Analyse fällt „herrlich kritisch“ aus

Jörg Schneider. Mainz.
Nach sieben Spieltagen hat sich der FSV Mainz 05 den ersten Heimsieg dieser Saison gesichert. Der 2:1-Erfolg im Derby gegen den SV Darmstadt 98 war eine komplizierte und holprige Angelegenheit, was allerdings der Zufriedenheit über die Gesamtsituation vor dem Europaliga-Duell gegen den RSC Anderlecht am Donnerstag in der Opel Arena keinen Abbruch tat. „Es ist gut so, wie es ist“, sagte Martin Schmidt. „Ich kann in der Videoanalyse jetzt herrlich kritisch sein und jeder im Team glaubt’s mir. Wenn du 3:0 gewinnst und bist dann kritisch, glaubt’s dir kein Mensch. Und es wäre dasselbe Spiel gewesen.“

Die Zufriedenheit mit dem bisherigen Saisonverlauf ist groß am Bruchweg, auch wenn die Mannschaft des FSV Mainz 05 insbesondere in ihren Heimspielen noch so ihre Probleme hat einen Sieg einzufahren und zwei Gesichter zeigt in den verschiedenen Halbzeiten. „Es ist gut so, wie es ist“, sagte Martin Schmidt jedoch nach dem 2:1-Erfolg am Sonntag gegen den SV Darmstadt 98. Sein Team hat ein kompliziertes Derby gewonnen, dabei sehr starke 45 Minuten und zwei Tore Vorsprung hingelegt, hinten raus seine Schwierigkeiten mit sich selbst, dem Gegner und dessen Spielweise gehabt, aber alles in allem einen verdienten ersten Heimsieg eingefahren. Drei Punkte. Das zählt. Über die Art und Weise, wie dieser Erfolg zustande gekommen sei, rede in ein paar Tagen kein Mensch mehr, vermutete der 05-Trainer.

Viel Verteidigungsarbeit mussten die Mainzer Abwehrspieler (hier Alexander Hack bei einer Kopfball-Klärung) gegen die hohen Bälle der Darmstädter leisten. Das hätte ein weiteres zu Null bringen können, wäre da nicht der fragwürdige Handelfmeter in der Nachspielzeit gewesen. Foto: Ekkie VeyhelmannNach dem starken ersten Durchgang mit vielen hochkarätigen Chancen, die aber nur die 1:0-Führung durch den Treffer von Pablo De Blasis in der fünften Minute einbrachten sowie die Halbzeitführung, die Jonas Lössl mit dem gehaltenen, unberechtigten Elfmeter sicherte, war der Spielfluss weg. Die Darmstädter suchten die Offensive, bedrängten die 05er massiv und hielten die Partie immer latent auf der Kippe. „In der zweiten Halbzeit haben wir zu wenig Fußball gespielt, da hatten wir eine zu schlechte Passquote, um das Spiel zu dominieren“, kritisierte der Trainer. „Wir haben aber das zweite Tor gemacht. Den Rest haben wir zu Ende verteidigt und am Schluss einen Sieg eingefahren. Einen Derbysieg. Wir brauchen auch solche Siege. Das haben wir erreicht, ohne in Euphorie zu verfallen.“

Dazu bestehe trotz der guten Tabellen- und Ausgangsposition zu Beginn dieser neuen Serie der Englischen Wochen kein Anlass. „Jeder Spieler weiß, in welcher Form er war. Wir hatten drei, vier Spieler, die nicht in Bestform waren und die in der Länderspielpause etwas aus dem Tritt gekommen sind. Jetzt gilt es, die Fahrt wieder aufzunehmen, in den Flow zu kommen und wieder solider Fußball zu spielen“, sagte Schmidt, der diese Leistungs-Schwankungen innerhalb einer Partie nicht außergewöhnlich empfindet. „Ich kenne fast keine Bundesliga-Mannschaft, die 90 Minuten am Stück ein Top-Spiel abliefern kann. Es gibt welche, aber wir gehören da noch nicht dazu. Wir kriegen auf vier Spiele ein Top-Spiel hin, kriegen gute Halbzeiten hin. Wir sind auf einem gutem Weg, aber in der Endphase der Stabilität sind wir noch nicht angekommen.“

