Aufstieg oder Tod

Christian Karn. Mainz.
Der FSV Mainz 05 gilt in diesen Jahren als ein Muster an Beständigkeit, als großes Vorbild für jeden Klub, der aus der zweiten Liga nach oben kommt und oben bleiben will. Die sehen einen Verein, der mit bescheidenen Mitteln selbst aufgestiegen ist und inzwischen durch seriöses Wirtschaften aus eigener Kraft Millionentransfers stemmen kann. Das war nicht immer so. In ihrer Vergangenheit krebsten die 05er immer mal wieder am Existenzminimum herum. Gelegentlich mussten sie zocken. Als dritte Folge der Serie "Geschichten von früher" erinnert sich die nullfünfMixedZone heute an den größten Showdown von allen. Der ereignete sich 1988. Höchstes Risiko. All in. Mit zwei möglichen Ausgängen: Aufstieg - oder Tod. Nichts dazwischen. Lesen Sie hier die Geschichte vom wahrscheinlich wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte.

Einer der wahrscheinlich wichtigsten Schlüsselmomente in der gesamten Vergangenheit des FSV Mainz 05 ereignete sich im Frühling 1988. Es könnte am Nachmittag des 7. Mai gewesen sein, vielleicht war es die 69. Spielminute. Die 05er spielten seit zwölf Jahren in der dritten Liga. Die frühen Comebackversuche waren gescheitert: 1978 in der Aufstiegsrunde, 1981 an einer Ligareform. 1982 hingen sie gar in einem der größten Wirtschaftsskandale, die es je in Deutschland gab, und mussten noch einmal ganz vorne anfangen - auch diese Geschichte wird die nullfünfMixedZone im Laufe dieser Serie erzählen.

Mainzer Pokalhelden: 05-Trainer Horst-Dieter Strich und sein Mittelfeldspieler Michael Schuhmacher, der Torschütze zum 1:0-Erstrundensieg des Oberligisten gegen den Bundesligisten FC Schalke 04. Foto: imago

Sportlich erreichten die 05er damals ihren Tiefpunkt: Zweimal Platz 8 in der 3. Liga, 1983 und 1984 unter Trainer Lothar Emmerich. Die gute Jugendarbeit, die Guido Schäfer, Armin Maier, Markus Ott, André Häuser in die erste Mannschaft brachte, verhinderte Schlimmeres und machte den Neuaufbau etwas leichter. Auf Dauer konnte sich der Verein den Drittligafußball mit häufig weniger als 1000 Zuschauern nicht leisten. Sie mussten wieder hoch in den Profifußball. Mit dieser Mission wurde 1984 ein neuer Trainer beauftragt: Horst-Dieter Strich, der 05-Torwart der Saison 1962/63, dem letzten Erstligajahr der Mainzer, der als Trainer nach Wormatia Worms (1982) gerade den VfR Bürstadt in die 2. Liga gebracht hatte.

Strichs erster Erfolg: Die Fans kamen zurück. Der innovative Fußball des neues Trainers, der den 18-jährigen Libero Dirk Scherrer und die Manndecker Michael Wocker und Hans Keller wie eine hoch stehende Dreierkette die gegnerischen Stürmer ins Abseits stellen und die Offensive aggressiv nach vorne spielen ließ, gefiel den Mainzern. Der Zuschauerschnitt verdoppelte sich von 646 auf 1313. Sportlich reichte es in Strichs erster Saison aber nur für die Vizemeisterschaft im Südwesten hinter dem mit viel Geld und einigen Ex-Profis verstärkten FSV Salmrohr. Und es war nur ein kurzes Zwischenhoch. Die Mannschaft fiel zurück ins gehobene Mittelfeld der Oberliga, die Fans blieben wieder zuhause. Sie hatten nicht die Geduld, die Strich für den Aufbau eines Spitzenteams brauchte.

Bis Anfang 2001 alleiniger Rekordspieler des FSV Mainz 05: Libero Michael "Schorsch" Müller. Foto: Mainz 05Das hatten die 05er 1987 weitgehend zusammen. Der Transfersommer 1985 stellte sich als immer gelungener heraus: Auf einen Schlag und ohne den allergrößten Aufwand hatten die Mainzer ihren früheren Torjäger Charly Mähn vom Zweitligisten SC Freiburg zurückgeholt und die Mittelfeldspieler Hendrik Weiß (SV Wiesbaden) und Micky Becker (Eintracht Bad Kreuznach) sowie die Verteidiger Michael "Schorsch" Müller (vom Nachbarn DJK/BSC Mainz) und Michael Schmitt (Hassia Bingen) verpflichtet - fünf Spieler, die insgesamt über 1200 Pflichtspiel-Einsätze für den FSV Mainz 05 absolvieren sollten. Schmitt (1989) und Mähn (1991) mussten unterwegs wegen schwerer Verletzungen aufgeben; Weiß, Becker, vor allem der großartige Libero Müller sowie der bereits 1984 verpflichtete Ex-Bundesligaprofi und langjährige 05-Kapitän Michael Schuhmacher zählten bis weit in die 1990er zu den Stützen des 05-Teams. 1986 feierte diese Mannschaft ihren ersten großen Erfolg: In der ersten Hauptrunde warf sie den großen Bundesligisten FC Schalke 04 durch ein frühes Tor von Schuhmacher aus dem DFB-Pokal. Für einen hochtalentierten jungen Schalker war die Partie am Bruchweg übrigens das letzte Spiel im Profifußball: Michael Skibbe, der spätere Bundestrainer, riss sich ohne Fremdeinwirkung den Meniskus. Heute ist eine solche Verletzung nicht viel mehr als ein Ärgernis, damals bedeutete sie für den 21-jährigen Skibbe die Sportinvalidität und das Karriereende.

