Auseinandergelebt

Christian Karn. Mainz.
Auch die engsten Freunde leben sich oft auseinander; das haben die Fans von Borussia Mönchengladbach und dem FSV Mainz 05 längst festgestellt. Nicht ganz auf den Tag genau vor 20 Jahren begann mit einem legendären Pokalspiel dieser beiden Vereine auf dem Bökelberg eine Fanfreundschaft, die nach fünf Jahren am Liga-Alltag scheiterte - und daran, dass keiner die Gladbacher am Rheinufer abholte. Dennoch könnte es passieren, dass sich auch heute abend am Borussia-Park der Eine oder Andere mit gewisser Wehmut an schöne Zeiten erinnert.

Heute abend spielt der FSV Mainz 05 bei Borussia Mönchengladbach. So komisch das klingt, schon wieder sind die 05er Protagonisten bei einem Bundesliga-Spitzenspiel. Wenn es einen Sieger gibt, wird dieser als erster Verfolger der Bayern in die Länderspielpause gehen. Abgesehen davon ist die Partie im Borussia-Park ein Auswärtsspiel wie fast jedes andere. Man muss eine ganze Menge Bruchweg-Erfahrung haben, um zumindest noch eine gewisse Rest-Besonderheit zu spüren.

Der überragende Mann beim 4:6 in Gladbach: Aberrahim Ouakili (hier gegen den Frankfurter Slobodan Komljenovic). Foto: imagoVor ziemlich genau 20 Jahren, am 25. Oktober 1994, gab es nämlich schon einmal ein Auswärtsspiel der 05er in Mönchengladbach, damals allerdings unter völlig anderen Voraussetzungen. Die Borussia stand auch damals im gehobenen Bundesliga-Mittelfeld - und Mainz 05 auf einem Abstiegsplatz in der Zweitligatabelle. Auf dem Papier sah dieses DFB-Pokal-Achtelfinale nach einer klaren Sache aus. Nicht jedoch auf dem Platz: Die Mainzer Führung (Thomas Zampach, 5. Minute) erschreckte die Gladbacher nicht. Nach einer Viertelstunde stand es 2:1 für die Gastgeber, zur Halbzeit 4:2, nach 52 Minuten 5:2. "Aber die ganze Zeit war zu spüren, dass da etwas passiert", erinnert sich Hansi Reif, der damals als 25-jähriger 05-Fan im Gästeblock stand. In der Tat: Doppelschlag von Christian Hock und Michael Müller. 5:4 nach 63 Minuten. Dicke Chancen zum Ausgleich. Jürgen Klopp, der das 3:2 geschossen hatte, und der überragende Abderrahim Ouakili scheiterten in der 66. Minute mit vier geblockten Schüssen. "Wenn da der Ausgleich fällt, kippt das Spiel", sagte der Gladbacher Manager Rolf Rüssmann. Erst in der Nachspielzeit machte Stefan Effenberg mit dem 6:4 alles klar.

Und das Publikum staunte. "Ich gehe seit 16 Jahren zum Bökelberg", sagte der 05-Manager und Gladbach-Fan Christian Heidel, "und ich habe noch nie erlebt, dass ein Spieler der gegnerischen Mannschaft zum Spieler des Tages gewählt wird." Ouakili, der 23-jährige Neuzugang vom hessischen Amateurklub SV Jügesheim, der an diesem Abend in seinem neunten Profispiel mit brillanten Sololäufen, Dribblings und Pässen die zu diesem Zeitpunkt viertbeste Defensive der Bundesliga schlichtweg überforderte.

"Im Block waren wir nach dem Spiel nicht so ganz gut gelaunt", erzählt Reif. "Und auf dem Weg zu den Bussen standen auf der Straße überall Gladbacher und haben auf uns erwartet. Wir haben gedacht: Jetzt gibt es Haue. Aber das war gar nicht der Fall. Es kam tatsächlich zu diesen oft besungenen Verbrüderungsszenen. Im Rahmen der Zeit, die wir bis zur Abfahrt hatten, haben wir total spontan mit den Gladbacher Jungs gefeiert." Und der TORToUR-Autor Michael Herzog, seinerzeit noch Schüler, erklärt: "Im Grunde war uns schnell völlig wurscht, dass wir ausgeschieden sind. Wir waren als dauerabstiegsbedrohter Zweitligist hemmungsloser Außenseiter und haben so ein fantastisches Kampfspiel abgeliefert, dass alle schwer beeindruckt waren. Auch die Gladbacher. Uns allen war bewusst, dass wir ein verdammt gutes Fußballspiel gesehen haben. Und wir hatten zum ersten Mal so einen riesengroßen Auswärtsmob dabei. Über tausend Leute sind mitgefahren. Das war für uns nie dagewesen. Und die Gladbacher haben das genauso gesehen."

