Bangen auf hohem Niveau

Christian Karn. Mainz.
Der neunte von zehn Spieltagen in der europäischen WM-Qualifikation ist in fast allen Gruppen vorbei. Die Schweiz hat - auch dank Fabian Frei - den neunten Sieg in Folge geschafft, ist nach Punkten eins der beiden besten Teams Europas und muss trotzdem noch um die Qualifikation bangen: Verlieren die Schweizer am Dienstag das Topspiel in Portugal, müssen sie in die Relegation. Leon Balogun hat unterdessen als zweiter Spieler des FSV Mainz 05 die Qualifikation für die Weltmeisterschaft erreicht: Nigeria wird dank des 1:0 gegen Sambia dabei sein. Kaum eine Chance bleibt Kenan Kodro mit Bosnien und Herzegowina.

Alle Spiele

Do., 5. Oktober
05 - SVS 2:1
U21 FRA - MNE 2:1
MNE - DEN 0:1

Fr., 6. Oktober
JPN - NZL 2:1
MLI - CIV 0:0

Sa., 7. Oktober
NGR - ZAM 1:0
BIH - BEL 3:4
SUI - HUN 5:2

So., 8. Oktober
18.00: DEN - ROM

Mo., 9. Oktober
21.00: U21 LUX - FRA

Di., 10. Oktober
12.30: JPN - HAI
20.45: EST - BIH
20.45: POR - SUI

Es gehört zu den Gemeinheiten der WM-Qualifikation, dass leichte Gruppen die schwersten sein können. Während in der ausgewogen besetzten Gruppe I mit Island, Kroatien, der Ukraine, der Türkei, Finnland und Kosovo kein klarer Favorit zu finden war, noch am letzten Spieltag drei Mannschaften um den Gruppensieg kämpfen und der Vierte nur deshalb keine Chance mehr auf den zweiten Platz hat, weil zwei Konkurrenten gegeneinander spielen und nicht beide verlieren werden, war in Gruppe B von Anfang an klar, wer nicht bei der WM mitspielen wird: Ungarn, die Färöer, Lettland und Andorra waren keine ernsthafte Konkurrenz für die Spitzenmannschaften. Was dazu führt, dass die Schweiz als eine von zwei Nationalmannschaften, die alle neun bisherigen Qualifikationsspiele gewonnen haben, als eine der beiden besten Mannschaften Europas laut Tabelle noch auf hohem Niveau bangen muss: Verlieren die Schweizer am Dienstag bei den Portugiesen, die bis auf das Hinspiel gegen den Tabellenführer ebenfalls alles gewonnen und im Schnitt höher gewonnen haben, müssen sie mit gewaltigen 27 Punkten (von denen die sechs gegen den Tabellenletzten abgezogen werden) in die Relegation.

Der neunte Sieg der Schweizer sah nach dem linken Mittelfeldspieler Yoshinori Muto und dem Zehner Jean-Philippe Gbamin den dritten Spieler des FSV Mainz 05 in einer ungewöhnlichen Position: Fabian Frei war als Linksaußen, der bei jeder Gelegenheit als zweite Spitze neben den Mittelstürmer Haris Seferovic in den Strafraum einrückte, der zweitoffensivste Mann seines Teams; während Xherdan Shaqiri und Steven Zuber sowie der Offensivverteidiger Stephan Lichtsteiner im offensiven Mittelfeld die Angriffe einleiteten, warteten der Ex-Frankfurter, der im Estádio da Luz ein Heimspiel gegen Portugal haben wird, und der Mainzer auf Vorlagen.

Vollends euphorisch sehen Xherdan Shaqiri und Fabian Frei nicht aus: Die Schweizer waren bisher unschlagbar in der Qualifikation, müssen das aber auch im letzten Spiel noch unbedingt bleiben, um nicht doch noch durch die Relegation zu müssen. Foto: imagoGegen eine lückenhafte ungarische Mannschaft, der mit Zoltán Gera, Ádám Szalai und László Kleinheisler drei wichtige Spieler wegen Verletzungen ausfielen, ging das ganz wunderbar auf. Zum 1:0 nutzte Granit Xhaka noch einen dicken Fehler des ungarischen Torwarts: Der Leipziger Péter Gulácsi ließ einen Rückpass etwas zu weit abspringen, wollte sich den Ball mit einem Hechtsprung noch schnappen (darf er nicht), rutschte dabei aus. Xhaka spitzelte Gulácsi den Ball weg (ein Foul? Die Hand war schon auf dem Ball) und trat ihn ins leere Tor (18.). Zwei Minuten darauf erhöhte Frei bereits mit einem abgefälschten Schuss von der linken Strafraumseite schon auf 2:0. Zubers 3:0 (43.) nach einiger Querschlägerei am Strafraum, ehe Shaqiri den Ball unter Kontrolle hatte und diagonal zum Mitspieler steckte, entschied das Spiel schon in der ersten Hälfte.

