Bungert: Noch vier, fünf Jahre dranhängen

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
Niko Bungert hat in insgesamt 121 Spielen zusammen mit Nikolce Noveski für den FSV Mainz 05 auf dem Platz gestanden. Am Samstag, im Bundesliga-Finale in der Allianz Arena gegen den FC Bayern München gibt’s die letzte Chance für das Innenverteidiger-Duo, noch einmal gemeinsam aufzutreten. Im Interview mit der nullfünfMixedZone spricht Bungert über den Abschied seines Kollegen, über die Zukunft des 28-jährigen Ersatzkapitäns beim Bundesligisten, für den der Abwehrspieler inzwischen auch schon seit sieben Jahren am Start ist. Über den Abstiegskampf und über die kommende Spielzeit.

Am Samstag in München gibt's die letzte Gelegenheit für das Innenverteidger-Trio, noch einmal gemeinsam auf dem Platz zu stehen. Von links: Niko Bungert, Stefan Bell und Nikolce Noveski.Vergangenes Wochenende wurde Nikolce Noveski verabschiedet. Ihr habt viele Spiele nebeneinander bestritten. Wie war das für Sie an diesem Tag?

Schon bewegend. Man hat den ganzen Tag lang gespürt, dass das Nikolce sehr nahe geht. Das hat auf uns abgefärbt. Wenn eine alte Eiche wie Nikolce sentimental wird, ist schon ordentlich was im Busche. Spielverlauf und Spiel haben es natürlich perfekt vorbereitet, dass man ohne groß nachzudenken ihn auswechseln und den verdienten Applaus geben konnte. Es war ein rundum gelungener Tag, den jeder im Team und ich glaube auch in der Stadt dem Nikolce gegönnt hat.

Habt Ihr Euch vorher darüber unterhalten, was im Spiel auf Euch zukommt? Wenn man emotional in ein Spiel geht, schon konzentriert, aber doch aufgewühlt... oder versteht Ihr Euch nach so vielen Jahren auch nonverbal?

Gerade in so einem Spiel hat Nikolce nicht viel gebraucht. Gerade ihn selbst hätte es unglaublich geärgert, wenn er in seinem Abschiedsspiel schlecht dagestanden hätte. Man wusste: Er ist motiviert bis unter die Fingernägel. Das hat man ihm auch angesehen. Und es war eine saustarke Leistung von ihm, mit der er zu einem großen Teil dazu beigetragen hat, dass wir gewonnen haben.

Sie sind noch nicht ganz so lange bei Mainz 05, aber auch schon seit sieben Jahren. Sie identifizieren sich mit dem Verein und der Stadt. Muss man das lernen oder ist das selbstverständlich, hat man das drin?

Das ist auf der einen Seite schon eine Frage des Typs, auf der anderen Seite aber natürlich auch eine Folge dessen, welche Umstände man in einem Verein vorfindet. Ich bin ein Typ, der Sachen zu schätzen weiß, die gut laufen, und dann auch vereinstreu bleibt, die Sachen auch mehrere Jahre durchzieht, was in einer Fußballerkarriere nicht üblich ist. Auf der anderen Seite hat der Verein auch recht viel zu bieten. Er hat eine wahnsinnige Konstanz in der Führung und im Aufbau und diese Ruhe und dieses angenehme Arbeiten, bei dem trotzdem dieser Erfolgshunger transportiert wird, das ist in vielen anderen Vereinen nicht so selbstverständlich. Das kriegt man natürlich mit als Fußballer, wenn man von anderen irgendwelche Geschichten hört. Dann weiß man mit der Zeit den Verein und das Umfeld zu schätzen.

Man kann wahrscheinlich mittlerweile auch von dem, was man als Profi in Mainz verdient, gut leben.

Auf jeden Fall, man kommt ganz gut über die Runden.

Hatten Sie nie Wechselgedanken? Angebote gab es doch  bestimmt mal...

Ja, natürlich gibt es immer mal wieder Sachen, mit denen man sich auseinandersetzt. Das ist normal, sei es in guten Phasen oder wenn ich mal ein halbes Jahr nicht gespielt habe - die Zeit war zum Glück nicht allzu lang. Da überlegt man schon, ob es Sinn macht, mal woanders anzugreifen. Aber wenn man in diesen Überlegungen trotzdem zum Schluss kommt, dass Mainz das richtige ist, das sagt auch eine Menge aus.

172 Profi-Spiele für die 05er und noch lange nicht am Ende: Niko Bungert kann sich eine vorzeitige Vertragsverlängerung gut vorstellen. Foto: ImagoWas bedeutet es, so lange für einen Verein zu spielen? Hat man eine ganz andere Sicherheit oder einen anderen Status innerhalb der Mannschaft?