Trotzdem haben die Mainzer mit diesem Derbysieg ihr Punktekonto auf gute elf Zähler verbessert, sich Platz sieben erobert und sich wieder in die Tabellenregion gehoben, von der aus es in der vergangenen Saison direkt in die Europaliga ging. „Der Sieg im Heimspiel gibt uns ein gutes Gefühl“, sagte der 49-Jährige. „Gewonnen, aber nicht brilliert. Wenn du jetzt hier noch irgendwann ein drittes Tor reinwurschtelst, dann kriegst du die Spieler fast nicht mehr runter. Dann gehst du mit Euphorie ins nächste Spiel und kriegst am Donnerstag die Quittung.“ So aber könne er nun in der Aufarbeitung des Derbys seine Spieler trotz des Erfolges kritisch angehen. „Ich kann in der Videoanalyse jetzt herrlich kritisch sein und jeder im Team glaubt’s mir. Wenn du 3:0 gewinnst und bist dann kritisch, glaubt’s dir kein Mensch. Und es wäre dasselbe Spiel gewesen.“

Alles im grünen Bereich

Alles im grünen Bereich also. Drei Punkte als Unterstützung für die nächste Aufgabe in der Opel Arena am Donnerstagabend gegen den RSC Anderlecht. Der belgische Rekordmeister hat sich am Wochenende mit einem 1:0-Sieg gegen den KSC Lokeren an die Spitze des Klassements gesetzt und wird sich auch in Mainz als eine harte Nuss präsentieren, die es zu knacken gilt. „Das ist ein neues Spiel. Wir werden uns ab Montag neu darauf vorbereiten“, sagt Schmidt. „Ich habe im ersten Block festgestellt, die Spieler merken, dass die Europaliga ein ganz anderer Wettbewerb ist. Da wird taktiert. Da geht’s ums Weiterkommen in der Gruppenphase, das hat eher Turnier-Charakter. Wir freuen uns darauf, uns wieder europäisch zeigen zu können gegen einen hochkarätigen Gegner.“

Sie werden gegen den international erfahrenen Spitzen-Klub aus dem Nachbarland besser Fußball spielen müssen als gegen die Darmstädter. Das wissen die Beteiligten. Vor allen Dingen im zentralen, defensiven Mittelfeld stellten sich gegen die aggressiv anlaufenden Lilien und deren ganz auf lange und höhe Schläge nach vorne sowie auf Standardsituationen abgestimmtem Spiel Probleme ein. Jean-Philippe Gbamin und Daniel Brosinski, vor der Pause effektive Balljäger, Schlepper und Verteiler brachten kaum noch Ordnung in die Reihen, leisteten sich unter Druck Abspielfehler im Aufbau. „Die haben sich ein paarmal verzettelt“, bemerkte Schmidt. „Da haben wir uns schwer getan. Da waren auch die Abstände zu groß. Brosinski ist ein sehr guter Sechser, wenn wir gegen den Ball arbeiten und erobern, er ist aber halt nicht der Spielmacher, sonst würde er das ja seit Jahren spielen. Er ist da am Lernen. Wir haben uns so entscheiden, weil Brosi einen guten Ball spielen kann, weil wir wussten, dass es so laufen musste wie es in der ersten Halbzeit gelaufen ist.“ Suat Serdar und Gbamin waren dem Coach in der Kombination zu ähnlich. „Da wollten wir einen anderen Typ haben. Aber da haben wir die Bälle zu einfach verloren. Das gibt dann so eine Gemengelage, in der es nicht schön aussieht.“

Fabian Frei sei noch keine Option gewesen. Der Schweizer kann mit seinen technischen und strategischen Fähigkeiten eine solche Partie besser ordnen. „Für ihn wäre es zu früh gewesen. 60 Minuten haben wir ihm nach der Verletzung noch nicht zugetraut. Ich kann ihn nicht in die Startelf stellen und schon zur Pause wechseln. Wenn es dumm läuft, muss er dann plötzlich durchspielen und läuft erneut in eine Verletzung“, erklärte der Coach. Dasselbe habe für Leon Balogun gegolten. Für den Donnerstag seien beide aber mit im Boot. Ebenso Jairo Samperio. Der Spanier wird nach der langen Pause jedoch eher die Joker-Rolle von der Bank aus übernehmen. „Den bringen wir, wenn wir kontern müssen.“

 

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