Abnutzungskampf ohne Offensive

Jörg Schneider. Mainz.
Schön anzuschauen war es nicht für die knapp 34.000 Zuschauer in der Opel Arena. Die Neuauflage des Rhein-Main-Derbys, von Taktik, Zweikämpfen und Fehlern geprägt, geriet zu einer extrem zerfahrenen Veranstaltung, in der sich beide Mannschaften weitgehend neutralisierten und keine Lösungsansätze im Offensivspiel fanden. Dass die Partie zwischen dem FSV Mainz 05 und Eintracht Frankfurt mit einem Unentschieden endete, war folgerichtig. Das 1:1 resultierte aus einem Abnutzungskampf, der keinen Gewinner verdient hatte. „Nicht genug getan, um als Sieger vom Platz zu gehen“, kommentierte Eintracht-Coach Niko Kovac nachher. „Objektiv betrachtet geht das Ergebnis in Ordnung.“

Das Blatt Papier mit den ausgedruckten statistischen Werten, das nach Bundesligaspielen im Medienbereich verteilt wird, diente Niko Kovac als Argumentationshilfe. „Wenn ich mir den Zettel anschaue, dann gibt er genau das Ergebnis wieder“, sagte der Trainer von Eintracht Frankfurt nach dem 1:1 seiner Mannschaft im Derby beim FSV Mainz 05 am Freitagabend in der Opel Arena. Ballaktionen 51 zu 49 Prozent für die Mainzer, genauso die Zweikampfquote. 75 zu 74 Prozent die Passquote für die Eintracht. Fünf zu fünf Ecken. „Es war ein sehr ausgeglichenes Spiel über 90 Minuten. Zweite Halbzeit war Mainz die dominante Mannschaft, ohne großartig Torchancen zu kreieren. In der ersten Hälfte haben wir das auch ganz ordentlich gemacht. Objektiv betrachtet geht das Ergebnis in Ordnung, von daher Gratulation an Mainz und Sandro für den Punktgewinn, Gratulation auch an uns“, sagte der Gästecoach.

Am Dienstag noch Siegtorschütze im Pokal, leitete Daniel Brosinski diesmal den Gegentreffer ein, als er sich in einer unnötigen Aktion an der Grundlinie den Ball von Marius Wolf wegspitzeln ließ. Foto: Ekkie VeyhelmannDie knapp 34.000 Zuschauer im Stadion dürften allerdings nach diesen 90 Minuten im Nachbarschaftsduell kaum das Gefühl verspürt haben, dass man den beiden Teams zu dieser Vorstellung unbedingt gratulieren müsste. Dieses Derby war eine äußerst zähe Angelegenheit, noch zäher und zerfahrener, noch wilder und fehlerbehafteter als die Auseinandersetzungen der Vergangenheit. Eine Partie, die aufgrund ihrer fehlenden Offensivszenen und Aktionen vor den beiden Toren auch keinen Sieger verdient hatte. Die Ersteller der Statistik, die Kovac zuvor angesprochen hatte, müssen im Sektor Torschüsse anscheinend auch die Rückgaben zum Torhüter mitgezählt haben. Denn die aufgeführten acht Torschüsse der Frankfurter gegenüber sieben der 05er schafften es nicht unbedingt in die Notizblöcke der Berichterstatter, die über die Möglichkeiten im Spiel Buch führten. Die Eintracht hatte nach zwei Minuten ihre einzige Torchance der ersten Hälfte. Da der Schuss von Ante Rebic am Tor vorbei ging, taucht die Aktion in der Torschuss-Statistik nicht einmal auf. Die Mainzer hatten vor der Pause nicht eine einzige Torgelegenheit. Der Abschluss von Pablo De Blasis nach einem der wenigen ansprechenden Spielzüge, war eine bessere Rückgabe.

Den Führungstreffer der Frankfurter erledigten die 05er selbst mit einer haarsträubenden Aktion, die an Unnötigkeit nicht zu überbieten war, weil überhaupt keine Gefahr im Verzug war. Daniel Brosinski hätte auf der linken Abwehrseite den Ball nur ins Seitenaus befördern müssen und es wäre Ruhe gewesen. Stattdessen wollte Brosinski mit besonderer Coolness die Kugel gegen Marius Wolf bereits zehn Meter vor der Grundlinie abschirmen und ins Aus trudeln lassen. Der Eintracht-Verteidiger spitzelte dem verdutzten 05-Profi jedoch den Ball weg, marschierte ungehindert die Linie entlang Richtung Tor, weil kein Mainzer zur Unterstützung herausrückte. Torhüter Robin Zentner fälschte den Querpass unglücklich ab, so dass der Ball von Stefan Bells Schambein ins Netz sprang. Eine Aktion, die irgendwie passend zu diesem merkwürdigen Spiel erschien.

Zwei Halbzeit mehr Aktivität

In der zweiten Hälfte war es vor allem auf Mainzer Seite dann etwas aktiver, obwohl wieder die Frankfurter die erste und einzige Chance herausspielten. Doch Rebics Drehschuss stellte kein Problem für Zentner dar. Danach gab es etwas mehr Alarm im Frankfurter Strafraum, ohne dass allerdings dabei entscheidende Dinge heraussprangen. Nach einer guten Aktion, beginnend mit einem Einwurf von Brosinski und einer Kopfballverlängerung von Yoshinori Muto donnerte De Blasis freistehend im Strafraum die Kugel Richtung Autobahn,  Muto forderte zweimal nach Eintracht-Attacken im Strafraum Elfmeter, den der Japaner nicht erhielt. Die Mainzer schafften trotzdem den Ausgleich, weil sich ihre größere Aktivität gelegentlich in vernünftigen Offensivaktionen niederschlug. So, wie in dieser 71. Minute als Danny Latza einen von der Eintracht-Abwehr nicht geklärten Ball in den Strafraum auf Muto spielte, der die Kugel zu De Blasis am zweiten Pfosten beförderte. Der Argentinier köpfte ins Zentrum, wo Suat Serdar heranstürmte und den Ball volley rechts oben ins Eck drosch.

„Viele werden sagen“, merkte Kovac später an, „du hast 1:0 geführt, hättest das Spiel gewinnen können, vielleicht sogar müssen, aber ich glaube, von gewinnen müssen kann man nicht reden, weil wir nicht genug und nicht das getan haben, um als Sieger vom Platz zu gehen“, so der Eintracht-Trainer. Da hätten dann eher die 05er sagen können, sie waren dem Siegtor näher gewesen, weil Stefan Bell in der 89. Minute nach einer Ecke die Kopfballmöglichkeit dazu hatte, die Torhüter Lukas Hradecky jedoch vereitelte.

„Wenn man das ganze Spiel nimmt, ist das eingetreten, was wir erwartet haben“, sagte Sandro Schwarz nach dem Abpfiff. „Ein Abnutzungskampf, in dem sich beide Mannschaften neutralisieren. Mit dem schweren Pokalspiel am Dienstag über 120 Minuten und mit dem Fakt, dass wir hier die Mentalität aufrecht erhalten haben, nochmal die letzten Körner aufzubringen und nun einen Rückstand gedreht haben, können wir dann ganz gut mit dem Ergebnis leben. Es hätte besser sein können, aber es ist in Ordnung.“ Sein Team sei in den ersten paar Minuten ganz gut im Spiel gewesen, „aber wir hätten die Situationen besser ausspielen müssen, um Torgefahr zu entwickeln. Wir haben dann das Heft des Handelns verloren, mussten etliche Eckbälle verteidigen. Aus dem Nichts und einer Fehlerkette von uns heraus fällt dann das erste Tor. Was uns gefehlt hat erste Halbzeit war mehr Zutrauen, mehr Mut in unseren Offensivaktionen nach den gewonnenen zweiten Bällen. Zweite Halbzeit war es aktiver von uns. Wir hatten mehr optisches Übergewicht, ohne viel Torgefahr zu entwickeln. Wir machen dann in einer guten Aktion, in der wir mal Torgefahr und mehrere Spieler im Strafraum hatten, das 1:1. Es war ein schwieriges Spiel für uns, weil die Eintracht auch sehr gut verteidigt, mit einer Arschruhe“, wie der 05-Trainer es formulierte. „Ich bin froh, dass wir wenigstens den Punkt gezogen haben. Wir haben alle nicht am Optimum gespielt. Und die Passquote müssen alle bei uns verbessern.“

Yoshinori Muto hätte in dieser Szene gerne einen Elfmeter gehabt. Die Strafraumaktion war eine der wenigen offensiven Höhepunkte des Derbys. Foto: Ekkie VeyhelmannDas Spiel sah meist so aus, dass die Mainzer viele lange Bälle nach vorne schlugen. „Wer das 2:2 von Frankfurt gegen Dortmund gesehen hat, konnte feststellen, dass die Tormöglichkeiten des BVB überwiegend aus gewonnenen zweiten Bällen heraus entstanden. Frankfurt geht mit zwei Stürmern vorne drauf, sie haben ein Dreier-Mittelfeld im Zentrum, das mannorientiert verteidigt und sehr Zweikampfstark ist. Wir haben eigentlich viele dieser zweiten Bälle gewonnen, sie dann aber nicht optimal weiter gespielt. Vor allem nicht in die Schnittstellen und in den Strafraum hinein. Wir haben uns da zulaufen lasen, und dann wird es halt schnell im Zentrum Mann gegen Mann. Die Spielverlagerung kam nicht so zustande wie erhofft. Wir hätten die Überzahlsituationen auf dem Flügel besser ausspielen können. Von hinten heraus ist es schwierig, gegen die Eintracht einen sauberen Spielaufbau zu haben. Das, was wir in der zweiten Hälfte besser gemacht haben, dass wir zumindest mal ansatzweise gefährlich nach vorne wurden“, sagte der 39-Jährige.

Die 05er fanden jedenfalls zu wenige Ideen und Lösungsansätze um diese von der Eintracht praktizierte Manndeckung über den ganzen Platz auszuhebeln. Solche Dinge irgendwann einmal auch spielerisch lösen zu können, einen sauberen Spielaufbau in solchen komplizierten Begegnungen hinzukriegen, das ist der Anspruch des 05-Trainers. „Die Entwicklung des Spiels mit Ball braucht aber einfach auch Zeit, Ergebnisse, Zutrauen, Mut, Selbstverständnis für dein Spiel“, sagte Schwarz. „In solchen Spielen den langen Ball zu spielen, diesen festzumachen und sich für den Gewinn des zweiten Balles zu positionieren, ist aber nicht verboten und kann helfen.“ Die Mannschaft könne die Dinge besser machen. „Doch es ist auch beständig, was wir machen. Für uns war es nach den Niederlagen wichtig, dass wir in ein Fahrwasser hineingekommen sind, in dem wir das Gefühl haben, wir können Spiele gewinnen, Punkte holen und zwar nicht damit, dass wir immer absolut überragend spielen müssen, um am Ergebnis schnuppern zu können. Wie heute. Wir haben kein blendendes Spiel gemacht und haben mal einen Punkt erzwungen“, so der 05-Coach. „Wir können viele Dinge besser machen, aber das ist ein ständiger Prozess, der immer weiter geht. Die Balance zwischen der Arbeit gegen den Ball und dem Offensivspiel müssen wir verbessern, um beides im Paket drin zu haben. Wir haben im Spiel Phasen, in denen wir gut sind mit Ball, dann aber in der Restverteidigung Konter zulassen. Dann sieht das aus wie gegen Kiel. Wir brauchen diesen Mix von beidem. Da haben wir noch viel Luft nach oben. Doch das gehört auch zur Entwicklung dazu.“

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