Clemens geht zurück nach Hause

Christian Karn. Mainz.
Erst als Christian Clemens bereits im Kölner Stadion gesehen wurde, meldete der FSV Mainz 05 auch im Klartext: Der seit Oktober verletzte Rechtsaußen wechselt im Winter zum FC. Und auf einmal wurde klar, worüber die 05er am Nachmittag im Pressegespräch zum Jahresende gesprochen hatten, so verklausuliert halt, dass es ohne die Schlüsselinformation keiner merken konnte. Die 05er werden ihren Abgang in seinem neuen Trikot schon im letzten Hinrundenspiel wieder in Mainz begrüßen können; wieviel sich der FC den Ersatz für den schwer verletzten Ex-05er Marcel Risse kosten lassen, wurde wie üblich nicht verraten.

Dass Christian Clemens gestern vor dem Derby gegen Bayer Leverkusen im Stadion des 1. FC Köln gesehen wurde, hätte noch nichts besonderes sein müssen. Die Profis des FSV Mainz 05 haben Urlaub, Clemens hätte auch einfach nur alte Bekannte besuchen können. Schließlich unterhält Yunus Malli mit seinem "Team Daghfous" fast eine Art Fanclub der Würzburger Kickers, ohne dass ein Wechsel an den Dallenberg in irgendeiner Form im Raum stünde. Erst wenige Minuten vor Anpfiff der Partie meldeten die 05er allerdings etwas, das sie ein paar Stunden davor in der Presserunde zum Jahresende noch sehr verklausuliert angedeutet hatten: Clemens sieht sich seine neue Mannschaft an. Der Rechtsaußen verlässt den FSV Mainz 05 nach zwei Jahren und wechselt zurück zum FC, seinem ersten Profiklub.

Bei einem seiner letzten Spiele biss sich Christian Clemens noch vor Frust über eine vergebene Torchance ins 05-Trikot. Beruflich zumindest wird es der Rechtsaußen nicht mehr tragen: Clemens wechselt zurück zu seinem ersten Profiklub, zum 1. FC Köln. Foto: imago"Man muss es ja so sehen, dass andere Vereine kommen werden, denn es ist schon so, dass unser Kader sehr interessant ist für andere Klubs", hatte Sportdirektor Rouven Schröder am Nachmittag gesagt. "Die gehen den Kader genauso durch, wie wir es bei den anderen machen. Dann heißt es, die Mainzer haben ein großes Angebot auf der Doppelsechs, auf den Außen haben sie ein großes Angebot, das fragen wir mal nach. Dann haben wir die Entscheidung: Wie viel Transparenz lassen wir zu? Lassen wir das Gespräch zu? Dann müssen wir uns damit beschäftigen, ob es für uns wirtschaftlich passt. Und dann machen wir das." Und Trainer Martin Schmidt: "Das ist ja auch eine Wertschätzung für unseren Kader. Andere Klubs gehen unseren Kader durch und sehen da plötzlich einen Spieler, der bei uns auf seiner Position nur Nummer drei ist. Dann kommen Vereine auf die Idee und machen ihm ein Angebot. Der kommt dann zu uns und fragt  mich: Coach, wie sieht es aus, mache ich hier jedes Spiel? Wenn nicht, dann würde ich gerne dahin gehen, denn da spiele ich jedes Spiel. Das kann uns jetzt passieren. Da sind wir vorbereitet. Das liegt alles in unserer Hand, weil die Spieler Verträge haben." Im Rückblick wird deutlich: Da ging's um Clemens.

 

Die 05er hatten den Angreifer erst im Sommer per Kaufoption bis 2019 gebunden; zuvor war der Flügelspieler seit Januar 2015 vom FC Schalke 04 ausgeliehen. Viel Freude hatte der Verein am Spieler seitdem nicht; nur in acht von 24 Pflichtspielen war er im Kader, sechsmal spielte er in der Bundesliga, dem DFB-Pokal und der Europa League, seit Mitte Oktober fiel er verletzt aus. Notfalls, so hieß es, hätte man Clemens in den letzten Spielen direkt vor der Winterpause wohl einsetzen können, aber da es den Notfall nicht gab, ließ man es langsam angehen.

