Absturz ohne Vorwarnung

Christian Karn. Mainz.
Auf dem Höhepunkt ihrer Historie brach bei den 05ern vor 32 Jahren auf einen Schlag alles zusammen. Nach dem Unfalltod des Vorsitzenden Jürgen Jughard stand der neureiche neue Deutsche Amateurmeister auf einmal vor einem gewaltigen Schuldenberg und hatte sogar die Staatsanwaltschaft im Haus. Innerhalb der Reihe "Geschichten von früher" erzählt die nullfünfMixedZone, warum sich der FSV Mainz 05 1982 zum zweiten Mal binnen sechs Jahren fast komplett neu aufstellen musste und wie der Verein auch diese Krise überstand.

Am 17. Juni 1982 war Mainz 05 ganz oben. Deutscher Meister! Zwar nur der Amateure - aber zum ersten Mal gewannen die 05er einen überregionalen Titel im Fußball. Ermöglicht hatte das der neue Vorsitzende der 05er: Jürgen Jughard, ein stadtbekannter Mäzen, der dem Verein schon 1972/73 einmal geholfen hatte, auch Fastnachtsvereine finanzierte und in den 1970ern die SG Harxheim in die vierte Liga gehievt hatte. Die seit dem freiwilligen Abstieg von 1976 wirtschaftlich klammen 05er hatten 1980 erneut mit Jughard über eine Zusammenarbeit verhandelt und schließlich dessen Bedingungen erfüllt. Der Finanzier wurde Präsident und Autokrat eines in dieser Phase freilich reichlich naiven Vereins.

Wichtige Neuzugänge aus den Jughard-Jahren: Oben v.l. die Rückkehrer Jürgen Janz, Gerhard "Bimbo" Bopp und Herbert Scheller, unten Ludwig Scherhag, Helmut Wagner und Jürgen "Schorsch" Menger.Augenblicklich floss das Geld in einem für die Oberliga selten gesehenen Ausmaß. Ob es um ein Dach für die Gegengerade ging, ganz profan um Sportartikel oder um eine neue Mannschaft: Jughard bezahlte die Rechnungen. So kam Jürgen Janz zurück und wurde der überragende Vorstopper der Oberliga Südwest. So kam der torgefährliche Offensivallrounder Ludwig Scherhag, der Star der TuS Neuendorf, nach Mainz. 1981 leisteten sich die 05er sogar einen Profi, den in Mainz legendären Verteidiger Herbert Scheller vom Bundesliga-Absteiger TSV München 1860, der fünf Jahre nach seinem Wechsel vom Bruchweg zum 1. FC Kaiserslautern zwar schon 33 Jahre alt war, aber immer noch hervorragend in Schuss. Aus Kastel kam die Tormaschine "Bimbo" Bopp zurück, aus Pirmasens kamen die Offensivtechniker Karl-Heinz Halter und Helmut Wagner - kurz: Die 05er kauften sich eine spektakuläre Mannschaft zusammen, mit der in der Oberliga nicht viele mithalten konnten. Eine Frage musste man sich dabei jedoch verkneifen: Woher das Geld kam. Diese Frage mochte Jughard nicht. "Dann reagierte er sofort gereizt und verärgert", sagte sein Vorgänger und Vizepräsident Dr. Wolfgang Enders.

Den Wiederaufstieg schafften die 05er nicht. 1981 wurden sie mit sechs Punkten Vorsprung Oberligameister, aber just in jener Saison wurde die 2. Liga von zwei Staffeln auf eine reduziert und niemand durfte aufsteigen. 1982 war der FC Homburg noch ein bisschen besser, aber als Vizemeister qualifizierten sich die 05er für die Endrunde um die Deutsche Amateurmeisterschaft. Und machten den Tag der Deutschen Einheit vom National- zum Stadtfeiertag, indem sie am Bruchweg vor 7.000 Zuschauern das Endspiel gegen die Amateure von Werder Bremen 3:0 gewannen. Mit dieser Mannschaft, vielleicht mit weiteren Verstärkungen, auch wieder in den Profifußball zu kommen, sollte nur noch eine Frage der Zeit sein.

Mit dieser Mannschaft wollten die 05er nach der Amateurmeisterschaft den Wiederaufstieg weiter anstreben. Zweiter von rechts: Präsident Jürgen Jughard, der wenig später ums Leben kam.Mitten in die luxuriösen Feierlichkeiten - sogar eine Tour nach Asien war für den kommenden Sommer geplant - platzte am 21. August die Nachricht von einer Katastrophe: Jughard war tot. Der 05-Chef war bei Koblenz gegen einen Brückenpfeiler gefahren und hatte - im Gegensatz zu seiner Gattin auf dem Beifahrersitz - den Aufprall nicht überlebt. Und auf einmal interessierte sich sogar die Staatsanwaltschaft für die 05er.

Denn Jughard war nicht nur der Mäzen eines neureichen Provinzvereins in der Oberliga. Er war auch der Generalbevollmächtigte des größten europäischen Leasingkonzerns, der Deutschen Anlagen Leasing in Weisenau. Dass die DAL sich in einer kritischen Lage befände, das Gerücht gab es schon seit ein paar Monaten in der Stadt und in Wirtschaftskreisen. In den folgenden Wochen wurde die Situation immer dramatischer. Ein Wirtschaftsskandal kam nach und nach an die Öffentlichkeit, den es in diesem Ausmaß in Deutschland noch nie gegeben hatte. Hochrangige Politiker hingen mittendrin, vier Landesbanken, rund 800 Firmen aller Branchen, von der Achterbahn über Hotels, Arztpraxen, Flugzeuge, Schiffe bis zum Atomkraftwerk. Leasingverträge, Mietverhältnisse, Finanzkonstruktionen. Ein kaum zu überblickendes Gewirr, dem, wie sich herausstellte, jedes Fundament fehlte. Der wirtschaftliche Gesamtschaden: 3,2 Milliarden Mark. Und womöglich die Schlüsselfigur der Affäre: Der soeben verstorbene Jürgen Jurghard.

