Augmented Football

Christian Karn
Wenn Ralf Rangnick der "Professor", der "Laptoptrainer" war - ist Julian Nagelsmann dann der "Playstation-Coach"? Wenn Brent Spiner vor 30 Jahren einen Stein durch eine Kulisse geworfen und alle Welt vor einem Jahr Zeichentrickfiguren durch die Stadt gejagt hat, wird dann der Fußballer der Zukunft auch im Spiel mehr sehen als heute? Viele Utopien haben die Angewohnheit, erst lächerlich zu klingen und dann umgesetzt zu werden. Der TSG Hoffenheim mag man unterstellen, längst an so einer Umsetzung zu arbeiten. Wann's klappt, ob's klappt, und ob's eine Utopie bleibt oder in die Dystopie umschlägt, wird man früher oder später sehen.

Interessant ist es durchaus, was die TSG Hoffenheim in diesen Jahren treibt. Der kleine, nicht so unendlich wie andere, aber durchaus spürbar reiche Klub aus dem Kraichgau ist eins der Labore, die gerade versuchen, unter größtmöglicher Ausmerzung des Zufalls den perfekten Fußball zu entwickeln. Das andere - und das ist es, was die Sache den Fans so verdächtig macht - steht nicht in München, nicht in Dortmund, nicht auf Schalke, sondern in Leipzig, wo der ehemalige Hoffenheim-Chefdenker Ralf Rangnick noch mehr Geld vorfindet. Dass dieser kürzlich im Zusammenhang mit den teuren Transfers von Neymar und Ousmane Dembélé erklärt hatte, er könne sich in den nächsten fünf Jahren keinen 50-Millionen-Transfer bei seinem Projekt vorstellen, also ein knappes Viertel Neymar oder ein drittel bis halber Dembélé, dürfte eher gegen Rangnicks Phantasie sprechen - einstweilen vereint die beiden Labore, dass sie gar nicht so viel Geld in Ablöse investieren, mehr in Technologie.

In die Bundesliga ist Hoffenheim vor knapp zehn Jahren noch mit direkten Investitionen gekommen. 18 Millionen für Carlos Eduardo, Chinedu Obasi, Demba Ba, Per Nilsson und Vedad Ibisevic mögen heute wie Kleingeld aussehen, damals waren es 3,5 Millionen mehr, als Bayer Leverkusen für Arturo Vidal, Theofanis Gekas, Manuel Friedrich und Lukas Sinkiewicz ausgab, fast das Doppelte dessen, was der damalige Deutsche Meister VfB Stuttgart, was Borussia Dortmund für seine Sommer-Transfers investierte. 18 Millionen wären heute schon nicht wenig für einen Zweitliga-Neuling, damals war es gewaltig viel. Mainz 05, um es mal zu vergleichen, ließ sich Daniel Gunkel, Bo Svensson, Srdjan Baljak, Tim Hoogland sowie die Leih-Spieler Wellington und Félix Borja 1,73 Millionen kosten, heute müsste man an die Preise für dieses Kaliber fast schon eine Null anhängen.

Der Meister und sein Schüler? Ob Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann ihre Visionen umsetzen werden und ob's dann eine gute Idee gewesen sein wird, wird die Zukunft zeigen. Möglicherweise dauert's nicht mehr lange. Foto: imagoDas überraschende: So wesentlich gestiegen sind die Hoffenheimer Ausgaben seit dieser Anschubfinanzierung nie. Das teuerste Jahr war die Saison 2012/13, in der Joselu, Eren Derdiyok, David Abraham, Eugen Polanski, Afriyie Acquah, Guilherme Biteco, Filip Malbasic, Luis Advíncula, Igor de Camargo, Heurelho Gomes, Júnior Ponce, Takashi Usami, Patrick Ochs zusammen 26,3 Millionen gekostet haben sollen, fast ausnahmslos völlige Fehleinkäufe waren, Hoffenheim in der Relegation gegen den FCK landete. In diesem Jahr sei die TSG unter 15 Millionen geblieben: acht für Havard Nordtveit, jeweils rund drei für Nico Schulz und Justin Hoogma, der Rest als Leihgebühr an die Bayern für Serge Gnabry.