Jahrelang Alltag am Bruchweg: Die Borussia-Raute auf der Mainzer Blockfahne.An diesem Abend entstand durch erste Verabredungen die jahrelang gepflegte Fanfreundschaft zwischen Mainz 05 und Borussia Mönchengladbach. "Das lief mit relativ wenigen Leuten an, hat aber ein wirklich großes Ausmaß angenommen", sagt Herzog. "In unserer Fast-Aufstiegssaison 1996/97 waren hunderte Gladbacher bei unserem Auswärtsspiel in Uerdingen und bei Fortuna Köln." Die 05er wiederum organisierten gelegentliche Busfahren zu Gladbacher Spielen; bei einer dieser Touren wurde unterwegs der zwischenzeitlich größte 05-Fanclub "Gegengerade" gegründet. Größere Gruppen von Gladbachern im Staub des Bruchwegs oder später im Q-Block waren alltäglich.

"Leider ist die Freundschaft ziemlich unrühmlich zu Ende gegangen", sagt Herzog. Das lag an mehreren Faktoren. Die Borussenfans hatten eine weitere Verbindung zu den Fans von Carl Zeiss Jena, dem Ex-Verein ihres jungen Torwarts Robert Enke, und wollten sich auf diese konzentrieren. Vor dem ersten Aufeinandertreffen beider Klubs in der zweiten Liga im Dezember 1999 gab es zudem ein gewisses organisatorisches Durcheinander: Eine gemeinsame Party war geplant, aber keiner wusste so genau, wo diese stattfinden sollte; eine größere Gruppe Gladbacher kam mit dem Schiff nach Mainz und wartete vergeblich auf ein Empfangskomitee. "Unter uns hatte das kaum einer gewusst", erklärt Reif. "Die Gladbacher waren enttäuscht." Und kündigten im Stadion beim 0:0 die Freundschaft kurzerhand auf. "Vielleicht war der Fehler, dass man die Geschichte nicht so gepflegt hat, wie es möglich gewesen wäre", mutmaßt Reif. "Offenbach und Leverkusen spielen zum Beispiel regelmäßige Freundschaftsspiele, aus denen die Fans Happenings machen. Das hatten wir nicht. In dieser Zeit wurden auch die ersten Ultragruppierungen gegründet", sagt Reif. "Die hatten von Anfang an ihr eigenes Ding im Kopf. So war das bei uns, so war das sicher auch bei den Gladbachern. Aber das Witzige ist: Wenn wir heute nach Gladbach fahren und dort an alte Kuttenfans geraten, die erinnern sich an die Freundschaft."

Die rot-grünen Freundschaftsschals mögen selten geworden sein; vereinzelte Sympathien sind heute noch vorhanden. "Heute ist so etwas sowieso kaum noch möglich", bedauert Reif. "Wenn man als Gast organisiert anreist, ist man auswärts nur noch der Depp. Man wird in einem Besucherkäfig so eingepfercht wie die Gäste in Mainz. An die gegnerischen Fans kommt man eigentlich nur noch ran, wenn man individuell anreist - und auch dann nur mit Glück. Hinter der Südkurve in Gladbach steht das Fanhaus der Borussia. Da kann man Glück haben und alte Freunde treffen. Aber man kann auch Pech haben und direkt aufs Maul kriegen."

Schon im ersten Zweitligaduell in Gladbach bekamen die 05-Fans das frostige Klima zu spüren. Die Borussia gewann 6:1 gegen die Mainzer Mannschaft, die ab der 13. Minute in Unterzahl spielte. "Und als Gast wurde man nicht mehr ganz so nett empfangen", sagt Reif. Die weiteren Auswärtsspiele der 05er am Bökelberg und später im Borussia-Park waren schon normale Auswärtsspiele: Ein 1:1 in der zweiten Liga, ein 1:1 mit einem tief in der Nachspielzeit erzwungenen Ausgleichstor von Michael Thurk, ein 0:1 und noch ein 1:1 vor dem gemeinsamen Abstieg, dann ein grandioses Kampfspiel, in dem die 05er Felix Borjas Führungstor in der dritten Minute über die Runden brachten. In der Bundesliga gewannen die 05er seitdem nur eins von fünf Spielen - 3:2 durch Sami Allaguis Traumtor in der 88. Minute in der Saison 2010/11. Davor und danach gab es ein 2:0, ein 1:0, noch ein 2:0 und zuletzt ein 3:1 für die Gladbacher.

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