24 Tore für die Integration

Christian Karn. Mainz.
24 Tore fielen am Sonntag im Spiel der 05-Traditionself und dem internationalen Herausforderer FC Ente Bagdad, der offiziell 4:0 gewann. Die Partie war der Höhepunkt einer Benefizveranstaltung am Bruchweg mit Livemusik, einer Versteigerung und gutem Essen aus aller Welt, deren Einnahmen an verschiedene karitative Vereine und die Initiative "Willkommen im Fußball" gehen. Zweieinhalbtausend Besucher hatten im Stadion ihren Spaß, auch 05-Präsident Harald Strutz schmeckte es.

Eine durchaus ordentliche Resonanz fand am Sonntag die Aktion "In unserer Kurve ist noch Platz": Zweieinhalbtausend Zuschauer kamen an den Bruchweg, um international zu essen, verschiedenen Bands zuzuhören und das Benefizspiel zwischen dem 05-Traditionsteam und der internationalen Mainzer Freizeitkickermannschaft FC Ente Bagdad anzusehen. Sogar ein Fan von Hertha BSC soll gesehen worden sein. "Die Fanszene und der Verein fanden, es sei an der Zeit, ein Zeichen zu setzen, dass es in Mainz und bei Mainz 05 für Jeden Platz gibt - nicht nur für Einheimische, sondern auch für diejenigen, die zu uns kommen, um Schutz zu suchen. Auch für Behinderte, für Männer und Frauen, für Heteros und Homosexuelle", erklärte Christian Viering, der Sprecher des Organisationsteams. "Seit Jahren verfolgen wir mit dem Verein eine klare Linie, was die Einstellung gegen Diskriminierung angeht." Veranstalter waren neben dem FSV Mainz 05 mehrere Kooperationspartner aus der Fanszene, darunter die Ultraszene Mainz und die Handkäsmafia, "aber auch viele Leute, die zu keiner Fanorganisation gehören", sagte Viering.

Der FC Ente Bagdad trat nicht wie angekündigt mit 44, sondern sogar mit insgesamt 52 Mann an; im dritten Viertel hatten die Gäste elf, im vierten sogar zwölf Feldspieler auf dem Platz. Los ging es beispielsweise mit dem Torwart Paco Biyogo aus Gabun, darüber hinaus hatte Ente Bagdad neben den 19 Deutschen 13 Spieler aus Afghanistan, sieben Syrer, jeweils zwei Bolivianer, Franzosen und Albaner, schließlich je einen Spieler aus Schweden, Algerien, Ägypten, Polen, Sudan und Mazedonien.

Foto: imagoDie 05-Traditionsmannschaft musste kurzfristig auf die ehemaligen Mainzer Bundesligaprofis Tamás Bódog, Mimoun Azaouagh und Christof Babatz verzichten, war aber dennoch prominent besetzt: Vor dem Torwart Roman Melzer spielten in der Startelf Rechtsverteidiger Stefan Bell, die Innenverteidiger Michael Schmitt (118 Spiele in der ersten Mannschaft von 1985-89) und "Schorsch" Müller (352, 1985-96), Linksverteidiger Bernd Münch (201, 1984-90), im Zentrum Sven Eichinger, um 2000 herum Chef der Oberliga-Amateure, und Ralph Gunesch, der 2006/07 in der 05-Bundesligamannschaft spielte, außen Sebastian Gajda (Reservist der Regionalligamannschaft 2003/04) und der überragende Christian Hock (250, 1994-03), in der Spitze Mahir Sahin und Stipan Jakic, die beide aus Eichingers Amateurteam stammten und eine Handvoll Zweitligaspiele absolvierten. Als Ersatzspieler waren Jörg Conrad, Uwe Diether (18, 1992-94), Sigi Iser (90, 1978-81) und der aktuelle Profi Niko Bungert dabei.

