Abschussrampe im Belastungstest

Jörg Schneider. Mainz.
Ein einziges Heimspiel hat der FSV Mainz 05 seit 2010 in 13 Begegnungen gewonnen gegen Borussia Dortmund. Gegen Ex-05-Trainer Thomas Tuchel haben die Mainzer bisher alle drei Duelle verloren. Das soll sich nun ändern. Zum Rückrundenauftakt heute (17.30 Uhr) in der ausverkauften Opel Arena sehen die 05er eine gute Chance, ihre miserable BVB-Bilanz etwas aufzupolieren und den fünften Heimsieg dieser Saison zu landen. Voraussetzung dafür wird eine überragende Defensiv-Leistung und ein präzises, zielstrebiges Umschalt- und Konterspiel sein. „Denn bei allen Stärken des Gegners gibt es doch Anfälligkeiten in deren Defensive. Da gibt es für uns Möglichkeiten Chancen zu kreieren“, sagt Martin Schmidt.

Zum Start vor einer Woche ging’s noch eher schleppend und verhalten zu. An diesem 18. Spieltag jedoch hat die Bundesliga mächtig Fahrt aufgenommen. Der Rückrundenauftakt war bisher eine höchst unterhaltsame Angelegenheit mit interessanten Ergebnissen, die teilweise so nicht unbedingt zu erwarten waren. Vor allem in dem Tabellenbereich, in dem sich der FSV Mainz 05 aufhält, ging verstärkt die Post ab, ist die Konkurrenz eng zusammen gerückt. Schalke 04 und Bayer Leverkusen haben sich durch die Niederlagen gegen Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach nicht absetzen können. Die Gladbacher sind an die Mainzer herangerückt, genauso wie der FC Augsburg durch den Sieg in Wolfsburg. Und auch dieser Sonntag hat es in sich, wenn sich zunächst der SC Freiburg und Hertha BSC duellieren, bevor dann die 05er im Heimspiel-Knüller um 17.30 Uhr in der Opel Arena Borussia Dortmund empfangen und den Spieltag komplettieren.

Bisher hat BVB-Trainer Thomas Tuchel alle Duelle mit seinem EX-Klub gewonnen. Pablo De Blasis und dessen 05-Kollegen sollen dies zum Rückrundenauftakt heute ändern. Foto: Ekkie VeyhelmannFür das Team von Martin Schmidt der richtige Zeitpunkt, um unter Beweis zu stellen, ob die zuletzt häufig angeführte und gepriesene Heimstärke ausreicht, um erstmals in dieser Saison auch gegen eines der Top-Teams der Liga zu bestehen. Die Motivation auf Seiten der Mainzer ist groß. Die Bilanz gegen den Spitzenklub ist miserabel. Seit 2010 gab es in 13 Aufeinandertreffen nur einen Erfolg gegen die Dortmunder, der aus dem September 2014 resultiert, als den 05ern in der Arena ein 2:0 gelang. Seit der Ex-05-Trainer Thomas Tuchel in Dortmund das Sagen hat, verlor die Schmidt-Elf alle drei Spiele. Es wäre also mal an der Zeit, die Negativ-Serie zu beenden und sich mit einem weiteren Überraschungsergebnis einzureihen in diesen turbulenten Spieltag. „Es ist klar, dass wir auf einen gefährlichen, top eingestellten Gegner treffen, der gerade hier hochmotiviert auftreten wird und eindeutig der Favorit ist“, sagt Sportdirektor Rouven Schröder. „Doch wir wollen mit aller Macht dagegenhalten, unsere Leistung abrufen und etwas Zählbares mitnehmen.“ Denn optimal läuft es in dieser Spielzeit für Tuchel und dessen Profis nicht, vor allem auswärts nicht.