Jedem muss bewusst sein, dass er bei einem Wechsel bei null anfängt und nicht weiß, was er genau kriegt. Man kann spekulieren, hoffen, sich ein Bild ausmalen, aber im Endeffekt weiß man alles erst, wenn man wirklich den Schritt macht und anderswo hingeht. Den Vorteil, bei einem Verein, bei dem man schon seit Jahren spielt, genau zu wissen, was man bekommt, den kann man sich woanders nicht so einfach beschaffen. Aufgrund dessen ist es klar, dass ich viele Pluspunkte bei Mainz 05 finde.

Christian Heidel sagte dieser Tage, er würde gern mit Ihnen vorzeitig verlängern, weil Sie ein sehr wichtiger Spieler für diesen Verein seien. Was sagen Sie dazu?

Ja, das kann ich mir generell auch vorstellen. Es gab in der Vergangenheit viele Punkte, die für Mainz 05 sprachen. Die wird es auch in der Zukunft geben. Deswegen bin ich dafür auf jeden Fall offen.

Sie leben hier mit Ihrer Familie und sind ein bodenständiger Mensch. Eine große Herausforderung, unbedingt nochmal bei einem größeren Verein oder im Ausland zu spielen, ist kein Thema?

Das Ausland eher nicht. Wenn es noch einmal etwas gäbe... natürlich können im Fußball immer verrückte Sachen passieren, aber ich behaupte: Wenn, dann würde es eher nochmal in Richtung meiner alten Heimat, in Richtung Ruhrgebiet gehen, in Westdeutschland, wenn mich da etwas locken würde. Aber auf der anderen Seite bin ich wahnsinnig froh über das, was ich hier in den letzten sieben Jahren hatte. Wenn ich da noch drei, vier, fünf dranhängen kann, bin ich keine Sekunde wehmütig, weil ich irgendetwas verpasst haben könnte. Ganz im Gegenteil. Ich hatte hier bisher eine super Zeit, für die ich sehr dankbar bin.

Die Trainer sprechen immer von Professionalität, die man bei guten Spielern in jedem Training sieht. Sie sagen: „Der hat gut trainiert, der trainiert permanent auf einem hohen Niveau." Was bedeutet Professionalität im Training?

Mir fällt es relativ leicht, professionell zu sein, weil ich schlecht verlieren kann und mich selbst wahnsinnig ärgere, wenn ich ein Trainingsspiel verliere. Darum treibe ich mich automatisch an, ohne die ganze Zeit im Hinterkopf haben zu müssen, professionell sein zu müssen. Wenn wir im Training zurückliegen, werfe ich einfach alles rein, damit wir gewinnen, kämpfe, gebe Gas, dadurch ist das bei mir gar keine bewusste Frage. Vielleicht wird es so wahrgenommen, aber es ist nichts, wofür ich mich groß anstrengen oder quälen müsste. Ganz im Gegenteil.

Auch als Fußballer hat man aber wahrscheinlich Tage, an denen man einfach keinen Bock hat, oder an denen es einem nicht so gut geht. Muss man sich dafür quälen oder macht man wie in jedem anderen Job auch vieles mit Routine?

Man kann natürlich nicht die ganze Woche über, den ganzen Monat, das ganze Jahr lang am obersten Limit trainieren. Es gibt bewusst immer wieder Trainingseinheiten, bei denen man vom Kopf und vom Körperlichen ein bisschen zurückschaltet. Mit dieser Mischung bin ich ganz gut abgedeckt. Donnerstag ist meistens ein Tag, an dem es bei uns nicht ganz so wild ist. Da kann man ein bisschen Spaß haben, und an einem Mittwoch oder Freitag ist man ein bisschen heißer, Vollgas zu geben.

Kommen wir mal zur zu Ende gehenden Saison. Wenn man als Außenstehender die Tabelle verfolgt hat, hat man gesehen: Ihr wart ja gar nicht richtig drin im Abstiegskampf. Wie hat sich das für Euch angefühlt?

Es ist wahnsinnig schön und erleichternd, dass es jetzt so ist. Vor ein paar Wochen hat man noch eher mit bangem Blick auf die Tabelle geguckt und gedacht: Reicht das? Wenn wir jetzt verlieren, dann sind wir ganz tief drin. Dass wir uns früh dieser Sorgen entledigt haben, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Wir hatten schon die eine oder andere Drucksituation oder schwere Phase in dieser Saison. Nach dem recht großen Umbruch im Sommer die Saison so sicher ins Ziel zu bringen, nochmal die Chancen zu haben, ein paar Plätze gutzumachen und am Ende richtig gut dazustehen, das ist ein super Gefühl.