Dementsprechend groß war der Respekt von Entencoach Bo Svensson: Der ehemalige 05-Profi, der normalerweise die Mainzer U17 betreut, hatte das Ziel ausgerufen, gegen die vielen Ex-Profis zumindest ein Tor zu schießen - und nachdem der ägyptische Stürmer Beschoi Ayyad schon nach sieben Minuten dem 05-Torwart den Ball abgepresst und sein 1:1 mit einem wilden Luftsprung gefeiert hatte, dieses auf ein Tor pro Viertel erweitert. Auch das schaffte die Weltauswahl: In der 39. Minute schoss der Afghane Hasibullah Khanzada nach Vorlage seines Landsmanns Javid Mohammadie das 2:8. Der Albaner Florence Goleci traf in der 54. Minute zur 3:2-Führung (in der Halbzeit hatte der Stadionsprecher Emi Schömer den 05ern kurzerhand alle zehn Treffer annulliert), der Mazedonier Enis Kurtishi schließlich vollendete in der 89. Minute aus abseitsverdächtiger Position einen Sechs-gegen-Null-Konter zum 4:9. Weil Schorsch Müller eine Minute später auch den zweiten Zehner vollmachte und die alte Bruchweg-Anzeigetafel mit der Zehnerstelle weiterhin ihre Probleme hatte, definierte Schömer das Endergebnis als 4:0 für Ente Bagdad. An den 20 annullierten Toren war in aller Regel Hock als viermaliger Schütze und fünfmaliger direkter Vorbereiter beteiligt, Jakic traf sechsmal und bereitete zwei Treffer vor, außerdem trafen Sahin (3x), Eichinger (2x) und jeweils einmal Gajda, Gunesch, Diether per Elfmeter und Bell; die Ecke, die der Profi in der 10. Minute zum 2:1 einköpfte, hatte kein Mitspieler, sondern der Linienrichter vors Tor geschlagen.

Bungert räumte ein, das Spiel am Vortag gegen Hertha BSC hätte noch ein bisschen mehr Spaß gemacht. "Aber über die Anfrage, ob ich heute mitspielen will, musste ich nicht lange nachdenken. Ich kenne Ente Bagdad, das sind liebe Kerle, und sie haben sich so eine Bühne verdient. Ich freue mich, dass Mainz 05 für solche Dinge offen ist. Die Jungs haben richtig was rausgehauen, so war es ein voller Erfolg." Und der syrische Bürgerkriegsflüchtling Imad, der vor einigen Monaten mit dem Boot von der Türkei übers Mittelmeer nach Europa kam, seit drei Monaten bei Ente Bagdad trainiert und im letzten Viertel im linken Mittelfeld spielte, der kürzlich eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre erhielt und in einer Mischung aus Deutsch und Englisch überschwänglich dem Publikum, den Mainzern und Deutschland ganz allgemein dankte, freute sich über "ein unglaubliches Erlebnis. Ich hoffe, ich bekomme eine Chance, hier auch in einem Verein Fußball zu spielen."

Bo Svensson, ganz Profi, hätte sich gegen ein knapperes Ergebnis auch nicht gewehrt, "aber ein paar gute Jungs waren drin", sagte der Trainer. "Im Endeffekt ging es natürlich einfach darum, am Ball zu sein, in einem tollen Stadion vor vielen Zuschauern gegen Bundesligaprofis zu spielen, und obwohl es nicht das optimale Wetter für so etwas war, war es eine tolle Geschichte. In unserer Zeit ist es wichtig, so ein Signal zu setzen."

So sah auch Harald Strutz die Veranstaltung. Der 05-Präsident kam gerade vom Verkaufsstand der nordafrikanischen Spezialitäten, als er erklärte, angesichts der Flüchtlingsthematik, die im öffentlichen Bewusstsein eine Rolle spiele, müsse man Flagge zeigen. "Der Fußball bietet dabei unglaubliche Möglichkeiten", erklärte Strutz. "Spielerisch ist Integration am Wirksamsten. Die Leute treffen sich bei Speis und Trank, diskutieren über dieses sehr sensible Thema, bei dem ja nicht alle Menschen die deutsche Flüchtlingspolitik teilen wollen. Es ist eine große Kunst, mit einer solchen Veranstaltung zu zeigen, dass wir eine offene Fanszene haben, die für eine offene Welt steht."

Das zweite wirksame Integrationsmittel hat Strutz damit bereits angesprochen: "Tolle Speisen, die ganz andere Geschmacksnerven in den Vordergrund holen. Süßgebäck, aber auch kräftige Fleischspeisen" - die nullfünfMixedZone futterte sich einmal rund um die Welt, von Peru über Mexiko, Marokko, Äthiopien und Bosnien auf die Philippinen; insgesamt dürfte an den Essensständen, bei der Versteigerung von 05-Raritäten, bei der Lotterie und an den Kartenhäuschen einiges an Einnahmen herausgekommen sein für verschiedene karitative Vereine und die Initiative "Willkommen im Fußball".