Balogun: „In vier Wochen sehen wir weiter“

Jörg Schneider. Mainz.
Einen Verteidiger, der Latein und Altgriechisch gelernt, sein Abitur auf einem althumanistischen Gymnasium gebaut hat, gab‘s beim FSV Mainz 05 so oft noch nicht. Doch Leon Balogun, vom Aufsteiger Darmstadt 98 an den Bruchweg gewechselt, will sich in Mainz nicht mit seiner Schulbildung in den Vordergrund bringen, sondern als Außenverteidiger in der Bundesliga. Der 27-Jährige tritt an, um Daniel Brosinski den Stammplatz streitig zu machen. „Konkurrenz gehört dazu“, sagt er selbstbewusst. „Es wird sich zeigen, wohin das führt.“ Im Testspiel in Meisenheim gibt Balogun heute sein 05-Debüt.

Verschmitztes Lächeln, viel Humor und klare Vorstellungen: Leon Balogun im Pressegespräch. Foto: Jörg SchneiderIn der abgelaufenen Bundesligasaison war Daniel Brosinski unumstritten auf seiner Position. Das lag daran, dass sich der aus Fürth gekommene Rechtsverteidiger im Laufe der Runde kontinuierlich steigerte, sich mit Ehrgeiz und harter Arbeit zu einem Leistungsträger entwickelte, der im Abstiegskampf seine besten Spiele für den FSV Mainz 05 absolvierte. Das lag aber auch daran, dass sich rechts hinten, im Gegensatz zu den meisten anderen Positionen im Kader, kaum Konkurrenten für den 26-Jährigen hervortaten.

Das soll sich nun in der neuen Saison ändern. Leon Balogun, Neuzugang vom SV Darmstadt 98, stellt sich an, um den etablierten Stammspieler unter Druck zu setzen. Der neue Mann ist knapp einen Monat älter als Brosinski, war früher Innenverteidiger, hat sich aber auf rechts einen Namen gemacht und wird auch von seinem Trainer dort gesehen. „Konkurrenz gehört dazu. Es wird sich zeigen, wohin das führt. Ich bin keiner, der damit Probleme hat“, sagt der Neu-05er im Pressegespräch selbstbewusst. „Ich möchte einen sauberen Start haben, verletzungsfrei bleiben, mich gut einfügen und nach Möglichkeit viel spielen, ist doch klar. In vier Wochen sehen wir weiter."

Dass der 27-Jährige fußballerisch das Zeug dazu hat, sich in einem solchen Konkurrenzkampf zu stellen, hat sich schon in der ersten Trainingswoche am Bruchweg gezeigt. Der neue Mann ist ehrgeizig, verzichtete auf eine ihm zustehende Urlaubswoche, um sich so schnell wie möglich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Die Prinzipien des Mainzer Spiels sind für ihn zwar kein Neuland, wie er sagt. Eine Umstellung sind die einzelnen Abläufe bei den 05ern für ihn schon. Auch die Lilien zogen ihre Stärken aus der laufintensiven Vorwärtsverteidigung und schnellem Umschaltspiel. Der eigene Ballbesitz war in Darmstadt jedoch kein großes Thema. „In Mainz werden natürlich offensiv mehr Akzente gesetzt. Darauf muss ich mich neu einstellen.“

Leon Balogun hat sich in seiner Karriere auf vieles neu eingestellt. Denn auch der neue Rechtsverteidiger bringt einen ungewöhnlichen Werdegang mit. Balogun wuchs im Berliner Arbeiterviertel Moabit auf als Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutsch-italienischen Mutter. Das könnte auf eine schwierige Kindheit im sozialen Brennpunkt hindeuten. Weit gefehlt. Berliner Straßen-Gang-Storys seien bei ihm nicht zu holen, sagt der 27-Jährige lachend. „Ich hatte eine gesittete Kindheit, war auf einer katholischen Privatschule und habe mein Abitur auf einem althumanistischen Gymnasium gemacht.“ Inklusive Latein und Altgriechisch.

Duell mit Pablo De Blasis: In dieser Szene setzt sich der kleine Argentinier gegen Leon Balogun durch. Foto: Jörg SchneiderFußballerisch sei er eher ein Spätzünder. Zunächst spielte Balogun lieber Basketball. Seine Mutter habe dies jedoch nicht als passende Umgebung für ihren Sprössling empfunden, weil die Halle direkt neben dem Gefängnis stand. Also Fußball. Stürmer in der D-Jugend von Hertha BSC. „Die haben mich aber schnell wieder rausgekickt, weil ich es nicht drauf hatte.“ Er habe es damals auch nicht so richtig drauf gehabt. Neuer Versuch bei Hertha Zehlendorf. Da ging’s dann besser und aufwärts. Dann Oberliga bei Türkieyemspor Berlin, bis Hannover 96 kam. „Das war ein zu großer Sprung damals für mich“, sagt er heute.

Werder Bremen, Fortuna Düsseldorf. „Als Stürmer begonnen und im Laufe der Zeit immer weiter nach hinten durchgereicht, bis ich Innenverteidiger war“, sagt Balogun. „Die letzten Jahre haben dann ergeben, dass ich rechts gelandet bin.“ Ein Mittelfußbruch brachte das Ganze zum Stillstand. Mit Darmstadt 98 einigte sich der Profi auf einen Vertrag über ein Jahr. Der Zweitligist wollte erst mal sehen, ob Balogun nach der Verletzung auf die Beine kommen würde. Das gelang. Ebenso wie der Aufstieg der Lilien. Und plötzlich zeigte Mainz 05 Interesse.

„Ich bin in die Länderspielpause gefahren, wollte alles, was passiert war in diesem Jahr, erst einmal sacken lassen. Dass ich weg will, war gar nicht mein erster Gedanke.“ Immerhin habe Darmstadt ihm die Chance gegeben, die Tür geöffnet. „Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Und es ist einfach so, dass Mainz 05 ein sehr großer Anreiz ist. Eine Mannschaft, die sechs Jahre hintereinander eine gute Rolle in der Bundesliga spielt. Am Ende habe ich mich dafür entschieden.“

Ob die Entscheidung richtig war, muss sich mit der Zeit herausstellen. „Mir macht‘s Spaß hier. Ich bin unheimlich gut aufgenommen worden. Man kann hier mit jedem lachen“, sagt Balogun, der mit seiner lockeren, erfrischend-humorvollen, aber auch klaren Art, ein Typ Spieler ist, der dem Mainzer Kader gut tun sollte. „Ich finde es hier positiv vom ersten Tag an“, sagt er. Sein Debüt als Rechtsverteidiger gibt Balogun heute im Testspiel beim Landesligisten SG Meisenheim/Desloch-Jeckenbach (17 Uhr).

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