Die Tuchel-Elf hängt gemessen an ihrer Kader-Qualität und ihrem eigenen Anspruch punktemäßig doch um Einiges hinterher, belegt vor dem Auftritt in Mainz mit 30 Zählern Platz fünf. So richtig aussagekräftig, was den aktuellen Leistungsstand der Gäste angeht, ist dies allerdings nicht. Das weiß auch der 05-Coach, der sich deshalb zuallererst mit den Stärken dieses Gegners beschäftigt. „Ihr unheimlich sicheres Pass- und Positionsspiel, das sehr prägnant ist. Die eingespielten Spielzüge. Immer wenn der Gegner einem Schachzug von Dortmund etwas entgegenhält, kommt der nächste Zug. Manchmal sind sie zwei, drei Züge voraus“, betont Martin Schmidt. „Das ist schwer zu verteidigen und sich darauf einzustellen. Ihre individuelle Qualität ist groß. Wenn Dembelé Tempo aufnehmen kann mit dem Ball am Fuß, wenn ein Tempodribbler wie Reus reinläuft, wenn ein Aubameyang in die Tiefe starten kann, dann wird es irgendwann brenzlig. Deshalb muss man Dortmund als Team verteidigen. Mit hoher Lauf-Intensität und Zweikampfstärke.“ Und dann müsse ein mutiges Umschalt- und Konterspiel von Mainz 05 kommen. „Denn bei allen Stärken des Gegners gibt es doch Anfälligkeiten in deren Defensive. Da gibt es für uns Möglichkeiten Chancen zu kreieren. Die müssen wir uns suchen und ausspielen. In der Präzision brauchen wir dafür natürlich einen sehr guten Tag“, sagt der 49-Jährige und fügt hinzu: „Ich glaube aber, wenn wir unsere Laufintensität und unser Konterspiel mit reinnehmen, sind die Chancen da, auch dieses Spiel daheim zu gewinnen.“

Selbstvertrauen aus dem Köln-Spiel gezogen

Auch wenn’s zum Jahresauftakt zu Hause gegen den 1. FC Köln nur zu einem torlosen Unentschieden reichte für die 05er, die Partie, das betonen alle Beteiligten immer wieder, war für die eigene Mentalität und fürs Selbstbewusstsein sehr wichtig. Weil das Abwehrverhalten stimmte im Verbund, weil am Ende die Null stand. „Wir haben uns aus dem Köln-Spiel großes Selbstvertrauen geholt. Das Spiel von Mainz 05 basiert auf der Defensive. Unsere ganze Stärke kommt aus einer defensiven Kompaktheit. Das ist faktisch unsere Abschussrampe. Von da schießen wir die Pfeile nach vorne. Wenn die Abschussrampe solide ist und ein gutes Fundament hat, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass wir ins Ziel treffen. Je mehr Pfeile wir abschießen, desto größer ist die Chance, dass wir das Ziel treffen“, erklärt Schmidt. „Wir haben jetzt eine große Prüfung gegen Dortmund. Das ist der Belastungstest schlechthin für uns. Je besser wir verteidigen, desto größer wird unser Selbstbewusstsein. Wir wissen, dass wir Tore schießen können, dass wir da in der Liga zu den Besseren gehören und dass wir das auch wieder hinkriegen.“

Die Nachricht, dass Pierre-Emerick Aubameyang nach dem Ausscheiden von Gabun im Afrika-Cup heute in Mainz wieder zum BVB-Kader gehört und der Extra-Klasse-Torjäger wohl auch spielen wird, hat bei den 05ern keine erhöhte Nervosität ausgelöst. „Wir haben das zur Kenntnis genommen“, sagt der Trainer. „Wenn ein Aubameyang spielt, kommt dafür eine andere Größe nicht beim BVB zum Zug. Wenn Aubameyang nicht kommt, kommen Schürrle, Götze, Guerreiro oder Pulisisc. Das ist egal. Das ist eine so hohe Qualität. Wenn da ein Reus, Aubameyang, Dembelé, Castro und Kagawa in der ersten Linie auflaufen, dann sind Schürrle, Götze, Pulisic, Guerreiro draußen. Wenn einer nicht spielt, ist der nächste, der kommt, genauso gut mit einer anderen hohen Individualität.“ Schmidts Erkenntnis daraus: „Wir müssen die gesamte Mannschaft des BVB verteidigen, nicht nur Aubameyang.“

Mit welchem Personal der 05-Trainer die Aufgabe bewältigen will, hat der 49-Jährige bisher offen gelassen. Vorne dürfte es keine Änderung geben. An der Doppelspitze mit Yoshinori Muto und Pablo De Blasis, mit Jairo Samperio und Levin Öztunali auf den Flügeln geht derzeit kein Weg vorbei, da Jhon Cordoba ein letztes Mal gesperrt fehlt. Zumal die schnelle Außenbahn-Alternative Karim Onisiwo noch im Aufbautraining steckt und für einen Einsatz nicht in Frage kommt. Im Defensivbereich könnte es allerdings Veränderungen gegenüber der Vorwoche geben. Jean-Pierre Gbamin, Giulio Donati oder André Ramalho, die es gegen Köln nicht in die Startelf geschafft hatten, bieten sich dem Coach als Optionen an. Leon Balogun dagegen steht nicht zur Verfügung. Der Innenverteidiger befindet sich nach Oberschenkelproblemen noch im Aufbautraining.

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