Curci verhindert Schlimmeres im ersten Top-Test

Christian Karn. Mainz.
Der kleine private Europapokal, mit dem Martin Schmidt seine Spieler auf die stressige Vorrunde vorbereiten will, begann für den FSV Mainz 05 mit einer Niederlage gegen den Seriensieger Sevilla FC. In der ersten Hälfte waren die 05er gegen den starken und garstigen Gegner die etwas bessere Mannschaft mit den besseren Torszenen. Nach dem Siegtor der Andalusier in der 57. Minute aber brachen die Gastgeber ein; vor allem dem unkonventionellen Torwart Gianluca Curci, der erstmals ernsthaft gefordert wurde, haben sie es zu verdanken, nicht höher verloren zu haben.

FSV Mainz 05 - Sevilla FC 0:1 (0:0)

Donnerstag, 28. Juli, 3.500 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl (46. Curci) - Donati, Bell, Balogun, Brosinski (46. Bussmann) - Serdar, Rodríguez - de Blasis, Halimi, Jairo (46. Onisiwo) - Córdoba (46. Muto). Trainer: Schmidt.

ab 59. Minute: Curci - Bengtsson, Bungert, Hack, Bussmann - Gbamin, Frei - Clemens, Klement, Onisiwo - Muto.

Nicht im Kader: Malli (nach nur drei Trainingstagen noch nicht bereit), Holtmann (geschont), Latza (Lauftraining nach Adduktorenverletzung).

Sevilla FC: Rico - Coke (63. Mariano), Carrico (86. González), Kolodziejczak, Escudero - Kranevitter, Iborra (63. Sarabia) - Correa (46. Vázquez), N'Zonzi, Konopljanka - Gameiro. Trainer: Sampaoli.

Schiedsrichter: Patrick Alt (Heusweiler).

Tor: 0:1 Escudero (57.).

Vor ein paar Wochen hat Martin Schmidt mal erklärt, er wolle eine Art Privat-Europapokal als Vorbereitung für die echte Europa League spielen: Testspiele im Rhythmus Donnerstag-Sonntag-Donnerstag gegen hochkarätige Gegner. Die Runde begann nun mit dem Heimspiel gegen den Sevilla FC, der schon insofern eine gute Simulation der internationalen Spiele war, dass es die Leute nicht so recht interessiert hat: Nur 3.500 Zuschauer sahen die Partie am Bruchweg, die der jährliche Europa-League-Sieger durch ein Tor nach einer knappen Stunde 1:0 gewann.

Sie sahen einen Gegner, der die 05er in allen Bereichen auf hohem Niveau forderte. Die Andalusier, die sich - ebenfalls nach einer US-Reise mit Siegen gegen River Plate Buenos Aires und Independiente Santa Fe aus Bogotá - in Bad Schönborn bei Karlsruhe auf die neue Saison vorbereiten und zuvor den SV Sandhausen geschlagen haben, brachten eine außerordentlich ballsichere, technisch gute, hervorragend abgestimmte und garstige Mannschaft auf den Platz. Geschenke verteilten sie - bis auf einen sorglosen Rückpass auf Yoshinori Muto in der 89. Minute - nicht.

Und doch hielten die 05er bis kurz vor dem Tor nicht einfach nur gut mit. In der ersten Hälfte, vor allem in deren Schlussphase, hätten sie in Führung gehen können. Es war eine Phase, in der vor allem das Publikum, aber auch die Mainzer Mannschaft vom der durchaus vorhandenen Diskrepanz zwischen dem Austeilen und dem Einstecken genervt war, in der die Südtribüne den zum wiederholten Mal zu Boden gegangenen Kevin Gameiro mit dem alten Klassiker "Uiuiui, auauau" verspottete, eine Phase, in der die 05er auf dem Platz aggressiver wurden.

Vom engen Pressing der Andalusier hatten sie sich schon etwas eher befreit. Die Spieler des Europa-League-Siegers waren in den ersten Minuten schon im Mittelfeld sehr eng am Gegner, ließen den 05ern wenig Raum, wenig Zeit, ließen wenig Konstruktives zu. Die Mainzer suchten zwar immer wieder ihren Mittelstürmer Jhon Córdoba, aber der hatte als Einzelkämpfer ohne Unterstützung gegen die Innenverteidiger Daniel Carrico und Timothée Kolodziejczak kaum Möglichkeiten. Der Portugiese und der Franzose - beide aktuell keine A-Nationalspieler - bearbeiteten Córdoba mit mal mehr, mal weniger legalen Mitteln; dieser ließ sich bald ins Mittelfeld zurückfallen, das funktionierte besser.

Und das führte zur ersten Torchance: Nach Córdobas Ballgewinn nahe der Mittellinie flankte Pablo de Blasis kurz von halbrechts, der Kopfball von Jairo Samperio ging ohne Wucht, aber nicht weit übers Tor. Im Grunde war das das Mittel der 05er, um offensiv gefährlich zu werden; de Blasis zeigte, dass ihm auch angesichts der vielen Konkurrenten einiges daran liegt, seinen Stammplatz zu behalten. Auch ohne selbst zum Abschluss zu kommen, war der argentinische Rechtsaußen an fast jeder gefährlichen Szene der 05er beteiligt.