Zwei Lücken gab es aber noch im Mainzer Team. Die 05er hatten Torwartsorgen. Slobodan Sujica hatte 1986 keine Arbeitserlaubnis mehr bekommen und musste wieder nach Jugoslawien. Sein Nachfolger Dieter Ingendae, immerhin ein Keeper mit 186 Minuten Bundesligaerfahrung, machte zu viele Fehler und mit dem zweiten Keeper, dem ewigen 05er Manfred Petz, war Strich auch nicht zufrieden. Daher kam 1987 der beste Torhüter des Südwestens, der 26-jährige Stephan Kuhnert von Wormatia Worms. Den Mainzern fehlte ein herausragender Mittelfeldmann. Das wurde der 19-jährige Frank Haun aus dem Nachwuchs des 1. FC Kaiserslautern. Und ihnen fehlte mal wieder ein guter Sturmpartner für Mähn. Das war ein Problem.

Der Mann, für den die 05er alles riskierten: "Der unheimliche Norbert" Hönnscheidt. Foto: Mainz 05Mainz 05 entschied sich für den 27-jährigen Ex-Profi Norbert Hönnscheidt, einen Kasteler mit der Erfahrung von 143 Erst- und Zweitligaspielen, konnte sich aber mit Hönnscheidts Klub, dem 1. FC Saarbrücken, nicht über die Ablöse einigen. Der FCS erteilte keine Freigabe, so dass Hönnscheidt zusätzlich zur sechsmonatigen Reamateurisierungssperre eine weitere sechsmonatige Wechselsperre hätte absitzen müssen. Im Winter kauften die 05er den Stürmer frei - für mehr Geld, als sie sich hätten erlauben dürfen. Finanziell war der Verein damit zum dritten Mal binnen zehn Jahren ruiniert. Vier Monate lang bekamen Mannschaft und Trainer kein Gehalt. "Einzelne Spieler sind zu mir gekommen und haben gesagt, dass ich im nächsten Spiel ohne sie planen soll", erzählte Strich Jahrzehnte später. "Ich habe jedes Mal gesagt, dass sie keine Dummheiten machen sollen. Wir würden Meister werden und dann würden wir das Geld bekommen."

Die Entscheidung fiel am 7. Mai 1988, der vorletzten Partie der Saison, dem Heimspiel gegen Eintracht Trier. Schon vor der Partie hatten die 05er den deutlichen Rückstand auf die Eintracht aufgeholt; sie waren nur noch wegen der Tordifferenz Tabellenzweiter. In einem der besten Spiele ihrer Oberligazeit nahmen sie den Trierern vor sicherlich deutlich mehr als den 7.000 zahlenden Zuschauern mit einem 3:2-Sieg die Tabellenführung ab. Hönnscheidts Treffer zum 1:0 und 2:1 glich die Eintracht noch aus, aber auf Charly Mähns 3:2 in der 69. Minute wusste sie keine Antwort mehr. Micky Beckers Siegtor zum 1:0 bei Südwest Ludwigshafen machte die Meisterschaft offiziell. Und der teure Hönnscheidt schoss die 05er in der mit 12.000, 10.000 und wieder 12.000 Zuschauern in den Heimspielen überragend gut besuchten Aufstiegsrunde mit fünf Toren in die 2. Bundesliga zurück. Der Vabanque-Akt war gelungen: Eine weitere Oberligasaison hätte Mainz 05 nicht finanzieren können.

Strich kam nicht mit in die 2. Bundesliga. Der Erfolgstrainer hatte sich mit dem 05-Präsidenten Bodo Hertlein zerstritten; dieser stolperte im September über diese Privatfehde. Weil Hertlein Strich in seiner Laudatio auf der Jahreshauptversammlung nicht erwähnte, wurde er von einer "Koalition aus Gerechtigkeitsgefühl, Machtstreben und Aufsässigkeit" (Mainzer Rhein-Zeitung), die weder Gegenkonzept noch Gegenkandidaten hatte, kurzerhand abgewählt. Sein Nachfolger wurde der spontan nominierte 37-jährige Jurist Harald Strutz, dessen Vater bereits in den 1950ern 05-Präsident war. Das ist jetzt 26 Jahre her, Strutz ist bis heute Vereinsvorsitzender und stellt sich in diesen Tagen zur Wiederwahl.

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