Auf einen Ouzo mit Sokrates, Obama und Rehhagel

Stefan Nink

Am Anfang ist das Palaver, und das Palaver ist laut. Satzkaskaden prasseln ohne Punkt und Komma, es wird gezischt und geflucht, es wird der Herrgott zum Zeugen berufen und dazu auf den Tisch gedonnert, dass der dickflüssige griechische Kaffee aus den kleinen Tassen schwappt. Ja! Nein! Doch! Niemals! Zeigefinger stoßen Löcher in die Spätsommerluft, nickende Köpfe schieben gegen die stehende Hitze an, Zigaretten glühen auf, werden ausgedrückt, schon tasten nervöse Finger nach der nächsten. Und man versteht. Versteht, weil man die Griechen manchmal verstehen kann, ohne Griechisch zu verstehen: Hier, am Kafénion—Tisch mit seinen leeren Tassen und Gläsern, hier geht es um nichts - und um alles. Um die Show. Die Selbstdarstellung. Um das Griechisch-Sein als solches. Vor allem aber geht es um: Fußball.

Der Figas kam auf Schalke nicht klar

Tripoli-Reisende wissen das möglicherweise schon: So ein Kaffeehaus ist ein Ort, um Grundsätzliches zu klären. Eine Zeitlang mögen sich die Gespräche dort um die Qualität der Souflaki drehen, um die Benzinpreise und die Touristinnen aus Schweden, die gestern angekommen sind und bei Stavros in der Pension wohnen, aber das ist alles Vorgeplänkel. Früher oder später kommt man zum eigentlichen Thema. Früher oder später geht es um Fußball. Um Panathinaikos und Liverpool und Barca und AEK, und dass der Kapino da in Mainz erst mal zeigen könne, was er kann. “Der Figas ist auf Schalke auch nicht klargekommen!” Das ist allerdings schon ein paar Jahre her: Der Mann kickte dort in den Achtzigern. “Wirklich? Kommt mir aber vor, als sei das gestern gewesen!”

Dazu muss man wissen, dass der Grieche an sich generell nur höchst selten zwischen Vorgestern und Heute unterscheidet. Für den Griechen ist Geschichte kein langer, ruhiger Fluss, sondern ein selbstverständliches Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, ein von den Zeitläufen losgelöster Tisch im Schatten, an dem Perikles, Barack Obama, Alexander der Große und Otto Rehhagel an einem Tisch sitzen und Weltpolitik erörtern. Deshalb findet der Grieche auch nichts dabei, zwischen zwei Ouzo über Sokrates zu reden, als habe er mit ihm im Sandkasten Troja nachgebaut. Oder einen entscheidenden Navigationsfehler aus dem Jahre 234 vor Christi zu kritisieren, als sei man eben selbst zu Poseidon auf den Meeresgrund geschickt worden. Er kann sich auch wunderbar über die angeblich viel zu spät erfolgte Einwechslung von Venetidis echauffieren, und wenn man dann einwirft, der habe in Brasilien doch gar nicht gespielt, bekommt man erklärt, dass es auch nicht um Brasilien gehe, sondern um das Halbfinale bei der EM 2004. Man kann es auch so formulieren: So eine Runde kann einem manchmal vorkommen wie eine Mischung aus klassischer Tragödie und dem Ohnesorg-Theater. Mit einem Ball mitten auf der Bühne.

Was passierte? Nichts passierte!

Vor zwei Sommern war Griechenland ja jeden Abend in den Nachrichten: Frau Merkel hatte dem Land einen Sparkurs verordnet, und das halbe Land ging auf die Barrikaden (zumindest sah es bei uns im Fernsehen so aus). In Athen steckten Wutgriechen die deutsche Flagge in Brand, Politiker forderten die Wiedereinführung der Drachme, die großen deutschen Reiseveranstalter strichen Angebote aus ihren Katalogen. Griechenland, so schien es, entwickelte sich zur No-Go-Area. Zu einem Reiseziel, um das man möglicherweise besser einen Bogen schlage sollte. Und was geschah, wenn deutsche Urlauber damals gefragt wurden, woher sie denn kommen würden – was passierte, wenn sie dann "aus Deutschland" antworteten? Nichts passierte dann. Beziehungsweise: Es passierte, was schon immer in Griechenland passiert ist. Man hörte, wie gut doch der Job in Rüsselsheim war, 17 Jahre lang, immer Schichtarbeit. Und dass der Cousin in Berlin ein Restaurant habe und im Winter zu Besuch komme und Nürnberger Bratwürstchen mitbringe, so was eben alles. Vor allem aber bekam man erzählt, wie das mit dem Fußball sei. Bayern, Dortmund und dieser HSV, sollte der nicht mal runter in die Zweite Liga?

Daran hat sich nichts geändert. Die Griechen sind noch immer die Griechen, nett und aufmerksam und gastfreundlich. Und Griechenland ist immer noch Griechenland, das Meer blau, der Himmel blau und die Häuser dazwischen gleißen weiß, und die Fragen, über die man selbst nachgrübelt, sind auch immer noch die alten: Warum haben immer nur drei Tischbeine die gleiche Länge? Wer fertigt diese Korbstühle mit ihren unmöglichen, knallharten Rückenteilen, auf denen man nach zehn Minuten Rückenschmerzen bekommt? Warum lassen sich die Marmeladendöschen beim Frühstück noch immer nicht öffnen, warum schmeckt das erste Glas Retsina noch immer nach Uhu, und warum läuft noch immer die gleiche "Greatest Bouzouki-Hits"-Platte wie schon 1982? Fragen, immer die gleichen Fragen, und niemals Antworten.

Also lasst uns lieber über Fußball reden.

Stefan Nink
Stefan Nink schreibt übers Reisen: Reportagen, Bücher und Romane wie „Donnerstags im Fetten Hecht“ und „Freitags in der Faulen Kobra“. Seine Texte wurden vielfach ausgezeichnet und in 17 Sprachen übersetzt. Er hält Vorträge zu reisephilosophischen Themen und leitet Creative-Writing-Workshops. Im Internet findet man ihn unter www.weltenwalzer.de und www.facebook.com/StefanNinkAutorenseite. Bei Heimspielen der 05er steht er im P-Block.