 

Nach diesen zwei Jahren in Mainz muss man wohl festhalten: Den ganz großen Durchbruch hat Christian Clemens nicht geschafft. Sieben Tore und fünf Vorlagen in 44 Pflichtspielen sind nicht die Welt, es gab immer wieder lange Phasen ohne Resultate. Gegen Levin Öztunali, den freilich auch noch nicht allzu effektiven, aber vielseitigeren Karim Onisiwo, gegen Pablo de Blasis und Jairo Samperio konnten die 05er dem 25-Jährigen offenbar keine enormen Spielzeiten versprechen. Das dürfte in der Tat beim FC, der kürzlich seinen offensiven Rechtsverteidiger Marcel Risse - wie Clemens ein gebürtiger Kölner, wie Clemens einst von Mainz 05 nach Köln geholt - mit Kreuzbandriss längerfristig verlor, aussichtsreicher sein. Clemens, der bereits als Jugendlicher und junger Profi für den FC gespielt hat, war bereits am Mittwochabend im Kölner Stadion, um sich das Spiel gegen Bayer Leverkusen anzusehen, kurz vor Anpfiff meldeten die 05er den Transfer.

"Das ist der normale Ablauf", hatte nur wenige Stunden vorher Schröder erläutert. "Wir sehen dann das Gesamtpaket: mögliche Ablöse plus Spielergehalt bei einem Spieler, der nicht so oft zum Einsatz kommt, wie wir uns das vorstellen. Wenn es Signale gibt, dass es sich in naher Zukunft auch nicht gravierend ändern könnte, dann ist es für den Verein die Vorlage zum Okay. Dann geht die Wirtschaftlichkeit vor. Dann sind wir so konsequent und ziehen das auch durch."

Über die weiteren Inhalte der Transfervereinbarung haben die Vereine wie üblich nichts veröffentlicht; einen gerade erst angebrochenen Dreijahresvertrag aufzulösen ist sicherlich nicht allzu billig. "Wir haben eine für beide Vereine und den Spieler gute Lösung gefunden", sagt Schröder nur. "Wir bedanken uns bei Christian für seinen Einsatz für Mainz 05, wünschen ihm in Köln alles Gute und gehen absolut freundschaftlich auseinander."

Wahrscheinlich treffen die 05er Clemens schon im ersten Spiel des neuen Jahres wieder. Der späte Saisonauftakt, verursacht durch die Olympischen Spiele, bringt die Bundesligavereine in die kuriose Situation, dass der letzte Hinrundenspieltag in der Winter-Transferperiode liegt und erstmals, seit das Herbst-Transferfensters 2001 abgeschafft wurde, ein Neuzugang schon am 17. Spieltag spielberechtigt ist. Beschwert hatte sich darüber vor wenigen Wochen: FC-Sportchef Jörg Schmadtke. "Für mich ist das eine klare Wettbewerbsverzerrung", sagte Schmadtke im November in einem Interview; reiche Vereine hätten ein Spiel mehr Zeit, um eine schwache Hinrunde mit Transfers zu korrigieren, und "drei Punkte sind sehr viel. Oft geht es am Saisonende nur um das Torverhältnis. Der Spielplan dieses Jahr verändert ein Stück weit die Sinnhaftigkeit der Transferperiode." Natürlich ist der Kölner nicht der einzige Sportchef, der von der diesjährigen Sonderregelung profitieren wird. Auch der VfL Wolfsburg (Stürmer Victor Osimhen, Sechser Riechedly Bazoer), Werder Bremen (Mittelfeldspieler Thomas Delaney), und Eintracht Frankfurt (Innenverteidiger Andersson Ordóñez) haben bereits Neuzugänge verpflichtet, weitere werden sicherlich folgen.

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