Berg-Tour mit steilem Anstieg

Jörg Schneider. Mainz.
Die Tatsache, dass beim FSV Mainz 05 nach der 1:2-Niederlage in Darmstadt über mangelnde Einstellung und Kampfbereitschaft gesprochen werden musste, dürfte die Verantwortlichen am Bruchweg in dieser Woche davon abhalten, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Die 05-Profis stecken nun mitten drin im Abstiegskampf und Martin Schmidt muss genau hinschauen, welche seiner Spieler die absolute Bereitschaft signalisieren, sich dieser Situation zu stellen und dabei in der Lage sind, dies in Leistung umzusetzen. Der kommende Gegner heißt Schalke 04. Ein echtes Schlüsselspiel in der Opel Arena.

Die zuletzt souveränen 05-Innenverteidiger erlebten in Darmstadt einen ganz schwarzen Tag: André Ramalho war an beiden Gegentoren beteiligt. Stefan Bell sah nach dem Foul an Markus Steinhöfer Gelb-rot und fehlt am Sonntag gegen Schalke. Foto: Imago Torsten Frings der frühere deutsche Nationalspieler und jetzige Trainer des SV Darmstadt 98, beschrieb nach dem 2:1-Sieg am Samstag im Nachbarschaftsduell gegen den FSV Mainz 05 die Lage des Tabellenletzten der Bundesliga ganz anschaulich. „Die Tabelle sieht immer noch beschissen aus für uns“, sagte Frings, „aber hier gibt sich keiner auf. Wir wissen,  dass es eine unmögliche Situation ist. Wir haben noch zehn  Spiele und müssten sieben bis acht davon gewinnen. Wir wissen auch, dass wir Darmstadt 98 sind und nicht einfach mal eben so acht Spiele gewinnen. Wir wissen, dass das ein Berg ist, der höher ist als der Mount Everest, den wir besteigen müssen.“

Der Berg, den die 05-Profis nun erklimmen müssen nach diesem kläglichen Auftritt gegen das Frings-Team, ist im Vergleich dazu wahrscheinlich ein mittlerer Gipfel in den Schweizer Alpen, allerdings mit einem extrem steilen Teilstück im Einstieg der Tour - dem Heimspiel am Sonntag gegen den FC Schalke 04. Denn auch für das Team von Martin Schmidt sieht die Tabelle nach diesem 24. Spieltag ziemlich bescheiden aus. Der Plan, die nächste Chance zu ergreifen, um sich ins gesicherte Mittelfeld abzusetzen oder zumindest den Abstand zur Gefahrenzone nicht kleiner werden zu lassen, ist grandios gescheitert. Durch die Ergebnisse der nachfolgenden Mannschaften ist nur noch ein dünnes Drei-Punkte-Polster auf den Relegationsplatz übrig geblieben. Platz zwölf. 29 Zähler. Einer mehr als die Augsburger, drei mehr als die mit 26 Zählern punktgleichen Wolfsburger, Bremer und dem Hamburger SV, der wegen seines miserablen Torverhältnisses auf Platz 16 bleibt.

Rouven Schröder war am Sonntag zu Besuch im Hamburger Stadion und was er dort gesehen hat, dürfte dem 05-Sportdirektor wenig gefallen haben. Denn ähnlich wie die Bremer, die in Leverkusen punkteten oder die Wolfsburger bei deren Überraschungssieg in Leipzig, zelebrierte der HSV beim 2:1-Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach Abstiegskampf in Reinkultur. Die Wucht und Vehemenz, die Leidenschaft und Willensstärke, mit denen die oft geschmähten HSV-Profis die Gladbacher nach großen Kampf in die Knie zwangen, war bemerkenswert. Beim Bundesliga-Dino, wie auch bei den beiden anderen 26-Punkte-Klubs, scheint man die Zeichen erkannt und eine Tendenz eingeleitet zu haben. Dagegen dümpeln die Mainzer vor sich hin und wirkten in Darmstadt geradezu brav und bieder. Und dass am Ende am Böllenfalltor über mangelnde Einstellung gesprochen werden musste, nachdem die sportliche Leitung eine Woche lang Kunst und Wunder veranstaltet hatte, um die Mannschaft davon zu überzeugen, was ihr in diesem Derby blühen würde, treibt die Verantwortlichen um, bereitet ihnen Kopfzerbrechen. Da wird in dieser Woche am Bruchweg niemand zur Tagesordnung übergehen können. Das muss aufgearbeitet und die richtigen Schlüsse müssen daraus gezogen werden.

„Das haben wir uns komplett anders vorgestellt“, sagte Danny Latza nach dem Abpfiff in Darmstadt. „Die erste Halbzeit haben wir völlig verschlafen, sind gar nicht im Spiel drin gewesen uns haben uns einfach nur angepasst an Darmstadt mit langen Bällen. Wir haben die Zweikämpfe nicht angenommen. Das war echt eine schlechte Leistung.  Wir haben den Kampf nicht angenommen. Und dann kannst du nichts holen.“ Wie das zu erklären ist? „Kopfsache. Eine Einstellungssache, die wir nicht angenommen haben. Fußballspielen können wir, aber der Einsatz war zu wenig. Das ist ganz bitter“, sagte der Mittelfeldspieler, der nicht damit nicht wirklich eine schlüssige Erklärung lieferte. Wenn jedoch Fußballprofis nach einer solch intensiven Vorbereitung und aller Warnungen zum Trotz nicht wissen, was die Stunde geschlagen hat, dann kann irgendwo etwas nicht stimmen. Martin Schmidts Kader ist groß genug. Der Trainer wird in dieser Woche genau hinschauen müssen, wie hoch die Abstiegskampf-Bereitschaft bei jedem einzelnen ist und wem der Coach zutraut, gegen Schalke in allen Belangen ans Limit zu gehen. Denn bedingungsloser Einsatz, Kampf- und Laufbereitschaft sind die Grund-Voraussetzung, um im Heimspiel gegen diesen Gegner bestehen zu können. Wenn sich darüber dann die Mannschaft noch aufraffen könnte, auch mal wieder halbwegs vernünftigen und strukturierten Fußball zu spielen oder wenigstens ihre einstige Stärke, das schnelle Umschaltspiel, mit dem es zurzeit ebenfalls nicht weit her ist, wiederzubeleben, wäre schon einiges erreicht.

Die Situation vor dem Schalke-Spiel ist ähnlich, wie die vor zwei Jahren beim Amtsantritt des 05-Trainers. Damals hatten die 05er nur noch einen Punkt Vorsprung vor dem Relegationsplatz und schlugen dann mit einer großen Energieleistung Eintracht Frankfurt mit 3:1. „Wir müssen mal wieder anfangen Spiele zu gewinnen“, sagte Levin Öztunali In Darmstadt. Das wäre ein Ansatz.

 

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