auf sich aufmerksam. Elkin Soto zeigte mit seiner souveränen Leistung im zentralen Mittelfeld, dass sich der Kolumbianer jederzeit als Option für die Bundesliga anbietet. Jairo, der das 1:0 erzielte und den zweiten Treffer vorbereitete, deutete an, welche Qualität der Spanier einbringen kann. Der 21-Jährige imponierte mit seiner Schnelligkeit, mit seinem technischen Vermögen im Dribbling und im Abschluss. Pablo De Blasis empfahl sich als fleißiger Ballverteiler und Angreifer mit überraschenden Ideen, der als Joker in der Liga mehr und mehr Einsatzzeiten kriegen dürfte. Philipp Wollscheid unterstrich trotz Trainingsrücktands seine Stärken im Defensivkopfball und in der Spieleröffnung.

Das  waren schon ungewöhnlich viele Aspekte. Es war ein Testspiel, dessen Aussagekraft niemand überbewerten wird, doch das 2:0 war auch ein weiteres Indiz dafür, dass die Richtung stimmt bei den 05ern. Und trotzdem wird das Heimspiel nach dieser Länderspielpause gegen die in Aalen gedemütigten Augsburger wieder eine höchst knifflige Angelegenheit für den Dänen und dessen Profis.   

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite