Abschied von einem Torjäger

Christian Karn. Mainz.
Der FSV Mainz 05 hat einen seiner ganz großen Helden verloren. Bereits am vergangenen Freitag verstarb im Alter von 88 Jahren der ehemalige Spieler und Trainer Karl-Heinz Wettig. Der Stürmer spielte mit Unterbrechungen von 1945 bis 1959 für die 05er; mit 82 Toren in 207 Oberligaspielen zählt Wettig heute noch zu den erfolgreichsten Torjägern der 05er.

Vor dem Jubiläumsspiel gegen Manchester City führt Mannschaftskapitän Karl-Heinz Wettig (links) die 05er auf den Platz.Der als "ausgemachtes Schlitzohr" charakterisierte Stürmer kam 1945 von seinem Stammverein, dem MTV 1817 in der Oberstadt, zu den 05ern. Bis 1950 schoss er in 83 Spielen 32 Tore. In der Saison 1950/51 spielte Wettig für den 1. FC Kaiserslautern (16 Spiele/11 Tore, drei davon beim 7:1 in Mainz), mit dem er Südwestmeister wurde. Weil er vom jungen Horst Eckel verdrängt worden war, schloss sich Wettig im folgenden Jahr Phönix Ludwigshafen an. Mit 18 Toren in 28 Spielen war dies die erfolgreichste Saison in der Karriere des Angreifers. 1952 wechselte der Außenstürmer zurück zu den 05ern, schoss in 108 Spielen weitere 44 Tore, unter anderem drei beim berühmten 5:2 gegen den FCK. Wegen eines nicht näher beschriebenen Eklats in einer Spielersitzung wurde Wettig 1956 suspendiert, wechselte zu Wormatia Worms, kam aber nach zwei Jahren 1958 erneut zu den 05ern zurück. Erstmals war er am Bruchweg kein Stammspieler mehr, schoss nur noch sechs Tore und beendete ab 1959 seine Karriere als Spielertrainer bei Neuchâtel Xamax in der Schweiz. 1958 war er in Köln gemeinsam mit dem langjährigen Frauen-Bundestrainer Gero Bisanz und der Bundesliga-Legende "Tschik" Cajkovski zum Trainer ausgebildet worden.

Insgesamt soll Wettig in 432 Spielen für den FSV Mainz 05 249 Tore geschossen haben; angesichts der großen Zahl an nicht dokumentierten Freundschaftsspielen lässt sich das nicht überprüfen. In Pflichtspielen ist er nach "Bimbo" Bopp, Charly Mähn, Gerd Klier und Paul Lipponer senior der fünftbeste Torjäger der 05er, in der Oberliga mit Abstand der erfolgreichste Stürmer.

Karl-Heinz Wettig bedrängt den City-Torwart Bernd Trautmann.

Wettig, im Alltag städtischer Beamter, war ein hochtalentierter Dribbler, ein variabler Angreifer, der zunächst als Mittelstürmer eingesetzt wurde, bereits ab 1949 fast nur noch auf den Flügeln. Die rechte Seite war seine Stammposition, bei den 05ern spielte Wettig jedoch ab 1953 jahrelang als Linksaußen, um rechts Platz für Bernd Christ zu schaffen.

Als sich die 05er im März 1968 unter merkwürdigen Umständen von ihrem Trainer Erich Bäumler trennten, wurde Wettig dessen Nachfolger. Bis zum Saisonende gewann er vier von sieben Spielen und verlor nur eins, verpasste aber schließlich die Bundesliga-Aufstiegsrunde. Im folgenden Jahr steckte Wettig mit den 05ern tief in der Krise: Teils unfreiwillig hatte der Verein die Mannschaft deutlich verjüngt: Wichtige Spieler hatten die 05er verlassen, andere waren lange verletzt. Für gleichwertigen Ersatz war kein Geld da. Nach einem missratenen Start mit drei Niederlagen sah sich der Verein in einer latenten, jedoch nie so wirklich akuten Abstiegsgefahr: Weil andere Klubs monatelang überhaupt nicht in die Gänge kamen, hatten die 05er die ganze Saison über drei bis fünf Punkte Vorsprung auf die Abstiegsränge. Richtig bedrohlich wurde es nie. Nach der Saison wurde Wettig durch Erich Gehbauer abgelöst. Vorher und nachher war Wettig Trainer bei weiteren Mainzer Klubs, unter anderem beim damals noch hochklassigen SV Weisenau. 1977 beendete Wettig auch seine Trainerkarriere.

Am vergangenen Freitag verstarb der große Torjäger Karl-Heinz Wettig im Alter von 88 Jahren.

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