Stars gibt es in Hoffenheim nicht. Die Leistungsträger sind Leute wie Benjamin Hübner (kam für knapp eine Million aus Ingolstadt), Sandro Wagner (kam für knapp drei Millionenen aus Darmstadt), Kevin Vogt (kam für drei Millionen aus Köln), Mark Uth (kam für gut zwei Millionen aus Heerenveen) - die Ablösen bewegen sich in Bereichen, die Mainz 05 auch zahlen könnte. Die Nebenkosten werden den Unterschied ausmachen, die höheren Gehälter. Die 12- bis 15-Millionen-Transfers von talentierten Franzosen, Portugiesen, Schotten, an die Leipzig sich schon gewöhnt hat, gibt es dagegen nicht. Noch nicht mal so einen Ömer Toprak oder Matthias Ginter oder Maximilian Philipp oder Yunus Malli oder Jhon Córdoba haben die gekauft!

Das ist... was? Verdächtig? Der Weg in die (relative) Bedeutungslosigkeit, in der die TSG Hoffenheim ja tatsächlich einen Großteil ihrer Bundesligazeit zugebracht hat mit fünf zweistelligen Platzierungen in neun Bundesligajahren, einmal Platz neun, einmal Platz acht, einmal Platz sieben, null Europapokalteilnahmen? Der vierte Platz in der vergangenen Saison und damit die ersten Europapokalspiele im zehnten Jahr - nämlich 1:2 und 2:4 in der Champions-League-Qualifikation gegen Liverpool und 1:2 gegen Braga im bisher einzigen von insgesamt mindestens sechs Europa-League-Spielen, in denen Hoffenheim gegen Ludogorets Rasgrad und Istanbul Basaksehir kein krasser Außenseiter ist, deuten an, dass die Sache nämlich eben nicht so einfach ist. Die haben einen Plan, einen anderen.

Neuestes Spielzeug von Julian Nagelsmann ist eine Videowand auf dem Trainingsgelände, um jederzeit während der Trainingseinheit den Spielern Versäumnisse oder Optionen zeigen zu können. Solche Sachen machen dem jungen Trainer offenbar ohnehin Spaß, die Verwissenschaftlichung des Fußballs von der Theorie des als "Laptoptrainer" bezeichneten Rangnick in einen greifbareren Modus zu überführen - möglicherweise mit der Utopie, die Spieler wirklich wie an der Playstation fernsteuern zu können? Sie dazu zu bringen, auf der Basis individuellen Talents über die alltäglichen Trainingsupdates und -upgrades entwickelte komplexe Programme zuverlässig abzurufen? Das Spontane, das gelegentliche Genie zwar zu opfern, das sich aber sowieso mit dem Wahnsinn die Waage hält, wenn man nicht gerade Arjen Robben ist, um damit zwar die Romantik, aber auch den Zufall auszuschließen?

Man muss sich keine Pokémon-Figuren auf die Straße beamen, um die "augmented reality" zu sehen, es reicht, vor zehn Jahren mal William Gibson gelesen zu haben. Oder vor 30 Jahren (minus neun Tagen) auf dem alten Röhrenfernseher die Schauspieler Jonathan Frakes und Brent Spiner in der Holodeck-Kulisse der Enterprise zugesehen. Oder 1922 (!) sich mit Alexander Moszkowski befasst zu haben - diese Evolution von der Utopie (oder Dystopie? Weiß man immer erst nachher) über die Simulation bis in die praktische Umsetzung lässt sich weit in die Vergangenheit zurückführen. Den "augmented football" sehen wir seit Jahren schon jedes Mal, wenn die Abseitslinie eingeblendet wird oder die Nachfolger von Jürgen Klopp und Holger Stanislawski Kringel und Pfeile auf den Bildschirm malen. Und in einer Welt, in der Profifußballer bereits seit Jahren schon Sensoren unter dem Trikot tragen, damit Messdaten ausgewertet werden können, wird der nächste Schritt, sagen wir's mal so vage, kommen. Es wäre keine Überraschung, käme er in Hoffenheim (oder Leipzig) zuerst.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.