Über die Hintergründe seines Todes kursierten augenblicklich die wildesten Theorien. Die Selbstmordthese hielt den Gutachtern nicht Stand. Manch einer glaubte gar an einen Anschlag. Oder war es doch nur ein Unfall? Die Ermittler mussten irgendwann kapitulieren. Es ließ sich nicht absolut aufklären.

Mainz 05 spielte in dieser Geschichte nur eine kleine Rolle, aber eine, die dem Verein sehr weh tat. Denn jetzt kamen die Rechnungen. Vorstandsmitglied Jürgen Gabriel erklärte: "Jughard konnte ganz schlecht nein sagen." Wenn die 05er etwas wollten, bekamen sie es. "Eine normale Buchführung hatten wir damals nicht", erinnerte sich Dr. Enders. "Jughard hat gesagt, wir müssten uns darum nicht kümmern. Er würde alles regeln. Wir haben uns die Nachfragen abgewöhnt. Das Geld war da und wir waren die Ja-Sager. Wir sind davon ausgegangen, dass es aus Jughards Vermögen stammt."

Der Etat für die Saison 1982/83 brach zusammen. Die 05er konnten bestehende Rechnungen nicht bezahlen, bekamen kein externes Geld mehr, hatten plötzlich 400.000 Mark Schulden. Spielergehälter mussten reduziert werden. Bankkredite mussten her, für die die Vorstandsmitglieder mit ihrem Privatvermögen bürgten. Die 05er überlebten, aber mit Mühe. Über den Wiederaufstieg dachten sie erst einmal nicht nach.

Zwei der letzten Jughard-Einkäufe: Rückkehrer Werner Orf und Torjäger Norbert Otto.Immerhin blieb die Mannschaft einigermaßen beisammen. Jughards letzte Neuzugänge traten trotz der veränderten Situation an: Werner Orf, der nach 36 Zweitligaspielen für die SpVgg Fürth nach Mainz zurückkam und Norbert Otto, der Torjäger der Amateure von Eintracht Frankfurt. Jedoch funktionierte das Team nicht besonders gut. "Nach 60 Spielen ohne Pause waren die Jungs kaputt", sagte Trainer Herbert Dörenberg im Herbst. "Ich musste im provisieren. Die Mannschaft ist praktisch untrainierbar." Durch die Krise waren die Spieler nicht nur körperlich, sondern auch psychisch am Boden. Im Laufe der Hinrunde war der Vorsprung auf die Abstiegsplätze bedenklich klein; die 05er wurden Achter. Dörenberg war in den letzten Spielen nicht mehr dabei: Seinen Abschied im Sommer hatte der Trainer schon im Februar angekündigt. Im März eskalierte ein Streit zwischen dem Coach und Manager Helmut Höfels und Dörenberg ging. 

Unter seinem Nachfolger Lothar Emmerich, dem Vizeweltmeister von 1966, wurde die Misere nur noch größer: Zuhause waren die 05er 1983/84 immer noch eine Macht, aber auswärts kassierte die dramatisch unterbesetzte Mannschaft immer wieder fünf, sechs, sieben Gegentore: 0:5 beim FK Pirmasens, 1:6 in Salmrohr, 1:7 in Homburg, 2:7 in Worms. Dafür gab es mehrere Gründe: Die Mischung aus Mann- und Raumdeckung, die Emmerich einführen wollte, funktionierte nicht. Die Topstürmer Charly Mähn und Norbert Otto waren nicht mehr dabei. Für guten Ersatz fehlte das Geld. Die 05er, die ihrem A-Juniorentrainer kündigen und ihr Bezirksligateam abmelden mussten, beschäftigten sich mit dem Kasteler Stürmer Bruno Hübner, der beim FCK nicht mehr gebraucht wurde, konnten aber die Ablöse nicht zahlen. 

Wie im Vorjahr reichte es nur für den achten Platz in der dritten Liga. So tief im Niemandsland des unterklassigen Fußballs wie acht Jahre nach der Lizenzrückgabe fand sich der Verein nie wieder. Am Ende wollte kaum noch jemand dieses Elend sehen. Keine 300 Zuschauer besuchten das letzte Heimspiel gegen Röchling Völklingen.

Warum es ab 1984 wieder bergauf ging, lesen Sie hier.

Weitere Geschichten von früher

1. Im Staube sozialisiert

2. Die Schule fürs Leben

3. Aufstieg oder Tod

4. Meenzer Bube und Berliner Jungs

5. Rheinhessensamba

6. Die dunklen Jahre

7. Die Zahnpastamannschaft

8. Geordneter Rückzug

9. "Wir haben einen neuen Deutschen Meister - FSV Mainz 05"

 

10. Absturz ohne Vorwarnung

 

Als nächstes erscheint: Die vergessene Erfolgsmannschaft - die 1968er

 

 

► Alle Artikel zur Historie

► Zur Startseite