Bei Zubers 4:0 (49.) machte der anschließend wieder hochkonzentrierte Gulácsi seinen zweiten dicken Fehler, griff ohne erkennbaren Grund bei einem nicht allzu platzierten hohen Schuss um, hatte die rechte Hand zwar voll hinterm Ball, bekam ihn aber nicht weg. Es schien sinnvoller, es mit der linken Hand zu versuchen, dadurch nicht den ganzen Körper zu destabilisieren. Ungarn zerbröselte hinten in dieser Phase, warf sich zwar noch in alles rein, aber es gab viele, viele Löcher. Frei schickte in der 55. Minute einen fantastischen Volleyschuss aus schwierigem Winkel nur ein bisschen zu hoch aufs lange Eck - und dann rissen sich die Ungarn doch noch einmal zusammen. Der Innenverteidiger Richárd Guzmics traf spektakulär zum 1:4 (59.) - normalerweise schießt Muto solch artistische Tore. Gergő Lovrencsics vermasselte vor dem offenen Tor das sichere 2:4 (76.), der schweizer Rechtsverteidiger Lichtsteiner erhöhe mit einem schönen, unhaltbaren Strahl ins lange Eck auf 5:1 (83.), nach einem dicken Fehler des schweizer Torwarts Yann Sommer verkürzte Roland Ugrai noch auf 2:5 (89.).

Das hätte bereits für die vorzeitige Qualifikation gereicht, hätte Portugal nicht ebenfalls gewonnen. In Andorra waren die Portugiesen natürlich der ganz klare Favorit, mussten sich jedoch zu einem erstaunlich mühseligen 2:0 quälen. Erst in der 63. Minute gingen sie in Führung, erst in der 86. fiel das zweite Tor. In der Tat aber ist Andorra unter den chancenlosen Tabellenletzten einer der besten - gegen Ungarn (1:0) und die Färöer (0:0) holte die Mannschaft des kleinen Gebirgslands vier Punkte, bei den sieben Niederlagen kassierte sie nur 19 Tore. Die letzten beiden bedeuten, dass Portugal jeder beliebige Sieg reicht, um die Schweizer zu schnappen.

Keine Chance für Kodro

Kenan Kodro und seine bosnischen Kollegen müssen schon auf ein größeres Wunder hoffen. Gegen Belgien unterlagen die Bosnier in einem turbulenten Spiel 3:4, der Mainzer Stürmer wurde dabei nicht eingesetzt. Thomas Meunier brachte die Belgier in der 4. Minute in Führung. Haris Medunjanin (30.) und Edin Visca (39.) drehten es zu einer 2:1-Führung für Bosnien und Herzegowina, Michy Batshuayi (59.) und Jan Vertonghen (68.) drehten es zurück. Und nach dem erneuten Ausgleich von Dario Dumic (82.) schoss Yannick Carrasco in der 84. Minute das Siegtor der bereits qualifizierten Belgier. Da Griechenland nach 0:1-Rückstand gegen Zypern gewann, muss Bosnien nun nicht nur am Dienstag in Estland gewinnen, sondern auch auf einen Punktverlust der Griechen hoffen - ein Unentschieden würde reichen. Die Griechen spielen jedoch zuhause gegen Gibraltar, das alle neun Spiele verloren und bei drei eigenen Toren 43 Treffer kassiert hat - nur San Marino (2:46 Tore) steht noch schlechter da.

Balogun hat's geschafft

Leon Balogun dagegen hat mit Nigeria die Qualifikation vorzeitig geschafft. Zwar fehlte gegen Sambia die Brillanz aus den Spielen gegen Kamerun, doch reichte gegen den letzten verbliebenen Verfolger ein Tor von Arsenals Alex Iwobi in der 63. Minute. Viel mehr Torchancen hatte Nigeria nicht. Sambia war auf dem Platz überlegen, kam öfter im Strafraum an, machte aber nichts aus den Gelegenheiten. Nach der Führung trug Balogun als ruhiger, unaufgeregter Abwehrchef viel dazu bei, dass der Sieg nicht mehr in Gefahr kam. Bei einem Unentschieden hätten die Nigerianer den Vorsprung in Algerien noch einmal verteidigen müssen, nun brauchen sie das Spiel im November nicht mehr: Als erstes afrikanisches Team haben sie ihre Teilnahme am Turnier in Russland sichergestellt. Ägypten kann heute nachziehen, alle anderen Gruppen entscheiden sich erst in einem Monat.

Und Fischer?

Heute abend wird Dänemark schließlich auch ein bisschen auf die Konkurrenz achten. Mit drei Punkten Abstand auf beide Nachbarn, Tabellenführer Polen (+12 Tore) und Montenegro (+10) stehen die Dänen (+12) auf dem zweiten Platz der europäischen Gruppe E. Während sie selbst die Rumänen empfangen, spielen die Konkurrenten gegeneinander. Bei einer Niederlage Polens wäre Dänemark mit einem Sieg Gruppensieger, mit einer Niederlage wahrscheinlich Dritter. Punktet Polen, ändert sich in der Tabelle gar nichts mehr. Der 05er Viktor Fischer war beim Sieg gegen Montenegro am Donnerstag bereits nicht dabei und wird gegen Rumänien (das Alexandru Maxim diesmal nicht nominiert hat) eher kein Startelf-Kandidat sein.

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