Hattet Ihr ab einem gewissen Punkt den Abstiegskampf als solchen ausgerufen, dem alles untergeordnet wird?

Richtig bewusst in den Abstiegskampf ging es nicht. Natürlich hatten wir wichtige Spiele, bei denen klar war: Die zu gewinnen wäre Gold wert, wenn wir sie verlieren, müssen wir wieder ein paar Wochen nach unten gucken. Wir haben alles in die Spiele reingeworfen, spielerisch war's teilweise nicht so hundertprozentig gut, wenn ich beispielsweise an Freiburg denke. Das war ein wahnsinnig wichtiges Spiel, das uns echt nach vorne gebracht hat. Man hat gesehen: Jeder in der Mannschaft wollte und hat darauf gebrannt, die drei Punkte zu holen. Das hat uns durch eine recht große Willensleistung in die komfortable Situation gebracht.

Professionell und motiviert in den Trainingseinheiten: Niko Bungert gehört mit einem Schnitt von 22,7 Bundesligaspielen pro Saison zu den wichtigsten und zuverlässigsten 05-Profis. Foto: Jörg Schneider Wann hatten Sie erstmals in der Saison das Gefühl, dass es dieses Jahr hart werden könnte?

Hm... nach der Hinrunde war das Gefühl eigentlich noch ganz in Ordnung. Wir wussten, dass wir jetzt Zeit hatten, uns zu sammeln, wieder auf die Beine zu kommen, und hatten mit dem 5:0 gegen Paderborn zum Start richtig einen rausgehauen. Als es in den nächsten Spielen ergebnistechnisch nicht so lief, dachten wir schon: Jetzt wird es langsam eng. Aber zum Glück haben wir im richtigen Moment die Kurve gekriegt. Martin Schmidt hat die richtigen Maßnahmen getroffen, uns richtig angesprochen und heiß gemacht für die Spiele. Das hat uns schon einen Impuls gegeben.

Warum war das so? Warum passt die Spielweise, wenn man es darauf runterbricht, unter Schmidt besser als unter Hjulmand? Wollte er zu viel von Euch? Oder Dinge, die Ihr nicht so draufhattet?

Wir sind einfach in einen Negativlauf geschlittert. Am Anfang lief es in der Bundesliga sehr gut und es waren viele Dinge dabei, die gut waren und Spaß gemacht haben. Die auch zu dem geführt haben, was wir wollten, was uns zu Chancen und viel Ballbesitz geführt hat. Aber durch zwei, drei Spiele, in denen wir trotz einer großen Überlegenheit keine Ergebnisse eingefahren haben, sind wir in eine Negativspirale gekommen und nicht richtig rausgekommen. Dann war es wirklich so weit, dass wir alles auf null setzen mussten und erst ein Trainerwechsel uns da rausgeholt hat. Über große Teile der Saison kann man uns ansonsten nicht richtig Vorwürfe machen, auch Kasper Hjulmand nicht, außer dass die Ergebnisse nicht mehr kommen wollten.

Von außen betrachtet hat man das Gefühl: Wenn Hjulmand sich gedanklich ein bisschen mehr bewegt hätte, mehr das, was jetzt propagiert wurde, Leidenschaft und Kampf, Pressing und Vorwärtsverteidigung, in den Vordergrund gestellt hätte, wäre er besser dran gewesen.

Propagiert hat er das auch. Es war nicht so, dass wir à la Bayern München nur auf Ballbesitz gespielt haben - Bayern München macht es ja auch gar nicht mehr so, die sind ja auch im Gegenpressing drin - darauf hat er schon auch bestanden. Aber in Phasen, wo das Selbstbewusstsein nicht da ist, ist es schwer, mutig zu sein. Mut gehört ja dazu, um voll reinzulaufen und den Rücken ein bisschen frei zu lassen. Wenn man das mit ein paar Prozent zu wenig macht an Überzeugung, dann ist es schwer. Und die Überzeugung hatten wir in der Phase nicht mehr.

Und Martin Schmidt hat Euch diese Dinge durch Ansprache, aber auch wahrscheinlich durch Trainingsformen zurückgegeben?

Die Ansprache war in den ersten Tagen natürlich das wichtigste - mit Abstand das wichtigste war das erste Spiel. Ansonsten hätte das Ganze auch zu einem großen Teil wieder verpuffen können. Wir haben durch Vollgasfußball gegen Frankfurt, dadurch, dass wir einfach wollten, einen großen Teil dazu beigetragen, in die Verfassung zu kommen, den Sieg gegen Frankfurt zu erzwingen. Und dann lief das Ganze erstmal.

In Drucksituationen habt Ihr in Freiburg oder in Augsburg Spiele gewonnen - diese Auswärtssiege waren am Ende entscheidend. Das ist Mannschaften wie dem VfB Stuttgart wenig gelungen. Woran liegt so etwas?