Diese hatten, nachdem Sevillas Mittelstürmer Kevin Gameiro mit einer brillanten Drehung zwei Verteidiger losgeworden war - es hatte etwas von Hal Robson-Kanus Tor im EM-Viertelfinale zwischen Wales und Belgien - und der nachgerückte Mittelfeldspieler Vicente Iborra das Tor verfehlt hatte (26.) weitere Möglichkeiten durch Córdoba, der erst nach Flanke von Giulio Donati den Ball nicht schnell genug kontrollierte (30.), dann nach Foul an de Blasis einen allerdings spät zu erkennenden Top-Vorteil abgepfiffen bekam (32.), durch Jairo, der nach dem alten Muster (Balleroberung Córdoba, Flanke de Blasis) mit dem Verteidiger im Kreuz übers Tor schoss (38.).

Und in dieser Schlussphase der ersten Hälfte griffen die genervten 05er die Gegenspieler konsequenter an, zwangen sie schon in deren Hälfte in Unterzahlsituationen, luchsten ihnen an deren Strafraum die Bälle ab. Auch Besar Halimi, bis dahin ein fleißiger Renner ohne nennenswerte Szenen, wurde jetzt effektiver. Nach de Blasis' feinem Pass vom rechten Ende der Mittellinie in Córdobas Lauf kam Halimi schon mit in den Konter, aber der Querpassweg ging nicht auf, Córdoba schoss selbst und verfehlte das lange Eck knapp (43.). Zwei Minuten später bereitete der vor einem Jahr von den Stuttgarter Kickers verpflichtete und direkt an den FSV Frankfurt verliehene Nationalspieler Kosovos den Querpass von Jairo vor, den Kolodziejczak vor Córdoba abfing, immer noch in der ersten Hälfte schickte Halimi selbst, nachdem Jairo zwei Gegner mit einem Pass getunnelt hatte, einen Pass durch den Fünfmeterraum, den aber kein Angreifer erreichte.

Wild und wüst sieht es aus, wenn Gianluca Curci ins Spiel eingreift, und in dieser Szene gegen Kevin Gameiro hätte es schiefgehen können. Doch haben es die 05er ihrem Ersatztorwart zu verdanken, dass sie nur ein Gegentor einstecken mussten. Foto: imagoDie zweite Hälfte hätte mit einem Elfmeter für die 05er beginnen können. Statt dessen musste sich der gerade eingewechselte Gianluca Curci mit aller Kreativität gegen einen Anlass zum Strafstoßpfiff stemmen; der Italiener gab nach Fehler von Gaetan Bussmann dem in der zweiten Hälfte immer stärkeren Gameiro keine Chance, drängte ihn ab, hatte am Ende wohl doch die Hände an dessen Trikot, und der Mittelstürmer, der zeigte, warum einige noch größere Klubs an seiner Verpflichtung interessiert sind, schoss aus spitzem Winkel an den Pfosten. Den Nachschuss von Franco Vázquez wehrte Stefan Bell mitten im Tor ab (48.).

Schon da begann das Spiel zu kippen, begannen die 05er die Kontrolle wieder zu verlieren. Sevilla brachte die noch kaum veränderte Abwehr häufiger durcheinander und ging in der 57. Minute in Führung. Curci hatte sich zunächst Gameiro vor die Füße geworfen und den Ball geblockt, dann großartig den Nachschuss des großen, im Mittelfeld kaum überwindbaren Sechser Steven N'Zonzi gehalten. Die Andalusier holten sich aber den Ball zurück, der Ex-Schalker Sergio Escudero hielt vom Strafraumrand einfach drauf, traf eine Lücke zwischen den vielen Mit- und Gegenspielern, traf ins rechte Eck. Curci, der den Ball wohl gar nicht sehen konnte, reagierte überhaupt nicht.

Und blieb aber der auffälligste Spieler der zweiten Hälfte, wurde in seinem neunten Testspiel für Mainz 05 erstmals richtig gefordert, konnte erstmals wirklich zeigen, was er kann. Es lag vor allem am schon gegen schwächere Gegner angedeuteten unkonventionellen Spiel des italienischen Routiniers, dass kein zweites Gegentor fiel. Die bald komplett neue zweite Aufstellung der 05er kam kaum noch ins Spiel zurück, Sevilla erkannte schnell den Schwachpunkt der 05er, kam mit Flugbällen über den Rechtsverteidiger Pierre Bengtsson immer wieder an der Abwehr vorbei. Die Innenverteidigung fing manche Angriffe noch ab, aber vor allem warf sich der mutige Curci immer wieder den gegnerischen Stürmern entgegen, streckte dabei alle Extremitäten von sich, machte fast den Handball-Hampelmann, wehrte so die Schüsse von Pablo Sarabia (72.) und Gameiro (73., 78., 90.) ab.

Der private Europapokal begann also mit einer Niederlage. Die für die kommende Woche erhofften Spiele gegen weitere Erstligisten kamen zwar nicht zustande, aber in gewisser Weise kann man den Testspielgegner Servette Genf in Schmidts ursprünglichen Gedanken einordnen: Der Zweitligist aus der Schweiz kann ja den Pokalsieger FC Zürich simulieren, der ebenfalls als Zweitligist in der Europa-League-Gruppenphase steht. Der Höhepunkt wird das Spiel gegen den Liverpool FC, der mit dem ehemaligen 05-Trainerteam um Jürgen Klopp und mit dem bisherigen 05-Torwart Loris Karius in die Opel Arena kommt.

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