Auch das hat mit diesen Negativfluss zu tun. Das ist im Fußball einfach so, dass Selbstvertrauen und mentale Stärke reinspielen. Das hat im Endeffekt manchmal mit Glück oder Pech in den Vorwochen zu tun. Wenn Stuttgart da auch eine schlechte Phase hat mit Spielen wie gegen Schalke, in denen sie eigentlich überlegen waren und hätten gewinnen müssen, aber durch den Fußballgott oder sonst etwas eine Negativserie kriegen, dann wird es nicht leichter in den kommenden Spielen. Sie müssen sagen: Wir waren zwar gut, aber haben dreimal hintereinander verloren. Das beizubehalten, ist echt schwer. Im Endeffekt sind Ergebnisse einfach wahnsinnig wichtig. Auch wenn man immer versucht, das ein wenig zur Seite zu schieben. Das eigene Gefühl, die eigene Bewertung der Spiele steht und fällt einfach wahnsinnig viel mit dem Ergebnis. Davon versucht man sich zwar frei zu machen, aber das ist unglaublich schwer. Deshalb wird der Druck dann häufig so groß, dass er lähmt.

Bei Euch in Stuttgart war es genau anders herum.

Ja, da war ein Riesendruckabfall nach dem Schalke-Spiel. Das hat man gemerkt. Das haben wir versucht zu verhindern, es ist aber so. Es ist wahrscheinlich menschlich, dass man so reagiert.

Und jetzt sind Sie heilfroh, dass Sie dieses Theater am letzten Spieltag nicht mitmachen müssen?

Wenn man vor einigen Wochen, als es noch nicht so sicher war, auf den Spielplan geguckt hat, da war immer klar, dass wir es in jedem Fall erledigt haben müssen vor München. Wenn wir noch einen Sieg in München gebraucht hätten, um in der Klasse zu bleiben, das wäre ein Albtraum gewesen. Überhaupt jetzt noch Druck zu haben ist echt richtig hart. Da ist man froh, wenn man sich das relativ entspannt von außen anschauen kann.

Ihr Manager glaubt, dass die Vertragssituation die Chance und den Vorteil bietet, mit einer eingespielten Mannschaft plus punktueller Verstärkungen in die neue Runde zu gehen.  Würden Sie sich persönlich wünschen, dass Johanes Geis und Shinji Okazaki blieben?

Ich wünsche mir das schon, weil es zwei wichtige und gute Spieler von uns sind. Die schwer zu ersetzen sind. Aber das habe ich in der Vergangenheit auch schon oft genug gedacht und mir überlegt. Im Endeffekt haben wir es immer wieder geschafft, Spieler zu ersetzen. Teilweise gleichwertig, teilweise sogar noch stärker. Und selbst wenn es so kommen sollte, glaube ich, dass wir das auffangen können und werden. Ich habe Vertrauen, dass Christian Heidel das schon macht. Das sind jedoch Sachen, die kann ich nicht groß beeinflussen. Wir haben schon schwere Rückschläge, was das Personal anging, überwinden können, das wird uns auch wieder gelingen. Wenn es denn so kommen sollte.

Ist es wichtig eingespielt zu sein, dass die Mannschaft eine funktionierende Struktur hat?  

Auf jeden Fall. Es muss immer so eine Mischung sein. Auf der einen Seite ist es schon wichtig, da neue Impulse zu kriegen, vielleicht alle zwei oder drei Jahre einen mittelgroßen Umbruch zu machen, damit es nicht so festgefahren wird. Wie bei Thomas Tuchel. Wenn da fünf Jahre der gleiche Trainer ist, gibt es auch Spieler, die es nach zwei Jahren nicht mehr hören können. Da ist es zwangsläufig und normal, dass da mal ein Wechsel rein muss. Generell brauchen wir aber ein Gerüst, eine Basis von Leuten, die heiß, willig und lernfähig sind, die wissen, um was es geht und was hier gefordert ist und das an die Neuen schnell weitertragen. Dann ist das auf jeden Fall ein wichtiger Schritt und eine gute Grundlage zum Arbeiten.

Jetzt steht Urlaub an, Sie gehören, nicht zu denjenigen, die jetzt noch Länderspiele haben…

…ist denn der deutsche Kader schon bekannt?

Der war gut.

Stimmt. Ich freue mich auf den Urlaub. Die Saison war lang mit Höhen und Tiefen. Nach drei Wochen freut man sich aber schon wieder, dass es bald losgeht. Dann ist die Vorfreude wieder da.

Gut, dann hoffen wir mal, dass der Jogi vielleicht noch anruft.

Ich könnte mit beiden Varianten gut leben.

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